Der Anruf, schoß es mir durch den Kopf. Nicht von Chico. Von Peter Rammileese, der sich nach mir umgehört hatte.
«Daddy hat versprochen, daß er mit mir Karussell fährt«, schwatzte Mark glücklich weiter.»Und derweil nehmen unsere Freunde Sie mit auf eine Spazierfahrt. Mit unserem Auto.«
Sein Vater sah streng auf ihn herab, aber Mark bemerkte es nicht, sondern blickte auf einen Punkt hinter meinem Rücken.
Ich sah mich um. Zwischen dem Scimitar und dem Daimler standen noch zwei Gestalten. Große, finster dreinblickende Kerle von der Bruderschaft der Muskelmänner. Schlagringe und Schuhspitzen aus Stahl.
«Steigen Sie ein«, sagte Rammileese und zeigte auf seinen Wagen, nicht auf meinen.»Hinten.«
Aber sicher doch, dachte ich. Glaubte der etwa, ich wäre verrückt? Ich beugte mich leicht nach vorn, als wolle ich seiner Aufforderung Folge leisten, hob statt dessen aber mit dem rechten Arm Mark vom Boden auf und rannte los.
Rammileese fuhr mit einem Aufschrei herum. Marks Gesicht, dicht neben dem meinen, hatte einen erstaunten Ausdruck, aber zugleich lachte er. Ich lief etwa zwanzig Schritte, setzte ihn dann ab, seinem wütend herbeieilenden Vater genau in den Weg, und rannte weiter, fort vom Parkplatz und auf die Menschenansammlung in der Mitte des Festplatzes zu.
Verflucht, dachte ich. Chico hatte wirklich recht. Wir brauchten neuerdings nur noch mit der Wimper zu zucken, und schon setzten sie ihre schweren Jungs auf uns an. Allmählich wurde es wirklich zuviel.
Es war die Art von Hinterhalt, die vielleicht funktioniert hätte, wenn Mark nicht dabeigewesen wäre — ein Schlag in die Nieren und rein ins Auto, bevor ich wieder hätte Luft kriegen können. Aber sie hatten wahrscheinlich Mark gebraucht, um mich zu identifizieren, weil sie mich zwar dem Namen nach, nicht aber persönlich kannten. Sie würden mich dort auf dem Festplatz nicht kriegen, soviel stand fest — und wenn ich später zu meinem Auto zurückging, dann nur mit entsprechendem Begleitschutz. Vielleicht, dachte ich hoffnungsvoll, sahen sie ja ein, daß es zwecklos war, und verschwanden wieder.
Ich erreichte den Rand des Reitplatzes, auf dem ein Springreiten im Gang war, und blickte mich um, über den Kopf eines Mädchens hinweg, das ein Eis leckte. Die Schläger waren nicht zurückgepfiffen worden. Sie folgten mir noch immer verbissen. Ich beschloß, nicht abzuwarten, was passieren würde, wenn ich einfach stehenbliebe und die diversen Familien bäte zu verhindern, daß ich verschleppt wurde und mit kaputtgetretenem Kopf auf den Straßen von Tunbrigde Wells wieder aufwachte. Die diversen Familien mit ihren Hunden und Omas und Kinderwagen und Picknickkörben würden wahrscheinlich nur tatenlos und mit offenen Mündern herumstehen und sich, wenn alles längst vorbei war, verwirrt fragen, was da eigentlich vor sich gegangen war.
Ich lief also weiter, tiefer in die Menschenmenge hinein, um die Reitbahn herum, stieß mit Kindern zusammen, wenn ich über die Schulter zurückblickte — und sah die beiden Kerle nach wie vor hinter mir.
Der Reitplatz lag zu meiner Linken. An seiner Außenseite waren ringsherum Autos abgestellt, neben denen der breite Grasweg freigelassen war, auf dem ich entlanglief. Rechts von mir befand sich der Ring der Zelte, Buden und Wagen, die zu einer Veranstaltung dieser Art dazugehören. Da gab es Sattelzeug zu kaufen, Reitsachen, Bilder, Spielzeug, Würstchen, Obst, noch mehr Sättel, Eisenwaren, Tweedjacken, Hausschuhe aus Schaffell… eine endlose Reihe kleiner Händler.
Zwischen den Buden und Zelten die mobilen Verkaufsund Informationsstände — ein Eisauto, ein Informationswagen der Reitsportlichen Vereinigung, eine Ausstellung kunsthandwerklicher Arbeiten, eine Wahrsagerin, ein Verkaufswagen, in dem Trödel zu wohltätigen Zwecken feilgeboten wurde, ein fahrbares Kino, in dem man sich Filme über verschiedene Schäferhundrassen ansehen konnte, ein seitlich geöffneter, riesiger Sattelschlepper, aus dem allerlei Küchensachen in Orange, Gelb und Grün herausquollen. Davor überall Trauben von Menschen und drinnen keinerlei Deckung.
«Können Sie mir sagen, wo ich die Ballons finde?«fragte ich jemanden, und er deutete auf einen Stand, wo es bunte Luftballons gab — Kinder kauften sie sich und banden sie an ihren Handgelenken fest.
Die doch nicht, dachte ich. Die ganz bestimmt nicht. Ich blieb aber nicht stehen, um genauer zu erklären, was ich meinte, sondern ging ein Stück weiter und fragte erneut.
«Die Ballonwettfahrt? Ich glaube, da auf der nächsten Wiese. Aber es ist noch zu früh.«
«Danke«, sagte ich. Laut den Plakaten war der Start für drei Uhr vorgesehen, aber ich mußte John Viking schon sehr viel früher erwischen, solange er noch bereit war, mich anzuhören.
Ich stellte mir die Frage, worum es eigentlich bei einer Ballonwettfahrt ging. Schließlich fuhren alle mit gleicher Geschwindigkeit, nämlich mit der des Windes.
Meine Verfolger wollten einfach nicht aufgeben. Sie rannten nicht — ebensowenig wie ich. Sie folgten mir nur immer im gleichen Abstand, als steuere sie ein Sender in meiner Tasche. Sie hatten sich im wahrsten Sinne des Wortes an meine Fersen geheftet. Ich mußte irgendwo untertauchen, dachte ich, und so lange verschwunden bleiben, bis ich mit John Viking geredet hatte. Danach konnte ich mich dann vielleicht auf die Suche nach Hilfe begeben, zum Beispiel bei den Mitgliedern des Festkomitees, bei den Rotkreuzschwestern oder dem einen Polizisten, der draußen auf der Straße den Verkehr regelte.
Inzwischen war ich auf der anderen Seite des Turnierplatzes angelangt und überquerte den Sammelplatz, wo
Kinder auf Ponys herumschwirrten wie die Bienen, mit angespanntem Blick, wenn sie an die Reihe kamen, und in Tränen aufgelöst oder triumphierend, wenn sie abritten.
Vorbei an ihnen, vorbei an der Kabine, in der der Ansager saß —»Jane Smith hat ihren Ritt fehlerfrei beendet, der nächste Reiter ist John Daley auf >Traddles<«-, vorbei an der kleinen Tribüne für die Veranstalter und die Prominenz — Reihen leerer Klapp-Stühle —, vorbei an einem seitlich offenen, gutgefüllten Zelt, in dem es Erfrischungen gab, und wieder zurück zu den Ständen und Wagen.
Ich schlüpfte mal hier, mal da hinein, drückte mich hinten an den Buden vorbei, kroch unter den Spannseilen der Zelte durch und an Haufen von Pappkartons vorbei. Aus der Deckung eines dicht mit Reitjacken behängten Kleiderständers beobachtete ich, wie die beiden Spürhunde an mir vorbeiliefen, hastig, mit suchenden Blicken, deutlich beunruhigt.
Sie waren anders als die beiden, die Trevor Deansgate geschickt hatte, dachte ich. Seine waren kleiner und unbeholfener gewesen und hatten weniger professionell gewirkt. Die beiden hier machten den Eindruck, als gehöre diese Art von Tätigkeit zu ihrem täglichen Brot. Und trotz der relativen Sicherheit des Festplatzes, der mir ja als letzten Ausweg immer noch die Möglichkeit bot, mitten in die Reitbahn hineinzulaufen und laut um Hilfe zu schreien, ging etwas sehr Einschüchterndes von ihnen aus. Mietschläger wurden für gewöhnlich stundenweise bezahlt — diese beiden sahen dagegen wie feste Angestellte, wenn nicht gar Mitglieder der Geschäftsführung aus.
Ich verließ den Schutz der Reitjacken wieder und verdrückte mich in den Vorführwagen, in dem der Schäferhund-Film gezeigt wurde, der durchaus fesselnd gewesen wäre, wenn draußen nicht ein Schafetreiben stattgefunden hätte, bei dem ich das Schaf abgab.
Ich sah auf die Uhr. Zwei durch. Es verging zuviel Zeit. Ich mußte mir einen anderen Weg suchen, um zu den Ballons zu gelangen. Ich ging wieder hinaus — sie waren nicht mehr zu sehen. Ich schob mich durch die Menge, fragte nach dem Weg.
«Da, da hinten, mein Freund«, erklärte ein resoluter Mann und wies in die entsprechende Richtung.»An der Würstchenbude vorbei, dann rechts, da ist ein Durchlaß im Zaun. Ist gar nicht zu verfehlen.«
Ich nickte ihm einen Dank zu, wandte mich in die mir gewiesene Richtung und sah einen meiner Verfolger direkt auf mich zukommen. Er suchte Bude für Bude ab und schien sehr besorgt.