Ann schüttelte den Kopf. »Das wird nie funktionieren.«
»Es ist besser als ein neues Einundsechzig«, widersprach Nadia.
Sax sagte: »Besser, wenn wir uns auf einen Platz einigen — einen Plan.«
»Aber das können wir nicht«, erwiderte Maya.
Art war hartnäckig. »Die Front ist breit. Laßt uns herausgehen und das tun, womit uns wohl ist.«
Sax, Nadia und Maya schüttelten alle zugleich den Kopf. Als Ann das sah, lachte sie laut heraus. Und dann saßen alle in dem Teich beisammen und kicherten über etwas, das sie nicht wußten.
Die abschließende Vollversammlung fand am späten Nachmittag statt im Zakrospark, wo alles angefangen hatte. Nadia hatte den Eindruck, daß die Stimmung ziemlich konfus war, da die meisten Leute nur murrend von der Dorsa-Brevia-Deklaration befriedigt waren, die jetzt um einiges länger war als der ursprüngliche Entwurf von Art und Nirgal. Jeder Punkt wurde von Priska laut vorgelesen und mit Zustimmung bedacht. Aber verschiedene Gruppen schrien für manche Punkte lauter als für andere. Und als die Lesung beendet war, war der allgemeine Applaus kurz und sachlich. Niemand konnte damit glücklich sein; und Art und Nirgal sahen erschöpft aus.
Der Applaus war zu Ende, und einen Moment lang saßen alle bloß da. Keiner wußte, was als nächstes zu tun wäre. Die mangelnde Zustimmung zur Frage der Methoden schien sich bis zu diesem Augenblick hinzuziehen. Was zunächst? Was jetzt? Gingen sie einfach nach Hause? Hatten sie ein Heim? Der Moment zog sich unangenehm lang, sogar schmerzlich hin (wie sehr hätten sie John gebraucht!), so daß Nadia erleichtert war, als jemand etwas rief — ein Ausruf, der einen bösen Zauber zu brechen schien. Sie schaute sich um, als die Leute wohin zeigten.
Dort stand auf einem Treppenabsatz hoch auf der Wand des schwarzen Tunnels eine grüne Frau. Sie war unbekleidet, hatte eine grüne Haut und leuchtete in einem Strahl der Nachmittagssonne, der aus einem Oberlicht herunterkam. Mit grauem Haar, barfuß, ohne Schmuck — völlig nackt bis auf einen grünen Umhang. Und was bei Nacht in dem Teich üblich war, erschien in diesem hellen Tageslicht gefährlich und herausfordernd — ein Schock für die Sinne, eine Herausforderung für ihre Vorstellung davon, was ein politischer Kongreß war oder sein könnte.
Es war Hiroko. Sie stieg langsam die Treppe herunter, in ruhigem gemessenem Schritt. Ariadne, Charlotte und einige andere minoische Frauen standen unten an der Treppe und erwarteten sie, zusammen mit Hirokos engstem Anhang aus der verborgenen Kolonie — Iwao, Evgenia, Michel und alle übrigen aus der kleinen Schar. Während Hiroko herunterkam, fingen sie an zu singen. Als sie sie erreichte, schmückten sie sie mit Ketten hellroter Blüten. Ein Fruchtbarkeitsritus, dachte Nadia, der direkt in einen paläolithischen Teil ihrer Geister zurückreichte und sich hier mit Hirokos Areophanie vermischte.
Als Hiroko den Fuß der Treppe verließ, hatte sie ein kleines Gefolge, das die Namen des Mars sang: »Al-Qahira, Ares, Auqakuh, Bahram« und so weiter. Eine große Mischung archaischer Silben, bei der einige von ihnen einschalteten: »Ka … ka … ka …«
Sie führte sie den Pfad hinunter, zwischen Bäumen hindurch und wieder auf den Rasen hinaus zu der Versammlung im Park. Sie ging direkt mitten durch die Menge mit feierlicher entrückter Miene auf ihrem grünen Gesicht. Viele standen auf, als sie vorbeikam. Jackie Boone trat aus der Menge, gesellte sich zu der Gruppe des Gefolges, und ihre grüne Großmutter faßte sie bei der Hand. Die beiden beschriften den Weg durch die Menge, die vor ihnen zurückwich, die alte Matriarchin, groß, stolz, durchaus alt, knorrig wie ein Baum und so grün wie die Blätter eines Baumes; Jackie noch größer, jung und anmutig wie eine Tänzerin, das schwarze Haar floß ihr auf den Rücken. Ein Raunen ging durch die Menge. Und als die beiden und die ihnen folgende Menge zum Zentralweg am großen Kanal hinunterschritten, standen die Leute auf und folgten ihnen. Die Sufis unter ihnen bildeten tanzend eine Girlande um sie herum. »Ana el-Haqq, ana Al-Qahira, ana el-Haqq, ana Al-Qahira … « Und so gingen tausend Leute den Kanalweg hinunter hinter den beiden Frauen und ihrem Gefolge her. Die Sufis sangen, andere sangen Stücke aus Hirokos Areophanie, und der Rest begnügte sich damit zu folgen.
Nadia ging dahin, hielt die Hände von Nirgal und Art und fühlte sich glücklich. Sie waren schließlich doch Tiere, ganz gleich, wo sie sich entschlossen hatten zu leben. Sie empfand etwas wie Verehrung, eine in ihrer Erfahrung sehr seltene Emotion — Verehrung für die Göttlichkeit des Lebens, die so schöne Formen annahm.
Am Teich legte Jackie ihren rostfarbenen Jumper ab. Sie und Hiroko standen in knöcheltiefem Wasser, sahen sich in die Augen und hielten ihre gefalteten Hände so hoch, wie sie reichen konnten. Die anderen minoischen Frauen vereinten sich mit dieser Brücke. Alt und jung, grün und rosig …
Die versteckten Kolonisten gingen zuerst unter der Brücke hindurch, darunter Maya selbst, Hand in Hand mit Michel. Und dann defilierten Leute aller Art unter der Mutterbrücke hindurch in etwas, das den Eindruck der millionsten Wiederholung eines Millionen Jahre alten Rituals erweckte, von etwas, das in ihren Genen codiert war und ihr ganzes Leben lang gewirkt hatte. Die Sufis tanzten unter den gefalteten Händen immer noch in ihren weißen bauschigen Gewändern. Dies war für die anderen ein Vorbild, die angekleidet blieben, aber direkt in das Wasser tauchten und sich unter die nackten Frauen duckten. Zeyk und Nazik führten auf dem Weg und psalmodierten: »Ana Al-Qahira, ana el-Haqq, ana Al-Qahira, ana el-Haqq.« Sie sahen aus wie Hindus im Ganges oder Baptisten im Jordan. So legten am Ende viele ihre Kleider ab. Aber alle gingen ins Wasser. Und sie sahen sich um bei dieser instinktiven und dennoch höchst bewußten Wiedergeburt. Viele trommelten auf die Wasseroberfläche mit rhythmischem Planschen zur Begleitung des Gesangs und der Rezitationen …
Nadia bemerkte immer und immer wieder, wie schön doch Menschen waren. Sie dachte, daß Nacktheit die soziale Ordnung gefährden könnte, weil sie zu viel Realität offenbarte. Die Menschen standen voreinander mit allen ihren Unvollkommenheiten, ihren Geschlechtsmerkmalen und ihren Hinweisen auf Sterblichkeit — aber die meisten mit ihrer erstaunlichen Schönheit, die in dem rötlichen Licht des Sonnenuntergangs im Tunnel kaum zu glauben und kaum zu verstehen oder zu erwidern war. Bei Sonnenuntergang hatte es eine starke rötliche Tönung — aber offenbar nicht genug für manche Rote, die eine ihrer Frauen mit einer roten Farbe einrieben, die sie sich besorgt hatten, wohl um eine konträre Figur zu Hiroko zu schaffen. Politisches Baden! Nadia stöhnte. Aber alle Farben gingen im Teich ab und machten das Wasser braun.
Maya schwamm durch die seichten Stellen und stieß Nadia mit einem gebieterischen Knuff tiefer in den Teich. Sie sagte auf russisch: »Hiroko ist ein Genie. Vielleicht ist sie ein verrücktes Genie, aber ein Genie ist sie trotzdem.«
»Muttergöttin der Welt«, sagte Nadia und ging zu Englisch über, während sie durch das warme Wasser zu einer kleinen Gruppe der Ersten Hundert und der Issei von Sabishii schwamm. Dort standen Ann und Sax nebeneinander, Ann groß und hager, Sax klein und rundlich. Sie sahen genau so aus wie in den alten Tagen in den Bädern von Underhill, wenn sie dieses oder jenes diskutierten. Sax hatte das Gesicht beim Sprechen in Konzentration verzerrt. Nadia lachte über diesen Anblick und bespritzte sie.
Fort schwamm an ihre Seite. Er bemerkte: »Ich hätte die ganze Konferenz so laufen lassen sollen. Oh, der wird stürzen!« Und in der Tat rutschte ein Surfer, der von der krummen Wand herunterglitt, von seinem fallenden Brett ab und landete schmählich im Teich. »Seht, ich muß wieder nach Hause fahren, um helfen zu können. Außerdem heiratet eine Urururenkelin in vier Monaten.«
»Können Sie so schnell zurückreisen?« fragte Spencer.