«Das glaube ich nicht. Mein Leben hier ist beendet. Alle meine Hoffnungen sind zerstört, ich habe nichts von dem erreicht, was ich wollte. Es wäre sinnlos, einen neuen Versuch zu machen. Aber in Frankreich oder Deutschland…«
Seine Simme verklang. Ich sah den Konflikt in seinen Augen, die Bitterkeit und die Trauer. Ich streckte ihm meine Hand entgegen. Und als er ebenfalls die Hand hob, und unsere Finger sich berührten, war es ganz natürlich. Jennifer war nicht mehr bei uns. Ich stand allein vor dem offenen Kamin. Der Saum meines langen Kleides berührte raschelnd meine Fesseln.
Ich spürte die Hitze der Flammen auf meinem bloßen Nacken unter dem hochgekämmten Haar. Über die Jahre hinweg, losgelöst von Zeit und Raum berührten sich unsere Finger.
«Niemand sonst hat den Brief gelesen, Victor, Liebster — «, wie gut es tat, seinen Namen auszusprechen!» niemand weiß von ihm, nur du und ich. Die Monate ohne dich waren eine Qual. Ich war in deiner Praxis und dann im Horse's Head, aber niemand konnte mir etwas über deinen Verbleib sagen. Nacht für Nacht habe ich wachgelegen und fürchtete, du wärst tot, stellte mir vor, du wärst allein und elend, suchtest Trost im Gin oder bei anderen Zerstreuungen. Aber jetzt — dich hier vor mir zu sehen! Es ist wie ein Traum!«
«Jenny«, murmelte er und umschloß meine Hand mit seinen Fingern.
Ja, ich bin Jenny, dachte ich. Ich bin Jennifer. Und ich liebe dich schon so lange, begehre dich so leidenschaftlich, daß ich glaubte, sterben zu müssen, wenn diese Gefühle unerfüllt blieben.»Eine Zeitlang dachte ich, ich würde den Verstand verlieren vor Angst und Besorgnis. Es ging alles so schnell. Die schlaflosen Nächte. Ich konnte nichts mehr essen.«
«Du bist zu dünn, Jenny. Und so blaß.«
«Ich hatte die merkwürdigsten Vorstellungen. Ich bildete mir ein, es spuke in diesem Haus, Victor. Ich habe eine junge Frau gesehen…«
«Ach, Jennifer«, sagte er und trat ganz nahe an mich heran. Seine tiefe Stimme erregte mich, als er sagte:»Ich sollte jetzt gehen, Jennifer.«
Ich hörte, wie ich — nein, wie wir beide zu ihm sagten:»Bitte bleib.«
Und wenn ich in diesem Zeitabschnitt gefangen und die Tür zur Zukunft mir für immer verschlossen sein sollte, wäre das so schlimm?
«Ich werde ewig dir gehören, Victor«, flüsterte ich. Als er mich in seine Arme nahm, und ich seinen Körper an meinem fühlte, durchschossen mich heiße Blitze. Im ersten Moment erstarrte ich, dann aber schmiegte ich mich an ihn, vertraute mich ihm an, als sei dies der Ort, an dem ich zu Hause war. Ja, bei ihm war ich zu Hause. Während Victor mich küßte und ich spürte, wie meine Beine nachzugeben drohten, so daß ich ihn ganz fest halten mußte, erkannte ich, daß dies der Ort war, an den ich immer gehört hatte.
Die strenge Zurückhaltung und Selbstbeherrschung langer Jahre fiel unter seinem leidenschaftlichen Kuß in Trümmer. Er hielt mich so fest, daß ich meinte, wir würden zu einem einzigen Wesen werden.
Alle meine erotischen Träume wurden wahr. Ich hatte die ganze Zeit gewußt, daß es so sein würde mit Victor, daß die Verschmelzung unserer Körper mir die Erfüllung bringen würde, die ich ein Leben lang gesucht hatte. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, daß ich mich zum erstenmal einem Mann hingab, den ich wahrhaft liebte.
Und später, nach unserem Flug in die Ekstase und der Vereinigung unserer Seelen auf ewige Zeiten, wußte ich auch, wozu ich hier war. Es war alles so klar jetzt. Alles hatte zu diesem einen Moment hingeführt. Die Episoden der vergangenen Tage, das Erleben von Momenten aus der Vergangenheit, das Fragen und Forschen, alles hatte nur dazu gedient, mich auf diesen einen Moment vorzubereiten. Damit ich begreifen würde. Damit ich begreifen würde.
Ich hatte mich getäuscht. Meine Theorien waren weit von der Wahrheit entfernt gewesen. Ich war nicht hierhergeholt und in die Vergangenheit gezwungen worden, um eine imaginäre Tragödie abzuwenden. Ich war auserwählt worden, an diesem Ereignis teilzuhaben, nicht, es zu verhindern. Und der Grund war mir jetzt klar.
Während ich in Victors Armen lag und seinen warmen Atem an meinem Hals spürte, während ich sein Gesicht betrachtete, das ruhig und entspannt war, dachte ich an einen anderen Mann, der in einem Krankenhaus auf der anderen Seite der Stadt im Sterben lag und der die Wahrheit erfahren mußte.
Was auf unsere leidenschaftliche Umarmung folgte, ist mir nur in sehr unklarer Erinnerung. Es schien, als hätten wir die ganze Nacht beieinandergelegen, aber als ich erwachte, sah ich, daß es erst Mitternacht war. Und ich erinnere mich, daß ich wie in Trance die Treppe hinunterstieg und ins Wohnzimmer zurückkehrte, erfüllt einzig von der Euphorie unserer Liebe. Aufruhr und Unruhe, die mich während all dieser Tage im Haus meiner Großmutter umgetrieben hatten, waren verflogen, alle Fragen und Geheimnisse, die mich gequält hatten, waren gelöst. Ich befand mich stattdessen in einem wunderbaren Zustand, da ich wußte, daß ich diese eine Nacht mit dem einzigen Mann verbracht hatte, der mir wahrhaft etwas bedeutete.
Ich vermute, daß ich mich dann auf dem Sofa niedergelegt habe, denn ich scheine geschlafen zu haben, tief und fest wie jemand, dessen Geist von aller Unruhe befreit ist und dessen Körper gewaltige Höhen erklommen hat. Während dieser Stunden des Schlafs hatte ich meinen letzten bemerkenswerten Traum. Victor kam zu mir und blieb bei mir am Sofa stehen, nicht der Mann aus Fleisch und Blut, der er oben im Schlafzimmer für mich gewesen war, eher ein geisterhaftes Wesen, eine Erscheinung. Lächelnd sah er zu mir herunter, und in seinen Augen war Verwunderung. Ich erwiderte seinen Blick ohne Furcht und ohne Überraschung, nur voll Wärme und Dankbarkeit dafür, daß es mir vergönnt worden war, diesen Mann zu kennen. Und in meinem Traum sagte die Erscheinung Victors zu mir:»Wer bist du?«
Ich antwortete:»Deine Urenkelin. «Das schien ihn zu überraschen.»Wie kann das sein?«
Ich erwiderte:»Wie kann es sein, daß du jetzt mit mir sprichst. Träumeich?«
Aber er sagte nur:»Wie kannst du meine Urenkelin sein, wenn ich niemals geheiratet habe und auch keine Kinder hatte?«Ich lachte ein wenig und sagte dann:»Aus deiner einen Nacht mit Jennifer ist ein Sohn hervorgegangen. Sie taufte ihn Robert. Und als er erwachsen wurde, bekam er eine Tochter, meine Mutter. So kommt es, daß du mein Urgroßvater bist.«
Sein Gesicht hellte sich ein wenig auf, und während ich ihn noch anblickte, hatte ich den Eindruck, daß in seinen Augen etwas aufleuchtete, als hätte sich dort ein Funke der Hoffnung entzündet, der die Schleier von Bitterkeit und Enttäuschung durchdrang. Sein Gesicht schien mir ruhiger zu werden, entspannter und jünger. Er sah wieder so aus wie damals, ehe die Erfahrungen an den Krankenhäusern Londons ihn hatten altern lassen.»Ich hatte einen Sohn«, murmelte er.»Was ist aus dir geworden?«fragte ich ihn.
«Ich ging nach dieser Nacht nach Frankreich. Ich versprach Jennifer, daß ich zu ihr zurückkommen würde. Ich ging nach Frankreich, um ein neues Leben aufzubauen und mich Jennifers würdig zu erweisen, wenn ich sie bat, meine Frau zu werden.«
«Und was geschah?«
«Ich starb ein Jahr später auf einem Schiff bei der Überfahrt über den Kanal. Sie wußte nicht, daß ich auf der Rückreise war. Ich hatte ihr nicht geschrieben, weil ich sie überraschen wollte. Sie muß ihr Leben lang geglaubt haben, ich hätte sie vergessen.«
«Sie starb nicht lange nach dir, Victor. Wahrscheinlich vor Kummer. «
«Und ich erfuhr nie, daß sie ein Kind hatte.«
«Dein Kind«, sagte ich.
«Aber warum bist du hier? Warum sind wir beide hier? Dort, wo ich war, war es grau und häßlich…«
«Ich weiß es nicht. Vielleicht um die Dinge geradezurücken.«
«Wie hieß mein Sohn?«
«Robert.«
«Robert«, wiederholte er.»Aber er liegt jetzt im Sterben.«
«Wir müssen alle sterben«, sagte Victor.
«Sag mir was. Sag mir, wie das mit der Zeit ist. Wie ist es geschehen? Bist du irgendwo noch am Leben…«Aber mein Urgroßvater hörte mir nicht zu. Er drehte den Kopf und blickte über seine Schulter. Ich sah, wie helles Sonnenlicht sein Gesicht überflutete und ein strahlendes Lächeln es von innen erleuchtete.»Sie ist hier«, murmelte er.»Wir sind wohl alle hier.«