«Ich muß mein eigenes Leben leben, Vater«, erwiderte Victor mit großer Selbstbeherrschung.
«Ja, und um das zu tun, mußt du deiner Familie den Rücken kehren. Ich war von Anfang an dagegen, daß du so ein Quacksalber wirst. Aber nun, wo du es doch durchgesetzt hast, solltest du wenigstens nach Hause kommen und bei denen bleiben, die dich lieben. Aber ich werde dich nicht bitten. O nein! Ich werde dich nicht bitten, und ich werde mich auch nicht weiter mit dir herumstreiten. Du wirst dich eines Tages dafür verantworten müssen, was du getan hast — Leichen aufschneiden und deine Nase in Dinge stecken — «
«Dann leb wohl, Vater. «Victor bot seinem Vater die Hand. Sein Gesicht war bleich und wirkte im flackernden Feuerschein sehr hart.
Der ältere Townsend schien einen Moment unschlüssig, hin und her gerissen zwischen Liebe und Stolz, dann machte er ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Zimmer.
Victor stand da wie versteinert, den Arm noch ausgestreckt, um dem Vater die Hand zu reichen, das Gesicht sehr bleich. Als er schließlich verschwand, und das lodernde Feuer wieder dem Gasgerät gewichen war, schlug ich überwältigt die Hände vor das Gesicht.
«Ja?«sagte Großmutter plötzlich und fuhr aus dem Schlaf.»Ja, was ist?«
Ich wandte mich von ihr ab und wischte mir die Augen.»Oh, ich muß eingeschlafen sein. Lieber Gott, wie spät es schon ist! Ich kann doch nicht hier rumsitzen und dösen, da krieg ich ja die ganze Nacht kein Auge zu. Ach du lieber Schreck, ich hab mein Strickzeug fallenlassen, und die ganze Wolle hat sich verheddert. «
Ich drängte die Tränen zurück und tröstete mich mit dem Gedanken, daß Victors Leiden an der Zurückweisung des Vaters, den er so geliebt hatte, längst vorbei war. Mit einem etwas mühsamen Lächeln wandte ich mich meiner Großmutter zu.»Wie ist das Buch?«fragte sie.
«Gut. «Meine Stimme war unsicher.»Ich glaube, ich bin auch eingenickt.«
Ich sah auf die Uhr. Nur eine Minute war vergangen über der Konfrontation Victors mit seinem Vater. Ich lauschte dem vertrauten Ticken, und die Uhr schien mir zu flüstern» vergangen, vergangen, vergangen«. Ich erkannte, daß während meiner Begegnungen mit der Vergangenheit die Zeit der Gegenwart keine Gültigkeit hatte. Da ich jetzt wußte, daß das Aussetzen der Uhr zugleich das Signal zum Eintritt in die Vergangenheit war, wurde mir klar, daß dies gewissermaßen die Brücke zwischen den beiden Zeitaltern war. Die Uhr war eine Art Schaltwerk, das den Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit vollzog. Aber die Zeit der Gegenwart schien stillzustehen. Sie bewegte sich träge fort, während die Vergangenheit vor meinen Augen ihren normalen Gang nahm. Oder war ich es, die stillstand und im Stillstehen den Verlauf der Ereignisse von gestern wahrnahm? Es spielte keine Rolle. Es war ein Rätsel, das nicht zu lösen war. Was auch immer in diesem Haus vorging, was auch immer das für ein Plan war, in den ich eingebunden worden war, er mußte seinen Lauf nehmen, ohne Rücksicht auf das Warum, das Wie und das Wozu.
Kapitel 8
William und May trotzten dem Nebel und kamen auf eine Stippvisite bei uns vorbei. Großmutter, die im Lauf des Spätnachmittags etwas traurig gewesen war, weil keiner Großvater besuchen würde, wurde sogleich wieder heiterer. William und May wollten sich vom schlechten Wetter nicht von ihrem gewohnten Abendbesuch im Krankenhaus abhalten lassen.»Möchtest du mitkommen, Andrea?«
Ich nickte nachdrücklich. Ich mußte eine Weile hinaus aus diesem Haus. Ich brauchte frische Luft und Tapetenwechsel und die Gesellschaft anderer Menschen. Zum erstenmal war ich froh um meine Verwandten.
«Ich weiß nicht, Andrea«, sagte Großmutter zweifelnd, während sie mir die Hand auf die Stirn legte.»Ich glaube, du brütest eine Erkältung aus.«
«Ach wo! Mir geht's gut.«
«Sie hat den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt, und gestern auch schon. Ich glaube, das ist die Feuchtigkeit.«
Nun fühlte sich auch May genötigt, mir die Hand auf die Stirn zu legen.»Fieber scheint sie keines zu haben. Möchtest du mitkommen, Andrea?«
«Ja, sehr gern.«
«Also gut«, meinte Großmutter seufzend.»Aber zieh dich richtig an. Im Radio haben sie gesagt, daß ein Sturm aufzieht.«
«Ich geh schon voraus und wärm den Wagen ein bißchen vor«, sagte William, während er wieder in seine dicke Jacke schlüpfte und den Wollschal umlegte.»Komm erst raus, wenn du fertig angezogen bist. Ich mach dir dann gleich die Tür auf. Da bekommst du von der Kälte gar nichts mit.«
Aber ich hatte mich inzwischen so sehr an die Kälte gewöhnt, daß ich all die warmen Verpackungen gar nicht brauchte, die Großmutter mir aufdrängte. Im Gegenteil, das Wohnzimmer war mir schon den ganzen Nachmittag muffig und überheizt erschienen, und mehrmals wäre ich am liebsten aufgesprungen und hätte die Tür aufgerissen. Dennoch packte ich mich unter der mütterlichen Fürsorge Großmutters so warm ein, wie sie es wünschte und als ich schließlich in Jacke, Mantel, Wollmütze und Fäustlingen dastand, hatte ich nur noch den Wunsch, so schnell wie möglich hinauszukommen. Aber an der Haustür wurde ich aufgehalten. In dem Moment, als ich den Fuß über die Schwelle setzen wollte, überfiel mich ein so starkes Schwindelgefühl, daß ich mich am Türpfosten festhalten mußte, um nicht zu stürzen.»Was ist denn, Kind?«hörte ich Mays Stimme von weither. Die nebelwallende Straße schwankte vor meinen Augen, bewegte sich in wilden Wellenbewegungen auf mich zu und wich wieder zurück. In weiter Ferne stand ein winziger William neben einem winzigen Auto. Es war, als sähe ich ihn durch eine konkave Linse. May war an meiner Seite, ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten, aber ich hörte nichts. Der Boden unter meinen Füßen bewegte sich wie bei einem Erdbeben. Ich umklammerte die Tür, um Halt zu finden, während der Boden unter mir absackte und mir der Magen bis zum Hals hinaufsprang wie auf einer Achterbahn.
Als ich mit dem Kopf auf den harten Holzboden aufschlug, hörte der Schwindel schlagartig auf, und ich starrte benommen zur Decke hinauf.
«Mein Gott, mein Gott!«hörte ich Großmutter voller Entsetzen rufen.»Sie ist ohnmächtig geworden.«
Drei erschrockene Gesichter neigten sich über mich, dann wurde ich vom Boden aufgehoben. William nahm mich in seine kräftigen Arme und zog mich hoch. Ich hing wie eine Lumpenpuppe an ihm. Großmutter und May gingen händeringend und o Gott, o Gott rufend neben uns her, während William mich durch den Flur ins Wohnzimmer schleppte.
Dort setzte er mich in einen Sessel und schälte mich schnell und etwas grob aus den dicken Kleidern.
Als ich wieder ganz bei Besinnung war, sah ich, daß ich vor dem Gasofen saß, der voll aufgedreht war. Um meine Beine lag eine dicke Decke und Großmutter hielt mir eine Tasse Tee hin.»Es ist schon wieder gut«, sagte ich schwach.»Es war die Hetze. Weil alles so schnell gehen mußte und — «
«Unsinn!«Großmutter schlug mir auf den Arm.»Du hast die Grippe, das seh ich doch. Trink jetzt deinen Tee, komm.«
«Geht es dir wirklich wieder gut, Andrea?«fragte May besorgt.»Wir können den Arzt holen — «
«Nein, nein. Es ist nichts — wirklich nicht. Es war nur die Aufregung. Gott, ist das heiß hier. «Ich wollte die Decken wegziehen, aber Großmutter ließ es nicht zu.»Du hast Fieber«, fuhr sie mich an.
May legte mir ihre Hand auf Stirn und Wangen und entgegnete:»Nein, Mutter, das stimmt nicht. Ganz im Gegenteil, sie ist sehr kalt. Weißt du, was das zu bedeuten hatte, William?«William zuckte die Achseln.»Nach einer Ohnmacht ist das oft so, glaube ich. Also die Grippe hat sie sicher nicht. Es muß was anderes sein.«
«Doch, sie hat die Grippe. Sie hat sich erkältet«, behauptete Großmutter unerschütterlich.»Und sie geht mir heute nicht aus dem Haus.«