Er starrte grimmig ins Feuer.»Wenn du es so wünschst, dann verspreche ich es. «Ich beobachtete sein Gesicht und erhielt dabei eine Ahnung von seinen Gedanken. Er dachte an den Erfolg, den er sich in diesen anderthalb Jahren seit seiner Rückkehr aus London in Warrington erarbeitet hatte, an die Verbesserungen, die er am hiesigen Krankenhaus hatte bewirken können, an das Ansehen, das er in dieser Stadt genoß. Er war der Leibarzt des Bischofs in Warrington und der Hausarzt der Familie des Bürgermeisters. Er hatte Ehrungen eingeheimst und großen Einfluß gewonnen. Aber an alledem lag ihm wenig.
Sein Forscherdrang hatte sich nicht gelegt, immer noch beherrschte ihn der starke Wunsch, durch streng wissenschaftliche Arbeit den Weg für den medizinischen Fortschritt zu ebnen. Ich spürte seine Enttäuschung über seine Hilflosigkeit, den Opfern von Gehirntumoren oder schweren Herzkrankheiten zu helfen. Es quälte ihn, daß er sich nicht am Kampf gegen die zahllosen Leiden und Krankheiten beteiligen konnte, die immer noch Tausende und Abertausende dahinrafften, weil kein Mittel gegen sie gefunden war. Dies war der Platz, an dem er gebraucht wurde, hier auf dem dunklen Kontinent der Medizin, Victor Townsend wollte Lichter anzünden.
«Woran denkst du?«fragte Jennifer leise.
«An einen Mann namens Edward Jenner. Weißt du, wer er war?«Victor wandte sich ihr wieder zu. Die Düsternis seines Gesichts hatte sich aufgehellt, seine Züge wirkten lebhaft.»Edward Jenner war ein Mann, der sich eines Tages fragte, wieso Melkerinnen eigentlich nie die Pocken bekamen. Ihm fiel außerdem auf, daß Melkerinnen fast immer irgendwann einmal an den Kuhpocken erkrankten. Er überlegte, ob da vielleicht ein Zusammenhang bestünde und was geschehen würde, wenn man Gesunde mit dem Erreger der Kuhpocken impfte; ob man sie nicht damit vielleicht vor den tödlichen Schwarzen Blattern bewahren könnte. Alle Welt lachte ihn aus, Jenny, aber dank Edward Jenners Pockenimpfstoff können wir alle ohne Furcht vor dieser schrecklichen Krankheit leben, die früher einmal ganze Städte ausgelöscht hat. Was aber ist mit den anderen tödlichen Krankheiten? Mit der
Lungenentzündung, der Cholera, dem Typhus, der Kinderlähmung?«
Er beugte sich vor und nahm ihre Hände.»Sieh mal, was tue ich denn hier? Verschreibe Rezepte für Hustensaft und Migränepulver. Täglich stoße ich an die Grenzen meines Wissens. Soviel gibt es in der Medizin noch zu tun. Verstehst du, was ich sagen will?«
«Ja«, antwortete sie mit kleiner Stimme.»Du hättest nach Schottland gehen sollen.«
Er ließ ihre Hände los.»Das wollte ich damit nicht sagen. Das Labor, das in
Edinburgh auf mich wartete, läßt sich genausogut hier in Warrington aufbauen.«
«Was willst du damit sagen?«
«Daß ich im Kreis herumlaufe. Ich habe mich von meiner Bitterkeit und meiner Enttäuschung lahmen lassen. Weshalb sollte ich forschen und kämpfen, wenn das eine, das einzige, das ich mir wirklich auf dieser Welt ersehne, mir auf immer verwehrt sein wird?«
Jennifer legte ihm leicht die Hand auf den Arm.»Soll ich auch an deinem Irrweg die Schuld tragen?«
Victor sah sie an, als hätte sie ihm einen Schlag versetzt. Schreck und Entsetzen huschten über sein Gesicht. Tief betroffen von der Bedeutung ihrer Worte riß er Jennifer in seine Arme. Sie wehrte sich nicht, protestierte nicht. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und schloß die Augen, um diesen verbotenen Moment auszukosten. Ich sah, daß sie mit den Tränen kämpfte.»Was habe ich da gesagt?«murmelte Victor, den Mund in ihr Haar gedrückt.»Wie kann ich nur so egoistisch sein und dich mit solchen Verrücktheiten kränken. Nichts ist mir wichtiger als dein Glück und dein Wohlbefinden, Jenny, ach Jenny…«Victor zog sie fester an sich, als könnte das die Qual lindern.»Wie kann ich so gedankenlos sein, so etwas zu sagen, wenn ich weiß, daß dein Leben so unglücklich sein muß wie meines! Aber du leidest stumm, während ich mich lauthals dem Selbstmitleid ergebe. Ach, ich verdiene dich nicht… «
So standen sie eine Weile, eng umschlungen im flackernden Licht des Feuers, bis Jenny sich schließlich widerstrebend von ihm löste und zu ihm aufsah.
«Deine Berührung zu spüren«, flüsterte sie.»Deine Arme um mich zu fühlen… das ist…«Victor neigte den Kopf, als wolle er sie küssen, aber dann hielt er inne.
«Du mußt jetzt gehen, Liebster«, sagte sie.»Sie werden bald hier sein. Solche Zärtlichkeiten sind uns verboten, Victor, denn John ist immer noch mein Mann, und ich habe ihm Treue geschworen.«
Jennifer löste sich ganz aus seiner Umarmung, trat einen Schritt zurück und sah ihn ernst an.»Wir dürfen uns nicht mehr allein sehen, Victor, denn ich weiß, daß ich nicht die Kraft habe, auf Dauer zu widerstehen. Und dann würden wir zu allem Unglück auch noch Schuld auf uns häufen.«
Victor stand mit hängenden Armen und starrem Gesicht, während Jennifer mit feucht glänzenden Augen unverwandt zu ihm aufblickte. Und so verschwanden sie vor meinen Blicken und ließen mich allein zurück.
Ich brauchte einen Moment, um mir bewußt zu werden, daß aus dem eleganten Salon lang vergangener Zeiten wieder der muffig riechende, verstaubte Abstellraum meiner Großmutter geworden war. Ich sah die Leintücher auf den Möbeln, den aufgerollten Teppich, das staubbedeckte Rollpult, die nachgedunkelten Wände. Ich hatte für die Rückreise aus dem Jahr 1892 nur Sekunden gebraucht, aber ich fühlte mich so matt und erschöpft, als wäre ich den ganzen langen Weg zu Fuß gegangen.
Ich schloß die Salontür hinter mir und wankte in den kalten Flur hinaus, froh über die Dunkelheit, die mich wie ein tröstender Schleier umhüllte.
Wie glücklich konnte Jennifer sich preisen, von so einem Mann geliebt worden zu sein. Ich hatte das nie erlebt. Oder — doch? War es das vielleicht, was Doug mir hatte geben wollen und was ich in meiner Verbohrtheit zurückgewiesen hatte?
Dröhnendes Klopfen von oben riß mich aus meinen Gedanken. Das konnte nur Großmutter sein. Rasch eilte ich die Treppe hinauf. Nachdem ich das Flurlicht angeknipst hatte, ging ich zu ihrem Zimmer, öffnete leise die Tür und blickte hinein. Großmutter lag fest schlafend in den Kissen. Wieder klopfte es laut. Hastig zog ich mich aus Großmutters Zimmer zurück und schloß die Tür. Natürlich! Das war nicht die Gegenwart, die mich rief, sondern die Vergangenheit. Das Geräusch kam aus dem vorderen Schlafzimmer.
Die Tür stand weit offen. Drinnen war alles neu und hell, und im offenen Kamin brannte ein Feuer. Ich stellte mit Interesse fest, daß hier, genau wie im Salon, elektrisches
Licht die Gaslampen verdrängt hatte.
Ich ging hinein und sah mich um. Am Kamin stand ein Ohrensessel, mit burgunderrotem Samt bezogen und weißen Spitzendeckchen auf den Armlehnen. Dort saß Jennifer, die Füße auf einem dunkelroten Fußbänkchen, den Blick zur Tür gerichtet. Während ich sie noch betrachtete und wieder überlegte, ob ich versuchen sollte, sie anzusprechen, spürte ich einen kalten Luftzug im Rücken und hörte, wie jemand ins Zimmer trat. Es war Harriet.»Jenny!«sagte sie nur.
Jennifer drehte sich ein klein wenig in ihrem Sessel herum und lächelte.»Hallo, Harriet. Komm doch herein. «Harriet, die beinahe direkt neben mir stand, zögerte. Ihr Gesicht war grau wie Asche, ihre Lippen waren völlig blutleer.»Jenny«, sagte sie wieder.
Jennifer, die jetzt ebenfalls bemerkte, daß mit ihrer Schwägerin etwas nicht in Ordnung war, stand auf und ging ein paar Schritte auf sie zu.»Was ist denn, Harriet?«
«Ich — «Sie machte einen Schritt, stockte und schwankte, als drohe sie ohnmächtig zu werden.
«Harriet!«Jennifer lief zu ihr und legte ihr fest den Arm um die Schultern, um sie zum Sessel zu führen. Harriet hing wie ein lebloses Bündel an Jennifer, ließ sich willenlos in den Sessel drücken und Umhang und Hut abnehmen. Ihre Augen waren seltsam leer, sie sah aus wie jemand, der einen schweren Schock erlitten hatte. Ungleich jünger wirkte sie jetzt als Jennifer, klein und zusammengesunken in dem schweren Sessel, das Gesicht kreidebleich, die Augen wie erloschen. Sie bewegte die Lippen, aber es drang kein Laut aus ihrem Mund.