Aber haben wir nicht in all diesen Jahren ebenso hart — mit wenig Erfolg — versucht, uns selbst zu verstehen?
Mag sein. Vielleicht dauert das länger. Aber schau, wir haben auch ein gutes Stück Fortschritt erzielt. Und nicht erst in jüngster Zeit. Allein durch Beobachtung entdeckten die Griechen die vier Temperamente; und erst kürzlich haben wir genug über das Gehirn gelernt, um sagen zu können, was die neurologische Basis dieses Phänomens ist.
Glaubst du an die vier Temperamente?
O ja. Sie lassen sich, wenn man will, durchs Experiment bestätigen. Wie so viele, viele Dinge über den menschlichen Geist. Vielleicht ist das keine Physik, vielleicht wird es nie Physik sein. Es könnte sein, daß wir bloß komplexer und unvorhersehbarer sind als das Weltall.
Das ist wohl wenig wahrscheinlich. Schließlich bestehen wir doch aus Atomen.
Aber aus lebendigen! Angetrieben durch die grüne Kraft, lebendig mit Geist, dem großen Unerklärlichen!
Chemische Reaktionen …
Aber warum Leben? Das ist mehr als Reaktionen. Es gibt einen Zug zur Komplizierung, der dem physikalischen Gesetz der Entropie direkt entgegengesetzt ist. Warum sollte das sein?
Ich weiß nicht.
Warum mißfällt es dir, wenn du nicht sagen kannst, warum?
Ich weiß nicht.
Das Mysterium des Lebens ist eine heilige Sache. Es ist unsere Freiheit. Wir sind aus der physikalischen Realität herausgeschossen und existieren jetzt in einer Art gottähnlicher Freiheit; und das Mysterium ist ein integraler Teil davon.
Nein. Wir sind immer noch physische Realität. Atome mit ihren Umlaufbahnen. In den meisten Maßstäben determiniert, in einigen anderen zufallsbedingt.
Ah so. Wir sind verschiedener Ansicht. Aber in beiden Fällen ist es der Beruf des Gelehrten, alles zu erforschen. Ungeachtet der Schwierigkeiten! Offen zu bleiben, Mehrdeutigkeit zu akzeptieren. Zu versuchen, mit dem Objekt der Forschung zu verschmelzen. Zuzugeben, daß es Werte gibt, die das ganze Vorhaben durchziehen. Es zu lieben. Darauf hinzuarbeiten, die Werte zu entdecken, durch die wir leben sollten. Bestrebt zu sein, diese Werte in der Welt zur Geltung zu bringen. Zu erforschen — und mehr als das — zu erschaffen!
Darüber muß ich nachdenken.
Beobachtung ist nie genug. Außerdem war es ohnehin nicht ihr Experiment. Desmond kam nach Dorsa Brevia, und Sax ging, ihn aufzusuchen. »Fliegt Peter immer noch?«
»Nun ja. Er verbringt einen guten Teil seiner Zeit im Raum, wenn du das meinst.«
»Kannst du mich mit ihm in Verbindung bringen?«
»Sicher kann ich das.« Desmonds ruiniertes Gesicht zeigte einen seltsamen Ausdruck. »Dein Sprechen wird immer besser. Was haben sie mit dir gemacht?«
»Gerontologische Behandlungen. Auch Wachstumshormon, L-Dopa, Serotonin und andere Chemikalien. Irgendein Zeug von Seesternen.«
»Haben dir ein neues Gehirn wachsen lassen, he?«
»Ja. Jedenfalls Teile, Synergische synaptische Stimulation. Auch viele Gespräche mit Michel.«
»Oha!«
»Ich bin es aber immer noch.«
Desmond stieß ein tierisches Gelächter aus. »Das sehe ich. Hör zu! Ich werde in ein paar Tagen wieder fort sein und dich zu Peters Flughafen bringen.«
Haben ein neues Gehirn wachsen lassen. Nicht ganz der richtige Ausdruck dafür. Die Verletzung hatte im hinteren Drittel der unteren frontalen Hirnwindung stattgefunden. Infolge von gezielter Ultraschallerinnerungs- und -Sprachstimulierung war Gewebe abgestorben. Ein Gehirnschlag. Brocasche Aphasie. Schwierigkeit mit dem motorischen Sprachapparat, wenig Satzmelodie, Schwierigkeit beim Ansatz zu Äußerungen, Reduktion auf Telegrammstil, meistens Hauptwörter und einfachste Formen von Verben. Eine Reihe von Tests ergab, daß die meisten anderen kognitiven Funktionen nicht beeinträchtigt waren. Er war sich nicht allzu sicher. Er hatte es verstanden, wenn Leute zu ihm sprachen; sein Denkvermögen war, soweit er sah, ziemlich gleich geblieben, und er hatte keine Mühe mit den räumlichen und anderen nichtlinguistischen Tests gehabt. Aber wenn er zu sprechen versuchte, gab es plötzlich Versagen — im Mund und im Verstand. Dinge verloren ihre Namen.
Seltsamerweise blieben sie auch ohne Namen noch Dinge. Er konnte sie sehen und über sie nachdenken in Form von Gestalten oder Zahlen. Formale Beschreibung. Mannigfache Kombinationen von Kegelschnitten und den sechs achsensymmetrischen Rotationsflächen, Ebene, Kugel, Zylinder, Katenoid, Unduloid und Nodoid: Gestalten ohne Namen, die aber selbst Namen waren. Eine geometrisch-räumliche Sprache.
Aber es zeigte sich, daß es schwer war, sich ohne Wörter zu erinnern. Man hatte anfangs eine Methode entlehnen müssen — die räumlich orientierte Methode des Gedächtnispalastes. Eine Stelle im Gehirn wurde so eingerichtet, daß sie dem Innern der Labors von Echus Overlook ähnelte, an das er sich so gut erinnerte, daß er im Geist darin umhergehen konnte, auch ohne Namen. Und an jedem Ort ein Objekt, oder ein anderer Ort oder ein Zählwerk. Die ganzen Acheronlabors. Ganz oben der Kühlschrank von Boulder, Colorado. So erinnerte er sich an alle Gestalten in seinem Kopf durch ihren Platz in dem mentalen Labor.
Und dann kam manchmal der Name. Aber wenn er ihn kannte und auszusprechen versuchte, war es leicht möglich, daß der falsche aus seinem Mund kam. Er hatte immer in diese Richtung tendiert. Nach manchen Sitzungen mit bestem Denken, wenn für ihn alles ganz klar gewesen war, war es gelegentlich schwierig gewesen, seine Gedanken auf den Ort der Sprache zu übertragen, der nicht recht zu der Art des Denkens paßte, das er vollzogen hatte. Dadurch hatte das Sprechen Arbeit erfordert. Aber ganz anders war sein stockendes, erratisches, unzuverlässiges Tasten, das gewöhnlich entweder versagte oder in die Irre führte. Schmerzlich. Dennoch sicher Wernickes Aphasie vorzuziehen, bei der man geläufig plapperte, ohne zu merken, daß das überhaupt keinen Sinn ergab. Gerade so, wie er eine prämorbide Tendenz gehabt hatte, die Wörter für Dinge zu verlieren, gab es Leute, die zu Wernickes Aphasie neigten ohne die Entschuldigung einer Verletzung des Gehirns. Wie Art festgestellt hatte, war Sax sein Problem lieber.
Ursula und Vlad waren zu ihm gekommen. Ursula sagte: »Aphasie ist bei jeder Person anders. Es gibt Muster und Gruppen von Symptomen, die gewöhnlich mit bestimmten Verletzungsformen bei rechtshändigen Erwachsenen einhergehen. Aber bei außergewöhnlichen Gehirnen gibt es eine Menge Ausnahmen. Wir sehen schon, daß die kognitiven Funktionen sehr groß geblieben sind für jemanden mit deinem Maß an Sprechschwierigkeiten. Wahrscheinlich hat sich ein großer Teil deines mathematischen und physikalischen Denkens ohne Verwendung von Sprache abgespielt.«
»Das stimmt.«
»Und wahrscheinlich war es geometrisches Denken anstatt analytisches, das in der rechten Hemisphäre des Gehirns stattfand und nicht in der linken. Deine rechte Hemisphäre war ausgespart.«
Sax nickte. Er getraute sich nicht zu sprechen.
»Auch die Aussichten für Genesung variieren weitgehend. Eine Besserung gibt es fast immer. Besonders Kinder sind sehr anpassungsfähig. Wenn sie Kopfverletzungen haben, kann selbst eine begrenzte Verletzung ernste Probleme bereiten, aber es kommt fast immer zur Heilung. Man kann einem Kind eine ganze Hirnhälfte entfernen, wenn es notwendig ist. Dann werden alle Funktionen von der restlichen Hälfte wieder erlernt. Das geschieht wegen des unglaublichen Wachstums im kindlichen Gehirn. Bei Erwachsenen ist es anders. Da ist bereits eine Spezialisierung eingetreten, so daß definierte Verletzungen einen spezifischen begrenzten Schaden bewirken. Wenn aber erst einmal eine bestimmte Fertigkeit in einem reifen Gehirn zerstört ist, gibt es oft keine merkliche Verbesserung.«