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»Manchmal«, sagte Amys, »aber nicht häufig. Ohne eine Lehrerin, die sie anleitet, kann es sein, daß eine Frau überhaupt nicht bemerkt, daß sie mehr als nur lebhafte Träume erlebt.«

»Und außerdem«, fügte Bair hinzu, »kann es aufgrund ihrer Unwissenheit geschehen, daß der Traum sie tötet, bevor sie...«

Egwene entspannte sich, da sie sich nun in sicherem Abstand von dem gefährlichen Thema bewegten. Sie hatte bereits eine deutlichere Antwort erhalten, als sie ursprünglich gehofft hatte. Es war ihr jetzt klar, daß sie Gawyn liebte — Tatsächlich? flüsterte eine Stimme in ihr. Warst du bereit, das zuzugeben? — und seine Träume deuteten mit Gewißheit an, daß auch er sie liebte. Jedoch ... wenn die Männer in wachem Zustand Dinge sagten, die sie gar nicht so meinten, konnten sie so etwas womöglich auch träumen. Doch nun hatten die Weisen Frauen ihr bestätigt, daß er sie liebte ... stark genug, um alles zu überwältigen, was sie... Nein.

Damit mußte sie sich später beschäftigen. Sie hatte noch nicht einmal die blasseste Ahnung, wo er sich befinden mochte. Das wichtigste war im Moment nur, daß sie die Gefahr erkannt hatte. Beim nächsten Mal würde sie Gawyns Traum rechtzeitig erkennen und ihn meiden. Falls du das wirklich willst, wisperte diese kleine Stimme. Sie hoffte nur, die Weisen Frauen würden die Röte, die in ihren Wangen aufstieg, als Zeichen blühenden Aussehens werten. Und sie wünschte, sie kenne die Bedeutung ihrer Träume. Falls sie eine hatten.

Gähnend erklomm Elayne die Stufen einer kleinen gemauerten Veranda, um über die Köpfe der Menge hinwegblicken zu können. Heute befanden sich keine Soldaten in Salidar, aber die Menschen verstopften die Straßen oder hingen in den Fenstern. Alles verharrte in gedämpfter Erwartung und beobachtete die Kleine Burg. Das Umherscharren von Füßen und ein gelegentliches Husten des aufsteigenden Staubs wegen waren die einzigen Geräusche. Trotz der Hitze des frühen Morgens rührten sich die Leute kaum, außer um sich von Zeit zu Zeit mit einem Fächer oder einem Hut Luft zuzuwedeln.

Leane stand in einer Lücke zwischen zwei strohgedeckten Häusern am Arm eines hochgewachsenen Mannes mit hartem Gesicht, den Elayne noch nie gesehen hatte. ›Am Arm‹ war noch sehr untertrieben. Zweifellos war er einer von Leanes Spionen. Die meisten der Augen-und-Ohren der Aes Sedai waren Frauen, aber Leanes Agenten schienen durchweg Männer zu sein. Zumeist hielt sie diese Leute vor allen neugierigen Blicken verborgen, doch Elayne hatte ein oder zweimal bemerkt, wie sie eine unbekannte Wange tätschelte oder zu einem fremden Augenpaar emporlächelte. Sie hatte keine Ahnung, wie Leane das anstellte. Elayne war sicher, wenn sie diese Domanitricks anwandte, würde der Bursche glauben, sie habe ihm eine Menge mehr versprochen, als sie wirklich beabsichtigte, doch diese Männer ließen sich von Leane tätscheln und anlächeln und trabten anschließend so glückselig davon, als habe man ihnen eine Truhe voll Gold geschenkt.

An einem anderen Ort inmitten der Menge erspähte Elayne Birgitte, die sich klugerweise heute morgen von ihr fernhielt. Ausnahmsweise war diese schreckliche Areina heute nirgendwo zu sehen. Die Nacht war äußerst ereignisreich verlaufen, und Elayne war erst zu Bett gegangen, als sich der Himmel bereits grau färbte. Um der Wahrheit treu zu bleiben, wäre sie überhaupt nicht schlafen gegangen, hätte Birgitte nicht zu Aschmanaille gesagt, sie glaube, Elayne falle fast schon im Stehen um. Natürlich war sie nicht ihres Aussehens wegen darauf gekommen; die Verbindung mit einem Behüter machte sich auf beiden Seiten bemerkbar. Und wenn schon! Was machte denn ein bißchen Erschöpfung aus? Es hatte noch soviel zu tun gegeben, und sie war immer noch in der Lage gewesen, mehr Macht zu lenken als die Hälfte aller Aes Sedai in Salidar. Diese Verbindung zu ihr sagte eindeutig aus, daß Birgitte noch nicht geschlafen hatte. Sie nicht! Elayne wurde ins Bett gesteckt wie eine Novizin, während Birgitte die ganze Nacht lang Verwundete herumschleppen und Trümmer beseitigen durfte!

Ein kurzer Blick zeigte ihr, daß Leane jetzt allein war und sich durch die Menge hindurchdrängte, um einen besseren Standpunkt zu finden, von dem aus sie alles beobachten konnte. Von dem hochgewachsenen Mann war nichts mehr zu sehen.

Eine gähnende Nynaeve mit verschlafenen Augen kletterte zu ihr hoch, wobei sie mit entschlossenem Blick einen Holzfäller mit einer Lederweste zurückhielt, der ihren Platz einnehmen wollte. Vor sich hin knurrend schob sich der Bursche in die Menge zurück.

Elayne wünschte, Nynaeve würde so etwas nicht machen. Das Gähnen natürlich — nicht den Blick. Ihr Unterkiefer knackte vor Anstrengung, als sie unwillkürlich Nynaeve nacheiferte. Birgitte hatte eine Entschuldigung —na ja, keine richtige, aber doch ein bißchen — aber Nynaeve keineswegs! Theodrin konnte ja wohl nicht erwartet haben, daß sie nach den Ereignissen der letzten Nacht wirklich wach bleibe, und Elayne hatte selbst gehört, wie Anaiya zu ihr sagte, sie solle ins Bett gehen. Aber als Elayne hereinkam, hatte sie auf dem Hocker balanciert, obwohl dessen eines Bein schief wegstand. Alle zwei Minuten war ihr Kopf herabgesunken, als sie einnickte, doch dann hatte sie sich wieder zusammengerissen und etwas gemurmelt, daß sie es Theodrin schon zeigen werde, und sie werde es allen zeigen.

Das Armband des A'dam vermittelte Elayne ein Gefühl der Furcht, aber auch etwas, das sie durchaus als Heiterkeit auslegen mochte. Moghedien hatte die Nacht damit verbracht, sich unter ihrem Bett zu verkriechen, unberührt und, weil sie so gut versteckt war, ohne auch nur ein paar kleine Trümmerstücke beseitigen zu müssen. Sie hatte sich sogar ausschlafen können, sobald einmal der schlimmste Lärm vorüber war. Wie es schien, traf die alte Redensart vom Glück des Dunklen Königs gelegentlich zu.

Nynaeve fing schon wieder zu gähnen an, und Elayne riß den Blick von ihr los. Trotzdem mußte sie die Hand vorhalten und sich — nicht ganz erfolgreich —zwingen, Nynaeve nicht zu imitieren. Das Geschabe der Füße und das Husten klang allmählich ungeduldig.

Die Sitzenden befanden sich noch immer mit Tarna in der Kleinen Burg, aber der braune Wallach der Roten stand schon auf der Straße vor der ehemaligen Schenke. Ein Dutzend Behüter hielten ihre Pferde am Zügel. Ihre farbverändernden Umhänge ließ den Blick schmerzen, wenn man sie direkt ansah. Sie stellten eine Ehrengarde dar, die Tarna die ersten Meilen über auf ihren Weg nach Tar Valon geleiten würden. Die Menge erwartete allerdings mehr als nur die Abreise der Abgesandten der Burg. Die meisten Menschen wirkten genauso erschöpft wie sich Elayne fühlte.

»Man könnte denken, sie sei ... sei...« Nynaeve gähnte schon wieder hinter vorgehaltener Hand.

»Oh, Blut und Asche«, knurrte Elayne. Oder vielmehr, sie versuchte, diese Worte herauszubringen, aber alles nach dem ›oh‹ klang wie ein ersticktes Krächzen, weil auch sie schon wieder ein Gähnen zurückhalten mußte. Lini sagte, Bemerkungen wie diese seien ein Zeichen für Dummheit und schlechtes Benehmen — danach hatte sie ihr gewöhnlich den Mund mit Seife ausgewaschen — aber manchmal drückte nichts anderes ihre Gefühle so treffend aus wie diese Worte. Sie hätte beinahe noch mehr gesagt, hatte aber keine Möglichkeit mehr.

»Warum veranstalten sie nicht gleich eine Prozession für sie?« grollte Nynaeve. »Ich sehe nicht ein, wieso sie so ein Brimborium um diese Frau machen.« Und sie gähnte wieder. Schon wieder!

»Weil sie eine Aes Sedai ist, Schlafmütze«, sagte Siuan, die sich ihnen gerade anschloß. »Zwei Schlafmützen«, stellte sie nach einem Blick auf Elayne fest. »Ihr werdet noch Elritzen mit dem Mund fangen, wenn Ihr so weitermacht.« Elayne klappte den Mund blitzschnell zu und sah die Frau mit ihrem eisigsten Blick an. Wie gewöhnlich, glitt das an dieser ab wie Regen an glasierten Dachziegeln. »Tarna ist nun einmal eine Aes Sedai«, fuhr Siuan fort, wobei sie zu den wartenden Pferden hinübersah. Vielleicht war es auch der saubere Karren, den man vor das große Steingebäude gezogen hatte, der ihren Blick anzog. »Eine Aes Sedai ist eben eine Aes Sedai, und daran ändert sich nichts.« Nynaeve warf ihr einen Blick zu, den sie nicht bemerkte.