Verblüfft erkannte ich, daß sie meine Anwesenheit überhaupt nicht bemerkten.
Die beiden Brüder wirkten sehr gegensätzlich. John, der Jüngere, vielleicht zwanzig Jahre alt, war kleiner und nicht so gutaussehend wie sein Bruder. Dafür waren seine Gesichtszüge weicher, und er strahlte eine sanfte Freundlichkeit aus, die sofort für ihn einnahm.
Victor — mein Urgroßvater (welch seltsame Vorstellung) — hatte dichtes rabenschwarzes Haar und Koteletten, die fast bis zum Unterkiefer reichten. Die großen dunklen Augen lagen tief in den Höhlen, und zwischen den kräftigen Brauen trat die steile Falte über der Nasenwurzel stark hervor. Er war fast einen Kopf größer als sein jüngerer Bruder, kräftiger gebaut, mit breiteren Schultern, und wirkte dadurch imposanter.
Die Kleider, die sie trugen, dunkle Gehröcke und Nadelstreifenhosen, entsprachen ganz der Mode des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Sie sahen beide sehr elegant aus, wie sie da standen, und galten unter ihren Zeitgenossen zweifellos als Männer von Geschmack.
«Aha, daran hat dir London offensichtlich nicht den Geschmack verdorben«, bemerkte John, als er sah, daß Victor sich noch einmal aus der Karaffe einschenkte.
«Ich bin doch erst ein Jahr weg, John. Du redest, als hättest du großartige Veränderungen erwartet.«
«Ich habe jedenfalls erwartet, daß du gescheiter heimkommst, als du fortgegangen bist. Das King's College hat einen großen Ruf. Was bringen sie euch denn an der medizinischen Fakultät alles bei?«
«Bettgeflüster«, antwortete Victor scherzhaft. John warf den Kopf zurück und lachte.»Das, lieber Bruder, könntest doch du eher den Londonern beibringen. Aber jetzt mal im Ernst«- er neigte sich mit einem verschwörerischen Lächeln zu Victor hinüber —»macht es dir wirklich Spaß, Leichen zu sezieren?«
«Du bist schrecklich, John, und das gleich an meinem ersten Abend zu Hause.«
«Na schön, dann sprechen wir von angenehmeren Dingen. Durftest du schon mal junge Damen untersuchen?«Victor schüttelte lächelnd den Kopf.»Du bist wirklich unverbesserlich, John. Man wird doch nicht aus Lust an Leichen und nackten jungen Frauen Arzt.«
«Aber nein, natürlich nicht!«John wedelte theatralisch mit einem Arm.»Dich treibt die Menschenliebe, das Mitgefühl mit allen, die leiden, der brennende Wunsch, allem Schmerz und Elend ein Ende zu machen.«
«So etwa«, murmelte Victor.
Einen Moment lang versiegte das Gespräch, und die beiden jungen Männer blickten schweigend in die Flammen im Kamin. Jetzt erst fiel mir auf, wie sich das Zimmer verändert hatte, Eine Tapete mit Blumenmuster bedeckte die Wände, und auf dem Boden lag ein dicker Perserteppich in satten Blau- und Rottönen. Die Glasvitrine stand neu und blitzblank in der Ecke, und dem Roßhaarsofa fehlte Großmutters Schonbezug. Auf dem Kaminsims stand eine Tischuhr auf geschwungenen Beinen, die von zwei Staffordshire-Hunden flankiert war. Gaslampen an den Wänden beleuchteten das Zimmer und mehrere oval gerahmte Porträts mir unbekannter Personen. Ich war so fasziniert von der Szene, daß ich sie auf keinen Fall zerstören wollte. Aus diesem Grund machte ich auch nicht die kleinste Bewegung und wagte kaum zu atmen. Ich hörte, wie hinter mir die Tür geöffnet wurde und eine dritte Person ins Zimmer trat. Ich spürte den kalten Luftzug, der hereinwehte, und sah, wie Victor sich umdrehte und mit strahlendem Lächeln beide Arme ausbreitete, als Harriet auf ihn zuging.
«Victor, ich freu mich so, daß du gekommen bist. «Bruder und Schwester umarmten und küßten einander. Dann hielt er sie auf Armeslänge von sich ab und betrachtete sie von oben bis unten.»Du bist in dem einen Jahr ganz hübsch gewachsen«, sagte er.
Richtig, das war nicht mehr das eigensinnige kleine Mädchen, das noch vor wenigen Minuten oben im Schlafzimmer geweint und geklagt hatte. Harriet war eine junge Dame geworden. Sie trug ein langes Seidenkleid mit hohem Kragen und engem Mieder. Die langen Locken trug sie hochgekämmt und mit Nadeln festgesteckt.
Sie sah sehr elegant aus und wirkte im Feuerschein, der ihre Wangen rosig färbte, beinahe hübsch.
«Ich bin ja auch schon vierzehn«, erklärte sie stolz.»In dem einen Jahr habe ich mich sehr verändert.«
«Aber sie flennt immer noch soviel wie früher.«
«John!«
Victor unterdrückte ein Lächeln.»Ist das wahr, Harriet, weinst du viel?«
«Du hättest sie an dem Abend erleben sollen, als du abgereist bist, Victor! Das war wirklich ein Drama. Sie wollte sich in den Kleiderschrank einsperren und nie wieder etwas essen. «Jetzt ließ Victor das Lächeln heraus.»Meinetwegen wolltest du das tun?«
Ich sah, wie Harriet errötete.»Es hat mich so gekränkt, daß du fortgegangen bist, Victor. Aber jetzt macht es mir nichts mehr aus. Jetzt bin ich stolz darauf, daß du Arzt wirst.«
«Wenn nur auch Vater stolz darauf wäre«, murmelte John unterdrückt.
«Und ich bin froh, daß du das Stipendium bekommen hast. Weil du ja wirklich der klügste Mann von ganz Warrington bist, und ich — «
«Warrington ist ein kleines Städtchen«, warf John ein und griff zur Karaffe.»Noch ein Glas, Victor?«Victor schüttelte den Kopf.
«Kann ich was haben?«fragte Harriet herausfordernd.»Damit du dir deinen hübschen Teint verdirbst? Du weißt, was Vater tun würde, wenn er dich dabei ertappte, daß du Brandy trinkst.«
«Brandy!«sagte Victor.»Du bist ja wirklich erwachsen geworden, hm, Harriet?«
«Mehr als du ahnst. Ich war auf den Tennisplätzen.«
«Harriet!«John warf ihr einen mißbilligenden Blick zu.»Das hat Vater dir doch verboten.«
«Ich spiele ja nicht. Ich sehe nur zu. Das hat er mir nicht verboten.“
«Aber er wird sicher böse werden, wenn er davon hört.«
«Und wer soll es ihm erzählen?«
«Tennis?«fragte Victor mit hochgezogenen Brauen.»Hier in Warrington?«
«Ja, stell dir vor. Meine Freundin Megan O'Hanrahan spielt sogar. Und sie raucht Zigaretten.«
«Diese Megan ist ein ganz lockeres Ding«, bemerkte John finster.»Du solltest dich von ihr lieber fernhalten. «Doch Victor sagte:»In London findet man nichts dabei, wenn eine junge Dame Tennis spielt.«
«Aber wir sind hier nicht in London.«
«Ach, John, du bist so spießig. «Harriet umfaßte Victors Arm und begann schnell auf ihn einzureden.»Tennis interessiert mich gar nicht so besonders«, sagte sie.»Aber weißt du, was ich liebend gern hätte?«
Victor betrachtete seine kleine Schwester amüsiert.»Was denn?«
«Ein Fahrrad.«
John wirbelte herum.»Also, das ist doch wirklich — «
«Einen Augenblick, John, laß deine Schwester ausreden. Also, Harriet, warum möchtest du ausgerechnet ein Fahrrad haben?«
«Megan O'Hanrahan hat auch eines und — «
«Und jeder kann ihre Unterröcke sehen, wenn sie die Straße hinunterfährt!«
«John!«rief Harriet schockiert.
«Es ist unanständig. Vater wird niemals erlauben, daß seine Tochter sich so unschicklich zur Schau stellt. Und ich werde ebensowenig zulassen, daß meine Schwester — «
«Victor! Hilf mir doch!«
«Tja, ich…«Er kratzte sich am Kopf.
«Du bekommst kein Fahrrad, und damit Schluß. Auf der Straße herumfahren und sich unter die Röcke gucken lassen. Das schickt sich nicht für eine anständige junge Dame.«
«John Townsend, wie kannst du so gewöhnlich sein. Ich ziehe doch lange Pumphosen an — «
«Niemals würde Vater diese Dinger in seinem Haus dulden. Sollen die Amerikanerinnen sie anziehen, wenn sie wollen. Die haben sie ja erfunden. Aber du wirst dich nicht auf diese Weise zur Schau stellen.«
Harriet sah John einen Moment lang mit zornig blitzenden Augen an, dann wandte sie sich Victor zu.»Und was findest du?«
«Ich muß John da leider zustimmen, Harriet. Tennisspielen mag noch angehen, aber Radfahren ist etwas ganz anderes. Ich glaube, du schlägst dir das am besten aus dem Kopf.«