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»Was meinen Sie damit?« rief einer von ihnen. Nadia sah, wie Art im Schoß die Hände rang; und bald erkannte sie, weshalb. Die Antwort von Fort war lang und seltsam. Sie erläuterte, was er als Ökokapitalismus bezeichnete, worin die Natur als Bioinfrastruktur angesprochen wurde, die Menschen dagegen als menschliches Kapital. Wenn sie nach hinten schaute, sah Nadia, daß viele Leute die Stirn runzelten. Vlad und Marina steckten die Köpfe zusammen, und Marina drückte Tasten auf ihrem Handgelenk. Plötzlich sprang Art auf und unterbrach Fort mit der Frage, was Praxis jetzt täte und was seiner Meinung nach die Rolle von Praxis auf dem Mars wäre.

Fort starrte Art an, als ob er ihn nicht erkennen würde. »Wir haben mit dem Weltgerichtshof zusammengearbeitet. Die UN hat sich nie von 2061 erholt und gilt jetzt weithin als ein Artefakt des Zweiten Weltkriegs. Damit haben wir unseren besten Schiedsrichter bei internationalen Streitigkeiten verloren. Inzwischen sind die Konflikte aber weitergegangen, von denen manche ernster Natur sind. Immer mehr solcher Konflikte sind von der einen oder anderen Partei vor den Weltgerichtshof getragen worden; und Praxis hat eine Organisation von Freunden des Gerichtshofes ins Leben gerufen, die sich bemüht, ihm in jeder möglichen Weise Unterstützung zu geben. Wir halten uns an seine Regeln, geben ihm Geld und Menschen und versuchen, Schiedsspruchtechniken zu entwickeln und so weiter. Wir haben uns an einem neuen Verfahren beteiligt, wo, wenn zwei internationale Körperschaften irgendwelcher Art ein Mißverständnis haben und beschließen, sich dem Schiedsspruch zu unterwerfen, diese in ein einjähriges Programm mit dem Weltgerichtshof eintreten, dessen Gutachter eine Handlungsweise zu finden suchen, die beide Seiten befriedigt.

Nach Ablauf des Jahres faßt der Gerichtshof Beschlüsse über alle offenen Fragen; und wenn das funktioniert, wird ein Vertrag unterzeichnet; und wir sind bestrebt, diese Verträge auf jede uns mögliche Weise zu unterstützen. Indien hat Interesse gezeigt, hat das Programm mit Sikhs im Panjab durchgezogen, und das klappt bisher. Andere Fälle habe sich als schwieriger erwiesen. Es ist aber lehrreich gewesen. Das Konzept von Halbautonomie gewinnt große Beachtung. Bei Praxis glauben wir, daß Nationen niemals wirklich souverän gewesen sind, sondern immer nur halbautonom in Beziehung zum Rest der Welt. Metanationale sind halbautonom, Individuen sind halbautonom, Kultur ist halbautonom in Beziehung zur Ökonomie, Werte sind halbautonom in Beziehung zu Preisen … Es gibt einen neuen Zweig der Mathematik, der Halbautonomie in formal logischen Ausdrücken zu beschreiben sucht.«

Vlad, Marina und Cojote versuchten gleichzeitig, Fort zuzuhören, sich zu beraten und Notizen zu machen. Nadia stand auf und winkte Fort zu.

»Unterstützen andere Transnationale das Weltschiedsgericht ebenso?« fragte sie.

»Nein. Die Metanationalen vermeiden es und benutzen die UN als Gummistempel. Ich fürchte, sie glauben noch an den Mythos der Souveränität.«

»Aber das klingt wie ein System, das nur funktioniert, wenn beide Seiten ihm zustimmen.«

»Ja. Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist, daß Praxis sehr interessiert ist und daß wir versuchen, Brücken zwischen dem Weltgerichtshof und allen Mächten auf der Erde zu bauen.«

»Warum?« fragte Nadia.

Fort hob die Hände in einer Art sehr ähnlichen Geste. »Kapitalismus funktioniert nur, wenn es Wachstum gibt. Aber Wachstum ist nicht länger Wachstum, sehen Sie. Wir müssen nach innen wachsen und uns neu verflechten.«

Jackie stand auf. »Aber auf dem Mars konnten Sie in klassisch kapitalistischem Stil wachsen, nicht wahr?«

»Ich denke, ja.«

»Vielleicht ist das also alles, was Sie von uns wollen? Ein neuer Markt? Diese leere Welt, von der Sie vorhin gesprochen haben?«

»Nun, in Praxis sind wir auf den Gedanken gekommen, daß der Markt nur ein sehr kleiner Teil der Gemeinschaft ist. Und wir sind an deren allem interessiert.«

»Was wollen Sie also von uns?« schrie jemand von hinten.

Fort lächelte: »Ich möchte beobachten.«

Das Meeting endete bald danach, und die regulären Nachmittagssitzungen fanden statt. Natürlich beherrschte bei denen allen die Ankunft der Praxisgruppe zumindest einen Teil der Diskussion. Zum Leidwesen für Art wurde, als sie in nächtlicher Runde die Bänder durchsahen, klar, daß Fort und sein Team dem Kongreß mehr als ein trennendes denn verbindendes Element erschienen war. Viele konnten eine Transnationale nicht als gültiges Mitglied des Kongresses akzeptieren. So war das also. Cojote kam vorbei und sagte zu Art: »Erzähle mir nicht, wie anders Praxis ist! Das ist ein uralter Trick, wie er im Buche steht. Wenn sich die Reichen nur anständig benehmen würden, wäre das System okay. Das ist Unsinn. Das System legt alles zu sehr fest. Es ist das System, das sich ändern muß.«

»Fort redet davon, es zu verändern«, wandte Art ein. Aber Fort war darin sein eigener ärgster Feind mit seiner Gewohnheit, klassische ökonomische Fachausdrücke zur Beschreibung seiner neuen Ideen zu benutzen. Die einzigen, die sich für dieses Vorgehen interessierten, waren Vlad und Marina. Für die Bogdanovisten, Roten und Marsradikalen stellte es terranisches Geschäftsgebaren wie üblich dar; und damit wollten sie nichts zu tun haben. Kein Geschäftsverkehr mit einer Transnationalen, rief Kasei auf einem Band und erhielt Applaus. »Sie sagten: Kein Abkommen mit Terra überhaupt!« Für diese Gruppe war die einzige Frage, ob man ihm und seiner Gruppe erlauben würde fortzugehen oder nicht. Manche meinten, daß sie wie Art jetzt Gefangene des Untergrundes wären.

Aber Jackie stand in dem gleichen Meeting auf, um die Position Boones einzunehmen, wonach man alles der Sache dienlich machen müsse. Sie verachtete diejenigen, welche Fort prinzipiell ablehnten. Zu ihrem Vater sagte sie scharf: »Wenn ihr schon Besucher als Geiseln nehmen wollt, warum nutzt ihr sie nicht aus? Warum nicht mit ihnen sprechen?«

So gab es praktisch eine neue Spaltung zusätzlich zu allen anderen: Isolationisten und Anhänger von zwei Welten.

Im Verlauf der nächsten Tage verhielt sich Fort zu der ihn umgebenden Kontroverse so, daß er sie ignorierte — bis zu dem Ausmaß, daß es Nadia so schien, daß er sie vielleicht gar nicht wahr genommen hätte. Die Schweizer baten ihn, einen Workshop über die derzeitige Situation auf der Erde abzuhalten. Dieser war sehr stark besucht. Fort und seine Leute beantworteten in jeder Sitzung ausführlich Fragen. Fort schien sich hierbei damit zu begnügen, alles zu akzeptieren, was sie ihm über den Mars erzählten. Und wenn er es betrachtete, gab er keinerlei Empfehlungen. Er hielt sich an die Erde und gab nur Schilderungen. Als Antwort auf eine Frage sagte er: »Die Transnationalen sind bis auf das runde Dutzend ihrer größten zusammengebrochen. Die haben alle Entwicklungskontrakte mit mehr als einer lokalen Regierung geschlossen. Wir nennen diese die Metanationalen. Die größten sind Subarashii, Mitsubishi, Consolidated, Amexx, Armscor, Mahjari und Praxis. Die nächsten zehn oder fünfzehn sind auch recht groß; und danach ist man wieder bei transnationaler Größe angelangt. Aber die werden rasch den Metanationalen einverleibt. Die großen Metanationalen sind jetzt die größten Weltmächte, insofern sie die Weltbank, die Elfergruppe und alle ihre Klientel-Länder kontrollieren.«

Sax bat ihn, eine Metanationale näher zu definieren.

»Vor ungefähr zehn Jahren wurde Praxis von Sri Lanka gebeten, ins Land zu kommen, die Ökonomie zu übernehmen und zwischen den Tamilen und Singhalesen zu vermitteln. Das taten wir. Die Resultate waren gut, aber während dieses Arrangements wurde klar, daß unsere Beziehung mit einer nationalen Regierung etwas Neues war. Das wurde in gewissen Kreisen beachtet. Dann entzweite sich vor einigen Jahren Amexx mit der Elfergruppe, entzog ihr ihre sämtlichen Guthaben und legte sie in den Philippinen an. Das ungleiche Verhältnis zwischen Amexx und den Philippinen, nach Bruttojahresprodukt auf größenordnungsmäßig hundert zu eins geschätzt, führte zu einer Situation, wo Amexx dieses Land praktisch übernahm. Das war die erste reale Metanationale, obwohl nicht klar war, ob es sich um etwas Neues handelte, bis dieses Arrangement von Subarashii nachgeahmt wurde, als die viele ihrer Operationen nach Brasilien verlegten. Jetzt war deutlich, daß es tatsächlich etwas Neues war, nicht wie die alte Beziehung mit Gefälligkeitsflaggen. Eine Metanationale übernimmt die fremde Schuld und die internationale Ökonomie ihrer Klientel-Länder, wie es die UN in Kambodscha oder Praxis in Sri Lanka gemacht haben, aber viel umfassender. Bei diesen Arrangements wird die Klientelregierung die Instanz zur Verstärkung der Wirtschaftspolitik der Metanationalen. Im allgemeinen werden dadurch sogenannte Sparmaßnahmen verschärft; aber alle Regierungsbeamten werden viel besser bezahlt als zuvor, einschließlich Armee, Polizei und Nachrichtendienste. Damit hat man das Land praktisch gekauft. Und jede Metanationale hat die Mittel, mehrere Länder zu kaufen. Amexx hat eine solche Beziehung zu den Philippinen, den nordafrikanischen Ländern, Portugal, Venezuela und fünf oder sechs kleineren Ländern.«