Dann lehnte sie sich an die rauhe Bretterwand in dem engen, fensterlosen Gang und atmete tief durch. Sie kramte in ihrer Gürteltasche und zog einen kleinen Sack heraus, aus dem sie zwei Gansminzblätter hervorholte, die sie sich in den Mund steckte. Es dauerte etwas, bis Gansminze das Sodbrennen unterdrückte, aber sie kaute darauf herum und schluckte so hastig, als glaube sie, die Wirkung dadurch beschleunigen zu können. Während der letzten paar Minuten hatte sie ein ums andere Mal fast der Schlag getroffen. Moghedien hatte ein Ding nach dem anderen zerpflückt, das sie doch so genau gekannt hatte. Trotz ihres gesunden Mißtrauens hatte sie geglaubt, die Frau sei endgültig unterdrückt. Falsch. Beim Licht, das war ein Irrtum gewesen! Sie war sicher gewesen, daß Moghedien auch nicht mehr über Elayne und Rand wisse als die Aes Sedai. Falsch. Und was ihren Vorschlag betraf, sich zu Rand zu begeben... Sie hatten sich einfach zu offen vor ihr unterhalten. Was mochte ihnen noch entschlüpft sein, und was konnte Moghedien damit anfangen?
Eine andere Aufgenommene trat aus dem Vorraum des kleinen Hauses in den schlecht beleuchteten Gang. Nynaeve richtete sich auf, steckte die Gansminze weg und strich ihr Kleid glatt. Jedes Zimmer außer dem Vorraum war zum Schlafquartier gemacht worden. Aufgenommene und Dienerinnen hatte man hier untergebracht, drei oder vier in jedem der Zimmer, und keines davon war viel größer als jenes, in dem sie selbst schlief. Einige der Betten im Haus mußten sie sogar zu zweit benützen. Die andere Aufgenommene war eine zierliche Frau, klein und schmächtig, mit grauen Augen und einem bereitwilligen Lächeln. Emara stammte aus Illian und konnte Siuan oder Leane nicht leiden, was Nynaeve durchaus verstand.
Sie war der Meinung, man solle die beiden wegschicken, auf anständige Weise natürlich, wie sie hinzugefügt hatte, so, wie man es immer mit Frauen getan hatte, die einer Dämpfung unterzogen worden waren, doch davon abgesehen war sie eine nette Frau, die auch nichts dagegen hatte, daß Elayne und Nynaeve ein größeres Zimmer hatten und auch ›Marigan‹, die ihre Hausarbeit für sie verrichtete. Andere dachten nicht so großzügig.
»Wie ich hören, Ihr werdet für Janya und Delana abschreiben müssen«, sagte sie mit ihrer hohen Stimme im Vorbeigehen auf dem Weg zu ihrem Zimmer. »Folgt meinem Rat und schreibt, so schnell Ihr könnt. Janya es halten für wichtiger, daß alle Wörter dastehen, wenn auch ein paar Kleckse dabei sein.«
Nynaeve warf ihr einen bösen Blick nach. Bei Delana schnell schreiben. Bei Janya langsam. Oder umgekehrt. Tolle Ratschläge waren das. Wie auch immer, im Augenblick machte sie sich keine weiteren Gedanken über verkleckste Abschriften. Nicht einmal über Moghedien, jedenfalls so lange, bis sie eine Gelegenheit hatte, mit Elayne über dieses Problem zu sprechen.
So schüttelte sie den Kopf, knurrte etwas in sich hinein und stolzierte aus dem Haus. Vielleicht hatte sie wirklich zu viel als gegeben hingenommen und die Zügel aus den Händen gleiten lassen. Nun war es an der Zeit, sich zusammenzunehmen und diesen Zustand zu beenden. Sie wußte genau, wen sie jetzt aufsuchen mußte.
Während der letzten Tage hatte sich eine gewisse Stille über Salidar ausgebreitet, obwohl sich die Menschen auf den Straßen genauso drängten wie zuvor. Doch aus den Schmieden außerhalb des Ortes war kein Laut mehr zu hören. Dann hatte man allen eingeschärft, ihre Zungen zu hüten, während sich Tarna hier aufhielt, sowohl, was die Abgesandten nach Caemlyn betraf, wie auch in bezug auf Logain, den man in einem der Heerlager untergebracht hatte, damit er aus dem Weg war, und natürlich auch über die Soldaten selbst und den Grund, aus dem sie hier versammelt waren. Die meisten hüteten sich vor jedem lauten Wort und flüsterten höchstens miteinander. Das leise Gemurmel auf den Straßen klang ziemlich ängstlich.
Jeder schien davon beeinflußt. Dienerinnen, die normalerweise einherhasteten, bewegten sich jetzt nur zögernd und blickten sich immer wieder ängstlich um. Sogar die Aes Sedai schienen unter der Oberfläche ihrer üblichen Ruhe mißtrauisch und wachsam zu sein und musterten sich gegenseitig heimlich mit abschätzenden Blicken. Es befanden sich nun auch weniger Soldaten auf den Straßen, als habe Tarna nicht bereits am ersten Tag genug gesehen, um ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Die falsche Antwort vom Kleinen Saal würde wahrscheinlich allen die Schlinge um den Hals zusammenziehen. Selbst diejenigen Herrscher und Adligen, die sich aus den Streitigkeiten um die Weiße Burg heraushalten wollten, würden vermutlich jeden Soldaten aufhängen lassen, den sie in die Finger bekamen, damit sich die Rebellion nicht als ansteckend erweisen würde. Im Gefühl all dieser Unsicherheit zwangen sich die Anwesenden zu nichtssagenden Mienen oder blickten sich nur ängstlich um. Alle, bis auf Gareth Bryne, der geduldig vor dem Kleinen Saal wartete. Dort hatte er sich jeden Tag aufgehalten, schon bevor die ersten Sitzenden auftauchten, und bis die letzte wieder zu Hause war. Sie glaubte, er verhalte sich so, damit sie ihn nie vergessen konnten, ihn und das, was er für sie tat. Das einzige Mal, als sie die Sitzenden nach der täglichen Zusammenkunft herauskommen sah, waren sie ihr bei seinem Anblick nicht gerade erfreut vorgekommen.
Lediglich die Behüter erschienen ihr unverändert, seit die Rote Schwester eingetroffen war. Die Behüter und die Kinder. Nynaeve fuhr zusammen, als vor ihr plötzlich drei kleine Mädchen davonstoben wie die Wachteln auf dem Feld, mit Bändern im Haar, verschwitzt und staubig; sie lachten hell beim Wegrennen. Die Kinder wußten freilich nicht, worauf ganz Salidar wartete, und wahrscheinlich härten sie auch gar nichts damit anzufangen gewußt, hätte man ihnen den Grund gesagt. Und jeder Behüter folgte ohne mit der Wimper zu zucken seiner Aes Sedai, wozu sie sich auch entschließen und wohin sie sich wenden mochte. Die meisten dieser gedämpften Gespräche schienen sich um das Wetter zu drehen und dann noch um Gerüchte über seltsame Geschehnisse irgendwo auf der Welt, die von sprechenden, zweiköpfigen Kälbern berichteten und von Männern, die von Fliegenschwärmen erstickt worden waren, von einem Dorf, dessen Kinder allesamt mitten in der Nacht verschwanden, und von Menschen, die im hellen Tageslicht von einem unsichtbaren Tod dahingerafft worden waren. Jeder, der noch klar denken konnte, wußte, daß die Dürre und die ungewöhnliche Hitze der Hand des Dunklen Königs zu verdanken waren, die hier die Welt berührte, doch selbst die meisten Aes Sedai zweifelten an Elaynes und Nynaeves Behauptung, die anderen Vorkommnisse seien genauso real und daß sich Blasen des Bösen aus dem Kerker des Dunklen Königs erhoben und durch das Muster schwammen, bis sie zerplatzten, da die Siegel immer schwächer wurden. Die meisten Menschen waren nicht in der Lage, klar zu denken. Einige gaben Rand die Schuld daran. Andere meinten, der Schöpfer sei unzufrieden, weil sich die Welt noch nicht hinter den Wiedergeborenen Drachen gestellt hatte, oder aber, weil die Aes Sedai ihn noch nicht gefangen und einer Dämpfung unterzogen hatten; vielleicht passe es ihm auch nicht, daß sich Aes Sedai gegen eine erwählte Amyrlin stellten. Nynaeve hatte Menschen davon sprechen gehört, das kühlere Werter werde zurückkehren, sobald die Weiße Burg wieder vollständig sei. Sie schob sich weiter durch die Menge.
»...schwöre, daß es wahr ist!« murmelte eine Köchin, deren Unterarme mit Mehl verschmiert waren. »Auf der anderen Seite des Eldar steht ein Heer der Weißmäntel und wartet nur auf Elaidas Befehl, um anzugreifen.« Vom Wetter und zweiköpfigen Kälbern abgesehen waren Gerüchte über die Weißmäntel zahlreicher als alle anderen, doch Weißmäntel, die auf Elaidas Marschbefehl warteten? Ehe Hitze mußte wohl das Gehirn dieser Frau aufgeweicht haben!
»Das Licht sei mein Zeuge, daß ich die Wahrheit spreche«, raunte ein ergrauter Fuhrmann einer Frau mit düsterer Miene zu, deren gutgeschnittenes Wollkleid sie als Zofe einer Aes Sedai auswies. »Elaida ist tot. Die Rote ist gekommen, um Sheriam zu holen, damit man sie zur neuen Amyrlin erwählen kann.« Die Frau nickte eifrig. Sie nahm ihm wohl jedes Wort ab.