Meine Gedanken schweiften ab, und ich war froh, als Ed aufstand und sagte:»Ich glaube, wir sollten jetzt fahren, Elsie. Aus dem Besuch im Krankenhaus wird heute leider nichts werden. Der Regen und der Sturm würden uns in unserem kleinen Auto von der Straße fegen. Wir können wahrscheinlich froh sein, wenn wir gut nach Hause kommen.«
«Recht hast du. Ich hab deine Mutter von dir gegrüßt, Andrea, und ihr gesagt, daß es dir gutgeht. «Elsie schlüpfte in ihre Gummistiefel und packte sich in ihre warmen Sachen.»Bleib sitzen, Mama. Andrea kann hinter uns absperren. «Ich brachte Elsie und Ed hinaus. An der Tür warf Elsie einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, daß Großmutter sie nicht hören konnte, und sagte mit gesenkter Stimme:»Es ist dieses verdammte Haus, nicht?«
«Was?«sagte ich erschrocken.
«Es ist so widerlich kalt. Der läppische kleine Gasofen reicht dir doch bestimmt nicht, hm? Du kannst nachts wahrscheinlich vor Kälte nicht schlafen. Man braucht dich ja nur anzusehen. Du bist weiß wie die Wand. Willst du nicht für den Rest deines Besuchs zu uns ziehen?«
Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück.»Nein! Nein, Elsie, ich kann Großmutter doch nicht einfach allein lassen. Sie hat ja keinen Menschen. «Wie verlogen ich war! Vor ein paar Tagen noch hätte ich das Angebot ohne Überlegung angenommen. Zentralheizung, Farbfernsehen, helle Lichter und überall dicke Teppiche. Jetzt entsetzte mich der Gedanke, das Haus verlassen zu müssen. Aber nicht meiner Großmutter wegen.»Andrea hat recht«, pflichtete Ed mir bei.»Deine Mutter fühlt sich einsam ohne ihren Mann. Andrea tut ihr gut.«
«Ja, sicher, aber schau dir das Kind doch an. Ihr tut es hier offensichtlich gar nicht gut.«
«Vielen Dank, Elsie, aber ich möchte wirklich lieber bleiben.«
«Na gut. Aber wenn du's dir anders überlegst, dann brauchst du es uns nur zu sagen. Du bist jederzeit willkommen. Und wenn der Regen bis heute abend nachläßt, kommen wir vorbei und nehmen dich mit ins Krankenhaus. In Ordnung?«
«Ja, danke.«
Als Ed die Tür öffnete und der regennasse Wind ins Haus fuhr, sagte Elsie hastig:»Ob wir morgen zu Albert fahren, müssen wir noch sehen. Bis dann.«
Ich hatte Mühe, die Tür hinter ihnen zu schließen. Sobald ich sie abgesperrt hatte, schob ich die Polsterrolle wieder an ihren Platz und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Einige Zeit später, ich war in meinem Sessel eingeschlafen, hatte ich den ersten erotischen Traum.
Kapitel 12
Der Traum war schon seiner Natur nach sehr aufwühlend. Die einzelnen Szenen folgten keiner festen Ordnung und erzählten keine Geschichte. Ihr ganzer Sinn lag in ihrer sexuellen Symbolik. Ich spürte Victors Wärme, die Zärtlichkeit seines Mundes, ich nahm seinen Geruch wahr und erlebte die Verschmelzung mit seinem Körper. Einmal kam er aus einer Wolke zu mir, die Arme ausgestreckt, um mich zu umschlingen; oder er winkte mir vom Ende einer langen dunklen Straße. Manchmal streckten wir sehnend die Arme nacheinander aus, und unsere Fingerspitzen berührten sich, oder wir lagen in einer Wiese im hohen Gras und liebten uns unter blauem Himmel und warmem Sonnenschein. Nichts ergab einen Sinn. Ich versuchte vergebens, ihn zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte — er sprach kein Wort. Wir kamen zusammen, und wir trennten uns wieder, wir spürten, und wir fühlten, aber zu einem Verstehen kam es nicht. Die Bilder flogen an mir vorüber wie von einem Wirbelwind getrieben, und sie waren voller Lust und Begierde. Es war, als wäre meine Seele ein im Käfig eingesperrter Vogel, der in dem verzweifelten Bemühen, die Freiheit zu gewinnen, wie rasend herumflatterte. Mein Schlaf brachte mir keine Ruhe und keinen Frieden, sondern lieferte mich einzig dem ungestümen Freiheitsdrang meiner angeketteten Leidenschaften aus.
Ich war schweißgebadet, als ich erwachte. Solche Begierde hatte ich nie gekannt, hatte nie erlebt, daß ein Mann solche Macht über mich hatte. Das brennende Verlangen, mich Victor Townsend hinzugeben, raubte mir alle Selbstkontrolle, raubte mir die Identität.
Ich stöhnte und erschrak. Mit einem raschen Blick auf meine Großmutter, die zum Glück noch fest schlief, stand ich unsicher auf und ging schwankend zum Fenster. Der Regen draußen war noch stärker geworden. Er kam in wahren Sturzbächen herab und erfüllte die Luft mit seinem Tosen. Ich drückte die Stirn an die kalte Fensterscheibe und versuchte, zu mir zu kommen. Wieso fühlte ich plötzlich auf eine Weise, wie ich nie gefühlt hatte? Was für einen Zauber übte Victor Townsend über mich aus?
«Ist er weg?«sagte jemand hinter mir. Ich fuhr herum.
Harriet trat gerade ins Zimmer und schloß leise die Tür. John, der gespannt am Kamin stand, fragte noch einmaclass="underline" »Ist er weg?«
«Ja, er ist weg.«
«Du hast ihm nicht gesagt, daß ich hier bin?«
«Nein, John.«
Harriet ging durch das Zimmer zu ihrem Bruder, und ich sah mit Bestürzung, wie sehr sie sich verändert hatte. Der Schmelz der Jugend und die Kindlichkeit, die ihrem reizlosen Gesicht eine gewisse Ausstrahlung verliehen hatten, waren wie ausgelöscht. Geblieben waren die plumpen Gesichtszüge in ihrer ganzen Nacktheit. Sie wirkte gedämpft und bedrückt, und die unsichtbare Last, die sie trug, schien sie stumpf und teilnahmslos gemacht zu haben. Und doch schien kaum Zeit vergangen zu sein, seit ich sie zuletzt gesehen hatte; sie trug die gleiche Kleidung wie damals. John hatte sich nicht verändert, er war derselbe geblieben — ein etwas wäßriger Abklatsch Victors, mit hellerem Haar und helleren Augen und Gesichtszügen, die weicher und weniger scharf umrissen waren. Er schien mir sehr erregt.»Wann kommt Vater nach Hause?«
«Frühestens in einer Stunde.«
«Gut, gut. «In Gedanken versunken rieb er sich die Hände.»John? Was hat das alles zu bedeuten? Wer war dieser Mann?«
«Hm? Wie? Oh — «John wedelte wegwerfend mit der Hand.»Ach, niemand. Ein Mann eben.«
«Aber er war schon einmal hier. Als du nicht zu Hause warst. Wer ist er? Er gefällt mir nicht.«
«Das geht dich gar nichts an«, fuhr John sie plötzlich an, so daß sie erschrocken zurückfuhr. Augenblicklich zerknirscht, zwang sich John zu einem Lächeln und sagte beschwichtigend:»Sagen wir einfach, er ist ein Geschäftsfreund.«
Harriet nickte nur und wandte sich von ihrem Bruder ab. Die Hände ineinander gekrampft, tiefe Unruhe auf dem Gesicht, ging sie um den moosgrünen Sessel herum. Aber nicht der Fremde an der Tür, sondern etwas anderes quälte Johns Schwester. Mit großer Sorgfalt, das sah ich von meinem Platz aus, wählte sie ihre nächsten Worte.
«John, ich habe Victor heute getroffen.«
John blickte nicht auf. Er starrte ins Feuer und war mit seinen Gedanken ganz woanders.
«Ich habe ihn auf dem Anger getroffen. Er sagte, er hätte sehr viel zu tun. Er hat eine Menge Patienten. Deshalb kommt er nie her. Ich habe ihn zum Abendessen eingeladen. Ich habe ihm gesagt, wie sehr Vater sich freuen würde, wenn er käme. Aber ich glaube, er wird nicht kommen. Willst du ihn nicht einmal auffordern?«John hob den Kopf.»Wie? Was sagst du? — Ach so, Victor. Ich war in seiner Praxis. Gar nicht übel. Sie schicken viele aus dem Krankenhaus zu ihm. Er steht sich gut mit den Ärzten dort. Ich hab ihn schon eingeladen, Harriet, aber er scheint keinen großen Wert darauf zu legen, uns zu besuchen. Wegen Vater ist es nicht, das weiß ich. Sie haben sich ausgesöhnt.«
«Was ist es dann?«
John zuckte die Achseln.»Keine Ahnung.«
«John, ich finde, Victor sollte nach Hause kommen. Für immer, meine ich.«
«Ja…«Er kehrte ihr den Rücken und versank wieder in Nachdenklichkeit.
«Ich finde es nicht richtig«, fuhr Harriet fort,»daß er in einem Zimmer im Horse's Head wohnt. Er braucht ein richtiges Zuhause. Du und Jenny wohnt jetzt schon ein Jahr hier. Findest du nicht, es ist Zeit, daß ihr auszieht? Wenn ihr ein eigenes Haus habt, kann ich das obere Zimmer haben, und Victor kann nach Hause kommen.«