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«Großmutter — «

«Ja, Victor Townsend war ein böser und gemeiner Mensch. Er quälte die Menschen in diesem Haus. Und das ist der Grund, warum ich am liebsten kein Wort über ihn verlieren würde. Ich schäme mich genauso wie dein Großvater, mit ihm verwandt zu sein. Genauso, wie du dich schämen solltest.«

Ich sprang aus meinem Sessel und ging zum Fenster. Es war düster geworden, am Himmel war kein Fleckchen Blau mehr zu sehen, und die Spatzen waren fortgeflogen. Aus dunklen Wolken strömte Regen herab und schlug prasselnd gegen die Fensterscheiben.

Diese Fremden, die meine Verwandten waren, hatten Herzlichkeit und Zuneigung von mir erwartet, die ich nicht geben konnte. Jetzt erwarteten sie Verachtung und Abscheu gegen einen meiner Vorfahren von mir, nur weil er in ihrer aller Augen nichts anderes verdiente. Aber auch diese Gefühle konnte ich nicht aufbringen. Das einzige, was ich empfand, war Mitleid mit meinen Großeltern.

Ich drehte mich um und starrte die alte Frau an, die zusammengesunken in ihrem Sessel saß. Merkwürdig. Aus irgendeinem Grund konnte ich diesen Mann, von dem sie mir soviel Schlimmes erzählt, der den Menschen in diesem Haus das Leben zur Hölle gemacht hatte, nicht hassen. Warum nicht, fragte ich mich. Meine Großmutter wischte sich die Augen und stand auf. Sie hatte sich rasch wieder gefaßt.»Weinen hat keinen Sinn«, sagte sie.»Das weiß ich aus allzu langer Erfahrung. Weinen ändert nichts. Aber ich möchte nie wieder über dieses Thema sprechen, Andrea. Ich habe dir genug gesagt, zuviel vielleicht. Aber jetzt kennst du wenigstens die Wahrheit.«

Eigentlich hätte ich das akzeptieren müssen, aber es blieb ein nagender Zweifel. Weiß ich sie wirklich? fragte ich mich.

Diesmal erlebte ich die Fahrt zum Krankenhaus anders. Diesmal wußte ich etwas über den Mann, den ich besuchen wollte. Gestern hatte ich einen Sterbenden besucht, der mir fremd war. Heute würde ich den Sohn Victor Townsends besuchen. Das ließ alles in einem anderen Licht erscheinen.

Elsie, mit einer Schachtel Pralinen auf dem Schoß, die ihrem Vater zugedacht war, plauderte unaufhörlich über das Wetter, und Edouard gab hin und wieder seine bestätigenden Kommentare. Ich hockte auf dem Rücksitz und hörte nicht zu. Meine Gedanken kreisten einzig um das lange Gespräch mit meiner Großmutter. Ich betrat das Krankenhaus mit gemischten Gefühlen. Einerseits hätte ich mit meinen Verwandten und ihrer Geschichte am liebsten überhaupt nichts zu tun gehabt und wünschte mich nur nach Hause. Andererseits jedoch fühlte ich mich magisch angezogen von dem Rätsel um die Ereignisse in dem Haus in der George Street und von dem alten Mann, dessen Leben sie bestimmt hatten. Gestern noch hatte er mir nichts bedeutet; heute wußte ich vielleicht mehr über ihn als seine eigenen Kinder. Aus diesem Grund fühlte ich mich ihm in gewisser Weise verbunden; das Wissen über Victor Townsend war das Band zwischen uns.

Wir saßen wie am Tag zuvor auf den hölzernen Klappstühlen rund um das Bett. Mein Großvater war wach und lag hoch in den Kissen. Aber wenn auch seine Augen geöffnet waren, hatte ich doch den Eindruck, daß er uns gar nicht sah. Sein Blick war stumpf und leer.

«Hallo, Dad«, sagte Elsie, während sie die Pralinenschachtel aus der Cellophanhülle schälte.»Schau, ich hab dir Pralinen mitgebracht.“

Mein Großvater verzog die Lippen, als wollte er lächeln.»Möchtest du eine?«fragte sie neckend.

Mein Großvater reagierte nicht. Der Mund blieb verzogen, und ich war mir nicht mehr sicher, ob er wirklich lächelte oder ob dies vielleicht eine Grimasse des Schmerzes war. Elsie schob ihm eine Praline in den eingefallenen Mund, und er begann sofort zu saugen. Letzendlich sind wir wohl alle auf die elementaren Instinkte reduziert, mit denen wir geboren werden.

Es war, als hätte der Kreis sich geschlossen, als wäre mein Großvater wieder zum Säugling geworden.

«Sieh mal, wen wir mitgebracht haben. «Elsies Stimme schallte durch den ganzen Saal.»Andrea! Sie ist extra aus Amerika gekommen. Du hast sie gestern verpaßt, weil du geschlafen hast, als wir hier waren.«

Sein leerer Blick blieb weiter auf Elsie gerichtet, aber dann, als wäre die Neuigkeit plötzlich zu ihm durchgedrungen, wandte er mir sein Gesicht zu. Er lächelte mich an, während er an seiner Praline lutschte, aber dann verfinsterten sich seine Züge schlagartig, und er hörte auf zu suckeln. Mir lief es eiskalt über den Rücken.

Der Ausdruck auf dem Gesicht meines Großvaters war erschreckend. Wer hätte es für möglich gehalten, daß ein so freundliches, infantiles Gesicht solchen Zorn zeigen konnte. Oder war es vielleicht Haß?

«Du bist heute anscheinend nicht gut aufgelegt, Dad«, bemerkte Elsie und griff in die Pralinenschachtel, um ihm noch ein Stück in den Mund zu schieben.

Mit einer so schnellen Bewegung jedoch, daß keiner von uns sie kommen sah, schlug mein Großvater Elsies Hand weg.»Aber Dad!«

Sein Gesicht blieb bitterböse, und die wolkigen Augen, die nichts zu sehen schienen, hielten mich fest.

«Was ist nur in ihn gefahren?«fragte Elsie.»So hab ich ihn noch nie erlebt.«

«Er hält Andrea wahrscheinlich für jemand anderen«, meinte Ed, hob die Praline vom Boden auf, wischte sie ab und schob sie selbst in den Mund.

Ich saß wie erstarrt und versuchte, dem feindseligen Blick meines Großvaters standzuhalten. Erst nach einigen Sekunden gelang es mir, meine Bestürzung abzuschütteln und zu sagen:»Hallo Großvater, du weißt doch, daß ich es bin, nicht wahr? Andrea!«Einen Moment noch blieb der finstere Ausdruck, dann löste er sich, und das Gesicht meines Großvaters entspannte sich wieder.»Ruth?«Stieß er mit zitterndem Kinn und gespitzten Lippen mühsam hervor.»Ach Gott!«rief Elsie.»Er hält dich für deine Mutter. «Dann beugte sie sich über das Bett und sagte laut:»Nicht Ruth, Dad. Das ist Andrea. Deine Enkelin.«

Das Lächeln kehrte zurück.»Ruth! Du bist also wiedergekommen?«

«Dad — «

«Laß doch, Tante Elsie. Für ihn ist Andrea sicher immer noch zwei Jahre alt. Laß ihn doch in dem Glauben, daß ich seine Tochter bin. Schau, wie er lächelt.«

Ich ließ mir nichts davon merken, wie sehr mir diese Szene ans Herz ging. Ich konnte es selbst nicht fassen, daß dieser Mann so starke Gefühle in mir weckte. Ich blickte in sein altes, verbrauchtes Gesicht und dachte an das schreckliche Stigma, mit dem er hatte leben müssen, das Wissen über die Umstände seiner Zeugung und die Angst, daß das böse Erbe Victor Townsends in einem seiner Kinder oder Enkelkinder wiederkehren würde.»Alles ist gut, Großvater«, sagte ich beschwichtigend und tätschelte ihm die Hand.»Es ist alles gut.«

Onkel William wohnte in einem Teil von Warrington namens Padgate. Sein hübsches, modernes Haus stand in einem gepflegten Garten und hatte natürlich, das war das beste, Zentralheizung.

Er selbst, ein großer, kräftiger Mann, korpulent und rotgesichtig, empfing mich mit stürmischer Herzlichkeit. Ohne viel Federlesens nahm er mich in die Arme, küßte mich auf beide Wangen und redete beinahe ebenso viel wie Elsie. May, seine Frau, stämmig wie er, war schlicht gekleidet und trug das graue Haar kurz, weil das am praktischsten war, wie sie sagte. Einfache Menschen, bescheiden und ohne große Ansprüche.

«Andrea! Wie schön!«rief May, als ich in die Küche bugsiert wurde, wo sie am Herd stand.»Du bist gewachsen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.«

Wir lachten alle, schälten uns dann aus unseren warmen Sachen und setzten uns ins Wohnzimmer, das weit moderner eingerichtet war als das meiner Großmutter.

«Wie war Dad heute?«fragte William mit vollem Mund, während wir bei Tee und Kuchen saßen.

«Er hat aufgesessen und richtig mit uns geredet, stimmt's, Ed? Und dazu hat er fast eine ganze Schachtel Pralinen vertilgt.«

«Na also! Ich wette, in ein paar Wochen ist er wieder zu Hause. Er brauchte nur ein bißchen Ruhe und Pflege. «William schob ein Törtchen in den Mund, und ich dachte, was für ein gemütlicher, Wohlbehagen ausstrahlender Mann er sei, der Bruder meiner Mutter.