Was seine Meinung über Daniel Stone anging. Was sein Tun anging, nicht.
Sie hatten den Korridor verlassen und näherten sich der Tür zu der kleinen Betonkammer, in der Gurk die letzten drei Monate verbracht hatte, und er registrierte, daß sie allein waren, bis auf den bewaffneten Posten, der vor der offenstehenden Tür seiner Zelle stand und ihnen entgegensah. Drei bewaffnete, aufmerksame Krieger gegen ihn allein - kein besonders gutes Verhältnis, aber wahrscheinlich das beste, das er bekommen konnte.
Gurk griff im Laufen mit einer wie zufällig wirkenden Bewegung unter das Cape, zog die winzige Waffe hervor, die Stone ihm gegeben hatte, und ließ sich der Länge nach nach vorn fallen. Die beiden Moroni mußten glauben, er wäre einfach gestolpert, denn sie griffen nicht nach ihren Waffen, sondern blieben stehen, und eines der riesigen vierarmigen Geschöpfe beugte sich vor, um ihn wieder in die Höhe zu ziehen.
Gurk erschoß es. Den Finger noch immer auf dem Feuerknopf der Waffe, rollte er herum, ließ die Strahlenpistole und das dünne, flimmernde Band aus blutrotem Licht, das sie ausstieß, eine halbkreisförmige, weit ausholende Bewegung machen, und löste Kopf, Schultern und das obere Armpaar des zweiten Wächters damit in grauen Staub auf, ehe er sich blitzschnell zur Seite warf, um dem zusammenbrechenden Insektenkörper auszuweichen.
Der dritte Krieger begriff die Gefahr und reagierte so schnell und kaltblütig, wie es Geschöpfe seines Volkes taten. Während er mit zwei Armen sein Gewehr in die Höhe riß und auf Gurk anlegte, senkte sich eine dritte Hand zu dem winzigen Kommunikator, der an seinem Gürtel hing.
Gurk schoß, ohne lange zu zielen. Der rote Energiestrahl verfehlte den Moroni und pulverisierte einen Teil der Wand hinter ihm, aber der Angriff lenkte die Ameise für einen winzigen Moment ab. Hastig machte sie einen halben Schritt zur Seite und versuchte, gleichzeitig auf ihn anzulegen und den Alarmknopf auf dem Gerät an ihrem Gürtel zu drücken. Doch so schnell sie war - Gurk war schneller.
Die Ameise und er feuerten gleichzeitig. Der grellweiße Laserblitz aus dem Gewehr des Moroni verfehlte ihn nur um Zentimeter, doch Gurks Schuß traf. Der Kommunikator, die Hand, die sich danach ausgestreckt hatte, und ein Teil der horngepanzerten Hüfte der Insektenkreatur verwandelten sich in eine graue Staubwolke, und Gurk sprang auf die Füße und drückte ein zweites Mal ab, noch ehe die Ameise auch nur Gelegenheit fand, Schmerz zu empfinden oder einen Schrei auszustoßen. Der Energiestrahl brannte ein faustgroßes Loch in ihren Brust- und Rückenpanzer und durchschlug auch noch die Wand hinter ihr.
Blitzschnell fuhr Gurk herum und richtete die Waffe auf den Gang hinter sich, aber es gab kein Ziel. Alles war so schnell und beinahe lautlos gegangen, daß offensichtlich keines der anderen Insektengeschöpfe, die hinter der Gangbiegung standen, etwas von dem Kampf gehört oder gesehen hatte.
Gurk betrachtete eine halbe Sekunde lang schaudernd die rauchende Brandspur, die der Schuß des Moroni in die Wand gesengt hatte. Hätte die Ameise auch nur ein Stück weiter nach rechts gezielt, dann wäre der Laserblitz in die Wand des Querganges gefahren, und dann würde es jetzt hier von Kriegern nur so wimmeln. Er hätte kein Chance gehabt, mit dem Leben davonzukommen, geschweige denn hier heraus.
Er verscheuchte den Gedanken. Hätte und Wenn brachten ihn nicht weiter. Und es war gut möglich, daß seine Glückssträhne nur noch Sekunden vorhielt. Irgend etwas war in diesem Gebäude, vielleicht in der ganzen Stadt geschehen. In all den Wochen, die Gurk hier verbracht hatte, hatte er niemals so viele Krieger hier unten gesehen, und auch der Blick aus dem Fenster von Stones Penthouse-Apartment hatte ihm eine beunruhigende, nervöse Aktivität gezeigt, die von der ganzen Stadt Besitz ergriffen zu haben schien.
Er steckte die Waffe ein, stieg mit einem vorsichtigen Schritt über den Körper der zusammengebrochenen Ameise hinweg und rannte den Gang hinab. Vorbei an der Tür seiner Zelle erreichte er die nächste Abzweigung, wandte sich nach rechts und fand nach wenigen Schritten eine verschlossene Tür aus grüngestrichenem Eisen, ganz wie Stone gesagt hatte. Gurk blieb schwer atmend stehen, sah sich hastig nach beiden Seiten um und zog dann den winzigen Impulsgeber unter seinem Cape hervor, den er von Stone bekommen hatte. Seine Hände zitterten ganz leicht, als er ihn gegen das Schloß drückte. Eine halbe Sekunde lang geschah nichts, und er begann sich schon zu fragen, ob sein Mißtrauen Stone gegenüber vielleicht doch berechtigt gewesen war, dann hörte er ein helles Klicken, und die Tür sprang ein Stück weit auf.
Hastig schlüpfte Gurk durch den Spalt, zog die Tür hinter sich wieder zu und tastete blind über die Wand daneben. Er fühlte rauhen Beton, dann glattes Plastik, auf das er kurz und kräftig drückte, und einen Augenblick später erwachten eine Anzahl flackernder Neonröhren unter der Decke zum Leben.
Gurk sah sich um. Genau wie Stone ihm beschrieben hatte, erstreckte sich vor ihm eine schmale Treppe aus nacktem Beton ein halbes Dutzend Stufen weit in die Tiefe, ehe sie vor einer zweiten, gleichartigen Tür endete. Er verschwendete eine weitere Sekunde darauf, sich noch einmal umzudrehen und die Tür hinter sich wieder zu verriegeln - was eventuelle Verfolger zwar nicht aufhalten, vielleicht aber für einige Sekunden behindern mochte -, dann rannte er immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter und öffnete auch die nächste Tür auf die gleiche Weise.
Dahinter lag eine riesige Halle aus nacktem Beton, deren Decke von einem Gewirr aus meterdicken, runden Zementsäulen getragen wurde. Die Beleuchtung, die auch hier aus meterlangen, weißen Neonröhren bestand, war zum allergrößten Teil ausgefallen, so daß das, was sich vor Gurk erstreckte, eher wie eine bizarre, unheimliche Tropfsteinhöhle aussah, in der nur hier und da kleine Tümpel aus weißem Licht leuchteten. Aber es war, was Stone ihm gesagt hatte: eine Tiefgarage. Und er war erst wenige Schritte weit gegangen, als er zwischen den verrosteten, seit einem halben Jahrhundert vergessenen Autowracks das silberfarbene Luftkissenfahrzeug mit dem Emblem des Governors erblickte.
Gurk blieb abermals stehen. Sein Herz begann hart und laut zu schlagen, und alles in ihm schrie danach, einfach herumzufahren und Schutz in der Dunkelheit zu suchen. Die Falle war so offensichtlich, daß jedes Kind sie erkannt hatte. Mit der linken Hand zog er seine Waffe, drehte sich einmal im Kreis und sah sich aufmerksam um. Nichts rührte sich. Die verrosteten Autowracks lagen wie die versteinerten Skelette bizarrer Riesentiere rings um ihm in der Dunkelheit, und er spurte plötzlich, wie schlecht und verbraucht die Luft hier unten war. Mit aller Konzentration starrte er in die Dunkelheit, und mit der gleichen Konzentration lauschte er in sich hinein, aber weder sah er Moroni-Krieger, noch spurte er ihre Gegenwart.
Schließlich begann er vorsichtig auf das Fahrzeug zuzugehen. Es war ein riesiges, sechssitziges Gefährt, schwer bewaffnet und so dick gepanzert, daß es selbst dem Angriff eines Kampfgleiters standhalten konnte. Gurk betrachtete es fast eine Minute lang mißtrauisch, umkreiste es einmal und blieb dann noch einmal stehen, ehe er unsicher die Hand hob und den Impulsgeber gegen die Tür druckte.
Sie glitt lautlos auf. Gurk spannte sich und hob die Waffe, darauf gefaßt, in ein ausdrucksloses Insektengesicht und den Lauf eines Lasergewehrs zu starren, aber vor ihm lag nur der mit rotem Samt bezogene Fahrersitz des Wagens. Es sah so aus, als hatte Stone tatsächlich die Wahrheit gesagt.