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Charity stemmte sich in die Höhe und war nicht sonderlich überrascht, als sie sah, daß es Leßter gewesen war, der die Moroni fast ganz allein erledigt hatte. Auch Skudder starrte den Soldaten an, und der Ausdruck auf seinem Gesicht schwankte zwischen Verblüffung und Schrecken. Aber wieder bekam keiner von ihnen eine Gelegenheit, auch nur eine Frage zu stellen, denn Leßter gestikulierte ungeduldig mit der freien Hand und sagte: »Schnell! Ich bin sicher, es kommen noch mehr.«

Und damit hatte er nur zu recht. Es gelang ihnen, die Halle und auch den größten Teil des Hafenviertels unbehelligt hinter sich zu bringen, aber es war nur eine winzige Atempause, die ihnen gegönnt wurde. Auf der anderen Seite des Hudson River schlugen noch immer turmhohe Flammen in den Himmel, und fettiger, schwarzer Qualm verdunkelte ein Drittel des Horizonts. Eine ununterbrochene Folge schwerer, krachender Explosionen rollte über die Stadt, und ganze Schwärme von Gleitern schössen über den Himmel und spieen grellweißes Feuer über ein Ziel, das Charity nicht mehr sehen konnte. Aber sie wußte, daß es ihnen irgendwie gelungen war, den Läufer aufzuhalten. Das Ziel, auf das die Gleiter schössen, bewegte sich nicht mehr.

Aus einem Grund, den sie im ersten Moment selbst nicht wirklich verstand, war sie erleichtert. Zwar hätten sie sich im Grunde nichts besseres wünschen können, als daß es der gigantischen Maschine gelang, den Fluß zu überwinden und in die Stadt einzudringen, denn das hätte die Insektenkrieger nachhaltig davon abgehalten, Jagd auf sie zu machen. Und trotzdem wäre ihr die Vorstellung unerträglich gewesen.

Diese Stadt mochte jetzt zu einer Festung der Außerirdischen geworden sein. Sie hatten sie erobert, bis auf den letzten Winkel, und zweifellos jedes menschliche Wesen daraus vertrieben. Aber es blieb eine menschliche Stadt. New York - und vor allem Manhattan - war stets mehr als eine Stadt gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte dieser Name allein für alles gestanden, wofür Menschen je gekämpft hatten: Freiheit, Frieden und Gleichheit. Und auch wenn diese Ideale hier vielleicht weniger als an vielen anderen Orten auf der Welt verwirklicht worden waren, wäre es Charity unerträglich gewesen, die Skyline Manhattans von einem fünfhundert Meter großen Käfer aus Metall verwüstet zu sehen.

Die Kehrseite der Medaille war, daß nun auch über dem Hafenviertel mehr und mehr Gleiter auftauchten. Sie flogen sehr tief und zu langsam, als das Charity sich überzeugend einreden konnte, daß sie irgend etwas anderes taten als nach ihnen zu suchen. Und durch das unablässige Donnern der Explosionen und das Heulen der Gleiter hindurch hörte sie jetzt immer öfter die charakteristischen Pfiffe und schrillen Schreie, mit denen sich die Insektenkrieger von den Sternen verständigten. Zwar sahen sie keine der schwarzen Ameisengestalten, aber Charity spürte einfach, daß sich der Ring um sie herum enger zusammenzog.

Leßter blieb plötzlich stehen und hob die Hand. »Da ist etwas!« sagte er.

Auch Charity und Skudder erstarrten mitten im Schritt und lauschten, hörten aber nichts. Aber Leßter ging nicht weiter, sondern begann plötzlich heftiger mit dem Arm zu gestikulieren und deutete auf die Tür eines halbverfallenen Gebäudes zur Rechten. »Dort hinein! Schnell!«

Sie gehorchten. Davon abgesehen, daß dies wirklich nicht der Zeitpunkt für Diskussionen war, hatte Leßter seit ihrer Flucht aus dem brennenden Läufer so selbstverständlich das Kommando übernommen, das Charity bisher nicht einmal auf den Gedanken gekommen war, ihm zu widersprechen.

Und es war auch gut, daß sie es nicht tat, denn sie hatte kaum als letzte das Gebäude erreicht und sich durch die Tür geworfen, als eine ganze Abteilung schwerbewaffneter Moroni am Ende der Straße auftauchte. Skudder hob sein Gewehr, stützte den Lauf auf dem angezogenen Knie ab und zielte sorgfältig, schoß aber noch nicht. Und auch Charity zögerte, das Feuer zu eröffnen, obwohl die Moroni sie sichtlich nicht entdeckt und sie somit den Vorteil der Überraschung auf ihrer Seite hatten.

Aber die Ameisenkrieger machten keine Anstalten, sich ihnen zu nähern. Ein gutes Dutzend von ihnen marschierte zu einer langen Kette auf, die die Straße auf voller Breite absperrte, und noch einmal so viele drangen in die Gebäude rechts und links der Straßenkreuzung ein.

»Was geht da vor?« flüsterte Skudder erstaunt.

Charity zuckte mit den Achseln, aber sie antwortete trotzdem. »Ich fürchte, sie sperren das ganze Viertel ab. Sie suchen uns.«

»Damit war zu rechnen«, sagte Leßter, aber Charity unterbrach ihn in sehr ernstem Tonfall.

»Sie verstehen nicht, Leßter. Sie suchen uns. Mich und Skudder, und alle, die bei uns sind.«

Leßter sah sie zweifelnd an. »Sie können unmöglich wissen, wer wir sind.«

»Ich habe mir abgewöhnt, das Wort unmöglich in den Mund zu nehmen, wenn ich über die Moroni rede«, sagte Charity ernst. »Außerdem gibt es zumindest einen Menschen hier in der Stadt, der ziemlich genau weiß, wen er zu erwarten hat.«

»Stone?« Skudders Zweifel war nicht zu überhören.

Charity zuckte abermals mit den Schultern, zog sich vorsichtig einige Schritte weiter in den staubigen Hausflur zurück und lehnte das Gewehr griffbereit neben sich an die Wand. Dann griff sie in die Tasche, zog den Kommunikator heraus und schaltete ihn ein. Auf dem winzigen Bildschirm erschien Daniel Stones Gesicht, und es hatte sich kaum stabilisiert, da machte sich ein vorwurfsvoller Ausdruck darauf breit.

»Captain Laird!« sagte er. »Ich sehe, Sie haben nicht auf meinen Rat gehört und sind...«

»Halten Sie den Mund, Stone«, unterbrach ihn Charity grob. Albern oder nicht - sie empfand dieser winzigen Holographie gegenüber den gleichen Zorn, wie sie ihn dem echten Daniel Stone entgegengebracht hätte. »Wir sitzen in der Falle. Ihre Freunde wissen ganz genau, wer wir sind. Und sie fangen gerade an, ein Kesseltreiben auf uns zu veranstalten.«

Stone wirkte bestürzt. »Was ist passiert?« fragte er knapp.

Charity erklärte es ihm mit wenigen gehetzten Worten, und Stones Gesicht nahm einen immer besorgteren Ausdruck an. »Und was erwarten Sie jetzt von mir?« fragte er, nachdem sie mit ihrem Bericht zum Ende gekommen war. »Wenn ich Sie daran erinnern darf, habe ich Ihnen davon abgeraten, den Läufer zu kapern. Daß es Ihnen gelungen ist und daß Sie noch leben, ist schon ein Wunder. Aber lassen wir das. Sie beginnen die Straßen abzusperren, sagen Sie?«

Charity nickte.

»Das kann zweierlei bedeuten«, fuhr Stone nachdenklich fort. »Entweder sie machen das gesamte Viertel dem Erdboden gleich - was ich nicht glaube -, oder sie setzen einen Sucher ein.«

Charity glaubte aus den Augenwinkeln zu sehen, wie Leßter erschrocken zusammenfuhr, war sich aber nicht sicher. »Ein Sucher?« wiederholte sie. »Was ist das?«

»Sie werden ihn erkennen, wenn Sie ihn sehen«, antwortete Stone geheimnisvoll. »Wenn das geschieht, Captain Laird, dann schalten Sie dieses Gerät ein und lassen Sie es liegen, wo es ist, und laufen Sie, so schnell Sie können.«

»Das klingt richtig beruhigend«, murrte Skudder. »Sie haben eine herzerfrischende Art, einem Mut zu machen. Was zum Teufel ist ein Sucher?«

Stone seufzte. »Also gut«, sagte er. »Sie erinnern sich an das Wesen, auf das Sie in den Ruinen von Köln gestoßen sind?«

Skudder nickte. Er war ein bißchen blaß geworden.

»Und jetzt stellen Sie sich ein Geschöpf vor, das Jagd auf solche Wesen macht«, fuhr Stone seelenruhig fort.

Skudder wurde noch blasser und zog es vor, keine Fragen mehr zu stellen.

»Wo befinden Sie sich jetzt?« fragte Stone, wieder an Charity gewandt.