Noch immer zitternd vor Nervosität kletterte Gurk in den Wagen, schloß die Tür hinter sich und plazierte den Impulsgeber in der winzigen dafür vorgesehenen Mulde unter dem Steuer. Ein helles Summen erklang, und plötzlich erwachte das komplizierte Durcheinander von Skalen und Meßgeraten auf dem Armaturenbrett zu grunleuchtendem Leben. Der Sitz unter ihm begann zu vibrieren, als die Maschinen des Fahrzeugs ansprangen und es nahezu lautlos eine Handbreit über den Boden hoben.
Vorsichtig und jederzeit darauf gefaßt, daß es ihn biß oder sonst etwas Unvorhergesehenes tat, streckte Gurk die Hand nach dem Steuer aus. Nichts geschah. Das Fahrzeug begann sich gehorsam auf der Stelle zu drehen, als Gurk das Rad ein wenig nach rechts bewegte, schwenkte in die entgegengesetzte Richtung und richtete die stumpfe Schnauze dann auf die geschlossenen Tore der Tiefgarage aus.
Es mußte eine Falle sein. Daniel Stone konnte nicht glauben, damit durchzukommen. Es war das Privatfahrzeug des Governors, das nur er allein bewegen konnte - oder jemand, der seinen persönlichen Codegeber in der Hand hatte. Bei aller Gutgläubigkeit der Moroni, die es Stone bisher ermöglicht hatte, sein Netz aus Verrat und Lüge zu spinnen, würden sie spätestens an diesem Punkt anfangen, sich gewisse Fragen zu stellen.
Vielleicht hatte er sich doch in Stone getäuscht. Entschlossen gab Gurk Gas. Die Gittertore der Tiefgarage glitten rasselnd vor dem Fahrzeug in die Höhe, und eine halbe Minute später raste das Luftkissenfahrzeug auf die Straße vor dem Wolkenkratzer hinaus und schoß immer schneller werdend in südliche Richtung los.
17
Die Gleiter hatten schließlich doch das Feuer auf den Läufer eröffnet. Obwohl der Selbstverteidigungsmechanismus der Maschine zurückschlug, wurde der Widerstand immer verbissener, der sich ihm entgegenstemmte. Hinzu kam eine ganze Armee kleiner bewaffneter Bodenfahrzeuge - und buchstäblich Tausende von Ameisen, die aus dem Dschungel und den Ruinen hervorbrachen und die riesige, dahinstampfende Maschine zu entern versuchten. Leßter hatte - mit Ausnahme der stählernen Käferflügel, die die Hallendecke bildeten - sämtliche Ein- und Ausgänge des Läufers versiegelt, aber Charity sah auf einigen der Außenkameras, daß die Ameisen geschickt und scheinbar mühelos an den riesigen stählernen Beinen des Ungetüms emporkletterten. Nicht wenige von ihnen wurden von den Strahlenschüssen ihrer eigenen Gleiter getroffen, die den riesigen Roboter noch immer beschossen, aber ihre Zahl wuchs unaufhörlich. Charity schätzte, daß nur noch Minuten vergehen konnten, bis die ersten von ihnen durch die offenstehende Decke der Fabrikhalle hereingeströmt kamen.
Der Läufer zitterte jetzt immer stärker. Manchmal erschütterten schwere Explosionen die riesige Konstruktion, und sein eigenes Abwehrfeuer wurde schwächer, denn die angreifenden Gleiter konzentrierten sich jetzt auf die Geschütztürme des Läufers. Und auch aus den Bodenfahrzeugen stießen immer wieder grelle, weiße Lichtblitze in die Höhe und brannten rauchende Löcher in die Flanke des stampfenden Riesenroboters. Offensichtlich waren die Moroni entschlossen, den Läufer lieber in Stücke zu schießen, ehe sie es zuließen, daß er die Stadt erreichte.
»Wir sollten allmählich hier verschwinden«, sagte Skudder. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf einen der Schirme, auf dem eine Anzahl winziger schwarzer Gestalten zu erkennen war, die mit emsig wirbelnden Gliedern über die Flanke des Läufers krochen und sich seinem Rücken näherten. »Sie kommen garantiert als erstes hierher.«
»Sie haben recht«, sagte Leßter. »Öffnen Sie die Tür.«
»Und Sie?«
»Ich begleite Sie«, antwortete Leßter. »Aber vorher bereite ich eine kleine Überraschung für unsere Freunde vor.« Seine Finger huschten über die Schalter, drückten Tasten, legten Hebel um und hackten Zahlenkombinationen in die Tastatur fremdartig beschrifteter Computer. Dann trat er einen Schritt zurück, überzeugte sich mit einem langen, prüfenden Blick davon, daß er alles richtig gemacht hatte - und zog plötzlich die Strahlenpistole aus dem Gürtel, um rasch hintereinander zwei Schüsse auf das Pult abzugeben. In einem grellen Funkenschauer explodierten die meisten der empfindlichen Geräte. Geschmolzenes Metall lief zischend zu Boden, und kleine, orange-rote Flammen begannen aus dem Pult zu züngeln. Der sechseckige Riesenschirm an der Wand flackerte, wurde grau und erlosch dann ganz.
»Was haben Sie getan?« stieß Skudder erschrocken hervor.
Leßter drehte sich zu ihm herum und grinste. »Jetzt wird es ihnen eine Menge Kopfzerbrechen bereiten, dieses Ding aufzuhalten«, sagte er. »Ein Techniker könnte es wahrscheinlich - aber das da draußen sind Soldaten, und denen bereitet es schon Mühe, einen Schlüssel richtig herum ins Schloß zu stecken.« Er deutete auf die Tür. »Schweißen Sie sie auf.«
Skudder sah ihn noch einen Moment zweifelnd an, aber dann hob er seine Waffe und ließ einen bleistiftdünnen, weißen Energiestrahl über die Stelle gleiten, an der sie die Eisenplatte vor die Tür geschweißt hatten. Das zermürbte Metall gab schon nach Sekunden nach und fiel polternd nach draußen.
Hintereinander verließen sie die Steuerzentrale. Der Anblick draußen auf dem Gang hatte sich nicht verändert. Es war wärmer geworden, aber das graubraune Metall war noch immer unter einem dicken Panzer aus Eis verborgen. Es würde noch Stunden, wenn nicht Tage dauern, bis die grausame Kälte, die sie aus dem Sperrgürtel mitgebracht hatten, wich.
Charity wollte sich nach rechts wenden, in die Richtung, aus der sie gekommen waren, aber Leßter schüttelte hastig den Kopf und deutete zur anderen Seite. Wortlos folgten sie ihm.
Das dumpfe Krachen und Donnern der Explosionen hielt an, und rings um sie herum wankte die riesige Maschine immer stärker, während sie Leßter durch ein Labyrinth von Gängen und schmalen, gewendelten Eisentreppen folgten. Einmal glaubte Charity eine Bewegung zu sehen, aber sie waren zu schnell vorbei, als daß sie sicher sein konnte, und kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, erschütterte eine gewaltige Explosion den Läufer und warf ihn fast um. Der Ruck, mit dem er wieder in die Waagerechte kippte und in den Rhythmus seiner stampfenden Beine zurückfand, riß sie allesamt von den Füßen und warf sie durcheinander.
»Ich glaube, sie machen allmählich ernst«, sagte Skudder, während er sich umständlich wieder in die Höhe stemmte. »Noch ein paar solcher Treffer, und das ganze verdammte Ding fällt auseinander.«
»Es ist nicht mehr weit«, sagte Leßter. Er deutete auf eine Tür am Ende des Korridors, vor der ein formloses Etwas hockte, zum Teil aus Metall, zum Teil aus wildwuchernden Eisgewächsen bestehend, die sein mechanisches Leben erstickt hatten. »Schnell!«
Sie folgten ihm. Die Tür klemmte. Der Mechanismus war eingefroren, so daß Skudder mit einem kurzen Feuerstoß aus seiner Waffe nachhelfen mußte, aber danach war das Metall verzogen, so daß sie sich nur einen Spaltbreit öffnete, gerade weit genug, daß sie sich hindurchzwängen konnten.
Dahinter lag ein halbrunder, flacher Hangar, in dem ein gutes Dutzend bizarr geformter Fahrzeuge stand. Die meisten von ihnen waren zu klein, um mehr als einer Person Platz zu bieten, und wie das gesamte Innere des Läufers in einen Panzer aus gesprungenem milchigem Eis eingeschlossen. Leßter deutete auf einen der wenigen größeren Umrisse und lief los, ohne auf sie zu warten. Erst als sie sich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatten, erkannte Charity die Form unter dem Gebirge aus Eis, das sich darüber aufgetürmt hatte. Das Fahrzeug ähnelte einem nach vorn flacher werdenden Keil und hatte drei kurze Stummelflügel, die einer total irrsinnigen Geometrie folgend an den Rumpf angeschweißt waren. Der Position des einzigen Fensters nach zu schließen mußte es so gut wie unmöglich sein, darin zu sitzen.