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Das formlose, schwarze Etwas glitt - merklich tiefer als vorhin - über die Dächer der Häuser dahin, taumelte scheinbar ziellos hin und her und verlor dabei immer mehr an Höhe. Hastig wichen sie wieder in Deckung zurück und blieben stehen. Charity beobachtete den Sucher aufmerksam aus dem Schutz der Toreinfahrt heraus, in der sie Deckung gesucht hatten. Dieses formlose Etwas machte immer noch keinen besonders gefährlichen Eindruck, und sie hatte immer noch das Gefühl, daß es nicht genau wußte, wonach es suchte. Aber es kam näher, und es war diese fast maschinenhafte Beharrlichkeit, die Charity trotz alledem erschreckte.

»Wenn wir in den Häusern bleiben, kann es uns nicht gefährlich werden«, sagte Skudder.

Charity sah ihn zweifelnd an, und der Hopi fügte mit einem Ton, als spreche er diese Worte nur, um sich selbst zu beruhigen, hinzu: »Es ist viel zu groß.«

Leßters Mimik verriet, daß er etwas sagen wollte, doch dann überlegte er es sich im letzten Moment anders und schüttelte nur stumm den Kopf.

Der Sucher glitt in kleiner werdenden Kreisen über die Häuserblocks dahin, entschwand manchmal ihren Blicken, tauchte aber immer sofort wieder auf und sank dabei unaufhörlich tiefer. Obwohl er ihnen jetzt nahe war, konnte Charity seine Struktur noch immer nicht genau erkennen. Er schien eine riesige, formlose Masse mit einer lichtschluckenden Oberfläche zu bleiben, unter der ein körperloses Brodeln und Gleiten zu erahnen war.

Sie wichen weiter in das Haus zurück und beobachteten, wie das bizarre Geschöpf wenige hundert Schritte von ihnen entfernt auf der anderen Seite der Straße den Boden berührte. Charity war ein wenig verwirrt. Das Wesen kam ihr plötzlich kleiner vor - vorhin, als sie es das erste Mal am Himmel gesehen hatte, hatte sie seine Größe auf hundert, wenn nicht mehr Meter geschätzt, jetzt hatte es kaum mehr die Abmessungen eines kleinen Lastwagens; noch immer gigantisch, aber nicht mehr so monströs wie bisher.

Dann zerfiel es in zwei Teile. Es geschah lautlos und sehr schnell. Die riesige, formlose Masse schnürte sich in der Mitte zusammen wie eine absurd große Zelle, die sich teilte, gerann zu zwei brodelnden Klumpen, zwischen denen sich für Momente noch dünne glitzernde Fäden spannten, ehe sie lautlos rissen und wie peitschende Arme in die Hauptmasse des nunmehr geteilten Körpers zurückschnellten. Der eine Teil dieses riesigen Etwas bewegte sich mit gleitenden Bewegungen die Straße hinab, der andere blieb reglos dort, wo er war.

Für einige Sekunden. Dann teilte er sich wieder. Und wieder. Und wieder.

Nach kaum einer Minute bedeckte ein Teppich aus sicherlich zwanzig oder dreißig großen, zitternden Klumpen formloser Schwärze die Straße, von denen sich einige unentwegt weiter teilten, andere mit pumpenden, mühsamen Bewegungen davonzukriechen begannen. Einige bewegten sich weiter die Straße hinab, andere drangen in die Häuser rechts und links des Weges ein.

»Ich glaube, ich verstehe allmählich, was Stone gemeint hat«, flüsterte Charity.

Skudder nahm sein Gewehr von der Schulter, aber Leßter machte eine abwehrende Bewegung. »Das ist völlig sinnlos«, sagt er. »Die einzelnen Teile stehen miteinander in telepathischer Verbindung. Wenn uns eines dieser Dinger entdeckt, dann weiß der Rest sofort, wo wir sind.«

Skudders Gesicht verlor noch ein bißchen mehr von seiner ohnehin blassen Farbe, und auch Charity fuhr unmerklich zusammen. Gebannt beobachtete sie die Invasion immer kleiner - aber auch immer zahlreicher - werdender schwarzer Plasmaklumpen, die die Straße bedeckten und sich dabei immer weiter ausbreiteten. Wenn sich dieses bizarre Etwas weiter im gleichen Tempo teilte, dann würden es bald Millionen winziger, einzelner Einheiten sein, die das Viertel überfluteten. Der Moment, in dem sie einem davon über den Weg laufen mußten, war an den Fingern einer Hand abzuzählen.

»Wenn Sie so gut darüber Bescheid wissen, dann haben Sie vielleicht auch eine Idee, wie wir es überlisten können.«

Leßter schüttelte wortlos den Kopf.

Charity zögerte noch einige Sekunden, dann zog sie endgültig den Kommunikator aus der Tasche, schaltete ihn ein und legte ihn, mit der Bildschirmseite nach unten, auf den Boden. Sie wartete darauf, daß irgend etwas geschah, zuckte schließlich mit den Achseln und trat ein paar Schritte zurück.

Erst dann begriff sie, daß doch etwas geschehen war. Etwas im Muster der kriechenden, gleitenden Bewegung draußen auf der Straße hatte sich geändert - es war nicht bewußt wahrzunehmen, denn die Zahl der einzelnen Körperteile des Suchers war einfach zu groß, um sie nicht mit einem Blick zu erfassen, aber das Kriechen und Krabbeln dort draußen schien ihr nicht mehr ganz so ziellos wie noch vor Augenblicken.

»Sie kommen hierher«, sagte Skudder leise.

Tatsächlich bewegten sich die ersten winzigen Teile des aufgespaltenen Kolosses nicht sehr zielgerichtet, aber doch stetig, auf das Gebäude und die Toreinfahrt zu. Und auch in den Fenstern und Türen der gegenüberliegenden Häuser, die sie aus ihrem Versteck heraus erkennen konnte, erschienen plötzlich wieder schwarze, formlose Körper, die den Weg zurückkrochen, den sie gerade erst gegangen waren. Irgendwie schien der Kommunikator das Wesen anzulocken.

Sie warteten nicht mehr länger, sondern liefen los und kletterten über die niedrige Mauer, die den Hinterhof abschloß. Dahinter erstreckte sich ein weiterer, mit Trümmern und Unrat übersäter freier Raum, der an drei Seiten von den brandgeschwärzten Mauern zerstörter Gebäude flankiert wurde. Charity rannte mit weit ausgreifenden Schritten auf den einzig sichtbaren Ausgang zu - und blieb wie erstarrt stehen.

Auf der Schwelle erschien ein zitternder, schwarzer Plasmaklumpen. Selbst aus allernächster Nähe blieb sein Körper formlos, ohne irgendwelche sichtbaren Sinnesorgane oder Glieder, und er war kaum größer als eine junge Katze. Trotzdem spürte Charity die entsetzliche Gefahr, die von diesem Ding ausging.

»Nicht bewegen!« rief Leßter entsetzt.

Charity gehorchte, aber Skudder hob seine Waffe und zielte auf das formlose Etwas. Leßter fuhr mit einem halb unterdrückten Fluch herum und schlug den Lauf des Gewehrs herunter. »Sind Sie wahnsinnig?!« schnappte er. »Ein einziger Schuß, und wir sind tot.«

Für einen Moment verzerrte sich Skudders Gesicht zu einer wütenden Grimasse, aber er sagte nichts und er rührte sich auch nicht, sondern starrte abwechselnd Leßter und den Sucher an. Für weitere endlose Sekunden blieb das formlose Etwas zitternd auf der Schwelle des Hauses hocken, dann setzte es sich langsam, mit mühsamen, grotesken Bewegungen wie eine übergroße schwarze Schnecke in Bewegung und glitt die Stufen hinab.

Charitys Herz schlug, als wolle es jeden Moment zerspringen, und etwas in ihr krümmte sich vor Angst und Ekel zusammen, als das Ding auf sie zu und kaum eine Handbreit neben ihr vorbeiglitt. Sie wagte es nicht, sich zu rühren, sondern folgte seiner Bewegung aus den Augenwinkeln, bis es einen guten Meter hinter ihr war. Erst dann drehte sie sich herum und starrte ihm nach.

Das Ding kroch weiter, erreichte die Mauer, die sie gerade überstiegen hatten und begann, daran hinaufzugleiten.

»Stone!« flüsterte sie. »Irgendwie zieht er es an.«

Leßter nickte, bedeutete ihnen aber mit Gesten, weiter ruhig stehenzubleiben. Erst als das ekelerregende Etwas die Mauerkrone erreicht und sich darüber hinweggeschoben hatte, erwachte er aus seiner Erstarrung und deutete hastig auf die Tür, aus der der Sucher hervorgekrochen war. »Schnell!« rief er. »Wir haben nicht viel Zeit!«

Sie rannten los. Das Innere des Gebäudes war genauso heruntergekommen und verfallen wie die anderen, durch die sie bisher gekommen waren, aber sie trafen noch dreimal auf Teile des riesigen, aufgespalteten Wesens, die langsam, jetzt aber sehr zielsicher an ihnen vorbeiglitten, wie Motten, die magisch von einem unsichtbaren Licht angezogen wurden.