»Es ist eine Falle«, sagte Yrth.
Seine Stimme klang dumpf von Schmerz, aber sie war voller Geduld. Morgon antwortete nicht. Er zeichnete mit seinem Geist das Bild eines Falken, doch noch ehe er auch nur angefangen hatte, seine Gestalt zu wandeln, versank das Bild in einem Paar heller, ausgebrannter Augen, die in seinen Geist blickten. Sie holten ihn zu sich selbst zurück.
»Morgon, ich gehe nach Hed. Euch erwarten sie; mich kennen sie kaum. Ich kann schnell reisen; ich werde sehr bald zurück sein.«
Mit einer ruckartigen Bewegung stand er auf, als Morgon seinen Geist mit Trugbildern von Feuern und Schatten füllte und sich in ihnen auflöste. Er hatte schon fast die Tür des Gemachs erreicht, als die Augen des Zauberers stechend seine Gedanken durchdrangen und seine Konzentration zerrissen.
Der Zorn flammte wieder in ihm auf. Er ging weiter, und das Trugbild massiven Steines in der Türöffnung versperrte ihm den Weg.
»Morgon«, sagte der Zauberer, und Morgon wirbelte herum. Er schleuderte einen Schrei in Yrths Geist, der die Aufmerksamkeit des Zauberers von dem Trugbild, das er geschah fen hatte, hätte abdrängen müssen. Doch der Schrei verklang mit ödem Echo in seinem Geist, der ein bodenloser Abgrund von Dunkelheit zu sein schien.
Morgon stand still, die Hände gegen den Stein gedrückt, der gar kein Stein war, einen dünnen Schweißfilm von Furcht und Erschöpfung auf seinem Gesicht. Die Dunkelheit war wie eine Warnung. Doch wieder schickte er seinen Geist in sie hinein, sie zu erforschen, den Trug zu durchdringen, um den wahren Geist des Zauberers zu entdecken. Er stolperte nur immer tiefer in Finsternis, während er gleichzeitig das Gefühl hatte, daß ungeheure Kräfte vor seinem Tasten ständig zurückwichen. Er folgte ihnen, bis er den Rückweg nicht mehr fand.
Langsam tauchte er aus der Dunkelheit auf. Er sah, daß er reglos am Feuer saß. Rendel war neben ihm, ihre Finger um seine schlaffe Hand geschlossen. Yrth stand vor ihnen. Sein Gesicht war grau vor Ermattung; seine Augen waren blutunterlaufen. Seine Stiefel und der Saum seines langen Gewandes waren von verkrustetem Schmutz und eingetrocknetem Salz gefleckt. Die Wunde auf seiner Wange hatte sich geschlossen.
Morgon fuhr hoch. Danan, der auf seiner anderen Seite war, beugte sich zu ihm nieder und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Morgon«, sagte er leise und behutsam, »Yrth ist eben aus Hed zurückgekommen. Es ist später Vormittag. Er war zwei Nächte und einen Tag weg.«
»Was habt Ihr —?« Allzu heftig sprang er in die Höhe. Danan hielt ihn, stützte ihn, während der Blutschwall hinter seinen Augen langsam zurückwich. »Wie habt Ihr mir das angetan?« flüsterte er.
»Morgon, verzeiht mir.« In der müden, gespannten Stimme schienen Untertöne einer anderen Stimme zu geistern. »Die Erdherren erwarteten Euch in Hed. Wärt Ihr dort hingegangen, so wärt Ihr dort gestorben, und noch mehr Menschen wären im Kampf für Euch gefallen. Sie konnten Euch nirgendwo finden; sie wollten Euch aus Eurem Versteck locken.«
»Eliard —«
»Er ist in Sicherheit und gesund. Als ich kam, stand er inmitten der Trümmer von Akren. Die Flut zerstörte Tol, Akren und die meisten Höfe an der Westküste. Ich habe mit den Bauern gesprochen; sie erzählten mir, sie hätten bewaffnete Fremde gesehen, sonderbare Gestalten, die nicht in Hed zu Hause wären. Ich fragte einen der Toten; er erklärte mir, gegen die Gestalt des Wassers wäre wenig auszurichten. Ich habe mich Eliard zu erkennen gegeben und sagte ihm, wo Ihr seid. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er sagte, er wüßte, daß Ihr die Zerstörung gefühlt hättet, aber er wäre froh, daß Ihr vernünftig gewesen wärt, nicht zu kommen.«
Morgon holte tief Atem.
»Und Tristan?«
»Soweit Eliard unterrichtet ist, ist ihr nichts geschehen. Irgendein schwachsinniger Händler erzählte ihr, daß Ihr verschwunden wärt. Daraufhin machte sie sich auf, Euch zu suchen, doch ein Seemann erkannte sie in Caithnard und hielt sie fest. Sie ist jetzt auf der Fahrt nach Hause.«
Morgon legte seine Hand über die Augen. Der Zauberer hob die Hand, um ihn zu berühren, doch er wich zurück.
»Morgon.« Die Worte schienen aus der Tiefe der Erschöpfung des Zauberers zu kommen. »Es war kein komplizierter Bann. Ihr konntet nur nicht klar genug denken, ihn zu brechen.«
Er hielt inne, als er merkte, wie verwirrt Danan war, der ihnen doch beiden traute. Das dunkle Rätsel von den Kräften des Zauberers beschattete wieder seine Gedanken und das ganze Reich von Isig und Hed. Ein Entkommen schien es nicht zu geben. Hoffnungslos begann er zu schluchzen, da er keine andere Lösung wußte. Der Zauberer saß zusammengesunken da, als trüge er die Last des ganzen Reiches auf seinen Schultern, und gab ihm nichts als Schweigen.
Kap. 12
Sie verließen Isig am folgenden Tag — drei Krähen, die aus den Rauchwolken über Danans Schmelzöfen aufstiegen. Sie überflogen die Öse, kreisten einmal über den Docks von Kyrth; jedes Schiff, das dort vor Anker lag, wurde für eine lange Reise den Fluß hinunter zum stürmischen Herbstmeer überholt. Über den Wäldern von Osterland trommelte der graue Regen erbarmungslos auf sie nieder; die alten Fichten standen zusammengekauert und müde. In der Ferne erhob sich der Grimberg aus einem Nebelschleier. Die Winde des Ostens und des Nordens umschwärmten sie; die Krähen tauchten von Strömung zu Strömung, während die unberechenbaren Winde ihr Gefieder bald glätteten, bald blähten. Häufig machten sie Rast. Bei Einbruch der Nacht hatten sie kaum die Hälfte des Wegs nach Yrye zurückgelegt.
Sie suchten sich einen Schlafplatz im ausladenden Geäst eines alten Baumes, der sich seufzend unter Regen und Wind wiegte. Sie fanden Löcher und Nischen in seinen dicken Ästen, wo sie vor dem Wetter geschützt waren. Zwei Krähen hockten nahe zusammengedrängt auf dem einen Ast; die dritte unter ihnen ein großer, dunkler, vom Wind zerzauster Vogel, der seit dem Abflug von Isig keinen Laut von sich gegeben hatte. Vom Gewirr der Äste geschützt und in den Schlaf gesungen vom Wind, schlummerten sie.
Gegen Mitternacht legten sich die Winde. Das Trommeln des Regens verklang zu einem dünnen Wispern und verstummte schließlich ganz. Die Wolken zerrissen, entließen funkelnde Sterne in die dunkle Nacht hinaus. Die plötzliche Stille fand ihren Weg in Morgons Krähenträume. Er öffnete die Augen.
Rendel, eine kleine Wolke weichen schwarzen Gefieders, träumte reglos neben ihm. Die Krähe unter ihm rührte sich nicht. Seine eigene Gestalt regte sich in ihm, drängte nach außen, wollte die würzigen Düfte der Nacht atmen, das Mondlicht über sich hinfließen lassen. Er breitete seine Flügel aus und schwebte geräuschlos zum Boden hinunter. Dort wechselte er die Gestalt.
Eingehüllt von der Nacht über Osterland stand er da. Sein Geist öffnete sich all ihren Geräuschen und Gerüchen und Wesen. Er legte seine Hand auf die rauhe, nasse Borke des Baumes und spürte seinen Schlummer. Er hörte den verstohlenen Schritt eines nächtlichen Jägers auf der weichen, feuchten Erde. Er roch die üppigen, sich miteinander vermischenden Düfte nasser Fichten, dürrer Baumrinde und feuchten Lehms, der an seinen Füßen klebte. Sein Geist sehnte sich danach, unter der leichten, silbrigen Berührung des Mondes ein Teil dieses Landes zu werden. Und schließlich ließ er ihn in die unendliche Nacht hinausfliegen.
Sein Geist erkundete die Wurzeln der Bäume, die Steine, die tief in der Erde vergraben lagen, die Gehirne von Tieren, die den Pfad seines geistigen Suchens kreuzten. Und in allen Dingen spürte er das uralte, schlafende Feuer hinter seinen Augen. Er berührte die Gebeine von Toten unter der Erde, die Erinnerungen längst verstorbener Menschen und Tiere. Anders als die Geister von An schliefen sie ruhig, hatten im Herzen des wilden Landes Ruhe gefunden. Unfähig, seinem eigenen Verlangen zu widerstehen, begann er seine eigenen Bindungen des Erkennens und des Wissens in die Gesetze von Osterland einzuweben.