Dann konnte es nachts passieren, daß er bei einem Freund auf den Boden krachte, nachdem er mit einem hundertvierzig Jahre alten Beduinen über den Transkaukasischen Krieg gesprochen hatte. Und in der nächsten Nacht spielte er Baß-Stahltrommel oder Marimbas bis zum Morgen mit zwanzig anderen unter Kavajava stehenden Lateinamerikanern oder Polynesiern. In der folgenden Nacht lag er mit einer dunkelhäutigen Schönheit der Band im Bett. Diese Frauen waren so heiter wie Jackie in höchster Form und viel weniger kompliziert. Am nächsten Abend ging er etwa mit Freunden zu einer Aufführung von Shakespeares King John und beobachtete das große X, welches der Aufbau des Spiels machte, worin das Glück Johns hoch begann und tief endete, während das des Bastards unten anfing und oben endete. Zitternd saß er da und schaute die kritische Szene an, wo sich das X kreuzte, worin John den Tod des jungen Arthurs befiehlt. Danach ging er mit seinen Freunden die ganze Nacht in der Stadt spazieren. Sie redeten über das Stück und was es ihnen über das Schicksal gewisser Issei zu sagen hätte oder die verschiedenen Mächte auf dem Mars oder die Situation Mars/Erde selbst. Und dann, in der Nacht danach, nachdem er mit einigen von ihnen den Tag draußen verbracht und in seinem Bemühen, vom Land soviel wie möglich zu sehen, tiefe Becken ausgekundschaftet hatte, blieben sie vielleicht draußen und schliefen in einem kleinen Biwakzelt, kampierten in einem der hohen Ringwälle östlich der Stadt und wärmten sich eine Mahlzeit auf, wenn überall an dem purpurnen Himmel Sterne herauskamen und die alpinen Blumen in der Felswanne verblaßten, die sie alle umspannte wie eine gigantische Handfläche.
Tag um Tag lehrten ihn diese wechselseitigen Beziehungen mit Fremden mindestens ebensoviel wie die Vorlesungen. Nicht, daß Zygote ihn völlig unwissend gelassen hätte. Seine Bewohner hatten eine solche Vielfalt menschlichen Verhaltens geboten, daß für Nirgal in dieser Hinsicht nicht mehr viele Überraschungen übriggeblieben waren. Er war tatsächlich, wie er zu verstehen anfing, in etwas aufgewachsen, das eine Art Asyl von Exzentrikern war, von Menschen, die durch jene überaus anstrengenden ersten Jahre auf dem Mars stark geprägt waren.
Aber es gab trotzdem noch einige Überraschungen. Zum Beispiel waren die Eingeborenen aus den nördlichen Städten — und nicht nur sie, sondern fast jeder, der nicht aus Zygote kam — viel weniger körperlich kontaktfreudig untereinander, als Nirgal gewohnt war. Sie berührten, umarmten und liebkosten sich nicht so sehr, sie schubsten und schlugen sich weniger und badeten nicht zusammen, obwohl manche es in den öffentlichen Bädern von Sabishii lernten. Daher überraschte Nirgal diese Leute immer wieder durch seine Eigenart. Er sagte drollige Dinge. Er liebte es, den ganzen Tag zu laufen. Aus welchen Gründen auch immer — als die Monate vergingen und er an endlos zusammenhängenden Gruppen, Bands, Zellen und Gangs beteiligt war, wurde ihm bewußt, daß er irgendwie herausfiel, daß ihm eine Clique von Cafe zu Cafe und von Tag zu Tag folgte. Daß es so etwas gab wie ›Nirgals Haufe‹. Er lernte rasch, diese Aufmerksamkeit abzuwimmeln, wenn er sie nicht mochte. Aber manchmal gefiel sie ihm doch.
Das geschah oft, wenn Jackie da war.
»Schon wieder Jackie!« stellte Art fest. Es war nicht das erste und auch nicht das zehnte Mal, daß sie aufgetaucht war.
Nirgal nickte und fühlte seinen Puls rasen.
Auch Jackie war nach Sabishii gezogen, bald nach Nirgal. Sie hatte ein Zimmer in der Nähe genommen und besuchte einige der gleichen Kurse. Und in der fluktuierenden Gruppe ihrer Kommilitonen prahlten sie manchmal voreinander, besonders in der sehr häufigen Situation, wenn der eine oder die andere dabei war, jemanden zu verführen oder verführt zu werden.
Aber bald lernten sie, daß sie sich nicht darin tummeln konnten, wenn sie nicht andere Partner vertreiben wollten. Das mochten beide nicht. Also ließen sie einander in Ruhe, außer wenn der (die) eine die Partnerwahl des (der) anderen ernsthaft mißbilligte. So beurteilten sie in gewisser Weise die Partner des anderen und fanden sich mit dem Einfluß des anderen ab. Und alles das ohne ein Wort, mit diesem einzigen sichtbaren Zeichen der Macht über den anderen. Sie trieben es mit vielen anderen Leuten, machten neue Bekanntschaften und Freundschaften und hatten Affären. Manchmal sahen sie sich wochenlang nicht. Aber dennoch, auf einem tieferen Niveau (Nirgal schüttelte unglücklich den Kopf, als er das Art klarzumachen suchte) ›gehörten sie einander‹ wenn einer von ihnen jemals die Bindung bestätigen wollte, antwortete der andere auf die Verführung mit flammender Erregung, und sie explodierten. Das war in den drei Jahren, die sie in Sabishii waren, nur dreimal geschehen; aber Nirgal wußte aus diesen Begegnungen, daß sie beide verbunden waren — sicher durch ihre Kindheit und alles, was darin passiert war, aber auch durch noch mehr. Alles, was sie taten, war anders, als wenn sie es mit anderen taten, viel intensiver.
Unter seinen übrigen Bekanntschaften gab es nichts, das so mit Bedeutung oder Gefahr befrachtet gewesen wäre. Er hatte Freunde — ein Dutzend, hundert, fünfhundert. Er sagte immer ja. Er stellte Fragen und hörte zu und schlief selten. Er ging zu den Versammlungen von fünfzig verschiedenen politischen Organisationen und stimmte ihnen allen zu. Er verbrachte manche Nacht im Gespräch, entschied das Schicksal des Mars und dann der ganzen menschlichen Rasse. Mit manchen Menschen kam er besser aus als mit anderen. Er konnte mit einem Eingeborenen aus dem Norden sprechen und ihn sofort sympathisch finden und eine Freundschaft begründen, die ewig dauern würde. Das ging oft so. Aber gelegentlich wurde er durch eine Handlung höchst überrascht, die sich seinem Verständnis gänzlich entzog und ihn wieder daran erinnerte, was für ein klösterliches und sogar klaustrophobes Leben er in seiner Jugend in Zygote geführt hatte, das ihn in mancher Hinsicht so unschuldig ließ wie eine Fee, die unter einem Schneckenhaus erzogen wurde.
»Nein, es ist nicht Zygote, das mich geformt hat«, sagte er zu Art und schaute sich um, um sich zu vergewissern, daß Cojote wirklich schlief. »Man kann sich seine Kindheit nicht aussuchen. Das geschieht einem einfach. Aber danach kann man eine Wahl treffen. Ich habe mich für Sabishii entschieden. Und das hat mich wirklich gemacht.«
»Vielleicht«, sagte Art und rieb sich das Kinn. »Aber die Kindheit besteht nicht bloß aus diesen Jahren. Es sind auch die Meinungen, die einen danach formen. Das ist der Grund dafür, daß unsere Kindheit so lange währt.«
Eines frühen Morgens erleuchtete der tief pflaumenblaue Himmel den grandiosen Nordgrat von Acheron im Norden, der wie ein Manhattan aus massivem Fels aufragte, noch nicht in individuelle Wolkenkratzer zerschnitten. Das Canyonland darunter hatte verschiedene Farben und verlieh dem zerklüfteten Land ein buntes Aussehen. »Das sind eine Menge Flechten«, sagte Cojote. Sax kletterte in den Sitz neben ihm und drückte fast die Nase an die Frontscheibe. Er zeigte so viel Lebhaftigkeit wie überhaupt seit seiner Rettung.
Unmittelbar unter dem Gipfel der Acheronrippe war eine Reihe von Spiegelfenstern wie eine Diamantkette, und ganz oben auf dem Grat war ein langer grüner Federbusch unter dem flüchtigen Schimmer eines Zeltes. »Es sieht so aus, als ob es wieder in Besitz genommen worden wäre«, rief Cojote.
Sax nickte.
Spencer, der über ihre Schultern blickte, sagte: »Ich möchte wissen, wer da drin ist.«
»Niemand«, sagte Art. Sie sahen ihn an, und er fuhr fort: »Ich habe bei meiner Einweisung in Sheffield davon gehört. Es ist ein Projekt von Praxis. Sie haben es neu gebaut und alles fertig gemacht. Und jetzt warten sie bloß.«
»Warten auf was?«