Ich dachte an das unschuldige und sensible Kind, das sie gewesen war, und hatte nur den Wunsch, sie zu trösten, ihr irgendwie zu helfen. Ohne Überlegung sagte ich:»Harriet, was ist denn geschehen?«Und sie riß den Kopf in die Höhe und starrte mich an.
Kapitel 15
Nun war es also endlich soweit! Das, was ich gehofft und gefürchtet hatte, war eingetreten: Die Verbindung zur Vergangenheit war hergestellt.
War dies der Grund, weshalb ich in diesen Ablauf der Ereignisse hineingezogen worden war? War dies der Zweck, den ich zu erfüllen hatte? Es war, als hätten sich plötzlich die Wolken gelichtet und die Sonne träte hervor.
Bei meinen Worten hatte Harriet zu weinen aufgehört und aufgeblickt. Ihr Gesicht war erschrocken gewesen, als hätte sie sich ertappt gefühlt. Und doch hatte sie mich anscheinend nicht wirklich gesehen. Sie hatte mit zusammengekniffenen Augen in meine Richtung geblickt, als versuchte sie, etwas zu erkennen, und dann hatte ihr Gesicht sich entspannt. Was war ich in diesem Moment für sie gewesen? Eine optische Täuschung, durch einen Lichtreflex hervorgerufen? Ein Schatten an der Wand? Was hatte Harriet gesehen, als sie den Kopf gehoben und zu mir herübergeblickt hatte?
Viel konnte es nicht gewesen sein. Nachdem sie einen Moment lang wie fragend den Kopf zur Seite geneigt hatte, hatte sie ihn wieder auf ihre Arme gesenkt und weitergeweint. Doch es blieb die Tatsache bestehen, daß sie mich gehört hatte. Ich hatte ihren Namen gerufen, und sie hatte mich gehört. Und dann hatte sie etwas gesehen — drüben, an der offenen Tür. Meiner Meinung nach konnte das nur eines bedeuten: daß das Zeitfenster größer wurde; daß nun auch der letzte der Sinne — der Tastsinn — miteinbezogen wurde und die Möglichkeit der Berührung gegeben war.
Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück und ließ die Ereignisse der anderthalb Wochen, die ich nun in Großmutters Haus lebte, in mir Revue passieren. Ich erinnerte mich meiner ersten >Begegnungen<. >Für Elise< vor dem Hintergrund der Dudelsäcke. Victor am Fenster. Es ergab eindeutig ein Muster. Erst das Gehör. Dann das Gesicht. Dann der Geruch. Dann vage körperliche Empfindungen wie zum Beispiel Kälte oder ein Gefühl der Nähe, wenn einer von ihnen an mir vorüberging. Und heute abend schließlich hatte Jennifers Hand meinen Fuß berührt. Wir kamen in Kontakt.
Und mit dem Kontakt würde die Verbindung kommen. Hatte nicht Victor sich einmal umgedreht, als ich ihn beim Namen gerufen hatte? Und jetzt Harriet. Harriet hatte augenblicklich reagiert, als ich sie angesprochen hatte.
Es war also soweit. Für mich gab es jetzt keinen Zweifel mehr daran, daß ich bald in der Lage sein würde, mit ihnen zu sprechen, mich ihnen bemerkbar zu machen, ihnen sichtbar zu werden. Darauf also hatte alles hingeführt, auf diesen letzten Moment, da ich wirklich zu ihnen gehören würde.
Aber wozu? Aus welchem Grund? Sollte ich in diesem Drama der Vergangenheit eine aktive Rolle spielen? War ich dazu bestimmt, irgendwie einzugreifen?
Das mußte es sein. Eine andere Erklärung fiel mir nicht ein. Aus irgendeinem Grund war ich auserkoren worden, im Familiendrama der Townsends eine Rolle zu übernehmen. Während ich mich mit Fragen herumschlug, auf die ich bei mir keine Antworten finden konnte, rannte ich im Wohnzimmer umher wie in Raserei. Ich war enttäuscht über meinen Mangel an Wissen und Verständnis, zornig, daß ich nicht klar und deutlich erkennen konnte, worauf alles hinauslief.
Ich ging in die Küche, schenkte mir ein großes Glas von Großmutters Kirschlikör ein und kippte es hinunter. Es war nur ein leichter Likör, der mir nicht die erwünschte Entspannung brachte, aber es war immerhin etwas.
Als ich die Küchentür hinter mir schloß und die Polsterrolle wieder an ihren Platz schob, schoß mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, bei dem mir glühend heiß wurde. Wenn es mir soeben gelungen war, die Kluft zu Harriet zu überbrücken, und wenn diese Kluft, wie ich fest glaubte, mit der Zeit schrumpfen würde, bedeutete das dann nicht, daß ich bald auch mit Victor Townsend würde Kontakt aufnehmen können?
Ich ließ mich erregt aufs Sofa fallen. Mich Victor zeigen! Mit. ihm sprechen! Unvorstellbar!
Aber wieso unvorstellbar, da ich doch genau diese Vorstellung im Fall von Harriet und Jennifer ohne Schwierigkeiten akzeptieren konnte? Wieso war da eine Verbindung zu ihm für mich undenkbar?
Weil es nicht sein darf, kam die angsterfüllte Antwort aus meinem Innern. Du darfst dich ihm nicht zeigen. Ich verstand mich selbst nicht mehr. Ich hatte die Berührung von Jennifers Hand an meinem Fuß gespürt. Ich hatte Harriet angesprochen und war gehört worden. Wie würde der nächste Schritt aussehen? Würde ich plötzlich mitten unter ihnen sichtbare Gestalt annehmen, mit Victor sprechen, seine Berührung fühlen.
«Es ist jetzt schon zwei Monate her«, sagte jemand ganz in meiner Nähe.
Ich hob mit einem Ruck den Kopf. Jennifer und Harriet saßen in den Sesseln vor dem
Feuer.
«Wir hätten doch wenigstens einen Brief bekommen müssen oder irgendein anderes Lebenszeichen«, sagte Harriet.»John ist jetzt genau zwei Monate fort.«
Jennifer war so verändert, daß ich erschrak. Ihre strahlende Schönheit war von einer tiefen Schwermut überschattet, die ihr Gesicht bleich machte und zu beiden Seiten ihres Mundes tiefe Linien eingegraben hatte. Ihre Schultern waren gebeugt, als trüge sie eine schwere Last, und ihr Haar war nachlässig frisiert. Sie wirkte um Jahre gealtert, und doch waren seit Johns Flucht erst zwei Monate vergangen.
Harriet, die an einem Taschentuch stickte, trug ein Spitzenhäubchen auf dem Kopf, das ihr kurz geschnittenes Haar ganz verbarg. Die beiden jungen Frauen wirkten niedergeschlagen und unfroh.
«Vielleicht«, meinte Jennifer, deren schmale Hände untätig auf den Sessellehnen lagen,»ist er an einem Ort, von wo er keine Briefe absenden kann. Oder vielleicht ist er auch sehr weit weg, und die Briefe, die er geschrieben hat, sind verlorengegangen.«
«Er hätte telegrafieren können.«
«Wer weiß, wo er ist, Harriet. Vielleicht befindet er sich schon auf der Rückreise und möchte uns überraschen. «Harriet schüttelte den Kopf.»Ich verstehe nicht, wie Victor das tun konnte. Wie er seinem eigenen Bruder so etwas antun konnte.«
«Keiner von uns ist ganz ohne Tadel, Harriet. «Ich versuchte, mich ihren Gedanken und Gefühlen zu öffnen, um das Unausgesprochene zu erfahren. Aber das einzige, was ich empfing, war eine einfache Botschaft von Jennifer: Ich habe Victor seit fast drei Monaten nicht mehr gesehen. Das also war der Grund für ihre Veränderung, für den apathischen Blick, mit dem sie ins Feuer starrte. Es war so still im Zimmer, daß jeder Nadelstich Harriets in dem straff gespannten Leinen des Taschentuchs zu hören war.
Ich wünschte mir, ich hätte in diesem Augenblick mit Jennifer sprechen können, mit ihr allein, ohne Harriet. Ich hätte ihr so gern gesagt, daß Victor zurückkommen würde, daß ihre gemeinsame Zeit noch nicht um war.
Im Geist hörte ich Großmutters Worte: Victor kam eines Abends betrunken nach Hause und zwang sie.
Ja, dachte ich traurig, deine Zeit mit Victor ist noch nicht um.»Ich glaube, Victor ist völlig verbittert, seit er den Posten in Edinburgh ausgeschlagen hat«, bemerkte Harriet.»Er war ja wie verwandelt, als er nach Hause kam, nicht wahr? Und er ist nie mehr der alte geworden. Das ist jetzt zwei Jahre her, aber ich erinnere mich an den Abend, als wäre es gestern gewesen. Wie schockiert er war, als er von deiner Heirat mit John hörte! Und wie er Hals über
Kopf hinausstürmte und sich im Horse's Head einmietete. Ich habe nie verstanden, warum er Vater nachgegeben hat und hierher zurückgekommen ist. Es war doch abgemacht, daß er den Posten in Schottland übernehmen würde. Und dann tauchte er plötzlich hier auf.«