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«Das ist ganz unbestimmt, Miss Adams. Es kann sein, daß ich überhaupt nicht zurückkomme.«

Ihre Augen weiteten sich.»Oh, wie traurig! — Für Ihre Familie, meine ich.«

«Es zieht mich nicht nach Warrington. Ich möchte Forschungsarbeit leisten, neue Heilmittel entdecken. Auf diesem Gebiet wird gerade jetzt in Schottland viel getan, und mit einem Empfehlungsschreiben von Mr. Lister werde ich die richtigen Männer kennenlernen.«

«Ich finde das sehr bewundernswert. «Sie senkte den Kopf und blickte wieder ins Feuer. Wieder spürte ich Victors tiefes Verlangen, während er sie mit brennendem Blick betrachtete.»Wie lange leben Sie schon in Warrington, Miss Adams?«

Sie sprach, ohne aufzublicken.»Seit einem Jahr. Wir kommen aus Prestatyn in Wales

— «

«Ah ja, ich dachte mir schon — «

«Mein Vater bekam einen guten Posten im Stahlwerk angeboten. Er ist Abteilungsleiter, wissen Sie…«Jennifer hob den Kopf und sah Victor an. Kaum verhohlene Faszination lag auf ihrem Gesicht. Ich spürte, wie die Liebe in ihr anschwoll, und hörte ihre stumme Frage: Wie ist das möglich?

Ihre Lippen waren leicht geöffnet, und die großen, fragenden Augen waren wie die eines Rehs.

«Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Miss Adams«, sagte Victor.»Es ist schade, daß wir uns erst so spät kennengelernt haben. «Sie sagte nichts.

«Wenn wir uns vor einem Jahr begegnet wären«, fuhr er ruhig fort,»dann…«

«Ja, Mr. Townsend?«sagte sie leise.»Dann wären wir vielleicht Freunde geworden.«

«Aber sind wir das jetzt nicht? Ich kenne Harriet seit einem Jahr. Wir sind viel zusammen. Und sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Ich habe das Gefühl, Sie schon zu kennen, Mr. Townsend. «Er lächelte.»Sie müssen einmal nach Edingburgh kommen. «Jennifer senkte wieder die Lider, und ihre Schultern wurden schlaff.»Ach, Schottland ist so weit weg. Ich fürchte, da werde ich nie — «

«Jennifer! Wenn ich Sie so nennen darf. Vielleicht kann ich eines Tages zu Besuch nach Warrington kommen. Werden Sie dann hier sein?«

Sein drängender Ton erschreckte sie ein wenig.»Mein Vater hat nicht die Absicht noch einmal umzuziehen. Ich bin sicher, daß wir in Warrington bleiben werden. Aber werden Sie denn zurückkommen? Können Sie zurückkommen?«

Mit einer heftigen Bewegung drehte sich Victor von ihr weg und sagte, beide Hände auf den Kaminsims gestützt, mit erstickter Stimme:»Ich kann niemals zurückkommen. Solange dies das Haus meines Vaters ist, kann ich nicht zurückkommen. Ich bin nicht mehr sein Sohn. Wenn Sie in der Tat Harriets Freundin sind, und sie mit Ihnen spricht, dann müssen Sie von dem Zwist zwischen mir und meinem Vater wissen…«

«Ja, sie — «

«Dann müssen Sie wissen, daß ich selbst jetzt eigentlich nicht hier sein dürfte, denn es würde ihn von neuem erzürnen, und er würde mich hinauswerfen, sollte er mich hier vorfinden. Selbst jetzt…«Die Stimme versagte ihm.»Er wird jeden Moment heimkehren, und ich muß gehen. Es tut mir leid, daß ich Sie so abrupt und unhöflich verlassen muß. Es ist wahrhaftig nicht mein Wunsch. Aber ich habe keine andere Wahl.«

Zorn und Hoffnungslosigkeit spiegelten sich in seinen Augen, als er sich umdrehte. Warum gerade jetzt? schrie es in ihm. Warum mußte ich dieser Frau gerade jetzt begegnen? Jetzt, da ich für immer fort muß. Die Qual ist unerträglich.

«Victor«, sagte ich plötzlich, und mein Herz schlug im Takt mit dem seinen.

«Wir können niemals Freunde werden, Jennifer«, fuhr er fort,»weil wir einander nie wiedersehen werden. Ich kann niemals in dieses Haus zurückkehren.«

Ich sprang auf und streckte den Arm nach ihm aus.»Victor! Hör mir zu!«

Aber meine Hand griff ins Leere, und ich war wieder in Großmutters schäbigem alten Wohnzimmer.

Kapitel 9

Ich stand am Fenster und blickte in einen grauen regnerischen Morgen hinaus, als sie ins Zimmer kam. Ich war seit Tagesanbruch auf. Ich hatte nur wenige Stunden geschlafen, und selbst da hatten mich merkwürdige, beunruhigende Träume heimgesucht. Sie erschrak wahrscheinlich, als sie mich da im dunklen, kalten Zimmer stehen sah.

«Andrea!«rief sie.»Ich habe nicht erwartet, daß du schon auf bist. «Sie knipste das Licht an.»Wieso ist es hier so kalt?«Ich hörte, wie sie durch das Zimmer humpelte. Laut schlug ihr Stock auf den Boden. Dann rief sie entsetzt:»Das Gas ist ja aus! Kind, hast du nicht gemerkt, daß das Gas ausgegangen ist?«

«Doch, Großmutter«, antwortete ich ruhig.»Ich habe es selbst ausgedreht.«

«Was? Aber was ist denn nur in dich gefahren? Es ist ja eiskalt hier drinnen. Warum hast du das Gas abgestellt?«Ich antwortete nicht, sondern blieb schweigend am Fenster stehen und sah hinauf auf die moosbedeckten Mauern und die dürren Rosenbüsche. Meine Großmutter humpelte zum Büffet, zog eine Schublade auf, nahm etwas heraus, kehrte zum Kamin zurück und zündete das Gas wieder an. Man konnte es leise zischen hören, aber es war nicht das Knistern und Prasseln des Holzfeuers, das einmal in diesem Kamin gebrannt hatte.

«Fühlst du dich nicht wohl, Kind? Stehst da in deinem dünnen Hemdchen wie versteinert. Komm, machen wir uns eine Tasse Tee.«

Schwerfällig bewegte sie sich durch das Zimmer, in dem zu viele Möbel standen, und humpelte in die Küche. Ich blieb am Fenster stehen. Der graue Morgen spiegelte meine Stimmung.»Der Nebel ist weg!«rief Großmutter aus der Küche.»Siehst du schon einen Sonnenstrahl?«

Ich schüttelte den Kopf.

«Ja?«Sie erschien an der Tür.»Kommt die Sonne raus, Kind?«

«Nein, Großmutter. Der Himmel ist voller Wolken.«

«Natürlich. Hätte ich mir ja denken können. Bestimmt ist der Sturm schon im Anzug. Wir haben immer eine Menge Regen um diese Jahreszeit, weißt du…«Sie klapperte mit Töpfen und Tellern, während sie weiter schwatzte.»Aber dieses Jahr hatten wir einen herrlichen Sommer. Es war richtig heiß. Wir hatten eine Hitzewelle. Zwei Wochen lang jeden

Tag um die zweiundzwanzig Grad. Aber jetzt bezahlen wir dafür. Bestimmt bekommen wir zu Weihnachten schon Schnee. Meistens kommt er erst später. Aber dieses Jahr, ich fühl's in meinen alten Knochen…«Ich hörte ihr nicht mehr zu. Eine zynische Stimme in meinem Kopf flüsterte, wenn wir das Wetter nicht hätten, kämen neunzig Prozent aller Gespräche nie in Gang.

Nach einer Weile gab ich meinen Platz am Fenster auf und ging ziellos im Zimmer umher. Vielleicht hatte ich Weltschmerz, ich konnte es nicht sagen, da ich mich nie zuvor so gefühlt hatte wie an diesem Tag. Es war ein eigenartiger Zustand, eine Mischung aus Traurigkeit, Ängstlichkeit und Rastlosigkeit. Und daneben empfand ich eine schreckliche Leere.

Vor dem Kaminsims blieb ich stehen und starrte die Uhr an. Das war es. Es war ein Mangel, unter dem ich litt. Es war, als wären alle Emotionen und Gefühle aus mir herausgesogen worden und hätten nichts als graue Trostlosigkeit hinterlassen. Ach, wäre ich nur deprimiert gewesen! Das wäre wenigstens ein Gefühl gewesen. Ich aber war nur leer. Wohin waren meine Gefühle verschwunden?» Andrea!«schrie meine Großmutter schrill und packte mich am Arm. Ihre Finger gruben sich in mein Fleisch, und im nächsten Moment flog ich nach rückwärts und schlug krachend gegen das Büffet. Verwirrt starrte ich meine Großmutter an.»Andrea, du hättest dich beinahe in Brand gesteckt«, rief sie keuchend.

Ich sah verblüfft an meinen Jeans hinunter. Die Hosenbeine waren angesengt. Großmutter humpelte zu mir, bückte sich mühsam und zog ein Hosenbein hoch. Die Haut meines Beins war brandrot.

«Du hast dich verbrannt«, stieß sie atemlos hervor.»Wenn ich nicht zufällig gekommen wäre, wäre deine Hose in Flammen aufgegangen. Andrea, was ist denn nur los mit dir?«Sie legte mir die zitternde Hand auf die Wange.»Hast du wieder Kopfschmerzen?«

«Großmutter…«Ich wandte mich ab. Jetzt spürte ich den brennenden Schmerz an meinen Beinen, und es erschreckte mich.»Es ist meine Schuld. Ich habe das Gas zu hoch aufgedreht, und du hast es nicht gewußt. Die ganze Zeit stand es auf klein, und ich hab dir nicht gesagt, daß ich es aufgedreht hatte. Ach Gott…«Ich sah ihr ins Gesicht und beim Anblick ihrer vom Alter verwüsteten Züge hätte ich am liebsten geweint.