Ich hatte keine Erklärung, ich wußte nur, daß es in der Tat möglich war. Die Fotografie in diesem Album war genau die, welche ich Mr. Cameron vor nur einer Stunde hatte aufnehmen sehen. Da war Harriet mit ihrer widerspenstigen Locke und dem dunklen, weiten Rock, in dessen linker Tasche ein geheimer Brief versteckt war.
Das Foto war Zeugnis eines kurzen Augenblicks im Leben dieser längst verstorbenen Menschen; Abbildung einer Szene, die tief in der Vergangenheit lag. Und doch hatte ich diesen Moment miterlebt, diese flüchtige Szene so beobachtet, wie sie wirklich gewesen war — real, lebendig, bestimmt von Menschen aus Fleisch und Blut.
Ich hatte den beißenden Geruch des verbrannten Magnesiums wahrgenommen!
Dafür mußte es doch einen Grund geben. Die Townsends folgten dem Lauf der Zeit auf dem Weg zu ihrem unausweichlichen Schicksal, wie uns das allen aufgegeben ist, und aus irgendeinem Grund mußte ich ihnen dabei zusehen. Würden sich denn die Szenen, die sich vor meinen Augen entfalteten, letztendlich zu einer Geschichte gestalten?
Wenn dem so war, würde ich dann gezwungen sein, die schrecklichen Geschehnisse mitzuerleben, die sich bald in diesem Haus ereignen sollten — diese unsäglichen Scheußlichkeiten, die den Townsends ihr Haus in der George Street zur Hölle gemacht hatten?
Mit jeder unlösbaren Frage wurden meine Kopfschmerzen stärker. Ich massierte mir die Schläfen, aber ich konnte nicht zur Ruhe kommen.
Was für eine Lösung gab es für mich? Wenn es keine Antworten gab, keine Gründe dafür, warum oder wozu mir das widerfuhr, wäre es dann nicht die einfachste Lösung, das Haus meiner Großmutter zu verlassen und nicht wieder zurückzukommen? Tief im Innersten wußte ich die Antwort. Erst an diesem Nachmittag, als ich aus dem Haus gegangen war, um einen Spaziergang zu machen, hatte ich sein Widerstreben gespürt, mich gehen zu lassen. Ich hatte es als Einbildung von mir abgetan. Aber jetzt wußte ich die Wahrheit. Ich konnte das Haus in der George Street nicht verlassen. Es würde mich nicht gehen lassen.
Ich spürte Großmutters Hand auf meiner Schulter und starrte sie verwirrt an. Ich hatte keine Ahnung, wann sie ins Zimmer gekommen war, verstand nicht, wieso ich sie nicht gehört hatte.»Es ist bald Mittag«, sagte sie mit Besorgnis in der Stimme.»Ich war den ganzen Morgen sehr leise, um dich nicht zu wecken, aber du hast plötzlich angefangen zu stöhnen. Du siehst gar nicht gut aus, Kind. Andrea, kannst du mich hören?«Ich drehte den Kopf hin und her, verzog das Gesicht vor Schmerzen und nahm wie durch Dunstschleier wahr, daß ich im Nachthemd war und unter den Decken auf dem Sofa lag. Es war unerträglich heiß im Zimmer.
«Ja, Großmutter, ich höre dich. Es ist nichts. Ich habe nur wieder solche Kopfschmerzen. «Ich griff mir mit der Hand an die Stirn. Ich fühlte mich wie betäubt.
«Armes Kind. Das ist bestimmt die Feuchtigkeit. Ich hol dir noch mal eine Tablette. Und ins Krankenhaus fährst du mir heute nicht!«
«Ach, aber Großmutter…«Ich stützte mich auf die Ellbogen und richtete mich auf.»Ich möchte aber fahren.«
«Kommt nicht in Frage. «Großmutter wandte sich ab und humpelte durch das Zimmer zum Fenster hinter dem kleinen Eßtisch. Mit einem Ruck zog sie die Vorhänge auf.»Da! Sieh dir das an.«
Verdutzt starrte ich auf das Fenster. Es sah aus wie mit weißer Farbe zugeschmiert.»Was ist das?«
«Nebel. Mit freundlichen Grüßen aus Glasgow. Dort hatten sie ihn gestern — ich hab's im Radio gehört. Und jetzt ist er zu uns runtergezogen. Wir sitzen mitten in der dicksten Suppe, Kind. Da bleibt man am besten zu Hause.«
«Nebel…«
«Der kommt jedes Jahr, so sicher wie das Amen in der Kirche. Erst kriegen sie ihn in Glasgow, dann zieht er zu uns runter. So, ich mach dir jetzt einen schönen heißen Tee, den kannst du gebrauchen, und was Gutes zu essen. Du bist diese Feuchtigkeit hier einfach nicht gewöhnt. Und oben im Norden braut sich ein Sturm zusammen. Drum ist die Luft so drückend. «Nachdem ich drei von Großmutters Tabletten geschluckt hatte, nahm ich meine Sachen und ging hinauf ins kalte Badezimmer. Ich ließ mir ein heißes Bad einlaufen und stürzte mich, völlig durchgefroren, mit Wonne hinein, sobald die Wanne zur Hälfte gefüllt war. Während ich mich im dampfenden Wasser aalte, dachte ich weiter über die Geschehnisse der vergangenen Nacht nach.
Ein neuer Gedanke kam mir, und ich bedachte ihn sehr gründlich. Obwohl ich das Gefühl hatte — eine Art nebelhafter Ahnung —, daß das Haus mich nicht fortlassen wollte, fragte ich mich, was geschehen würde, wenn ich es versuchen sollte.
Die Besuche bei meinem Großvater gestattete es mir; sie schienen irgendwie in den größeren Plan hineinzugehören. Aber ich erinnerte mich einer inneren Rastlosigkeit, als ich in Williams Haus gewesen war — einer nagenden Ungeduld, hierher zurückzukehren —, und der Sog, den es auf mich ausgeübt hatte, als ich zu meinem Spaziergang auf dem Newfeld Heath aufgebrochen war, war unverkennbar gewesen.
Was aber würde geschehen, überlegte ich, während ich das heiße Bad genoß, wenn ich all meine Kraft und Entschlossenheit zusammennahm und versuchte, mich zu lösen? Würde es mich ziehen lassen?
Aber wie wollte es mich denn überhaupt aufhalten? Unsinnige Spintisierereien, schalt ich mich, während ich mich in der Kälte des Badezimmers trockenfrottierte. Wie albern, mich als Gefangene dieses Hauses zu sehen. Selbstverständlich konnte ich gehen. Jederzeit. Wann immer ich wollte. Es wäre nur lieblos gewesen, Großmutter nach so kurzer Zeit und ausgerechnet jetzt wieder allein zu lassen. Und ich konnte nicht nach gerade vier Tagen schon wieder nach Los Angeles zurückkehren. Es gehörte sich einfach, daß ich noch eine Weile blieb, Großmutter Gesellschaft leistete, meinen Großvater besuchte und die alten Verwandtschaftsbande neu knüpfte. Ich würde gehen, wenn ich dazu bereit war.
Das Essen war gut, aber ich hatte keinen Appetit. Dennoch zwang ich mich, Großmutter zuliebe wenigstens ein wenig zu essen. Sie musterte mich immer wieder mit besorgtem Blick.»Ist dein Haar schon trocken, Kind?«
Ich schob einen Finger unter das Frottiertuch, das ich mir um den Kopf gewickelt hatte.»Scheint so, ja.«
«Setz dich doch ans Gas, bis es richtig trocken ist. Nicht daß du mir eine Erkältung bekommst. Elsie und Ed kommen heute sicher nicht. Bei solchem Nebel gehen sie nie aus dem Haus. «Ich sah wieder zum Fenster. Alles war Grau in Grau. Der kleine Garten, die Backsteinmauer, die rostige Pforte und die dürren Rosenbüsche waren verschwunden. Noch nie hatte ich so dicken Nebel erlebt. Es war, als wäre das Haus von einem Wattemeer umhüllt.
«Wann geht er denn wieder weg?«
«Heute abend wahrscheinlich. Komm jetzt, setz dich ans Feuer.«
Mit trägen Bewegungen bürstete ich mir am Gasfeuer das Haar. Lieber hätte ich mich weiter weg gesetzt, es war mir sowieso schon zu warm im Zimmer. Aber Großmutter war um mein Wohlbefinden besorgt, und da ich gerade aus der Wanne gestiegen war, mußte ich ihr recht geben. Ich starrte in die bläulichen Gasflammen, während ich bürstete, und hing meinen Gedanken nach, die sich um die vier Menschen drehten, die ich am vergangenen Abend hier beobachtet hatte.
Als ich Großmutter in der Küche das Geschirr spülen hörte — sie wollte nichts davon wissen, daß ich ihr half —, nahm ich das Familienalbum und schlug es auf. Unglaublich, daß ich die Entstehung dieses Familienfotos miterlebt haben sollte! Ein verrückter Gedanke, daß dieses Bild, vergilbt und brüchig jetzt, seit Jahrzehnten in diesem Album steckte und ich doch erst vor wenigen Stunden seine Entstehung beobachtet hatte.
Was war die Zeit für ein seltsames Ding. Die Wirbel und Strudel des gewaltigen Flusses Zeit waren mir ein Rätsel. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben:»Die Zeit vergeht, meinst du? Aber nein! Die Zeit bleibt, und wir vergehen. «War das die Erklärung? Daß nicht die Zeit in Bewegung ist, sondern vielmehr wir durch sie hindurchfliegen, während sie stillsteht?