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Sax, der sie währenddessen angeschaut hatte, nickte seltsam und sagte: »Ich will lehren. Sprechen.«

Von allen Leuten in Gamete, mit denen Nirgal Art bekannt machte, kam dieser am besten mit Nadia zurecht. Sie waren zu Nirgals Überraschung sofort voneinander angezogen. Aber er freute sich darüber und sah seine alte Lehrerin zärtlich an, als sie in Beantwortung des Schwalls von Arts Fragen ihrerseits ein Geständnis ablegte. Ihr Gesicht wirkte sehr alt im Vergleich zu ihren auffallenden hellbraunen Augen mit den grünen Flecken um die Pupillen — Augen, die freundliches Interesse und Intelligenz ausstrahlten und Belustigung über Arts Fragen.

Am Ende verbrachten sie drei Stunden miteinander in Nirgals Zimmer. Sie plauderten und schauten auf das Dorf hinunter oder durch die äußeren Fenster zum Teich. Art ging in dem kleinen Zylinder zwischen Tür und Fenstern hin und her und betastete die Einschnitte in dem glänzenden grünen Holz. »Nennt ihr das Holz?« fragte er mit Blick auf den Bambus. Nadia lachte und sagte: »Ich nenne es Holz. Es ist Hirokos Idee, in diesen Dingern zu leben. Und die ist gut. Gute Isolation, unglaubliche Festigkeit, keine Zimmermannsarbeit außer Installation von Tür und Fenstern … «

»Ich vermute, diesen Bambus hättest du gern in Underhill gehabt, nicht wahr?«

»Die Räume waren dort zu klein. Vielleicht in den Arkaden. Im übrigen ist diese Spezies erst kürzlich entwickelt worden.«

Sie richtete jetzt Fragen an ihn und stellte dutzendweise Erkundigungen über die Erde an. Was benutzten sie jetzt als Baumaterial für Häuser? Würden sie Fusionsenergie kommerziell verwenden? War die UN durch den Krieg von ’61 unwiederbringlich geschädigt? Würden sie versuchen, einen Raumaufzug für die Erde zu bauen? Wieviel Prozent der Bevölkerung haben Altersbehandlung bekommen? Welche der großen Transnationalen waren am mächtigsten? Kämpften sie unter sich um die Vorherrschaft?

Art beantwortete diese Fragen so ausführlich er konnte; und obwohl er wegen der Unzulänglichkeit seiner Antworten den Kopf schüttelte, lernte Nirgal für sich daraus eine Menge, und Nadia schien dasselbe zu empfinden. Und beide mußten recht oft lachen. Als Art seinerseits Nadia Fragen stellte, waren ihre Antworten freundlich, aber sehr unterschiedlich in ihrer Ausführlichkeit. Wenn sie über ihre laufenden Projekte sprach, ging sie ins Detail. Sie freute sich, die Dutzende von Bauvorhaben zu beschreiben, an denen sie in der Südhemisphäre arbeitete. Wenn er ihr aber in seiner kühnen, direkten Art Fragen stellte nach den frühen Jahren in Underhill, zuckte sie gewöhnlich bloß die Achseln, selbst wenn er sich nach Details der Bauten erkundigte. Sie sagte meistens: »Ich kann mich wirklich nicht sehr gut erinnern.«

»Na, mach schon!«

»Nein, das ist die Wahrheit. Das ist wirklich ein Problem. Wie alt bist du?«

»Fünfzig. Oder einundfünfzig, schätze ich. Ich habe das Datum nicht verfolgt.«

»Nun, ich bin einhundertzwanzig. Mach kein so entsetztes Gesicht! Mit den Behandlungen ist das gar nicht so alt — du wirst sehen! Ich habe gerade erst vor zwei Jahren die Behandlung wiederholt und bin nicht gerade wie ein Teenager, fühle mich aber recht gut. Sogar sehr gut. Aber ich denke, das Gedächtnis ist das schwache Glied. Es könnte sein, daß das Gehirn nicht so viel faßt. Oder vielleicht versuche ich es auch bloß nicht. Aber ich bin nicht der einzige Mensch mit diesem Problem. Maya geht es noch schlimmer als mir. Und jeder in meinem Alter beklagt sich darüber. Vlad und Ursula werden besorgt. Ich bin überrascht, daß sie damals, als sie die Behandlungen entwickelten, nicht daran gedacht haben.«

»Vielleicht haben sie es danach vergessen.«

Wohl zu ihrer eigenen Überraschung mußte sie lachen.

Später beim Essen, als sie wieder über ihre Baupläne gesprochen hatten, sagte Art ihr: »Du solltest wirklich versuchen, eine Zusammenkunft all dieser Untergrundgruppen zustande zu bringen.«

Maya saß an ihrem Tisch und sah Art so mißtrauisch an wie schon in Echus Chasma. »Das ist nicht möglich«, erklärte sie. Sie sah viel besser aus als damals, als sie sich getrennt hatten, dachte Nirgal — ausgeruht, groß, geschmeidig, graziös, strahlend. Sie schien die Schuld des Mordes abgeschüttelt zu haben wie einen Mantel, den sie nicht mochte.

»Warum nicht?« fragte Art sie. »Ihr hättet es sehr viel besser, wenn ihr auf der Oberfläche leben könntet.«

»Das ist klar. Und wir könnten in die Demimonde einziehen, wenn das so einfach wäre. Aber auf der Oberfläche und im Orbit gibt es eine große Polizeitruppe; und das letztemal, als sie uns gesehen haben, versuchten sie, uns so schnell wie möglich zu töten. Und die Art, wie sie Sax behandelt haben, gibt mir keine Zuversicht, daß sich die Dinge gewandelt haben.«

»Das sage ich auch nicht. Aber ich denke, daß es Dinge gibt, die du tun könntest, um ihnen wirksamer entgegenzutreten. Zum Beispiel sich zusammenzuschließen und einen Plan zu machen. Kontakt mit Organisationen an der Oberfläche aufnehmen, die euch helfen würden. So etwas.«

»Wir haben solche Kontakte«, sagte Maya kühl. Aber Nadia nickte. Und in Nirgals Kopf tobten Bilder seiner Jahre in Sabishii. Ein Treffen des Untergrunds …

»Die von Sabishii würden bestimmt kommen«, sagte er. »Sie machen schon die ganze Zeit solche Sachen. Das ist eben praktisch die Demimonde.«

»Du solltest auch daran denken, Verbindung mit Praxis aufzunehmen«, sagte Art. »Mein früherer Chef William Fort würde an einer solchen Zusammenkunft sehr interessiert sein. Und alle Mitglieder von Praxis sind mit Neuerungen beschäftigt, die dir gefallen würden.«

»Deinfrüherer Chef?« sagte Maya.

»Gewiß«, sagte Art mit leichtem Lächeln. »Jetzt bin ich mein eigener Chef.«

»Ich denke, daß du eher unser Gefangener bist«, erklärte Maya scharf.

»Wenn du von Anarchisten gefangen bist, ist es dasselbe, nicht wahr?«

Nadia und Nirgal lachten, aber Maya machte ein brummiges Gesicht und wandte sich ab.

»Ich meine, ein Meeting wäre eine gute Idee«, sagte Nadia. »Wir haben Cojote zu lange allein das Netzwerk betreiben lassen.«

»Das habe ich gehört!« rief Cojote vom nächsten Tisch.

»Gefällt dir diese Idee nicht?« fragte ihn Nadia.

Cojote zuckte die Achseln. »Wir müssen etwas tun, das ist ohne Zweifel richtig. Sie wissen jetzt, daß wir hier unten sind.«

Das löste ein nachdenkliches Schweigen aus.

Nadia sagte zu Art: »Ich gehe in der nächsten Woche nach Norden. Wenn du willst, kannst du mit mir kommen. Du auch, Nirgal, wenn du Lust hast. Ich werde eine Menge Zufluchtsstätten besuchen, und wir können mit ihnen über eine Versammlung sprechen.«

»Sicher«, sagte Art mit erfreuter Miene. Und Nirgals Geist raste los, als er an die Möglichkeiten dachte. Daß er wieder in Gamete war, machte einen schlafenden Teil seines Geistes wieder lebendig, und er sah deutlich die zwei Welten als eine einzige. Das Weiß und Grün, in zwei verschiedene Dimensionen gespalten, durchdrangen einander — wie der Untergrund und die Oberflächenwelt, unbeholfen in der Demimonde vereint. Eine Welt ohne Brennpunkt…

Also kamen in der nächsten Woche Art und Nirgal mit Nadia zusammen und fuhren nach Norden. Wegen der Verhaftung von Sax wollte Nadia nicht riskieren, in einer offenen Stadt längs ihres Weges zu bleiben, und schien noch nicht einmal den anderen versteckten Zufluchtsstätten zu trauen. Sie gehörte zu den Konservativsten unter den Alten, was Geheimhaltung betraf. Während der Jahre des Verstecktseins hatte sie wie Cojote ein ganzes System eigener Schutzräume geschaffen; und jetzt fuhren sie von einem zum nächsten, verbrachten die kurzen Tage mit Schlafen und Abwarten in relativem Komfort. Während der Wintertage konnten sie nicht fahren, weil der Nebel dünner geworden war und ein kleineres Areal umfaßte; und in diesem Jahr war er oft nicht mehr als ein leichter Dunst oder niedriges flockiges Gewölk, das über das rauhe klumpige Land wirbelte. Eines Morgens fuhren sie nach zehn Uhr im Nebel einen unebenen Steilhang hinunter, und Nadia erklärte, daß Ann ihn als den Rest eines früheren Chasma Australe identifiziert hätte. »Sie sagt, es gibt hier unten buchstäblich Dutzende fossile Chasma Australes, die zu früheren Zeiten im Zyklus der Präzession in unterschiedlichen Winkeln eingeschnitten wurden.« Und der Nebel verzog sich, so daß sie plötzlich viele Kilometer weit sehen konnten, bis hin zu den gezackten Eiswänden an der Mündung des jetzigen Chasma Australe, das in der Ferne schimmerte. Sie waren bloßgestellt. Dann schlössen sich die Wolken wieder über ihnen und hüllten sie in düsteres fließendes Weiß, als ob sie in einem Schneesturm führen, in dem die Flocken so fein waren, daß sie der Schwerkraft spotteten und ständig in der Schwebe dahingetrieben wurden.