»Unser Piepsignal wird abgebrochen sein«, mutmaßte Sax, »und dann werden sie kommen, um nachzusehen.«
»Ja, aber werden sie uns finden?« sagte Phyllis.
Sax zuckte die Achseln. »Der Piepser liefert eine Richtungsangabe.«
»Aber der Wind! Die Sicht kann auf Null heruntergehen.«
»Wir müssen hoffen, daß sie damit zurechtkommen werden.«
Die Spalte zog sich gen Osten wie ein enger flacher Gang hin. Sax duckte sich unter einer niedrigen Stelle und beleuchtete mit seiner Stirnlampe den Raum zwischen Eis und Fels. Er reichte so weit man sehen konnte in Richtung auf die Ostseite der Gletschers. Es war möglich, daß er bis zu einer der kleinen Höhlen an der Seite des Gletschers reichte. Darum dachte er nach Absprache mit Phyllis daran, die Spalte auszukundschaften, und Phyllis da zu lassen, um sicher zu sein, daß etwaige Sucher, die das Loch fanden, auch jemanden auf seinem Boden finden würden.
Außerhalb des starken Lichtkegels seiner Stirnlampe war das Eis intensiv kobaltblau, ein Effekt, der durch die Rayleighstreuung verursacht wurde, die auch das Himmelsblau hervorrief. Auch bei ausgeschalteter Stirnlampe war es ziemlich hell, was darauf schließen ließ, daß das Eis über ihnen nicht sehr dick war. Wahrscheinlich ebenso dick wie die Tiefe ihres Sturzes, so schien es ihm jetzt.
Die Stimme von Phyllis in seinem Ohr fragte, ob mit ihm alles in Ordnung wäre.
»Mir geht es gut. Ich denke«, erwiderte er. »Dieser Raum könnte dadurch entstanden sein, daß der Gletscher über eine querliegende Böschung geflossen ist. So könnte er bis nach draußen führen.«
Aber dem war nicht so. Hundert Meter weiter schloß sich das Eis auf der linken Seite und traf die steinige Seite rechts. Eine Sackgasse.
Auf dem Rückweg ging er langsamer und hielt an, um Risse im Eis zu untersuchen und Felsenstücke unter den Füßen, die vielleicht von der Böschung losgerissen waren. In einer Spalte wurde das Kobalt des Eises blaugrün. Als er mit einem Finger im Handschuh hineinlangte, zog er eine lange dunkelgrüne Masse heraus, die an der Oberfläche gefroren, aber darunter weich war. Es war eine lange dendritische Masse blaugrüner Algen.
Er sagte: »Oho!«, pflückte einige gefrorene Strähnen ab und schob den Rest wieder an seine Stelle. Er hatte gelesen, daß Algen sich in das Gestein und Eis des Planeten einbohrten und Bakterien noch tiefer gingen. Aber einige hier unten wirklich eingegraben zu finden, so weit entfernt von der Sonne, genügte, um einen in Erstaunen zu versetzen. Er schaltete seine Stirnlampe wieder aus, und das helle Kobaltblau des eisigen Lichtes leuchtete um ihn herum, sanft und üppig. So dunkel und so kalt — wie konnte hier ein Lebewesen existieren? Wie schaffte es das?
»Stephen?«
»Ich komme«, sagte er zu Phyllis und kehrte wieder an ihre Seite zurück. »Schau, die ganze Strecke da unten sind blaugrüne Algen.«
Er hielt es hin, damit sie es ansehen könnte, aber sie verwandte darauf nur den knappsten Blick. Er setzte sich hin, holte aus seiner Schenkeltasche einen Probebeutel und tat eine kleine Algensträhne hinein. Dann schaute er sie mit seiner zwanzigfachen Vergrößerungslinse an. Diese war nicht stark genug, um alles zu zeigen, was er sehen wollte; aber sie ließ die langen Fasern von dendritischem Grün erkennen, die schleimig wirkten, als sie auftauten. Sein Lesegerät enthielt Kataloge mit Fotos bei ähnlicher Vergrößerung; aber er konnte nicht die Spezies finden, die dieser in jedem Detail ähnelte. »Es könnte noch nicht erfaßt sein«, sagte er. »Wäre das nicht etwas? Man muß sich wirklich fragen, ob die Mutationsrate hier höher ist als der Standard. Wir sollten Experimente anstellen, um das zu bestimmen.«
Phyllis antwortete nicht.
Sax behielt seine Gedanken für sich, während er weiter in den Katalogen suchte. Er war noch dabei, als sie in ihrem Radio rauhes Quäken und Zischen hörten. Phyllis rief auf der allgemeinen Frequenz. Bald konnten sie in der Interkom Stimmen vernehmen, und nicht lange danach füllte ein runder Helm das Loch über ihnen. »Hier sind wir!« rief Phyllis.
»Wartet eine Sekunde!« rief Berkina. »Wir bringen eine Strickleiter für euch.«
Und nach einer unbequemen schaukelnden Kletterei waren sie wieder auf der Oberfläche des Gletschers, blinzelten in dem staubigen wechselnden Tageslicht und duckten sich gegen die Böen, die immer noch ziemlich stark waren. Phyllis lachte und erklärte in ihrer üblichen Art, was geschehen war. »Wir hielten uns an den Händen, um uns nicht zu verlieren, und — rums! — ging es nach unten!« Ihre Retter beschrieben die brutale Gewalt der stärksten Windstöße. Alles schien wieder normal zu sein. Aber als sie in die Station kamen und die Helme abnahmen, warf Phyllis Sax einen kurzen forschenden Blick zu, der wirklich sehr sonderbar war, als ob er ihr etwas enthüllt hätte, das sie wachsam machte, als ob er sie da unten in der Spalte an etwas erinnert hätte. Als ob er sich auf eine Weise verhalten hätte, die ihn ohne Widerrede als ihren alten Kameraden Saxifrage Russell verriet.
Während des nördlichen Herbstes arbeiteten sie rund um den Gletscher und sahen die Tage kürzer und die Winde kälter werden. Jede Nacht wuchsen auf dem Gletscher große komplizierte Eisblumen und schmolzen erst am frühen Nachmittag kurz, wonach sie sich verhärteten und als Basis für noch kompliziertere Blätter dienten, die am nächsten Morgen erschienen. Die kleinen scharfen Kristallflocken brachen nach allen Richtungen von den größeren Flächen und Zacken darunter ab. Sie konnten nicht vermeiden, mit jedem Schritt ganze fraktale Welten zu zerdrücken, wenn sie über das Eis stampften und nach den jetzt von Reif bedeckten Pflanzen Ausschau hielten, um zu sehen, wie sie mit der kommenden Kälte zurechtkamen. Wenn Sax über die unebene weiße Wüste blickte und fühlte, wie der Wind durch einen der dickeren isolierten Schutzanzüge biß, schien es ihm, als ob ein Sterben großen Ausmaßes im Winter unausweichlich wäre.
Aber der Augenschein täuschte. Natürlich könnte es ein winterliches Sterben geben. Aber die Pflanzen wurden härter, wie die überwinternden Gärtner es nannten. Sie akklimatisierten sich an den kommenden Winter. Wie Sax erfuhr, was das ein dreistufiger Prozeß, als er in dem dünnen, hart gepackten Schnee nach den Zeichen suchte. Zuerst spürten phytochrome Uhren in den Blättern die kürzeren Tage — und die wurden jetzt rasch kürzer mit dunklen Wetterfronten, die etwa jede Woche durchzogen und schmutzigweißen Schnee aus schwarzen, bauchigen Cumulunimbuswolken abluden. In der zweiten Stufe hörte das Wachstum auf, Kohlenhydrate wanderten in die Wurzeln, und abschneidende Säure sammelte sich in einigen Blättern, bis diese abfielen. Sax fand Mengen von diesen Blättern, die vergilbt oder braun noch an ihren Stengeln hingen, den Boden bedeckten und der noch lebenden Pflanze mehr Isolation boten. Während dieser Stufe bewegte sich Wasser aus den Zellen in interzellulare Eiskristalle, und die Zellmembranen wurden dicker, während Zuckermoleküle in einigen Proteinen Wasser ersetzten. Dann, in der dritten und kältesten Stufe, bildete sich glattes Eis um die Zellen herum, ohne sie zu zerbrechen, in einem Prozeß, den man als Vitrifikation (Verglasung) bezeichnete.
An dieser Stelle konnten die Pflanzen Temperaturen bis hinab zu 220 Kelvin vertragen, was ungefähr die durchschnittliche Temperatur auf dem Mars vor ihrer Ankunft gewesen war, aber jetzt auch noch oft erreicht wurde. Und der Schnee, der in den immer häufiger werdenden Stürmen fiel, diente den Pflanzen praktisch zur Isolation, indem er den Boden, auf dem er lag, wärmer hielt als die windige Oberfläche.