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«Was hast du da drinnen getan, Großmutter?«Gekrümmt humpelte sie vor mir her.»Ach, ich hab nur ein bißchen aufgeräumt. Komm, der Tee ist fertig.«

Während Großmutter in der Küche verschwand, setzte ich mich auf meinen gewohnten Platz am kleinen Eßtisch, den sie schon für uns gedeckt hatte. Da standen eine große Kanne mit dampfendem Tee, eine Schale Butter, mehrere Gläser Marmelade, die Zuckerdose und ein Krug warme Milch. Schon beim Anblick all dieser Dinge wurde mir übel. Hastig drehte ich den Kopf zum Fenster.

Der kleine Hintergarten war im strömenden Regen kaum zu erkennen. Die Backsteinmauer mit der verrosteten Pforte war nur eine verschwommene Kulisse vor den Gießbächen, die an den Fensterscheiben herunterrannen. Nur undeutlich konnte ich die dürren Rosenbüsche sehen, die sich im peitschenden Wind neigten. Eine abschreckende, kalte Welt war das dort draußen.»So, Kind, hier sind die Brötchen. Noch richtig schön warm. «Der schwere Geruch der Buttermilchbrötchen war mir widerlich. Hastig wandte ich mich wieder ab. Ich konnte an diesem Morgen nichts essen. Selbst der Tee lockte mich nicht.»Was ist los, Kind? Fühlst du dich nicht wohl?«

«Du hast wahrscheinlich doch recht gehabt, Großmutter, ich habe anscheinend die Grippe erwischt. Ich fühle mich ziemlich flau. «Ich stützte die Ellbogen auf den Tisch und blickte, das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt, wieder in den Regen hinaus. Was um alles in der Welt, war gestern nacht in dem Schrank gewesen?

«Ja, du bist auch sehr blaß. Trink wenigstens deinen Tee, Kind. Der tut dir bestimmt gut. «Sie drückte mir die Tasse in die Hand.»Komm, Kind, trink.«

Ich trank ihr zuliebe ein wenig Tee, aber es kostete mich Anstrengung, ihn hinunterzuwürgen. Mein Magen rebellierte bei dem Gedanken an Essen oder Trinken. Und während ich zum Fenster hinausstarrte in den Regen, dachte ich, so regnet es auch in meiner Seele.

Schweigend saßen wir uns gegenüber. Großmutter bestrich sich ein Brötchen mit Butter und aß es bedächtig. Ich lauschte dem Ticken der Uhr und dem unerträglich langsamen Verstreichen der Zeit.

Ein Klopfen an der Haustür schreckte mich auf. Großmutter stand mühsam auf und humpelte aus dem Zimmer. Ich hörte die Stimmen Elsies und Eds.

«Mistwetter!«schimpfte Elsie, als sie hereinkam und sich schüttelte wie ein Hund. Nachdem sie sich aus ihren dicken Sachen geschält und die Gummistiefel ausgezogen hatte, stellte sie sich mit dem Rücken vor den Kamin und lupfte ihren Rock.»Hallo, Andrea«, sagte sie zu mir.»Wie geht's dir denn heute morgen?«

«Hallo, Elsie — «

«Herrgott noch mal, bist du blaß! Hast du nicht gut geschlafen? Ist es dir hier nachts zu kalt? Schau dich doch an, du hast ja kaum was auf dem Leib.«

Ich blickte auf mein T-Shirt hinunter, dann zu Elsie hinüber, die über ihrem Rolli noch einen dicken Wollpullover trug. Dennoch fror sie und rieb sich fröstelnd die Hände.»Nein, mir ist nicht kalt.«

«Der Heizofen geht dauernd aus«, bemerkte Großmutter, die hinter Ed ins Zimmer kam.»Ich muß den Gasmann kommen lassen. Hier, trinkt eine Tasse Tee. Ich hab genug da. Ach, Andrea, du hast deinen ja kaum angerührt.«

«Das ist schon die zweite Tasse, Großmutter«, log ich.»Ich hab mir noch mal eingeschenkt, als du rausgegangen bist. «Sie tätschelte mir die Hand.»Das ist gut.«

«Sie sieht wirklich nicht gut aus, Mama«, bemerkte Elsie, als sie sich zu uns an den Tisch setzte, während Ed, nachdem er sich Tee eingeschenkt hatte, zum Kamin hinüberging. Ich beobachtete ihn verstohlen. Ich hatte Angst, er würde das Gas höher drehen.»Ach, aber mir geht's wirklich ganz gut. Kann ich heute mit euch ins Krankenhaus fahren?«

«Bestimmt nicht. Wir wissen selbst noch nicht, ob wir überhaupt hinfahren. Dieser Regen ist schrecklich! — Kann ich ein Brötchen haben, Mama? Danke. Die Straßen sind wie leergefegt. Der Regen prasselt nur so. Schaut doch.«

Großmutter und ich wandten uns zum Fenster.»Ich komm mir vor wie in einem Goldfischglas«, erklärte Großmutter.»Wie sieht's denn mit morgen aus? Glaubst du, wir können fahren?«

«Wenn das so weitergeht, wird's vielleicht nichts werden. «Ich hob fragend den Kopf.»Fahren? Wohin denn?«

«Na, zu Albert. Du weißt doch.«

«Ist morgen Sonntag?«

«Logischerweise, da heute Samstag ist.«

Das hieß, daß ich schon eine volle Woche hier war. Eine ganze Woche war vergangen, und mir war es kaum bewußt geworden. Einerseits kam es mir vor, als wäre ich gerade erst angekommen, andererseits, als wäre ich schon seit Jahren hier.»Ann kommt extra aus Amsterdam. Sie möchte Andrea so gern kennenlernen.«

Großmutter stand auf und ging zum Büffet, um das gerahmte Foto ihrer drei anderen Enkel zu holen — Albert, Christine und Ann. Sie setzte sich wieder zu uns und hielt mir die Aufnahme hin.»Das war vor zwei Jahren«, sagte sie,»als…«Ich blendete ihre Stimme aus, und das Bild verschwamm vor meinem Blick. Diese Menschen interessierten mich nicht. Ich hatte nichts mit ihnen gemeinsam, verspürte keinerlei Verlangen, sie kennenzulernen. Die anderen waren es, meine Vorfahren, zu denen ich mir Kontakt wünschte.

Abgerissene Worte drangen zu mir durch, während Großmutter und Elsie auf mich einredeten. Etwas von einem Häuschen an der Irischen See; von breiten Stranden; von Piers mit Restaurants und Tanzlokalen; von abendlicher Festbeleuchtung. Ich sah die beiden an und fragte mich, wie ich einen ganzen Tag in ihrer Gesellschaft aushaken sollte, wie ich es fertigbringen sollte, dieses Haus zu verlassen, an die Westküste zu fahren, um einen Haufen Leute kennenzulernen, die mich nicht interessierten, wie ich mit ihnen schwatzen und essen und so tun sollte, als amüsiere ich mich blendend.

«Ach, übrigens, Mama, ich hab dir ein paar Sachen mitgebracht. Ein schönes Stück Fisch, Kartoffeln und einen Kopf Kohl. Damit du was im Haus hast. - Hm, sonst noch was? Ach, du lieber Gott, beinahe hätte ich's vergessen!«rief Elsie und schlug sich mit der Hand auf die Stirn.»Ruth hat heute morgen angerufen. «Ich drehte mich herum.»Meine Mutter?«

«Ja. Ganz überraschend. Es war in aller Herrgottsfrühe. Ihr Fuß verheilt gut, und sie möchte wissen, wie es Andrea geht und — «

«Und?«fragte Großmutter.

«Na ja, sie wollte wissen, wann Andrea wieder nach Hause kommt.«

«Nach Hause?«wiederholte ich schwach.

«Aber so was!«rief meine Großmutter.»Sie hat ja noch nicht mal die ganze Familie kennengelernt. Und ihr Großvater hat auch kaum was von ihr mitbekommen. Und jetzt geht's ihr gerade gar nicht gut. «Sie wandte sich mir zu.»Was meinst du denn, Kind?«

Ich schüttelte den Kopf.»Ich kann noch nicht abreisen, Großmutter. «

«Natürlich nicht«, stimmte sie liebevoll zu.»Da bist du über den ganzen Ozean geflogen und sollst schon nach einer Woche wieder heim? Unsinn. Das wäre ja gar kein richtiger Besuch. Du hast ja noch nicht mal das Haus gesehen, wo du nach deiner Geburt gewohnt und die ersten zwei Jahre deines Lebens verbracht hast. Und deinen Großvater hast du auch noch gar nicht richtig kennengelernt, hm? Nein, du mußt schon noch ein Weilchen bleiben, Kind.«

Es wurde plötzlich sehr heiß im Zimmer, und ich hatte Mühe zu atmen. Auf dem Flug von Los Angeles hierher hatte ich kaum an etwas anderes gedacht als an meine baldige Heimkehr in die Staaten. Und in den ersten Tagen meines Aufenthalts in dem entsetzlich kalten Haus hatte ich beinahe unablässig den Tag herbeigesehnt, an dem ich nach Los Angeles zurückkehren würde. Aber jetzt… jetzt war alles anders. Ich wollte nicht weg. Ich konnte nicht weg.

«Was hast du meiner Mutter gesagt?«fragte ich Elsie.»Ich hab ihr erzählt, daß wir morgen zu Albert fahren wollen, damit du alle kennenlernen kannst. Das fand sie natürlich schön. Und dann hab ich ihr Vaters Zustand beschrieben, und daß er dich immer mit deiner Mutter verwechselt. Aber die Schwester hat gesagt, daß er bald wieder zu Bewußtsein kommen wird. Er wacht schon jetzt oft auf, aber meistens erst spät am Abend. Und wenn er wieder ganz da ist, dann kannst du richtig mit ihm reden. Ach, ich weiß noch, wie er dich immer auf seinem Knie hat reiten lassen, Andrea, aber daran kannst du dich natürlich nicht mehr erinnern…«