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»Sag das nie wieder zu mir. Nie wieder.«

Eliard starrte ihn wortlos an, und Morgon spürte, während er ihn so hielt, daß er in sich die ganze Kraft und Unschuld von Hed barg.

»Du gehörst hierher«, sagte er ruhiger. »Und mehr als sonstwo brauche ich dich hier in Hed, das Land zu hüten und zu bewahren.«

»Aber Morgon — du gehörst doch hierher. Dies ist deine Heimat, du bist nach Hause gekommen —«

»Ja. Bis zum Morgengrauen.«

»Nein!« Wieder bohrten sich seine Finger in Morgons Schultern. »Ich weiß nicht, wovor du auf der Flucht bist, aber ich werde nicht zulassen, daß du wieder fortgehst. Du bleibst hier; wir können für dich kämpfen, mit Heugabeln und Eggen, wenn es sein muß. Ich leihe mir irgendwo ein Heer aus —«

»Eliard —«

»Sei still! Du magst zupacken können wie ein Schraubstock, aber du kannst mich nicht mehr in Tristans Rosenbüsche werfen. Du bleibst hier, wo du hingehörst.«

»Eliard, willst du wohl aufhören zu brüllen!«

Er schüttelte Eliard ein wenig, und er war so erstaunt über die plötzliche Heftigkeit, daß er schwieg.

Da stürzte wie ein kleiner Wirbelwind Tristan aus dem Haus, umringt von den bellenden, springenden Hunden. Sie sprang an Morgon hoch, ihre Arme umklammerten seinen Hals, und sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Er küßte ihr Haar und ihre Wangen, schob sie dann von sich weg, hob ihr Gesicht mit seinen Händen. Er erkannte es kaum wieder. Es begann zu zucken, als sie ihm in die Augen blickte, und wieder warf sie die Arme um seinen Hals. Dann entdeckte sie Rendel und streckte die Arme nach ihr aus, und die Hunde tobten kläffend um Morgon herum.

In den Fenstern ferner Bauernhäuser flammten ein paar Lichter auf. Einen Moment lang fühlte sich Morgon von Panik gepackt. Dann wurde er einfach still, so still wie das reglose Band der Straße unter seinen Füßen, wie die vom Mondlicht durchflutete Luft. Die Hunde ließen von ihm ab; Tristan und Rendel hörten auf zu sprechen, um ihn anzusehen. Eliard stand ganz ruhig da, unbewußt in Morgons Stille gefangen.

»Was ist?« fragte er voll Unbehagen.

Morgon wartete nur einen Moment, dann trat er zu ihm und legte ihm müde einen Arm um die Schultern.

»Eliard«, sagte er, »allein durch meine Anwesenheit hier bringe ich euch in Gefahr. Gehen wir wenigstens ins Haus.«

»Gut.«

Doch er rührte sich nicht. Sein Gesicht wandte sich von Morgon ab, und sein Blick schweifte zu Rendel, deren Gesicht ein helles, von dunklen Linien und Flecken beschattetes Oval war. Hier und dort blitzten Edelsteine im zerzausten Haar, sprenkelten es mit Feuer. Sie lächelte, und Morgon hörte, wie Eliard schluckte.

»Rendel von An?« fragte er zaghaft, und sie nickte.

»Ja.« Sie streckte ihm die Hand hin, und Eliard nahm sie, als wäre sie aus Spreu und könnte jederzeit vom Wind fortgeblasen werden. Er schien die Sprache verloren zu haben.

Tristan sagte stolz: »Wir sind bis nach Isig und wieder zurück gesegelt, um Morgon zu suchen. Wo warst du? Wo hast du —?« Sie geriet plötzlich ins Stocken. »Woher kommst du jetzt?«

»Aus Anuin«, antwortete Morgon. Er sah die Unsicherheit in ihren dunklen Augen und las ihre Gedanken. »Gehen wir ins Haus«, sagte er nochmals müde. »Dort könnt ihr mich fragen.«

Sie schob ihre Hand in die seine und ging mit ihm ins Haus hinein. Sie ging in die Küche hinunter, um etwas zu essen zu holen, während Eliard Fackeln entzündete und ein Durcheinander von Pferdegeschirren von den Bänken fegte, damit sie sich setzen konnten. Er selbst blieb stehen und blickte auf Morgon hinunter, während er mit dem Fuß verdrießlich gegen die Bank trat.

»Sag mir, warum du nicht bleiben kannst«, bat er dann unvermittelt. »Sag es mir, damit ich es verstehen kann. Wohin mußt du jetzt so dringend?«

»Ich weiß es nicht. Nirgendwohin. Überallhin. Zu verharren ist der Tod.«

Eliard hieb mit seinen Stiefeln Kerben in die Bank.

»Warum?« fragte er heftig, und Morgon legte seine Hände vor sein Gesicht.

»Ich bemühe mich, das herauszufinden«, murmelte er. »Ich bemühe mich, die Lösung des Ungelösten —« Er brach ab, als er den Ausdruck auf Eliards Gesicht sah. »Ich weiß. Wenn ich daheimgeblieben wäre, anstatt nach Caithnard zu gehen, dann säße ich jetzt nicht mitten in der Nacht hier und wünschte, ich könnte die Morgendämmerung mit meinen Händen zurückhalten, und hätte Angst, dir zu sagen, was für Fracht ich mit mir nach Hed gebracht habe.«

Eliard setzte sich langsam und zwinkerte verständnislos.

»Was?«

Tristan kam mit einem riesigen Tablett mit Bier, Milch, frischem Brot und Obst, den kalten Resten einer gebratenen Gans, Butter und Käse die Treppe herauf. Sie stellte es auf einem Hocker ab. Morgon rückte ein Stück, und sie setzte sich neben ihn und schenkte Bier ein. Einen Becher reichte sie Rendel, die etwas zaghaft kostete. Morgon betrachtete sie, während sie einschenkte; ihr Gesicht war schmaler geworden, seine Konturen ausgeprägter.

Stirnrunzelnd blickte sie auf den Schaum auf dem Bier, während sie darauf wartete, daß er zusammensank, damit sie weiter eingießen konnte. Ihr Blick huschte zu ihm, dann senkte sie die Lider, und er sagte leise: »Ich habe Thod in Anuin gefunden. Ich habe ihn nicht getötet.«

Sie stützte den Bierkrug auf das eine Knie, den Becher auf das andere und sah Morgon endlich doch an.

»Ich wollte dich nicht danach fragen.«

Er hob die Hand und strich ihr über die Wange. Er sah, wie ihr Blick die weißen Vesta-Narben auf seiner Handfläche einfing, als er den Arm wieder senkte.

»Es geht mich ja nichts an«, bemerkte Eliard, »aber du hast ihn doch durch das ganze Reich verfolgt.« Ein Schimmer von Hoffnung glomm in seinen Augen. »War er — hat er erklärt —?«

»Er hat nichts erklärt.« Er nahm Tristan den Becher mit dem Bier aus der Hand und trank. Er spürte, wie das Blut wieder in sein Gesicht stieg. Ruhiger fügte er hinzu: »Ich habe Thod durch ganz An verfolgt und ihn schließlich vor zwölf Tagen in Anuin eingeholt. Im Königssaal stand ich vor ihm und sagte ihm, daß ich ihn töten würde. Dann hob ich mein Schwert mit beiden Händen, um eben das zu tun, während er völlig reglos dastand und wartete.«

Er verstummte. Eliards Gesicht war wie erstarrt.

»Und dann?«

»Dann...« Er suchte nach Worten, zog sich in seine Erinnerung zurück. »Ich habe ihn nicht getötet. Es gibt ein altes Rätsel aus Ymris: Wer waren Belu und Bilo, und wodurch waren sie aneinander gebunden? Zwei Fürsten aus Ymris, die im selben Moment geboren waren, und deren Tod der Weissagung zufolge im selben Moment eintreten würde. Sie haßten einander, doch der Bann, der sie fesselte, war solcher Art, daß der eine den anderen nicht töten konnte, ohne sich selbst zu vernichten.«

Eliard betrachtete ihn mit seltsamem Blick.

»Ein Rätsel hat das bewirkt? Ein Rätsel hielt dich davon ab, ihn zu töten?«

Morgon lehnte sich zurück. Einen Moment lang trank er von seinem Bier und sprach nichts. Er fragte sich, ob irgend et-was, das er in seinem Leben getan hatte, Eliard je verständlich gewesen war. Dann beugte sich Eliard vor und umfaßte sachte sein Handgelenk.

»Du hast mir einmal gesagt, ich hätte ein Hirn aus Eichenholz. Vielleicht stimmt das. Aber ich bin froh, daß du ihn nicht getötet hast. Ich hätte es verstanden, wenn du es getan hättest. Doch nie wieder hätte ich sicher sein können, was zu tun du imstande bist und was nicht.« Er ließ Morgon los und reichte ihm eine Gänsekeule. »Iß.«

Morgon sah ihn an und sagte leise: »Du hast das Zeug zu einem Rätselmeister.«

Eliard prustete verächtlich, während sein Gesicht rot anlief. »Keine zehn Pferde würden mich nach Caithnard bringen. Iß!«

Er schnitt Brot und Fleisch und Käse in dünne Scheiben und reichte sie Rendel. Zum erstenmal sah er ihr in die Augen, und sie lächelte. Da wagte er es, zu sprechen.