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Art ließ seinen Computer sinken und blickte auf die Menge. Die sah ihn schweigend an. »Nun gut«, sagte er und räusperte sich. Er gab Nirgal ein Zeichen. Der kam herauf und trat neben ihn.

Nirgal sagte: »Das ist alles, was wir aus den Workshops herauspicken konnten, dem, wie wir meinten, jeder hier zustimmen könnte. Es gibt noch eine Menge von Punkten, die, wie ich das Gefühl habe, von einer Mehrheit der Gruppen hier akzeptiert werden könnte, aber nicht von allen. Wir haben auch von diesen partiellen Zustimmungspunkten Listen gemacht und werden sie alle für euch zur Prüfung anschlagen. Wir glauben sicher, daß wir, wenn wir mit auch nur einem sehr allgemein gehaltenen Dokument von hier weggehen können, etwas Bedeutungsvolles geschafft haben werden. Bei einem Kongreß wie diesem besteht die Tendenz, die Differenzen immer deutlicher zu sehen; und ich glaube, daß diese Tendenz in unserer Situation noch gesteigert ist, weil eine Marsregierung gegenwärtig eine Art theoretischer Übung bleibt. Aber wenn sie zu einem praktischen Problem wird, wenn wir handeln müssen, dann werden wir uns nach einer gemeinsamen Basis umschauen, und ein Dokument wie dieses wird uns helfen, sie zu finden.

Wir haben für jeden der Hauptpunkte des Dokuments eine Menge spezifischer Bemerkungen. Wir haben mit Jur gen und Priska darüber gesprochen, und die haben vorgeschlagen, eine Woche von Meetings anzusetzen, in der jeweils ein Tag einem der sieben Punkte gewidmet ist, so daß ein jeder Bemerkungen und Revisionen anbringen kann. Am Ende können wir dann sehen, ob wir irgend etwas ausgelassen haben.«

Es gab ein schwaches Gelächter. Eine Menge Leute nickten.

»Wie wäre es, wenn die Sicherung der Unabhängigkeit an erster Stelle käme?« rief Cojote von hinten.

»Wir konnten uns keinerlei ähnliche Punkte der Übereinstimmung vorstellen, um sie aufzuschreiben«, erwiderte Art. »Vielleicht sollten wir auch einen Workshop einrichten, um das zu versuchen.«

»Vielleicht sollte das so sein!« rief Coyote. »Ein jeder kann zustimmen, daß die Dinge anständig und die Welt gerecht sein sollten. Aber der Weg, wie man dahin kommt, ist immer das Problem. Ein wirkliches Problem.«

»Nun, ja und nein«, sagte Art. »Was wir hier haben, ist mehr ein Wunsch, daß die Dinge anständig sein sollten. Was die Methoden angeht, so werden sich die Dinge, wenn wir mit diesen Zielen im Sinn herangehen, vielleicht selbst darbieten. Das heißt, was wird uns am sichersten zu diesen Zielen führen? Welche Mittel legen diese Ziele nahe?«

Er sah sich in der Menge um und zuckte die Achseln. »Schaut, wir haben versucht, eine Zusammenstellung zu entwerfen von allem, was ihr auf eure verschiedene Art hier gesagt habt. Wenn es also an spezifischen Vorschlägen für Mittel zur Erlangung von Unabhängigkeit mangelt, so kommt das vielleicht daher, weil ihr alle auf dem Niveau allgemeiner Auffassungen hängengeblieben seid, was das Handeln betrifft, wo viele von euch anderer Meinung sind. Das einzige, was ich euch vorschlagen könnte, ist, daß ihr versucht, die verschiedenen Kräfte auf dem Planeten zu identifizieren, und dann abschätzt, welchen Widerstand sie gegen die Unabhängigkeit leisten könnten. Und dann müßt ihr eure Aktionen dem Widerstand anpassen. Nadia hat davon gesprochen, die ganze Methodologie der Revolution neu zu überdenken; und einige haben ökonomische Modelle vorgeschlagen, die Idee eines ausgeglichenen Auskaufens oder sonstwas. Aber als ich über diesen Begriff einer Reaktion nach Maß nachdachte, erinnerte mich das an integrierte Seuchenbekämpfung, wißt ihr — das System in der Landwirtschaft, wo mannigfache Methoden unterschiedlicher Strenge angewandt werden, um mit den bestehenden Seuchen fertig zu werden.«

Die Leute lachten darüber, aber Art schien das nicht zu bemerken. Er wirkte entmutigt durch die mangelnde Billigung des allgemeinen Dokuments. Enttäuscht. Und Nirgal sah ärgerlich aus.

Nadia wandte sich um und sagte laut: »Wie wäre es mit einer Runde Applaus für unsere Freunde hier, die es geschafft haben, überhaupt etwas aus diesem Chaos heraus zusammenzustellen?«

Die Leute klatschten. Einige stießen Hochrufe aus. Einen Moment lang klang das ganz enthusiastisch. Aber es hörte rasch auf, und die Leute verließen das Amphitheater. Sie sprachen miteinander und stritten sich schon wieder.

So gingen die Debatten weiter, bei denen es jetzt um das Dokument von Art und Nirgal ging. Bei Durchsicht der Bänder erkannte Nadia, daß über die Substanz aller Punkte eine recht gute Übereinstimmung bestand, mit Ausnahme des sechsten, der das Niveau der Terraformung betraf. Die meisten Roten wollten das Konzept der niedrigen Verträglichkeit nicht annehmen. Sie betonten, daß der größte Teil des Planeten unterhalb der Vierkilometerlinie läge und daß die höheren Gebiete wesentlich kontaminiert würden, wenn die tieferen verträglich wären. Sie redeten davon, die jetzt im Gange befindlichen Prozesse industrieller Terraformung seien zu demontieren und es sei zu den langsamsten biologischen Methoden zurückzukehren, welche das radikale ökokreative Modell forderte. Einige befürworteten die Schaffung einer dünnen CO2- Atmosphäre, die für Pflanzen geeignet wäre, aber nicht für Tiere, da das eine für die flüchtigen Stoffe und bisherige Geschichte des Mars natürlichere Situation wäre. Andere waren dafür, die Oberfläche so nahe wie möglich in dem vorgefundenen Zustand zu belassen und eine sehr kleine Bevölkerung unter Kuppeldächern zu halten. Diese Leute schimpften über die schnelle Zerstörung der Oberfläche durch industrielles Terraformen in wüsten Tönen und verurteilten besonders die Überschwemmung von Vastitas Borealis und die gänzliche Aufschmelzung der Landschaft durch die Soletta und die Luftlinse.

Aber als die sieben Tage verstrichen, wurde es immer deutlicher, daß dieser Punkt des Entwurfs der einzige war, der allgemein diskutiert wurde, während die anderen größtenteils nur der Feinabstimmung bedurften. Viele waren angenehm überrascht, daß der Entwurf wenigstens soviel Zustimmung gefunden hatte. Mehr als einmal sagte Nirgal ärgerlich: »Warum überrascht? Wir haben keine Punkte zurechtgemacht, sondern nur aufgeschrieben, was die Leute sagen.«

Und die Leute nickten dazu und gingen wieder zu den Meetings und arbeiteten wieder an den Punkten. Nadia hatte den Eindruck, daß überall aus Chaos Zustimmung aufkam, ausgelöst durch die Versicherung seitens Art und Nirgal, daß sie bestünde. Einige Sitzungen in dieser Woche endeten mit einer Art Kavajavarausch politischer Übereinstimmung. Die verschiedenen Aspekte von Staat waren endlich in eine Gestalt geschmiedet, der viele Parteien beipflichten konnten.

Aber der Streit über Verfahren wurde nur noch heftiger. Er ging hin und her — Nadia gegen Cojote, Kasei, die Roten, die Marsradikalen und viele Bogdanovisten. »Durch Mord kannst du nicht bekommen, was wir wollen!« — »Sie werden diesen Planeten nicht aufgeben! Politische Macht beginnt an der Mündung eines Gewehrlaufs!«

Eines Abends nach einer solchen ausgelassenen Veranstaltung fand sich eine große Menge in den flachen Stellen des Teichs von Phaistos zusammen, um sich zu entspannen. Sax saß auf einer Unterwasserbank und schüttelte den Kopf. »Radikal, liberal. Wer es nie geschafft hat, wieder zuzustimmen. Vorher«, sagte er.

Art steckte den Kopf ins Wasser und zog ihn prustend wieder heraus. Müde und enttäuscht sagte er: »Wie wäre es mit integrierter Seuchenbekämpfung? Wie mit dieser Idee angeordneter Pensionierung?«

»Erzwungene Arbeitslosigkeit«, berichtigte Nadia.

»Enthauptung«, sagte Maya.

»Was auch immer«, sagte Art und bespritzte sie. »Samtene Revolution. Seidenrevolution.«

»Aerogel«, warf Sax ein. »Leicht, stark. Unsichtbar.«

»Das ist einen Versuch wert«, meinte Art.