»Ich möchte gern die Liste sehen.«
»Ich möchte mit dir sprechen«, sagte Ann finster zu ihm.
Und die anderen verließen schnell den Raum und sahen einander mit hochgezogenen Brauen an wie eine Schar von Art Randolphs.
Sax nahm in einem Bambussessel Platz. Es war ein kleiner fensterloser Raum. Es hätte eines der Tonnenzimmer ganz zu Beginn in Unterhill sein können. Die Gestalt stimmte. Auch die Anordnung. Backstein war ein so stabiles Material. Ann zog einen Sessel herüber, setzte sich ihm gegenüber und beugte sich vor, um ihm ins Gesicht zu blicken. Sie wirkte älter. Die vielgepriesene Anführerin der Roten, prahlerisch, unheimlich, gespenstisch. Er lächelte. Sein Mund sagte zu beider Überraschung: »Bist du etwa für eine gerontologische Behandlung fällig?«
Ann überging die Frage als eine Frechheit. Sie sagte mit bohrendem Blick: »Warum wolltest du die Linse herunterholen?«
»Sie gefiel mir nicht.«
»Das weiß ich. Aber warum?«
»Sie war nicht notwendig. Es wird ohnehin schnell genug wärmer. Es gibt keinen Grund zur Beeilung. Wir brauchen nicht einmal viel mehr Wärme. Und sie hat große Mengen von Kohlendioxid freigesetzt. Das wird schwer auszuräumen sein. Und es hat sehr hübsch festgesessen. Es ist schwierig, CO2 aus Karbonaten zu gewinnen. Solange man das Gestein nicht schmilzt, bleibt es drin.« Er schüttelte den Kopf. »Das war dumm. Sie haben es bloß gemacht, weil sie es konnten. Kanäle! Ich glaube nicht an Kanäle.«
»Es war für dich also nicht die richtige Art von Terraformung.«
»Das stimmt.« Er erwiderte ruhig ihren Blick. »Ich glaube an die Terraformung, wie sie in Dorsa Brevia entworfen wurde. Für Menschen verträglich bis zu einer bestimmten Höhe. Darüber ist die Luft zu dünn und zu kalt. Langsam machen. Ökogestaltung. Ich mag keine der großen neuen Methoden der Schwerindustrie. Vielleicht etwas Stickstoff von Titan. Aber nichts von dem übrigen.«
»Was ist mit den Ozeanen?«
»Ich weiß nicht. Abwarten, was ohne Pumpen geschieht?«
»Was ist mit der Soletta?«
»Ich weiß nicht. Die zusätzliche Sonneneinstrahlung macht vielleicht weniger Erwärmung durch industrielle Gaserzeugung notwendig. Oder andere Verfahren. Aber — wir kämen ohne das aus. Ich dachte, die Dämmerungsspiegel wären genug.«
»Aber das liegt nicht mehr in deinen Händen.«
»Allerdings nicht.«
Sie saßen eine Weile schweigend da. Ann schien nachzudenken. Sax beobachtete ihr verwittertes Gesicht und fragte sich, wann sie die letzte Behandlung gehabt hatte. Ursula empfahl, sie mindestens alle vierzig Jahre zu wiederholen.
»Ich hatte unrecht«, sagte sein Mund. Als sie ihn ansah, versuchte er, den Gedanken zu verfolgen. Es war eine Sache von Formen, Geometrien und mathematischer Eleganz. Ein in Stufen rekombinierendes Chaos. Schönheit ist das Werk eines seltsamen Schöpfers. »Wir hätten warten sollen, ehe wir anfingen. Ein paar Jahrzehnte Studium des ursprünglichen Zustands. Das hätte uns gesagt, wie wir vorgehen müßten. Ich dachte nicht, daß sich die Dinge so rasch ändern würden. Meine Ausgangsidee war mehr wie eine Art von Ökogestaltung.«
Sie zog den Mund zusammen. »Aber jetzt ist es zu spät.«
»Ja. Es tut mir leid.« Er hob die Hand und drehte sie um. Alle Linien waren da dieselben wie immer. »Du solltest die Behandlung bekommen.«
»Ich werde sie nicht mehr nehmen.«
»O Ann, sag das nicht! Weiß Peter davon? Wir brauchen euch. Ich meine — wir brauchen dich.«
Sie stand auf und ging aus dem Zimmer.
Sein nächstes Projekt war komplizierter. Obwohl Peter vertrauenswürdig war, waren die Leute von Vishniac unsicher. Sax erklärte, so gut er konnte. Peter half ihm. Die Einwände betrafen praktische Fragen. Zu groß? Mehr Bogdanovisten verpflichten. Unmöglich zu verheimlichen? Das Überwachungsnetz unterbrechen. Er sagte ihnen, Wissenschaft sei schöpferisch. Peter entgegnete, das wäre keine Wissenschaft. Es wäre Technik. Mikhail stimmte zu. Dieser Teil des Projektes gefiel ihm. Zerfleddern war ein Teil ökologischen Ingenieurwesens. Aber sehr schwierig zu arrangieren. Sax riet ihnen, die Schweizer zu verpflichten. Oder sie mindestens in Kenntnis zu setzen. Die mögen sowieso keine Überwachung. Praxis unterrichten.
Die Dinge fingen an, Gestalt anzunehmen. Aber es dauerte lange, bis Sax und Peter wieder in einem Raumflugzeug starteten. Diesmal begaben sie sich mit Raketenkraft völlig aus der Stratosphäre und weit darüber hinaus. Zwanzigtausend Kilometer über ihr, bis sie sich Deimos näherten und mit ihm ein Rendezvous machten.
Die Schwere auf dem kleinen Mond war so gering, daß es mehr ein Andocken war als eine Landung. Jackie Boone, die bei dem Projekt geholfen hatte, meist dicht bei Peter (das war ein klarer Fall), lenkte das Flugzeug hinein. Sax hatte durch das Cockpitfenster eine vorzügliche Sicht. Die schwarze Oberfläche von Deimos schien mit einer dicken Schicht von Regolith bedeckt zu sein. Alle Krater waren fast darin begraben und ihre Ränder sanfte runde Grübchen in der Staubdecke. Der kleine längliche Mond hatte keine regelmäßige Gestalt, sondern war vielmehr aus einigen rundlichen Facetten zusammengesetzt. Fast ein dreiachsiges Ellipsoid. Ein altes Robotlandegerät hockte nahe der Mitte des Kraters Voltaire. Die kupfernen gelenkigen Verstrebungen und Kästen waren blind durch feinen dunklen Staub.
Sie hatten ihren Landeplatz auf einer Bodenwelle zwischen Flächen gewählt, wo helleres kahles Gestein aus der Staubschicht herausragte. Die Erhebungen waren alte Splitternarben, wo in früherer Zeit Einschläge von dem kleinen Mond Stücke abgeschlagen hatten. Jackie brachte sie sanft auf einer Erhebung westlich der Krater Swift und Voltaire herunter. Deimos hatte wie früher auch Phobos gebundene Rotation, was ihrem Vorhaben günstig war. Der dem Mars stets gegenüberliegende Punkt diente als Ausgang der Zählung von Länge und Breite, ein sehr sinnvoller Gedanke. Die Höhe, auf der sie herunter gekommen waren, lag nahe dem Äquator auf 90° Länge. Ungefähr zehn Kilometer zu gehen vom Gegenpunkt zum Mars.
Als sie sich der Bodenwelle näherten, verschwand der Rand von Voltaire unter dem schwarzen gerundeten Horizont. Staub wurde weggeblasen, als das Raketentriebwerk darüber war. Nur wenige Zentimeter Staub bedeckten das Muttergestein. Kohliger Chondrit, fünf Milliarden Jahre alt. Sie dockten mit einem harten Stoß an, hüpften weg und drifteten wieder langsam herunter. Sax konnte den Zug der Schwerkraft in Richtung des Flugzeugbodens spüren, aber er war sehr schwach. Wahrscheinlich wog er nicht mehr als einige Kilogramm.
Weitere Raketen landeten auf der Anhöhe beiderseits von ihnen. Sie warfen Staub ins Vakuum, wo sie langsam herunterschwebten. Alle Vehikel hüpften beim Auftreffen und senkten sich dann sanft durch ihre Staubwolken herab. Binnen einer halben Stunde waren acht Flugzeuge auf der Bodenwelle aufgereiht in beiden Richtungen bis nahe an den Horizont. Zusammen boten sie ein eigenartiges Bild. Die intermetallischen Verbindungen ihrer runden Oberflächen schimmerten wie Chitin unter dem chirurgischen Glanz ungefilterten Sonnenlichts. Die Klarheit des Vakuums ließ alle Kanten überscharf erscheinen. Traumhaft.
Jedes Flugzeug trug eine Komponente des Systems. Robotische Bohrer, Tunnelbauer und Pressen. Rohre zum Sammeln von Wasser, die hier waren, um die Adern von Eis in Deimos zu schmelzen. Eine Fabrik zum Separieren von schwerem Wasser, etwa ein Teil auf sechstausend im gewöhnlichen Wasser enthalten. Eine weitere Anlage sollte aus dem schweren Wasser Deuterium gewinnen. Ein kleiner Tokamak, der durch eine Fusionsreaktion von Deuterium mit Deuterium Energie lieferte. Zuletzt waren da noch Steuerungsdüsen, obwohl die meisten davon sich an Bord von Flugzeugen befanden, die auf anderen Seiten des Mondes gelandet waren.
Die bogdanovistischen Techniker, die mit dem Gerät heraufgekommen waren, besorgten den größten Teil der Installation. Sax legte einen der an Bord sperrigen befindlichen Druckanzüge an, ging durch die Schleuse auf die Oberfläche, um nachzusehen, ob das Flugzeug mit den Steuerdüsen für das Voltaire-Gebiet gelandet war.