Sie lächelte ihn an. »Ich wollte sehen, ob du lebendig oder tot bist.« Sie nahm seine Hand; seine Finger schlössen sich um die ihren. »Du kannst dich bewegen.«
Langsam setzte er sich auf. Die Hütte war leer; draußen konnte er das Toben der Winde hören, die am Dach zerrten. Er wollte sprechen, doch seine Stimme weigerte sich zunächst.
»Wie — wie lange habe ich geschlafen?«
»Über zweitausend Jahre, sagte Har.«
»So alt ist er?« Er starrte ein Weilchen ins Leere, dann beugte er sich zu ihr und küßte sie. »Ist es Tag oder Nacht?«
»Es ist Mittag. Du hast beinahe zwei Tage geschlafen. Du hast mir gefehlt. Meine einzige Gesellschaft war Hugin, mit dem ich ab und zu ein bißchen sprechen konnte.«
»Wer?«
Ihr Lächeln vertiefte sich. »Erinnerst du dich an meinen Namen?«
Er nickte. »Du bist eine zweitausend Jahre alte Frau namens Rendel.«
Still saß er da und hielt ihre Hand, während er die Welt um sich herum wieder Gestalt annehmen ließ. Der Wind riß ihm die Tür aus der Hand, als er sie öffnete. Die ersten Schneeflocken wirbelten durch die Luft und lösten sich auf. Der eisige Sturm zertrümmerte die Stille in seinem Geist, fegte eisig und erbarmungslos über ihn hin und holte ihn aus seinen Träumen zurück. Hand in Hand mit Rendel rannte er über den Hof, hinein in die Wärme im Hause des Königs.
Am Abend, als er in seiner Kammer am Feuer lag, kam Har zu ihm. Rendel hatte ihn allein gelassen, und er hatte sich tief in seine Gedanken vergraben, um langsam das Wissen in sich aufzusaugen, das er sich geholt hatte. Als Har eintrat, mußte er sich wieder nach außen kehren. Ihre Blicke trafen sich über dem Feuer in friedvollem, wortlosem Einverständnis. Dann setzte sich Har, und Morgon richtete sich auf, legte ein paar Scheite ins Feuer, so daß die schläfrigen Flammen wieder erwachten.
»Ich bin gekommen«, sagte Har leise, »mir zu holen, was Ihr mir schuldet.«
»Ich schulde Euch alles.« Er wartete.
Das Feuer verwischte sich langsam vor seinen Augen; er war wieder tief in sich selbst, diesmal in seinen eigenen Erinnerungen.
Der König durchschritt diese ein wenig ziellos, nicht sicher, was er finden würde. Sehr früh während seiner Erkundungen gab er Morgon in höchster Verblüffung frei.
»Ihr habt einen alten, blinden Zauberer geschlagen?«
»Ja. Ich konnte ihn nicht töten.«
Ein eisiges Licht glomm in den Augen des Königs. Es war, als wollte er sprechen; statt dessen wanderte er wieder in Morgons Erinnerungen hinein. Sie führten ihn kreuz und quer von der Handelsstraße nach Lungold und zum Erlenstern-Berg und schließlich in die Einöde, wo Morgon in wochenlanger Einsamkeit die Gesänge der Winde auf seiner Harfe gespielt hatte. Er sah zu, wie der Harfner starb; er hörte Yrth in Isig mit Morgon und Danan sprechen; er vernahm Rendels Stimme, als diese Morgon ein Rätsel aufgab, das ihn aus den Einöden zurückführte ins Land der Lebenden. Dann ließ er Morgon abrupt frei und wanderte rastlos wie ein Wolf durch die Kammer.
»Thod.«
Der Name machte Morgon kalt; es war, als hätte Har mit einem Wort das Undenkbare in Wahrheit verwandelt. Der König wanderte zu ihm hin und blieb schließlich neben ihm stehen. Stumm starrte er in die Flammen. Morgon senkte müde seinen Kopf auf die Arme.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll. Er besitzt größere Kräfte als jeder andere in diesem Reich. Ihr habt das geistige Band gespürt, das mich fesselt —«
»Er hat Euren Geist immer in seiner Gewalt gehabt.«
»Ich weiß. Und ich kann mich nicht gegen ihn wehren. Ich kann einfach nicht. Ihr habt gesehen, wie er mich auf der Handelsstraße zu sich zog. Mit nichts. Mit einer Harfe, auf der er kaum spielen konnte. Und ich ging zu ihm. In Anuin brachte ich es nicht über mich, ihn zu töten. Ich wollte es nicht einmal.
Mehr als alles andere verlangte mich nach einem Grund, ihn nicht töten zu müssen. Und er gab mir einen. Ich glaubte, er wäre auf ewig aus meinem Leben verschwunden, da ich ihm im ganzen Reich keinen Ort gelassen hatte, wo er seine Harfe spielen konnte. Aber ich hatte ihm doch einen Ort gelassen. Er spielte für mich. Er verriet mich aufs neue, und ich sah ihn sterben. Aber er starb nicht. Er ersetzte nur eine Maske durch eine andere. Er machte das Schwert, mit dem ich ihn beinahe getötet hätte. Er lieferte mich Ghisteslohm aus und rettete mich am selben Tag vor den Erdherren. Ich verstehe ihn nicht. Ich kann ihn nicht herausfordern. Ich habe keinen Beweis, und er würde sich aus jeder Beschuldigung oder Anklage herauswinden. Die Macht, die er besitzt, macht mir angst. Ich weiß nicht, was er ist. Er gibt mir Schweigen, das wie das Schweigen der Bäume ist.«
Seine Stimme verklang. Er merkte, daß er auf Hars Schweigen lauschte.
Er hob den Kopf. Der König starrte noch immer ins Feuer, doch es schien Morgon, daß er es aus tiefer Vergangenheit heraus betrachtete. Er war sehr still; er schien kaum zu atmen. Sein Gesicht wirkte härter, als Morgon es je gesehen hatte, als wären seine Züge von den eisigen, erbarmungslosen Winden gemeißelt, die seinem Land das Gesicht gaben.
»Morgon«, flüsterte er. »Seid vorsichtig.«
Er war keine Warnung, sondern eine flehentliche Bitte.
Der König ging in die Hocke, umfaßte sehr behutsam Morgons Schultern, so als legte er seine Hände auf etwas, das bisher nicht greifbar gewesen war und sich ihm entzogen hatte, jetzt aber unter seinen Händen Gestalt anzunehmen begann.
»Har?«
Der König nahm seine Frage nicht an. Durchdringend sah er Morgon an, blickte durch ihn hindurch in das Herz seiner Verwirrung.
»Laßt den Harfner sich selbst zu erkennen geben.«
Kap. 13
Das war das einzige, was der Wolfskönig ihm sagte. Doch etwas anderes verbarg sich hinter seinen Augen, wovon er nicht sprach. Morgon spürte es, und auch Yrth, der an dem Abend, ehe sie Yrye verließen, fragte: »Har, was denkt Ihr? Ich höre etwas unter all Euren Worten.«
Sie saßen am Feuer. Die Winde heulten pfeifend über das Dach, rissen Rauchfetzen durch den Abzug. Durch flackernde Flammen blickte Har den Zauberer an. Sein Gesicht trug noch immer einen harten Abglanz dessen, was er gesehen hatte. Doch seine Stimme hatte den vertrauten Klang rauher Zuneigung, als er mit dem Zauberer sprach.
»Es ist nichts, was Euch kümmern müßte.«
»Wie kommt es, daß ich das nicht glauben kann?« murmelte Yrth. »Hier in diesem Saal, wo Ihr Euch jahrhundertelang mit Rätseln Euren Weg zur Wahrheit gebahnt habt?«
»Vertraut mir«, gab Har zurück.
Die Augen des Zauberers, blind und geheimnisvoll, wandten sich ihm zu.
»Ihr reist nach Ymris.«
»Nein!« rief Morgon scharf.
Er hatte es aufgegeben, sich gegen Yrth aufzulehnen; er verhielt sich vorsichtig in der Gegenwart des Zauberers, als hätte er es mit einem mächtigen, unberechenbaren Tier zu tun. Doch die Worte des Zauberers, die dem Tonfall nach halb eine Feststellung einer Tatsache, halb ein Befehl zu sein schienen, trieben ihn zum Protest.
»Har, was könnt Ihr denn in Ymris ausrichten? Ihr werdet höchstens getötet werden!«
»Ich habe nicht die geringste Absicht«, entgegnete Har, »in Ymris zu sterben.«
Er hielt eine Hand geöffnet ans Feuer, so daß die halb verblichenen Male seiner Macht und seiner geistigen Kraft zu sehen waren; die wortlose Geste traf Morgon tief.
»Was habt Ihr dann für Absichten?«
»Ich gebe Antwort für Antwort.«
»Har, dies ist kein Spiel!«
»Nein? Was befindet sich auf der Spitze des Turmes der Winde?«
»Ich weiß es nicht. Wenn ich es weiß, dann komme ich hierher zurück und sage es Euch. Wenn Ihr geduldig sein wollt.«