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Vielleicht sollten sie überschüssigen Sauerstoff aus den Geweben der halbkristallinen äußeren Masse freisetzen. Spontan oder geplant? Er las in Beschreibungen auf seinem Handgelenk und ergänzte sie mit diesem Exemplar, das wegen der Wimpern noch nicht erfaßt zu sein schien. Er nahm eine kleine Kamera aus der Schenkeltasche und machte eine Aufnahme, legte eine Probe der Wimpern in einen Beutel, tat diesen und die Kamera in die Tasche und ging weiter.

Er ging nach unten, um den Gletscher anzusehen. Er traf dort auf eine der vielen Verbindungen, wo die abfallende Flanke sich glatt mit dem ansteigenden Hang der Moränenrippe traf. Um Mittag war es auf dem Gletscher hell, als ob Teile des zerbrochenen Spiegels überall das Sonnenlicht darauf reflektierten. Eisstücke knirschten unter den Füßen. Kleine Rinnsale vereinigten sich zu tief eingebetteten Strömen, die jäh in Löchern im Eis verschwanden. Diese Löcher hatten wie die Spalten mannigfache Schattierungen von Blau. Die Rippen der Moräne schimmerten wie Gold und schienen in der zunehmenden Wärme zu hüpfen. Irgend etwas an dem Anblick erinnerte Sax an den Soletta-Plan, und er pfiff durch die Zähne.

Er richtete sich auf und reckte seinen Rücken. Er fühlte sich sehr lebendig und wißbegierig, absolut in seinem Element. Der Wissenschaftler bei seiner Arbeit. Er lernte die immer frische primäre Bemühung von ›Naturgeschichte‹ zu schätzen, ihre nahe Beobachtung von Dingen in der Natur: Beschreibung, Einordnung, Taxonomie — der erste Versuch zu erklären oder vielmehr dessen erster Schritt, einfach zu beschreiben. Wie glücklich waren ihm immer die Naturhistoriker vorgekommen in ihren Schriften — Linne und sein wildes Latein, Lyell und seine Steine, Wallace und Darwin und ihr großer Schritt von Kategorie zu Theorie, von Beobachtung zu Paradigma. Sax konnte das fühlen, gerade hier auf dem Arenagletscher im Jahre 2101, mit all den neuen Spezies, diesem blühenden Prozeß von Spezifikation, der halb menschlich und halb zum Mars gehörig war — einem Prozeß, der später seine eigenen Theorien erfordern würde, irgendeine Art von Evo-Historie, von historischer Evolution oder Okopoesis oder einfach Marskunde, Areologie. Oder vielleicht Hirokos Viriditas. Theorien des Terraformungsprojekts — nicht nur, was es anstrebte, sondern wie es wirklich funktionierte. Genaugenommen eine Naturgeschichte. Sehr wenig von dem, was geschah, konnte mit experimenteller Laborwissenschaft studiert werden. Darum würde die Naturgeschichte auf ihren Platz unter den Wissenschaften zurückfinden müssen als eine unter gleichen. Hier auf dem Mars waren alle Arten von Hierarchien zum Fall verurteilt; und das war keine sinnlose Analogie, sondern einfach eine präzise Beobachtung von dem, was alle sehen konnten.

Was alle sehen konnten. Würde er das verstanden haben vor seiner Zeit hier draußen? Würde Ann verstehen? Während er auf die wilde zerklüftete Fläche des Gletschers blickte, stellte er fest, daß er an sie dachte. Jede kleine Scholle und Spalte ragte hervor, als hätte er noch die zwanzigfache Vergrößerung eingeschaltet, aber mit unendlicher Tiefenschärfe. Jede Tönung von Elfenbein und Rosa in den eingebuchteten Flächen, jeder spiegelnde Schimmer von Schmelzwasser, die buckligen Hügel am fernen Horizont — alles war in diesem Augenblick chirurgisch klar und scharf. Und er hatte den Eindruck, daß sein Sehvermögen nicht eine Sache des Zufalls war (zum Beispiel der Linsenwirkung von Tränen über seiner Hornhaut), sondern das Ergebnis eines neuen zunehmenden Verständnisses der Landschaft. Es war eine Art kognitiver Vision, und er konnte nicht umhin, sich zu erinnern, daß Ann ärgerlich zu ihm gesagt hatte: Mars ist der Ort, den du nie gesehen hast.

Er hatte das als eine Redeweise verstanden. Aber jetzt dachte er an Thomas Kuhn, der versicherte, daß Wissenschaftler, die unterschiedliche Paradigmen benutzten, in wortwörtlich unterschiedlichen Welten existierten, und daß Epistemologie eine so integrale Komponente der Realität wäre. So haben Aristoteliker das Galileische Pendel einfach nicht gesehen, das für sie ein mit einiger Schwierigkeit fallender Körper war. Und allgemein redeten Wissenschaftler, die über die relativen Verdienste konkurrierender Paradigmen diskutierten, einfach aneinander vorbei, indem sie die gleichen Wörter für unterschiedliche Realitäten benutzten.

Auch das hatte er für eine Redewendung gehalten. Wenn er aber jetzt, absorbiert in der Klarheit des Eises, darüber nachdachte, mußte er zugeben, daß es bestimmt das beschrieb, wie Ann immer empfunden hatte. Es war für sie beide eine Enttäuschung gewesen; und als Ann geschrien hatte, er habe nie den Mars gesehen, eine Feststellung, die in verschiedener Hinsicht offenbar falsch war, hatte sie vielleicht nur sagen wollen, daß er ihren Mars nicht gesehen hätte, den Mars, welchen ihr Paradigma geschaffen hatte. Und das war ohne Zweifel richtig.

Aber jetzt sah er einen Mars wie nie zuvor. Nur war die Verwandlung dadurch gekommen, daß er sich wochenlang gerade auf jene Teile der Landschaft des Mars konzentriert hatte, die Ann verabscheute, die neuen Lebensformen. Also zweifelte er, ob der Mars, den er sah mit seinen Schnee-Algen und Eisflechten und den entzückenden kleinen Flecken von Perserteppich, die den Gletscher säumten, der Mars von Ann wäre. Es war auch nicht der Mars seiner Kollegen bei der Terraformung. Es war eine Funktion von dem, was er glaubte und was er wünschte — es war sein Mars, der sich direkt vor seinen Augen entwickelte, immer dabei, etwas Neues zu werden. Er empfand wie einen Stich im Herzen den Wunsch, in genau diesem Moment Ann packen und am Arm zur westlichen Moräne hinunterführen zu können und laut zu rufen: Siehst du? Siehst du?

Statt dessen hatte er Phyllis, vielleicht die am wenigsten philosophische Person, die er je kennengelernt hatte. Er vermied sie, wenn er es tun konnte, ohne daß es so aussah, und verbrachte seine Tage auf dem Eis, im Wind unter dem weiten Himmel des Nordens oder auf den Moränen, wo er umherkroch und Pflanzen suchte. Wieder in der Station, plauderte er beim Essen mit Claire, Berkina und den anderen über das, was sie draußen fanden und was es bedeutete. Nach dem Dinner zogen sie sich in den Beobachtungsraum zurück und redeten weiter. An manchen Abenden, besonders freitags und samstags, tanzten sie. Die Musik, die sie spielten, war immer Nuevo Calypso — Gitarren und Stahltrommeln in schnellen, fast simultanen Melodien, die komplexe Rhythmen erzeugten, deren Analyse Sax große Schwierigkeiten bereitete. Es waren oft 5/4-Takte, die mit 4/4 wechselten oder zugleich da waren. Offenbar ein Schema, das darauf abzielte, ihn aus dem Takt zu bringen. Zum Glück war der aktuelle Tanzstil eine Art freier Bewegung, die zum Takt nur wenig Beziehung hatte. Wenn es Sax also nicht gelang, im Rhythmus zu bleiben, war er ziemlich sicher, daß er allein es merkte. Tatsächlich war es eine recht nette Unterhaltung, ganz für sich bloß im Zeitmaß zu bleiben und in einer kleinen Gigue zum 5/4-Takt herumzuhopsen. Als er an die Tische zurückkehrte und Jessica ihm sagte: »Stephen, du bist wirklich ein guter Tänzer«, brach er in Gelächter aus, erfreut, obwohl er wußte, daß darin nichts zum Ausdruck kam als Jessicas Inkompetenz, über Tanz zu urteilen, oder ihr Versuch, ihm eine Freundlichkeit zu erweisen. Obwohl vielleicht das tägliche Wandern über das Steinfeld sein Gleichgewicht und Zeitgefühl verbesserte. Jede körperliche Tätigkeit konnte, wenn sie richtig studiert und ausgeübt wurde, ohne Zweifel mit beträchtlicher Geschicklichkeit, wenn nicht gar Eleganz, vollbracht werden.

Sax und Phyllis sprachen oder tanzten miteinander nur so viel wie mit jedem anderen. Nur in der Geborgenheit ihrer Zimmer umarmten, küßten und liebten sie sich. Es war die alte Geschichte einer geheimen Beziehung; und eines Morgens gegen vier Uhr, als Sax aus ihrem Zimmer in seines zurückkehrte, durchfuhr ihn jähe Furcht. Er hatte plötzlich den Eindruck, daß sein nicht diskutiertes Komplizentum bei diesem Verhalten ihn für Phyllis deutlich als einen der Ersten Hundert verraten haben müsse. Wer anders könnte so bereitwillig auf ein so bizarres Verhalten kommen, als wenn es die natürlichste Sache der Welt wäre?