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«So! Ist das nicht gemütlich, Kind? Wir lassen das Gasfeuer an, dann frierst du bestimmt nicht. Nun kriech unter die Decken, damit du schnell wieder warm wirst.«

Jetzt war nicht der geeignete Moment, Großmutter auszufragen. Wir waren beide todmüde. Morgen vielleicht, bei Tageslicht, würde ich nach der Familie Townsend fragen und nicht lockerlassen, bis ich die ganze Geschichte dieses Hauses kannte.»Soll ich dir das Licht anlassen?«fragte sie, schon an der Tür. Sie sah in diesem Moment uralt aus und strahlte dennoch eine Schönheit aus, die mich ergriff.

«Ja, bitte«, antwortete ich.»Ich mach es dann später aus.«

Sie zog die Tür hinter sich zu, und gleich darauf hörte ich sie die Treppe hinaufhumpeln. Nach einer langen Weile waren das Schlurfen ihrer Füße und das Klopfen ihres Stocks in der ersten Etage zu hören, ihre Tür wurde geöffnet und geschlossen, dann war es still.

Ich streckte mich auf dem Sofa aus. Die Uhr tickte, das Gasfeuer machte kein Geräusch. Draußen, hinter den dicht verhüllten Fenstern, ging kein Wind. Rund um mich herum war drückende Stille.

Mein Blick wanderte wieder zur Decke hinauf und hielt an jener Stelle inne, an der die zwei Wände sich trafen. Lange starrte ich zu dem Punkt hinauf. Ich sah wieder die weit offene Zimmertür vor mir, durch die das gespenstische Licht strömte. Ja, sie war offen gewesen. Aber als ich das Licht eingeschaltet hatte, war sie geschlossen gewesen, die Polsterrolle fest vor der Ritze. Das konnte nur eines bedeuten. Sie war von innen geschlossen worden.

Immer noch starrte ich zu der Stelle hinauf, an der Wand und Zimmerdecke zusammentrafen. Hier, im Erdgeschoß, trennte mich diese Wand vom unbenutzten früheren Salon. Oben, in der ersten Etage, trennte sie die beiden Schlafzimmer voneinander. Ich starrte zur Decke hinauf, als könnte ich auf die andere Seite sehen, und ich dachte, wer oder was auch immer meine Zimmertür geschlossen hat, befindet sich noch dort oben.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, flutete Sonnenlicht durch das Fenster und tauchte das ganze Zimmer in Helligkeit. Von meinem Platz auf dem Sofa aus konnte ich strahlend blauen Himmel zwischen grauen Wolken sehen und ein paar Spatzen, die auf der Backsteinmauer saßen und den schönen Tag genossen. Dann bemerkte ich, daß die Küchtentür offen war, und hörte Großmutter, die vor sich hin summte, während sie mit dem Geschirr hantierte.

Ich setzte mich auf und sah auf die Uhr. Es war fast Mittag. Großmutters Likör hatte Wunder gewirkt. Ich hatte herrlich geschlafen, fühlte mich so frisch und ausgeruht wie seit Tagen nicht. Das Sofa war sehr bequem gewesen, ich hatte nicht gefroren, und vor allem hatte ich keinen >Besuch< bekommen.

Jetzt konnte ich über die nächtlichen Begebenheiten lächeln. Wie anders sehen doch die Dinge bei Tag aus! Bei Nacht sind alle Schatten bedrohlich, alle Geräusche unheimlich. Aber bei Tageslicht erkennen wir, daß diese Ängste nur Ausgeburten unserer Phantasie sind. Das Sonnenlicht vertreibt Schatten und Ängste und flößt gleichzeitig Mut ein. Ich konnte den nächtlichen Schrecken jetzt gelassen ins Auge sehen. Träume jedoch hatte ich gehabt.

Nachdem ich meiner Großmutter guten Morgen gewünscht und ihr versichert hatte, daß ich gesund und munter sei, ging ich nach oben ins Schlafzimmer, wo ich, ganz ohne Angst und ein wenig beschämt ob meiner nächtlichen Hysterie, meine Toilettensachen und die Kleider auspackte, die ich an diesem Tag anziehen wollte.

Ja, ich hatte Träume gehabt. Nichts Greifbares, zusammenhanglose Szenen, Wortfetzen, verschwommene Gesichter, die vor mir auftauchten und sich wieder auflösten. Menschen, die mich umgaben, zu mir herunterblickten und flüsterten. Und im Hintergrund die Melodie von >Für Elise<, die jemand auf einem blechern klingenden Klavier spielte. Aber Träume eben, nichts als Träume.

Als ich nach einem Abstecher ins eiskalte Badezimmer wieder hinunterging, fühlte ich mich wie neugeboren und bereit, dem neuen Tag ins Auge zu sehen. Großmutter hatte mir eine große Kanne Tee und warme Butterbrötchen auf den Tisch gestellt. Ich setzte mich und begann mit Heißhunger zu essen.»Als ich heute morgen ins Zimmer kam«, bemerkte Großmutter lächelnd,»hast du so tief geschlafen, daß du, glaub ich, nicht mal aufgewacht wärst, wenn eine Bombe ins Haus eingeschlagen hätte.«

«Ja, weil du mich so gut versorgt hast, Großmutter.«

«Keine Alpträume mehr?«

Ich dachte an die vagen Träume und konnte mich ihrer nicht mehr erinnern.»Nein, keine Alpträume mehr.«

«Hör zu, Kind, heute koche ich nicht, denn du besuchst ja heute abend Onkel William und Tante May. Da gibt es sicher etwas Gutes zu essen. William ist schon so gespannt, dich wiederzusehen, daß er es kaum erwarten kann.«

Ich nickte und goß mir von dem süßen Tee ein. Merkwürdig klang das: Er würde mich wiedersehen, für mich jedoch würde es wie ein erstes Zusammentreffen sein.

«May gefällt dir bestimmt. Sie kommt aus Wales, eine feine Person. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an sie. Du warst ja erst zwei, als ihr nach Amerika gegangen seid. Sie und deine Mutter haben sich sehr gut verstanden. Die beiden steckten fast immer zusammen. Sie kann dir sicher viel erzählen. «Das erinnerte mich an etwas. Während ich Zitronenmarmelade auf mein Brötchen strich, betrachtete ich nachdenklich das Gesicht meiner Großmutter. Sie sah jünger aus heute morgen, ausgeruht. Und guter Stimmung. Vielleicht war das der richtige Moment.»Ja, das kann ich mir vorstellen«, sagte ich, ohne sie anzusehen.»Aber kannst du mir jetzt nicht noch ein bißchen was von den Townsends erzählen?«

«Da gibt's nicht viel zu erzählen. Sie kommen ursprünglich aus London. Eine gute Familie. Soviel ich weiß, lebt ein anderer Zweig der Familie oben in Schottland.«

«Das meinte ich eigentlich nicht. Ich wollte gern mehr über meinen Urgroßvater wissen, Victor Townsend.«

Sie stellte ihre Tasse nieder und sah mich so nachdenklich an, als wäre sie dabei, eine wichtige Entscheidung zu fällen. Schließlich sagte sie bedächtig:»Andrea, es gibt gewisse Dinge, die man am besten vergißt. Du hättest gar nichts davon, wenn ich dir erzählen würde, was in diesem Haus vorgefallen ist. Das waren Dinge, über die kein anständiger Christenmensch sprechen möchte. Ich weiß von ihnen und dein Großvater auch, aber unseren Kindern haben wir nie etwas davon gesagt. William, Elsie und deine Mutter wissen nichts von der Zeit damals. Und für dich ist es das Beste, wenn du auch nichts erfährst.«

«Heißt das, daß es bei den Townsends schwarze Schafe gab?«Großmutters Blick war sehr ernst.»Wenn es nur das wäre! Ich weiß genau, was du denkst, Andrea — daß ich eine spießige alte Frau bin und mich die heutige Sittenlosigkeit schockiert. Gut, du hast recht, ich bin schockiert von der heutigen Lebensart. Aber ich weiß auch, daß sich die Zeiten nun mal ändern und daß es gewisse Dinge gibt, die man einfach akzeptieren muß. Zum Beispiel, daß junge Leute miteinander leben, ohne verheiratet zu sein. Aber es gibt auch Dinge, die zu jeder Zeit schlimm sind, gleich, in welchem Jahrhundert man ist, ja, schreckliche, unaussprechliche Dinge, Andrea. Und solche Dinge sind damals in diesem Haus vorgefallen.«

Der Ton meiner Großmutter erschreckte mich, dennoch sagte ich:»Aber ich möchte es trotzdem wissen, Großmutter.«

«Warum?«

«Weil…«Ich suchte nach einer Erklärung. Warum konnte ich die Sache nicht einfach fallenlassen und vergessen, wie sie das offensichtlich wünschte? Warum dieser Drang zu wissen?» Weil die Townsends auch meine Familie sind, genau wie du und Großvater und Elsie und William. Ich möchte euch kennenlernen, und ich möchte auch meine Vorfahren kennenlernen. Ich bin von so weit hergekommen, ich möchte etwas mit nach Hause nehmen.«

«Und was ist mit den Dobsons? Das ist meine Seite der Familie. Von denen kann ich dir erzählen.«

«Ja, von denen auch, Großmutter. Aber ich möchte alles wissen. Auch über die Townsends.«