»Mein Lord Drache«, verkündete Bashere lauthals, als er vor dem Podest stehenblieb, »Herr des Morgens, Prinz des Sonnenaufgangs, Wahrer Verteidiger des Lichts, vor dem die Welt in Ehrfurcht das Knie beugt, ich präsentiere Euch Lady Dyelin aus dem Hause Taravin, Lord Abelle aus dem Hause Pendar, Lady Ellorien aus dem Hause Traemane und Lord Pelivar aus dem Hause Coelan.«
Da sahen die vier Andoraner denn doch Bashere an, aber nur mit zusammengepreßten Lippen und scharfen Seitenblicken. Es hatte etwas in seiner Stimme gelegen, das klang, als übergebe er Rand vier Pferde. Zu behaupten, sie stünden mit noch steiferem Kreuz da, wäre dasselbe, als behaupte man, Wasser sei nasser geworden, und doch schien es so, als sie zu Rand aufblickten. Vor allem zu Rand. Unwillkürlich wanderten ihre Blicke auch hinüber zum Löwenthron, der auf seinem eigenen Podest hinter seinem Kopf schimmerte und glitzerte.
Er hätte ihnen am liebsten in die empörten Gesichter gelacht. Empört waren sie, aber auch vorsichtig und unwillkürlich auch ein wenig beeindruckt. Er und Bashere hatten gemeinsam diese Liste von Titeln ausgearbeitet, aber das über die Welt, die das Knie vor ihm beugte, war neu und Basheres eigene Erfindung. Den Tip hatte ihm allerdings bereits Moiraine gegeben. Er glaubte fast, ihre silbrige Stimme wieder zu hören. Der erste Eindruck, den Menschen von Euch bekommen, ist derjenige, den sie am längsten in Erinnerung behalten. Das ist die Art der Welt. Ihr könnt von einem Thron zurücktreten, und selbst wenn Ihr Euch dann wie ein Bauer im Schweinestall aufführt, wird ein Teil in jedem dieser Menschen die Erinnerung daran wecken, daß Ihr einst auf einem Thron gesessen habt. Doch wenn sie zuerst nur einen jungen Mann sehen, einen Jungen vom Land, werden sie seine spätere Thronbesteigung ablehnen, selbst wenn es sein gutes Recht ist und ganz gleich, wieviel Macht er besitzt. Also, wenn ein oder zwei Titel den entscheidenden Unterschied ergeben, würde alles ein gutes Stück leichter werden.
Ich war der Herr des Morgens, murmelte Lews Therin. Ich bin der Prinz des Sonnenaufgangs.
Rand verzog nicht das Gesicht. »Ich werde Euch nicht willkommen heißen, denn dies ist Euer Land und der Palast Eurer Königin, aber ich freue mich, daß Ihr meine Einladung angenommen habt,« Nach fünf Tagen und mit nur wenigen Stunden Vorbereitungszeit, aber das erwähnte er nicht. Er erhob sich, legte das Drachenszepter auf den Thron und stieg von dem Podest herab. Mit reserviertem Lächeln — Seid niemals feindselig, außer es muß sein, hatte Moiraine gesagt, aber vor allem dürft Ihr niemals überfreundlich sein. Seid nicht übereifrig. — deutete er auf fünf bequeme Polsterstuhle mit gepolsterten Lehnen, die unter den Säulen im Kreis aufgestellt waren. »Kommt mit mir. Wir unterhalten uns und trinken ein wenig eisgekühlten Wein.«
Sie folgten ihm gezwungenermaßen, wobei sie die Aiel und ihn mit gleicher Neugier musterten, und vielleicht auch mit gleicher Feindseligkeit was sie nur schwerlich verbergen konnten. Als sie alle saßen, kamen lautlos Gai'schain in ihren weißen Kapuzenroben und brachten Wein und goldene Pokale, deren Außenseiten bereits feucht waren von Kondenswasser. Ein weiterer stand mit einem Federfächer hinter jedem Stuhl und wedelte dem dort Sitzenden sanft Kühlung zu. Bei jedem Stuhl außer dem Rands. Sie bemerkten das natürlich, genau wie den fehlenden Schweiß auf seinem Gesicht. Doch auch die Gai'schain schwitzten trotz ihrer langen Gewänder nicht, genausowenig wie die anderen Aiel.
Er beobachtete die Gesichter der Adligen über seinen Pokal hinweg. Die Andoraner waren stolz darauf, anderen gegenüber ehrlicher zu sein als viele, und man hörte sie häufig beteuern, das Spiel der Häuser habe sich in anderen Ländern viel eher durchgesetzt als bei ihnen. Doch sie glaubten nach wie vor, wenn nötig, könnten sie durchaus bei Daes Dae'mar mitspielen.
Das stimmte auch auf gewisse Weise, aber in Wirklichkeit hielten die Adligen Cairhiens und sogar die aus Tear die Andoraner für unfähig, wenn es sich um subtile Intrigen und Gegenintrigen handelte, wie sie im Großen Spiel üblich waren. Diese vier jedenfalls wahrten größtenteils die Fassung, aber wenn jemand sie beobachtete, den Moiraine ausgebildet hatte und der dann auch noch in Tear und Cairhien eine harte Schule durchlaufen hatte, verrieten sie eben doch mit jedem Blick und jeder leichten Änderung ihres Gesichtsausdrucks eine ganze Menge.
Zuerst dämmerte es ihnen, daß kein Stuhl für Bashere bereitstand. Sie tauschten kurze Blicke und ihre Mienen erhellten sich kaum merklich, besonders als sie merkten, daß Bashere aus dem Thronsaal schritt. Alle vier gestatteten sich, ihm einen Blick und ein ganz leichtes, zufriedenes Lächeln hinterherzuschicken. Sie mußten schließlich ein Heer aus Saldaea, das sich in Andor befand, genauso ablehnen wie Naean und die anderen. Nun waren ihre Gedanken ganz offensichtlich: vielleicht hatte dieser Ausländer doch weniger Einfluß, als sie gefürchtet hatten. Also, dieser Bashere war nicht besser als ein altgedienter Lakai behandelt worden!
Dann blinzelte Dyelin ein wenig, beinahe im gleichen Moment wie Luan, während es ihnen die anderen beiden nur einen Moment später nachtaten. Ganz kurz starrten sie Rand an, daß klar war: sie mieden lediglich den Blick zueinander. Bashere war ein Ausländer, doch er war auch Generalfeldmarschall von Saldaea, dreifacher Lord und der Onkel von Königin Tenobia. Wenn Rand ihn schon wie einen Diener behandelte...
»Ausgezeichneter Wein.« Luan blickte in seinen Pokal und zögerte etwas, bevor er hinzufügte: »Mein Lord Drache.« Es klang, als müsse man ihm jedes Wort aus dem Mund ziehen.
»Aus dem Süden«, sagte Ellorien, nachdem sie am Wein genippt hatte. »Ein guter Jahrgang von den Hügeln von Tunaigh. Ein Wunder, daß man dieses Jahr in Caemlyn noch Eis auftreiben kann. Ich habe gehört, daß die Menschen dieses Jahr bereits als das Jahr ohne Winter‹ bezeichnen.«
»Glaubt Ihr, ich würde Zeit und Mühe daran verschwenden, Eis aufzutreiben«, sagte Rand, »wenn die Welt von so vielen Plagen heimgesucht wird?«
Abelles kantiges Gesicht wurde blaß, und er schien sich zum nächsten Schluck zwingen zu müssen. Andererseits leerte Luan seinen Pokal mit voller Absicht in einem Zug und hielt ihn hin, damit ihn ein Gai'schain nachfüllen konnte. Dessen grüne Augen blitzten zornig, ganz im Gegensatz zum Ausdruck des unbeirrt mild lächelnden, sonnengebräunten Gesichts. Feuchtländer zu bedienen war, als sei man ein Diener, und die Aiel verabscheuten auch nur den bloßen Gedanken daran. Wie sich diese Abscheu mit dem Konzept des Gai'schain vertrug, hatte Rand noch nicht herausbekommen, aber es war nun einmal so.
Dyelin hatte ihren Pokal fest auf die Knie gestellt und beachtete ihn nicht mehr. Aus dieser Nähe konnte Rand in ihrem goldenen Haar einige graue Strähnen sehen. Sie war trotzdem hübsch, da sie durch das Haar Morgase und Elayne glich. Als nächste in der Thronfolge mußte sie zumindest eine Cousine Morgases sein und ihr recht nahe stehen. Sie runzelte kurz die Stirn, als sie ihn ansah, und schien den Kopf schütteln zu wollen, doch dann sagte sie: »Wir sind über die Heimsuchungen der Welt besorgt, doch am meisten über diejenigen in Andor. Habt Ihr uns hergeholt, um ein Mittel dagegen zu finden?«
»Falls Ihr eines kennt«, erwiderte Rand schlicht. »Falls nicht, muß ich woanders suchen. Viele glauben, die rechte Kur zu kennen. Wenn ich diejenige nicht finden kann, die mir zusagt, muß ich eben die nächstbeste wählen.« Das ließ sie ihre Lippen verziehen. Auf ihrem Weg hierher hatte Bashere sie durch einen Innenhof geführt, in dem sie Arymilla und Lir und die anderen zurückgelassen hatten, um sich auszuruhen. Es machte den Eindruck, als entspannten sie sich im Palast. »Ich nehme an, Ihr wollt mir helfen, Andor wieder zusammenzufügen. Ihr habt meine Proklamation vernommen?« Er mußte nicht erst sagen, um welche es sich handelte, denn in diesem Zusammenhang konnte nur eine gemeint sein.