»Ja, mein Schiff ist schnell.« Eine Raumfahrtabteilung von Praxis baute Raketen, die einen modifizierten Dyson-Antrieb benutzten, um während des Fluges kontinuierlich zu beschleunigen und dann zu bremsen, was eine fast direkte Flugbahn zwischen den Planeten ermöglichte.
»Nach Bonzenart«, sagte Spencer.
»Bei Praxis stehen die allen zur Verfügung, wenn sie in Eile sind. Wenn man die Erde besuchen will, sollte man sich umschauen, welche Verbindungen direkt sind.«
Niemand machte dazu eine Bemerkung, obwohl einige die Augenbrauen hochzogen. Aber es war auch keine Rede mehr davon, ihn aufzuhalten.
Die Menschen trieben umher wie Quallen in einem langsamen Wasserstrudel, schließlich beruhigt durch die Wärme, das Wasser und das, was an Wein und Kava in Bambusbechern herumgereicht wurde, und durch die Tatsache, daß das abgeschlossen war, wozu sie hergekommen waren. Das war nicht perfekt, wie die Leute sagten — bestimmt nicht perfekt —, aber immerhin etwas, besonders bei den wichtigen Punkten vier oder drei — wirklich ein Manifest — ein Anfang, ein wirklicher Anfang — mit ernsten Schwächen — besonders Punkt sechs — entschieden nicht perfekt —, aber wohl doch denkwürdig. Jemand, der im seichten Wasser saß, sagte: »Aber das hier ist Religion, und mir gefallen alle diese hübschen Körper; aber die Vermischung von Staat und Religion ist eine gefährliche Sache… «
Nadia und Maya gingen Arm in Arm ins tiefere Wasser hinaus und plauderten mit jedem, den sie kannten. Eine Gruppe der jungen Leute von Zygote sah sie, Rachel, Tiu, Frantz, Steve und die übrigen. Sie riefen: »He, die beiden Hexen!« und kamen herbei, um sie mit Umarmungen und Küssen zu erdrücken. Kinetische Realität, dachte Nadia, somatische Realität, haptische Realität — die Macht der Berührung, oh… Ihr Phantomfinger klopfte, was seit undenklicher Zeit nicht mehr geschehen war.
Sie gingen weiter, die Ektogenen von Zygote im Schlepptau, und kamen zu Art, der da mit Nirgal und einigen anderen Männern stand, alle wie magnetisch dorthin gezogen, wo Jackie noch bei der halb grünen Hiroko stand, das feuchte Haar über die nackten Schultern angeklatscht und den Kopf lachend zurückgeworfen. Der Sonnenuntergang strahlte von ihr zurück und verlieh ihr eine hyperreale heraldische Macht. Art sah wirklich glücklich aus; und als Nadia ihn an sich zog, legte er ihr einen Arm über die Schulter und beließ ihn dort. Ihr guter Freund, eine sehr solide somatische Realität.
Maya sagte zu ihm: »Das war gut gemacht. Es war so, wie John Boone es gemacht hätte.«
»Das war es nicht«, widersprach Jackie automatisch.
»Ich habe ihn gekannt«, sagte Maya und sah sie tadelnd an, »und du nicht. Und ich sage, es war so, wie John es gemacht hätte.«
Sie standen da und starrten einander an, die alte weißhaarige Schönheit und die junge schwarzhaarige Schönheit. Nadia fand etwas Urtümliches in dem Bild, ursprünglich, urzeitlich, urig … Sie sind die zwei Hexen, wollte sie Jackies Meute hinter ihr sagen. Aber das wußten sie sicher schon. Sie sagte, um den Bann zu brechen: »Niemand ist so, wie John war«, und drückte John an sich. »Aber es war gut gemacht.«
Kasei kam planschend hoch. Er hatte stumm dabeigestanden, und Nadia wunderte sich etwas über ihn, den Mann mit dem berühmten Vater, der berühmten Mutter und Tochter… Und langsam wurde er selbst eine Macht unter den Roten und Marsradikalen hier draußen am Rande einer Splitterbewegung, wie der Kongreß gezeigt hatte. Nein, es war nicht leicht zu sagen, was Kasei von diesem Leben hielt. Er warf Jackie einen Blick zu, der schwer zu verstehen war — Stolz, Eifersucht, eine Art von Vorwurf — und sagte: »Jetzt könnten wir John Boone gebrauchen.« John Boone, der erste Mensch auf dem Mars, ihr fröhlicher John, der in Underhill gern im Butterflystil schwamm an Nachmittagen, die wie diese Zeremonie erschienen waren. Nur war das in dem ersten Jahr zu Beginn ihre alltägliche Realität gewesen …
»Und Arkady«, sagte Nadia, immer noch bestrebt, die Dinge zu entschärfen. »Und Frank.«
»Wir können ohne Frank Chalmers auskommen«, sagte Kasei bitter.
»Warum sagst du das?« rief Maya. »Wir könnten uns glücklich schätzen, wenn wir ihn jetzt hier hätten! Er würde wissen, wie man mit Fort und Praxis, mit den Schweizern und euch Roten und den Grünen umgeht, mit allen. Frank, Arkady und John — die könnten wir alle jetzt dringend gebrauchen.« Ihr Mund war hart und nach unten gezogen. Sie sah Jackie und Kasei an, als ob sie sie herausforderte zu sprechen. Dann legte sie die Lippen in Falten und schaute weg.
»Das ist es, weshalb wir ein neues Einundsechzig vermeiden müssen«, sagte Nadia.
»Das werden wir«, versicherte Art und drückte sie noch einmal an sich.
Nadia schüttelte bekümmert den Kopf. Der Höhepunkt ging immer so schnell vorbei. »Wir können das nicht entscheiden«, sagte sie. »Es liegt nicht gänzlich in unseren Händen. Wir werden also sehen.«
»Diesmal wird es anders sein«, erklärte Kasei hartnäckig.
»Wir werden sehen.«
ACHTER TEIL
Soziale Ingenieurkunst
Wo bist du geboren?
Denver.
Wo bist du aufgewachsen ?
Rock. Boulder.
Wie warst du als Kind?
Ich weiß nicht.
Schildere mir deine Eindrücke!
Ich wollte wissen, warum.
Du warst neugierig?
Sehr neugierig.
Hast du mit naturwissenschaftlichen Baukästen gespielt?
Mit allen.
Und deine Freunde?
Ich erinnere mich nicht.
Überleg doch einmall
Ich glaube nicht, daß ich viele Freunde hatte.
Warst du als Kind beidhändig?
Ich erinnere mich nicht.
Denke an deine Experimente1. Hast du dazu beide Hände benutzt?
Ich glaube, das war oft nötig.
Hast du mit der rechten Hand geschrieben ?
Ich weiß nicht. Ja doch. Als Kind.
Und hast du etwas mit der linken Hand gemacht? Die Zähne geputzt, das Haar gekämmt, auf Dinge gezeigt, Bälle geworfen?
Das habe ich alles mit der rechten Hand getan. Würde es etwas ausmachen, wenn es anders gewesen wäre?
Nun, siehst du, in Fällen von Aphasie fügen sich die starken Rechtshänder recht gut in ein bestimmtes Profil ein. Aktivitäten sind lokalisiert, oder besser gesagt: koordiniert, an bestimmten Stellen im Gehirn. Wenn wir genau die Probleme bestimmen, welche der Aphasiker hat, können wir recht gut sagen, wo die Verletzungen im Gehirn lokalisiert sind. Und umgekehrt. Aber bei Linkshändern und Beidhändern gibt es kein solches Muster. Man könnte sagen, daß jedes links- und beidhändige Gehirn anders organisiert ist.
Du weißt, die meisten ektogenen Kinder Hirokos sind Linkser.
Ja, ich weiß. Ich habe mit ihr darüber gesprochen; aber sie behauptet, nicht zu wissen warum. Sie sagt, es könnte daher kommen, daß sie auf dem Mars geboren sind.
Findest du das plausibel?
Nun, über Händigkeit weiß man auf jeden Fall noch wenig, und die Effekte der geringeren Schwere … die werden wir in Jahrhunderten in Ordnung bringen, oder nicht?
Ich nehme das an.
Gefällt dir etwa diese Idee nicht?
Antworten wären mir lieber.