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»Ich bin mit meiner Geduld am Ende«, erwiderte Har. Er stand auf und wanderte rastlos auf und nieder; seine Schritte führten ihn zum Stuhl des Zauberers. Er hob zwei kleine Scheite Holz auf und kniete nieder, sie ins Feuer zu legen. »Wenn Ihr sterbt«, sagte er, »dann wird es wohl kaum von Wichtigkeit sein, wo ich bin. Richtig?«

Morgon schwieg. Yrth beugte sich vor, stützte eine Hand auf Hars Schulter, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und fing einen glühenden Span ein, der ihnen über den Boden entgegenrollte. Er warf ihn wieder ins Feuer.

»Es wird schwierig werden, zum Turm der Winde vorzustoßen. Aber ich glaube, Astrins Heer wird es uns ermöglichen.«

Er ließ Har los und wischte sich Asche von den Händen. Der König stand auf. Morgon, der sein grimmiges Gesicht betrachtete, schluckte alle Widerreden hinunter, bis nichts mehr in seinem Geist war als eine grimmige, geheime Entschlossenheit.

Beim Morgengrauen am folgenden Tag bot er Har Lebewohl; und die drei Krähen brachen zu der langen Reise nach Süden auf, die sie nach Herun, ins Reich der Morgol, führen sollte. Die Luft war grau und schwer von Regen. Der Zauberer führte sie mit erstaunlicher Kundigkeit über das eintönige, flache Weideland von Osterland und die Wälder an den Ufern der Öse. Erst nachdem sie den Winter überquert hatten und das weite Niemandsland zwischen Osterland und Ymris sich vor ihnen dehnte, wechselten sie wieder die Gestalt.

Am Abend des dritten Tages ihrer Reise versiegte der Regen endlich, und in nahezu stummem Einverständnis ließen sie sich zur Erde herabfallen, um in ihrer natürlichen Gestalt Rast zu machen.

»Wie«, fragte Morgon Yrth, noch ehe der Zauberer einen Haufen regennassen Holzes zu Feuer angefacht hatte, »in Hels Namen, könnt Ihr uns auf diese Weise führen? Ihr habt uns in gerader Linie zum Winter gelotst. Und wie seid Ihr innerhalb von zwei Tagen von Isig nach Hed und wieder zurück gekommen?«

Yrth wandte seine Augen Morgons Stimme zu. Als die Flammen am Holz emporzüngelten, leckten sie an seinen Händen, und er wich zurück.

»Instinkt«, erwiderte er. »Ihr denkt zuviel beim Fliegen.«

»Vielleicht.«

Er ließ sich am Feuer niedersinken. Rendel sog tief die feuchte, nach Fichten duftende Luft ein und blickte sehnsüchtig zum Fluß.

»Morgon, kannst du nicht einen Fisch fangen? Ich bin so hungrig, und ich will mich nicht erst wieder in eine Krähe verwandeln, um zu essen — ich weiß nicht einmal genau, was Krähen eigentlich fressen. Wenn du uns einen Fisch fängst, dann suche ich ein paar Pilze.«

»Ich rieche Äpfel«, verkündete Yrth und stand auf, dem Geruch nachzugehen. Morgon blickte ihm mit leichter Ungläubigkeit nach.

»Ich rieche keine Äpfel«, murmelte er. »Und ich denke kaum, wenn ich fliege.« Auch er stand auf, beugte sich nieder, um Rendel zu küssen. »Riechst du Äpfel?«

»Ich rieche Fisch. Und Reh. Morgon.« Sie drückte plötzlich ihren Arm auf seine Schulter, so daß er sich nicht aufrichten konnte. Er sah, daß sie nach Worten suchte.

»Was ist?«

»Ach, ich weiß auch nicht.« Sie strich sich mit der freien Hand über das Haar. In ihren Augen lag eine tiefe Verwirrung. »Er bewegt sich über die Erde wie ein Herr.«

»Ich weiß.«

»Ich möchte ihm so gern — ich möchte ihm so gern vertrauen. Bis mir einfällt, wie weh er dir getan hat. Dann bekomme ich Angst vor ihm und vor dem Weg, den er uns führt, und vor seiner Geschicklichkeit. Aber ich vergesse meine Angst zu leicht.« Ihre Finger zupften zerstreut in seinem feuchten Haar. »Morgon.«

»Was?«

»Ich weiß nicht.« Mit einer heftigen Bewegung sprang sie auf, ungeduldig mit sich selbst. »Ich weiß überhaupt nicht, was ich denke.«

Sie lief über die Lichtung zu einem Stand bleicher Pilze, während Morgon zum breiten Fluß hinunterschritt. Er watete in das seichte Wasser und stand so still wie ein alter Baumstumpf, während er nach Fischen Ausschau hielt und sich bemühte, nicht zu denken. Zweimal bespritzte er sich über und über mit Wasser, während die Forellen, die er fangen wollte, ihm zwischen den Fingern hindurchschlüpften. Schließlich machte er seinen Geist zu einem Schleier aus Grau, der das Wasser und den Himmel spiegelte, und begann zu denken wie ein Fisch.

Er fing drei Forellen und nahm sie, da er kein anderes Gerät hatte, ungeschickt mit seinem Schwert aus. Als er sie zum Feuer zurücktrug, hatten sich auch Yrth und Rendel wieder eingefunden und blickten ihm entgegen. Rendel lächelte. Der Gesichtsausdruck des Zauberers war unergründlich. Morgon gesellte sich zu ihnen. Er legte die Fische auf einen flachen Stein und säuberte die Klinge seines Schwertes im Gras. Nachdem er es wieder in einer Scheide, die es gar nicht gab, hatte verschwinden lassen, hockte er sich am Feuer nieder.

»Also gut«, sagte er. »Instinkt.« Er nahm Rendels Pilze und machte sich daran, den Fisch zu füllen. »Aber das erklärt nicht Eure Reise nach Hed.«

»Wie weit könnt Ihr an einem Tag reisen?«

»Vielleicht quer durch Ymris. Ich weiß es nicht. Ich bewege mich nicht gern von einem Moment zum anderen über lange Entfernungen. Das macht müde, und man weiß nie, wessen Geist man versehentlich berührt.«

»Nun«, meinte der Zauberer ruhig, »ich hatte keine Wahl. Ich wollte vermeiden, daß Ihr Euch aus dem geistigen Bann herauskämpft, ehe ich zurückkehrte.«

»Das hätte ich gar nicht gekonnt —« »Doch, Ihr besitzt die Kräfte dazu. Ihr könnt im Dunkeln sehen.«

Morgon starrte ihn wortlos an. Ein Schauder kroch über seine Haut.

»Das war es also?« flüsterte er. »Eine Erinnerung?«

»Die Finsternis von Isig.«

»Oder vom Erlenstern-Berg.«

»Ja. So einfach war es.«

»Einfach.« Hars Bitte fiel ihm ein, und er atmete lautlos, bis der Schmerz und der wirre Knoten von Worten in seiner Brust sich lösten. Er wickelte den Fisch in feuchte Blätter, schob den Stein ins Feuer. »Nichts ist einfach.«

Die Finger des Zauberers zeichneten die gebogenen Linien eines Grashalms bis zu seiner Spitze nach.

»Doch, manche Dinge sind es. Die Nacht. Das Feuer. Ein Grashalm. Wenn man seine Hand in eine Flamme hält und an den Schmerz denkt, dann verbrennt man sich. Wenn man aber nur an die Flamme denkt oder an die Nacht, sie annimmt, ohne sich zu erinnern. Dann wird es sehr einfach.«

»Ich kann nicht vergessen.«

Der Zauberer schwieg.

Als der Fisch langsam zu brutzeln begann, setzte der Regen wieder ein. Sie aßen hastig und verwandelten sich wieder, flogen durch den strömenden Regen, um’ in den Bäumen Schutz zu suchen.

Zwei Tage später überquerten sie die Öse und nahmen am Ufer des unbändigen Flusses wieder ihre natürliche Gestalt an. Es war später Nachmittag. Licht und Schatten jagten sich unter dem regennassen, hellen Himmel auf ihren Gesichtern. Ein wenig verwundert blickten sie einander an, als wären sie überrascht, sich in Menschengestalt zu sehen.

Rendel ließ sich mit einem Seufzer auf einen umgestürzten Baumstamm fallen.

»Ich kann mich überhaupt riicht mehr bewegen«, stöhnte sie. »Ich bin es so müde, eine Krähe zu sein. Bald werde ich auch noch das Reden vergessen.« »Ich gehe auf Jagd«, sagte Morgon, doch auch er machte keine Bewegung. Müdigkeit überschwemmte ihn wie Wasser.

»Ich gehe auf Jagd«, erklärte Yrth, und ehe einer von ihnen etwas darauf erwidern konnte, hatte er sich wieder verwandelt.

Ein Falke stieg in die Luft hinauf, höher und höher, durch den Regen der trüben Sonne entgegen. Weit, weit über ihnen richtete er seinen Flug endlich in die Horizontale aus und begann zu kreisen.

»Wie macht er das?« flüsterte Morgon. »Wie kann erjagen, wenn er blind ist?«

Er unterdrückte einen plötzlichen Impuls, an die Seite des Falken emporzuschießen. Noch während er zusah, stieß der Falke in raschem, tödlichem Flug in die Schatten hinunter.

»Er ist wie ein Erdherr«, sagte Rendel, und ein merkwürdiger Schauder durchzuckte Morgon. Ihre Stimme klang so, als schmerzten sie die Worte, die sie ausgesprochen hatte. »Sie besitzen alle diese schreckliche Schönheit.«