»Turm der Winde.«
»Was seht Ihr?«
»Ich weiß es nicht. Eine Harfe, die mit Saiten aus Wind bespannt ist.« Als die Worte in der Stille erstarben, wurde ihm bewußt, daß er nicht wußte, wer die Frage gestellt hatte. Die Vision erlosch, und ihm blieben nur Worte und die Gewißheit, daß sie irgendwie zusammengehörten. »Der Turm. Die gestirnte Harfe. Der Wind.«
Er fegte einen Hermelin von seinem Stuhl und setzte sich langsam nieder.
»Könnt Ihr das Wesen der Winde lernen wie das Landrecht?« fragte er ungläubig.
»Ich weiß es nicht.«
»Ich verstehe. Ihr habt es noch nicht versucht.«
»Ich wüßte nicht, wie ich es anstellen sollte.« Er fügte hinzu: »Einmal verwandelte ich mich in Wind. Um zu töten. Das ist das einzige, von dem ich weiß, das ich es tun kann.«
»Wann —?« Har unterbrach sich und schüttelte den Kopf.
Es war sehr still im großen Saal; Tieraugen funkelten im Halbdunkel. Yrth wollte seinen Becher niederstellen und traf klirrend den Rand des Tabletts. Nun führte ihm die Hand.
»Eine geringe Entfernung«, murmelte er zerknirscht.
»Ich glaube«, meinte der Wolfskönig, »wenn ich anfange, Euch zu befragen, wird das das längste Rätsel werden, das ich je zu lösen versuchte.«
»Ihr habt mir schon das längste aller Rätsel gestellt«, versetzte Morgon. »Vor zwei Jahren, als Ihr mir im Schneesturm das Leben gerettet habt und mich in Eurem Haus aufnahmt. Ich versuche noch immer, es für Euch zu lösen.«
»Vor zwei Jahren lehrte ich Euch die Gestalt der Vesta. Jetzt seid Ihr zurückgekommen, mein Landrecht zu lernen. Was werdet Ihr als nächstes von mir verlangen?«
»Ich weiß es nicht.« Er leerte seinen Becher und setzte ihn nieder. »Vertrauen vielleicht.« Geistesabwesend zeichnete er den Rand des Bechers mit seinen Fingerspitzen nach. Er war plötzlich erschöpft; am liebsten hätte er seinen Kopf zwischen die Teller auf den Tisch gelegt und wäre eingeschlafen. Er hörte, wie der Wolfskönig aufstand. »Fragt mich morgen.«
Har berührte seine Schulter. Als er mühsam seine Augen öffnete und aufstand, dem König aus dem Saal zu folgen, fand er nichts Seltsames an der Antwort.
Er schlief traumlos bis zum Morgengrauen an Rendels Seite in der warmen, reichausgestatteten Kammer, die Aia ihnen bereitet hatte. Doch als der Himmel langsam heller wurde, drängten sich Vesta in seinen Geist, bildeten einen enggeschlossenen Kreis um ihn, so daß er sich nicht rühren konnte, und ihre Augen waren blind, brannten in einem hellen, geheimnisvollen Licht. Mit einem Ruck fuhr er aus dem Schlaf. Rendel tastete nach ihm und murmelte etwas Unverständliches. Er wartete, bis sie wieder ruhig war. Dann stand er lautlos auf und kleidete sich an. Er roch den süßen Duft des letzten Fichtenscheits, das im stillen Saal zu Asche verbrannte, und wußte instinktiv, daß Har noch immer dort saß.
Der König blickte ihm entgegen, als er in den Saal trat. Leise schritt er an kleinen Tieren vorüber, die schlafend am Feuer zusammengerollt waren, und setzte sich neben Har nieder. Der König legte eine Hand auf seine Schulter und zog ihn für kurze Zeit in ein freundliches, behagliches Schweigen hinein.
Dann sagte er: »Wir müssen dafür sorgen, daß wir ungestört bleiben, sonst verstreuen die Händler Gerüchte von hier bis Anuin. In den letzten Tagen scharen sie sich auf der Schwelle meines Hauses, stellen mir Fragen, belagern Nun.«
»Wir könnten in die Hütte gehen«, schlug Morgon vor, »wo Ihr mich die Gestalt der Vesta lehrtet.«
»Ja, das scheint mir das richtige. — Ich werde Hugin wecken; er kann für Eure Bedürfnisse sorgen.« Er lächelte schwach. »Eine Zeitlang glaubte ich, Hugin würde zu den Vesta zurückkehren; er wurde den Menschen gegenüber so scheu. Aber seit Nun herkam und ihm alles erzählte, was sie von Suth weiß, glaube ich, daß vielleicht ein Zauberer aus ihm werden wird.«
Er schwieg, schickte wohl einen Gedanken, wie Morgon vermutete, durch das stille Haus. Wenig später wanderte Hugin in den Saal. Schläfrig rieb er sich die Augen und fuhr sich dann mit den Fingern durch sein weißes Haar, um es zu ordnen. Wie gebannt blieb er stehen, als er Morgon sah. Er war kräftig gebaut und anmutig wie die Vesta, und die tiefen Augen blickten noch immer ein wenig scheu.
»Wir brauchen deine Hilfe«, sagte Har.
Hugin neigte zustimmend den Kopf. Dann richtete sich sein Blick wieder auf Morgon, und plötzlich sprudelten ihm die Worte über die Lippen.
»Nun hat mir erzählt, daß Ihr mit dem Zauberer gekämpft habt, der Suth tötete. Daß Ihr den Zauberern von Lungold das Leben gerettet habt. Habt Ihr den Gründer getötet?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Hugin«, murmelte Har mahnend. Dann sah er Morgon selbst neugierig an. »Ja, warum nicht? Habt Ihr Eure ganze Rachsucht an diesem Harfner erschöpft?«
»Har.« Morgons Muskeln unter Hars Hand hatten sich gespannt. Der König runzelte plötzlich die Stirn.
»Was ist? Seid Ihr von einem Geist besessen? Yrth erzählte mir gestern abend, wie der Harfner gestorben ist.«
Morgon schüttelte wortlos den Kopf.
»Ihr seid ein Rätsellöser«, gab er abrupt zurück. »Sagt Ihr es mir. Ich brauche Hilfe.«
Hars Mund wurde schmal.
»Bring Speisen und Wein und Feuerholz in die Hütte«, befahl er Hugin im Aufstehen. »Und Matratzen. Wenn Rendel von An erwacht, dann laß sie wissen, wo wir sind. Bring sie zu uns.« Als der Junge scharlachrot anlief, fügte er ein wenig ungeduldig hinzu: »Du hast schon früher mit ihr gesprochen.«
»Ich weiß.« Er lächelte plötzlich. Unter Hars forschendem Blick wurde er schnell wieder ernst und flitzte davon. »Ich bringe sie«, rief er. »Und alles andere auch.«
Diesen Tag und die folgenden Nächte verbrachten sie zusammen in der verqualmten, kreisrunden Hütte hinter dem Haus des Königs. Morgon schlief bei Tag. Har, der allem Anschein nach nicht zu ermüden war, hielt bei Tag hof. Wenn Morgon sich beim Morgengrauen aus Hars Geist zurückzog, fand er stets Rendel und Hugin an seiner Seite und manchmal auch Nun, die schweigend ihre Pfeife schmauchte. Nur selten sprach er mit ihnen; ob er nun wachte oder schlief, sein Geist schien immer dem Hars verbunden, der ihm Bäume zeigte und Raben und schneebedeckte Gipfel, all die Wesen und Gestalten tief im Geist des Wolfskönigs, die seinem Erkennen offen waren. In jenen Tagen gab Har ihm alles und verlangte nichts. Durch ihn erforschte Morgon Osterland, knüpfte seine eigenen Bande der Erkenntnis mit jeder Wurzel, jedem Stein, Wolfsjungen, weißen Falken und jeder Vesta im Land. Har war der seltsamsten Künste mächtig, wie Morgon entdeckte. Er konnte mit den Eulen und Wölfen sprechen, er konnte mit einem eisernen Messer oder einer Pfeilspitze sprechen und befehlen, wo sie treffen sollten. Die Menschen und die Tiere seines Landes waren ihm so vertraut wie seine Familie. Sein Landrecht reichte hinein bis in die Einöden des Nordens, wo er mit den Vesta meilenweit durch die Schneewüsten zu laufen pflegte. Er war von seinem eigenen Gesetz geformt; die Kräfte, die in ihm wohnten, schmiedeten Morgons Herz mit Eis und dann mit Feuer, bis ihm schien, als wäre auch er nur ein Wesen aus Hars Gehirn, oder Har ein Echo seiner eigenen geistigen Kräfte.
Wenn er schlief, träumte er wie ein Landerbe die Erinnerungen Hars. In rastlosen, unglaublich lebendigen Träumen durchlebte er Jahrhunderte, focht Schlachten aus und saß bei Rätsel spielen, die Tage und Jahre dauerten. Er erbaute Yrye, hörte die Stimme des Zauberers Suth, der ihm fünf seltsame Rätsel aufgab, lebte bei den Wölfen, bei den Vesta, zeugte Erben, saß zu Gericht und wurde so alt, daß seine Lebensjahre nicht mehr zu zählen waren. Schließlich verloren sich die bunten, fiebrigen Träume; Morgon versank tief in sich selbst, in eine traumlose Nacht. Er schlief tief und reglos, bis ein Name in seinen Geist wehte. An ihm hielt er sich fest und zog sich wieder in die Welt hinauf. Zwinkernd erwachte er und sah, daß Rendel neben ihm kniete.