Nadia ging hinunter, um zuzuschauen. Jemand anders brachte das Brett die Treppe hinauf wieder zur Plattform. Der Mann, der es geritten hatte, stand im flachen Wasser und strich sein Haar zurück. Nadia erkannte ihn nicht, bis sie am Ufer des Teichs war und er in das von unten kommende Licht geriet. Es war William Fort.
Nadia legte ihre Kleider ab und ging ins Wasser hinaus, das sehr warm war, auf Körpertemperatur oder höher. Ohne einen Laut schoß eine weitere Gestalt in die Tiefe, wie ein Surfer auf einer gewaltigen Felsenwelle. »Das Gefälle sieht bedrohlich aus«, sagte Fort zu seinen Gefährten, «aber bei so geringer Schwerkraft kann man damit gerade zurechtkommen.«
Die Frau, die jetzt auf dem Brett ritt, wurde hoch über das Wasser geschleudert. Sie machte einen perfekten Bogen rückwärts und stieß dann ins Wasser. Als sie auftauchte, erhielt sie lauten Beifall. Inzwischen hatte eine andere Frau das Brett genommen und kletterte aus dem Teich, dicht am Fuß der in den Stein gehauenen Treppe.
Fort begrüßte Nadia mit einem Kopfnicken. Er stand bis zur Hüfte im Wasser. Sein Körper war drahtig unter alter runzliger Haut. Auf seinem Gesicht war die gleiche Miene lockeren Vergnügens, die er in den Workshops gezeigt hatte. »Wollen Sie es versuchen?« fragte er sie.
»Vielleicht später«, sagte sie und sah sich bei den Leuten im Wasser um. Sie suchte herauszufinden, welchen Parteien im Kongreß sie angehörten. Als sie merkte, was sie tat, schnaubte sie, angewidert durch sich und durch die Beharrlichkeit von Politik, die jeden anstecken konnte, wenn er das zuließ.
Aber dennoch stellte sie fest, daß die Leute im Wasser meistens junge Eingeborene waren, von Zygote, Sabishii, Neu-Vanuatu, Dorsa Brevia, dem Vishniac-Mo hole und Christianopolis. Es waren kaum sprechende Delegierte darunter, und ihre Macht war für Nadia schwer einzuschätzen. Wahrscheinlich hatte es nicht so viel zu bedeuten, daß sie sich hier bei Nacht nackt im warmen Wasser versammelten und eine Party feierten.
Die meisten kamen von Orten, wo öffentliche Bäder üblich waren. Darum waren sie es gewohnt, mit jemandem herumzuplanschen, den sie sonst würden bekämpft haben.
Wieder kam eine Frau schreiend den Abhang herunter, hob ab und flog in die Tiefen des Teichs. Die Leute schwammen auf sie zu wie Haifische auf Blut. Nadia duckte sich unter das Wasser, das leicht salzig schmeckte Als sie die Augen öffnete, sah sie überall Kristallblasen platzen und dann schwimmende Körper, die sich wie Delphine über die glatte dunkle Fläche des Bodens schlängelten. Ein unvertrautes Bild…
Sie kam wieder hoch und drückte ihr Haar aus. Fort stand zwischen den jungen Leuten wie ein gebrechlicher Neptun und betrachtete sie in seiner seltsam gelassenen Weise. Vielleicht, dachte Nadia, waren diese Eingeborenen wirklich die neue Kultur des Mars, von der Boone gesprochen hatte, die unter ihnen aufkam, ohne daß sie es richtig merkten. Übermittlung von Information über Generationen hinweg barg immer viele Fehler. So war die Evolution nun einmal. Und selbst wenn Menschen aus sehr verschiedenen Gründen in den Untergrund gegangen waren, so schienen sie hier doch alle zu konvergieren in einer Art von Leben, das steinzeitliche Aspekte hatte und vielleicht auf eine Urkultur hinter allen Differenzen zurückgriff oder nach vorn auf eine neue Synthese hin. Es spielte keine Rolle, welches von beiden — es konnte beides zugleich sein. Also gab es hier vielleicht eine Verbindung.
So etwas schien die sanft vergnügte Miene Forts Nadia irgendwie zu sagen, als Jackie Boone in ihrer ganzen Walkürenpracht die Tunnelwand herunter schoß und über sie hinwegflog, wie aus einer Zirkuskanone geschossen.
Das von den Schweizern aufgestellte Programm näherte sich seinem Ende. Die Organisatoren riefen schnell zu einer dreitägigen Ruhepause auf, der eine Generalversammlung folgen sollte.
Art und Nirgal verbrachten diese Tage in ihrem kleinen Konferenzraum, gingen fast rund um die Uhr Videobänder durch, redeten endlos und tippten wie wild auf ihren Computern. Nadia ließ sie machen, löste Knoten, wenn sie uneins waren, und schrieb die Abschnitte um, die ihnen nicht recht gelungen vorkamen. Wenn sie hinzukam, fand sie oft einen von ihnen in seinem Sessel schlafend, während der andere von seinem Bildschirm gebannt war. »Schau«, krächzte er dann, »was hältst du hiervon?« Nadia las den Schirm ab und machte Bemerkungen, während sie ihnen Essen unter die Nasen schob, was den Schlafenden oft aufweckte. »Sieht aussichtsreich aus. Laßt uns wieder an die Arbeit gehen!«
Und so gingen am Morgen der Generalversammlung Art, Nirgal und Nadia zusammen auf die Bühne des Amphitheaters, und Art nahm seinen Computer mit auf das Proszenium. Er stand da und sah auf die versammelte Menge, als ob er von ihrem Anblick überrascht wäre. Nach einer langen Pause sagte er: »Wir sind tatsächlich in vielen Punkten einer Meinung.«
Das erregte Gelächter. Aber Art hielt seinen Computer über den Kopf wie die Gesetzestafeln vom Sinai und las dann laut vom Schirm ab: »Programmpunkte für eine Marsregierung!«
Er blickte über den Schirm hinweg auf die Menge, die in aufmerksames Schweigen verfiel.
»Eins: Die Gesellschaft des Mats wird aus vielen unterschiedlichen Kulturen zusammengesetzt sein. Es ist besser, sie sich als eine Welt vorzustellen denn als eine Nation. Religionsfreiheit und kulturelle Praxis müssen gewährleistet sein.
Keine Kultur oder Gruppe sollte imstande sein, den Rest zu beherrschen.
Zwei: Innerhalb dieses Rahmens von Verschiedenheit muß dennoch gewährleistet sein, daß alle Individuen auf dem Mars gewisse unveräußerliche Rechte haben, einschließlich der materiellen Grundlagen der Existenz, Gesundheitsfürsorge und Gleichheit vor dem Gesetz.
Drei: Land, Luft und Wasser des Mars stehen unter der gemeinsamen Verwaltung der menschlichen Familie und können nicht Eigentum irgendeiner Person oder Gruppe sein.
Vier: Die Früchte der Arbeit einer Person gehören dieser und können nicht Eigentum einer anderen Person oder Gruppe werden. Gleichzeitig ist die menschliche Arbeit auf dem Mars Teil eines gemeinschaftlichen Unternehmens und dem Gemeinwohl gewidmet. Das Wirtschaftssystem des Mars muß diese beiden Tatsachen ausdrücken und Eigeninteresse mit den Interessen der Gemeinschaft im großen im Gleichgewicht halten.
Fünf: Die metanationale Ordnung, die auf der Erde herrscht, ist gegenwärtig nicht fähig, die beiden obigen Prinzipien zu verkörpern und kann hier keine Anwendung finden. An ihrer Stelle müssen wir eine Ökonomie verordnen, die auf ökologischer Wissenschaft beruht. Das Ziel der Marswirtschaft ist nicht › Erträgliche Entwicklung‹, sondern ein aufrechtzuerhaltendes Gedeihen seiner ganzen Biosphäre.
Sechs: Die Landschaft des Mars hat gewisse eigene ›Rechte des Standortes«, denen Rechnung zu tragen ist. Das Ziel unserer Umweltveränderungen sollte deshalb minimalistisch und ökologisch kreativ sein und die Werte der Areophanie widerspiegeln. Es wird vorgeschlagen, daß als Ziel von Umweltveränderungen angestrebt wird, nur jenen Teil des Mars, der unterhalb der Vierkilometerlinie liegt, für Menschen lebensfähig zu gestalten. Größere Erhebungen, die etwa dreißig Prozent des Planeten ausmachen, würden dann in einem Zustand verbleiben, der in gewisser Hinsicht ihren urtümlichen Verhältnissen ähnelt, und als natürliche Wildzonen existieren.
Sieben: Die Besiedlung des Mars ist ein einzigartiger historischer Prozeß, da sie die erste Besiedlung eines anderen Planeten durch die Menschheit bedeutet. Als solche sollte sie in einem Geist der Achtung vor diesem Planeten und vor der Seltenheit von Leben im Weltall unternommen werden. Was wir hier tun, wird Präzedenzfälle für weitere menschliche Besiedlungen im Sonnensystem schaffen und Maßstäbe setzen und auch Modelle für die menschliche Beziehung zur Umwelt der Erde anregen. Somit hat der Mars einen besonderen Platz in der Geschichte. Daran sollte man sich erinnern, wenn wir die notwendigen Entscheidungen hinsichtlich des Lebens hier treffen.«