Elayne drückte sich zwischen zwei grobschlächtigen Kerlen hindurch, die Nynaeve böse hinterherschauten — sie war ihnen tatsächlich auf die Zehen getreten, um vorbeizukommen —, und sah sich dann noch einmal um. Siuan beobachtete sie und Elayne aufmerksam. Allerdings nur einen Moment lang, denn sobald die Frau bemerkte, daß Elayne sie ertappt hatte, gab sie vor, nach irgend jemand in der Menge zu suchen. Sie hüpfte von der Veranda und tat so, als wolle sie zu dem Gesuchten hinübergehen. Mit gerunzelter Stirn eilte Elayne weiter. War Siuan nun aufgebracht oder nicht? Wieviel an ihrem Ärger und ihrer Unwissenheit war nur vorgetäuscht? Nynaeves Einfall, nach Caemlyn wegzurennen, war mehr als nur töricht, und Elayne war nicht sicher, ob sie diesen Plan mittlerweile aufgegeben habe. Und sie selbst freute sich auf Ebou Dar, weil sie dort endlich etwas wirklich Nützliches vollbringen konnte. All diese Geheimniskrämerei und das Mißtrauen waren ihr zuwider, aber sie konnte auch nichts daran ändern. Wenn nur Nynaeve nicht immer wieder in jedes Schlamassel hineintappen würde!
Sie holte Nynaeve in dem Augenblick ein, als diese Sheriam in der Nähe des Karrens abfing, von dem aus Romanda gesprochen hatte. Auch Morvrin und Carlinya waren dabei, und alle drei hatten sich die Stolen umgelegt; sämtliche Aes Sedai trugen heute morgen ihre jeweilige Stola. Carlinyas kurzgeschnittenes Haar wie eine Kappe aus dunklen Locken war das einzige Merkmal ihrer Beinahekatastrophe in Tel'aran'rhiod.
»Wir müssen allein mit Euch sprechen«, sagte Nynaeve zu Sheriam. »Unter vier Augen.«
Elayne seufzte. Das war kein guter Beginn, wenn auch nicht der schlechteste.
Sheriam musterte die beiden einen Augenblick lang und warf Morvrin und Carlinya einen kurzen Blick zu. »Also gut. Kommt herein.«
Als sie sich zur Tür wandten, stand Romanda noch davor, eine kräftige, gutaussehende Frau mit dunklen Augen und einer Stola mit gelben Fransen, die über und über mit Blumen und Ranken bestickt war, bis auf die Flamme von Tar Valon zwischen ihren Schultern. Sie beachtete Nynaeve nicht, schenkte aber Elayne ein warmes Lächeln von der Art, die diese von den Aes Sedai gewohnt war und vor der es sie schon langsam graute. Sheriam, Carlinya und Morvrin gegenüber zeigte sie jedoch eine andere Miene. Sie blickte sie ausdruckslos an, den Kopf hoch erhoben, bis sie einen leichten Knicks vollführten und murmelten: »Mit Eurer Erlaubnis, Schwester.« Erst dann trat sie zur Seite und gab den Weg zur Tür frei, wobei sie vernehmlich schnaubte.
Die gewöhnlichen Leute auf der Straße bemerkten nichts von alledem, doch Elayne hatte unter den Aes Sedai einige Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die sich mit Sheriam und ihrer kleinen Ratsversammlung befaßten. Manche glaubten, diese Gruppe sorgte lediglich für die alltäglichen Verwaltungsarbeiten in Salidar, damit der Saal sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen konnte. Einigen war klar, daß sie den Saal durchaus in seinen Entscheidungen beeinflußten, aber wie weit dieser Einfluß ging, hing von der Meinung derjenigen ab, die gerade das Wort führten. Romanda gehörte zu denen, die der Meinung waren, Sheriams Gruppe habe entschieden zuviel Einfluß, und was noch schlimmer war, sie hatte zwei Blaue, aber keine Gelbe in ihrem Rat. Elayne spürte ihre Blicke, als sie den anderen durch die Tür ins Innere folgte. Sheriam führte sie in eines der Privatzimmer hinter dem ehemaligen Schankraum. Die Wandtäfelung war wurmstichig, und auf dem Tisch an der einen Wand lag ein wildes Durcheinander von Papieren. Sie zog die Augenbrauen hoch, als Nynaeve sie bat, sie gegen Lauscher zu schützen, doch dann wob sie wortlos ein Wachgewebe um das Innere des Zimmers. Da sich Elayne an Nynaeves Lauschmanöver erinnerte, überprüfte sie auch die beiden Fenster, ob sie dicht geschlossen seien. »Ich erwarte nun zumindest die Neuigkeit, daß sich Rand al'Thor auf dem Weg hierher befindet«, sagte Morvrin trocken. Die anderen beiden Aes Sedai tauschten einen kurzen Blick. Elayne unterdrückte ein Schmollen, da sie offensichtlich zu glauben schienen, sie und Nynaeve hielten irgendwelche Geheimnisse um Rand vor ihnen verborgen.
Sie und ihre ewige Geheimniskrämerei! »Das nicht«, sagte Nynaeve, »aber etwas, das auf eine andere Art genauso wichtig sein könnte.« Und dann sprudelte sie die Geschichte über ihren ›Ausflug‹ nach Ebou Dar hervor und wie sie die Schale dieses Ter'Angreal gefunden hatten. Die Reihenfolge stimmte nicht ganz, und den Abstecher in die Burg erwähnte sie nicht, aber die wesentlichen Punkte kamen dabei heraus.
»Seid Ihr sicher, daß diese Schale ein Ter'Angreal ist?« fragte Sheriam, als Nynaeve die Worte ausgingen. »Er kann das Wetter beeinflussen?«
»Ja, Aes Sedai«, antwortete Elayne schlicht. Es war am besten, sich anfangs sehr einfach auszudrücken. Morvrin knurrte; die Frau zog alles in Zweifel.
Sheriam nickte und verschob ihre Stola. »Dann habt Ihr es gut gemacht. Wir werden Merilille einen Brief schicken.« Merilille Ceandevin war die Graue Schwester, die sie ausgesandt hatten, um die Königin in Ebou Dar für die Unterstützung Salidars zu gewinnen. »Wir benötigen alle Einzelheiten von Euch.«
»Sie wird sie niemals finden«, platzte Nynaeve heraus, bevor Elayne auch nur den Mund aufbekam. »Nur Elayne und ich können das.« Die Blicke der Aes Sedai kühlten merklich ab.
»Es könnte sich wirklich als unmöglich für sie herausstellen«, warf Elayne hastig ein. »Wir sahen, wo sich die Schale befindet, und es wird trotzdem auch für uns schwierig werden. Doch wenigstens wissen wir, was wir gesehen haben. Das in einem Brief zu beschreiben, ist nicht das gleiche.«
»Ebou Dar ist kein Ort für Aufgenommene«, sagte Carlinya kalt.
Morvrins Tonfall klang ein wenig freundlicher, wenn auch immer noch mürrisch, »Wir müssen alle das tun, Kind, was wir am besten können. Glaubt Ihr, Edesina oder Afara oder Guisin wollten nach Tarabon? Was können sie schon tun, um in dieses unruhige Land etwas Ordnung zu bringen? Aber wir müssen es zumindest versuchen, also gingen sie hin. Kiruna und Bera befinden sich womöglich in dieser Minute auf dem Rückgrat der Welt bei der Suche nach Rand al'Thor, von dem wir glaubten — nur glaubten — er halte sich in der Aielwüste auf. Also schickten wir sie hin. Daß wir recht hatten, macht ihre Reise nicht weniger vergeblich, da er längst nicht mehr in der Wüste ist. Wir alle tun, was wir können und was wir müssen. Ihr beiden seid Aufgenommene. Aufgenommene laufen nicht fort nach Ebou Dar oder sonstwohin. Was Ihr beiden tun könnt und müßt, ist, hierzubleiben und zu lernen. Wärt Ihr bereits fertige Schwestern, würde ich Euch trotzdem hierbehalten. Niemand hat während der letzten hundert Jahre solche Entdeckungen gemacht wie Ihr, eine solche Anzahl in so kurzer Zeit.«
Da Nynaeve eben Nynaeve war, kümmerte sie sich nicht um Dinge, die sie nicht hören wollte, und konzentrierte sich auf Carlinya. »Wir haben uns auch auf uns gestellt sehr gut durchgesetzt, vielen Dank. Ich bezweifle, daß Ebou Dar schlimmer wird als Tanchico.«
Elayne glaubte nicht, daß der Frau bewußt war, mit welch tödlichem Würgegriff sie ihren Zopf gepackt hatte. Würde Nynaeve niemals begreifen, daß man mit Höflichkeit das erreichte, was man sich mit Ehrlichkeit verdarb? »Ich verstehe Euren Standpunkt sehr gut, Aes Sedai«, sagte Elayne, »doch wie unbescheiden es auch klingen mag, gleichwohl ist es wahr, daß ich viel eher in der Lage bin, einen Ter'Angreal aufzuspüren, als sonst jemand in Salidar. Und Nynaeve und ich wissen besser, wo wir danach suchen müssen, als wir je auf Papier wiedergeben könnten. Ich bin überzeugt, wenn Ihr uns zu Merilille Sedai schickt, werden wir ihn unter ihrer Führung in kürzester Zeit ausfindig machen. Ein paar Tage nach Ebou Dar mit dem Schiff und ein paar Tage zurück, und dazwischen wenige Tage unter Merilille Sedais Führung in Ebou Dar selbst.« Es kostete Überwindung, an dieser Stelle nicht tief durchzuatmen. »In der Zwischenzeit könntet Ihr einer der Augen-und-Ohren Siuans in Caemlyn eine Botschaft senden, damit sie vorliegt, wenn Merana Sedai und die Gesandtschaft dort ankommt.«