Erleichterung überzog ihre Miene. »Wie es scheint, ist es nur eine zufällige Ähnlichkeit — nicht mehr. Ich will damit nicht sagen, daß Ihr Eure wahren Eltern nicht kennt, aber Euch steht der Westen Andors ins Gesicht geschrieben.«
»Eine Ähnlichkeit? Ich bin in den Zwei Flüssen aufgewachsen, aber meine Eltern waren die genannten. Wem sehe ich ähnlich, daß Ihr mich so anseht?«
Sie zögerte und seufzte dann. »Ich glaube nicht, daß es eine Rolle spielt. Eines Tages müßt Ihr mir erzählen, wieso Ihr Aieleltern hattet und doch in Andor aufgewachsen seid. Vor fünfundzwanzig Jahren oder mehr ist die Tochter-Erbin Andors mitten in der Nacht verschwunden. Sie hieß Tigraine. Sie hinterließ einen Ehemann, Taringail, und einen Sohn, Galad. Ich weiß, daß es nur ein Zufall ist, aber ich sehe Tigraine in Eurem Gesicht. Es war ein Schock für mich.«
Auch Rand empfand einen Schock. Ihm wurde ganz kalt. Bruchstücke des Berichts der Weisen Frauen schössen ihm durch den Kopf ... eine junge Feuchtländerin mit goldenem Haar, in Seide gekleidet ... ein Sohn, den sie liebte, ein Ehemann, den sie nicht liebte ... Shaiel war der Name, den sie annahm. Sie nannte niemals einen anderen ... Ihr habt etwas von Ihr in Euren Gesichtszügen. »Wieso ist Tigraine verschwunden? Ich interessiere mich für die Geschichte Andors.«
»Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr das nicht als Geschichte bezeichnen würdet, mein Lord Drache. Ich war ein junges Mädchen, als es geschah, und ich war häufig hier im Palast. Eines Morgens befand sich Tigraine nicht im Palast, und man hat sie nie wieder gesehen. Einige behaupteten, Taringail sei darin verwickelt, aber er war halb wahnsinnig vor Schmerz. Taringail Damodred wünschte sich mehr als alles auf der Welt, daß seine Tochter Königin von Andor würde und sein Sohn König von Cairhien. Taringail kam aus Cairhien. Diese Heirat sollte die Kriege mit Cairhien beenden, und das geschah auch. Doch Tigraines Verschwinden ließ sie vermuten, daß Andor den Vertrag brechen wolle, und so intrigierten sie auf die übliche Weise Cairhiens, was schließlich ›Lamans Stolz‹ auslöste. Und natürlich wißt Ihr, wohin das wiederum führte«, fügte sie trocken hinzu. »Gitara Sedai hatte wirklich nicht recht, wie mein Vater sagte.«
»Gitara?« Ein Wunder, daß er sich nicht wie erstickt anhörte. Diesen Namen hatte er mehr als einmal gehört. Es war eine Aes Sedai namens Gitara Moroso gewesen, eine Frau mit der Gabe des Hellsehens, die verkündete, der Drache sei am Abhang des Drachenberges wiedergeboren worden, und die auf diese Weise Moiraine und Siuan auf ihre lange Suche geschickt hatte. Es war Gitara Moroso gewesen, die Jahre zuvor zu ›Shaiel‹ gesagt hatte, wenn sie nicht in die Wüste fliehe und niemandem davon erzähle und anschließend eine Tochter des Speers werde, würde Andor und die ganze Welt von einer unvorstellbaren Katastrophe heimgesucht.
Dyelin nickte ein wenig ungeduldig. »Gitara war die Ratgeberin von Königin Modrellein«, sagte sie knapp, »aber sie verbrachte mehr Zeit mit Tigraine und Luc, Tigraines Bruder, als mit der Königin. Nachdem Luc nach Norden geritten war und nicht mehr zurückkehrte, entstanden Gerüchte, Gitara habe ihm eingeredet, er könne sich seinen Ruhm in der Fäule erringen, oder vielleicht auch sein Schicksal erfüllen. Andere behaupteten, er werde dort den Wiedergeborenen Drachen finden, oder die Letzte Schlacht hinge davon ab, daß er sich dorthin begebe. Das war ungefähr ein Jahr vor Tigraines Verschwinden. Was mich betrifft, so bezweifle ich, daß Gitara irgend etwas damit oder mit Luc zu tun hatte. Sie blieb Ratgeberin der Königin, bis Modrellein starb. Man sagte, sie starb an gebrochenem Herzen, Tigraines und Lucs wegen. Womit natürlich der Streit um die Thronfolge begann.« Sie blickte zu den anderen hinüber, die unruhig dastanden und mißtrauische, ungeduldige Mienen zeigten, aber sie konnte es sich nicht verkneifen, noch etwas hinzuzufügen: »Ohne diese Geschehnisse hättet Ihr ein anderes Andor vorgefunden. Tigraine wäre Königin, Morgase lediglich Hochsitz des Hauses Trakand und Elayne wäre nicht geboren worden. Seht Ihr, Morgase heiratete Taringail, kaum daß sie den Thron innehatte. Wer weiß, was sonst noch anders verlaufen wäre?«
Während er beobachtete, wie sie sich den anderen wieder anschloß und mit ihnen hinausging, dachte er über etwas nach, was bestimmt anders verlaufen wäre. Er befände sich nämlich nicht in Andor, denn er wäre gar nicht geboren worden. Alles drehte sich immer wieder in endlosen Kreisen, und eines führte zwangsläufig zum anderen. Tigraine ging heimlich in die Wüste. Das wiederum ließ Laman Damodred den Avendoraldera fällen, ein Geschenk der Aiel, um sich daraus einen Thron zimmern zu lassen, ein unfreundlicher Akt, der die Aiel dazu brachte, das Rückgrat der Welt zu überqueren, um ihn zu töten — das war ihr einziges Ziel gewesen, auch wenn die Länder es als den Aielkrieg bezeichneten — und mit den Aiel kam eine Tochter des Speers namens Shaiel, die gleich nach der Geburt starb. So viele Leben mußten in ihrem Ablauf verändert werden, so viele Leben beendet, damit sie ihn zur rechten Zeit und am rechten Ort zur Welt bringen und dabei sterben konnte, Kari al'Thor war die Mutter, an die er sich erinnerte, wenn auch nur verschwommen, und doch wünschte er, Tigraine oder Shaiel oder wie auch immer gekannt und wenigstens eine kurze Zeit mit ihr verbracht zu haben.
Nutzlose Träumereien. Sie war schon lange tot. Es war geschehen und vorbei. Also, warum kam er trotzdem nicht davon los?
Das Rad der Zeit und das Rad des Lebens eines Mannes drehen sich eins wie das andere ohne Mitleid und ohne Gnade, murmelte Lews Therin.
Bist du wirklich da? dachte Rand. Wenn du mehr bist als eine Stimme und ein paar alte Erinnerungen, dann antworte mir! Bist du wirklich da? Schweigen. Jetzt könnte er Moiraines Rat gebrauchen.
Mit einem Mal wurde ihm bewußt, daß er die weiße Marmorwand des Großen Saals anstarrte, und zwar in nordwestlicher Richtung. In Richtung Alanna. Sie befand sich nicht in Culains Jagdhund. Nein! Sie soll brennen! Er würde Moiraine nicht durch eine Frau ersetzen, die ihn auf solche Weise in die Falle gelockt hatte. Er konnte keiner Frau trauen, die mit der Burg in Verbindung stand. Mit drei Ausnahmen: Elayne, Nynaeve und Egwene. Er hoffte jedenfalls, daß er ihnen vertrauen könne. Wenigstens ein bißchen.
Aus irgendeinem Grund blickte er zu der mächtigen Kuppeldecke auf, deren bunte Fenster Szenen aus Schlachten zeigten und Königinnen und dazwischen immer wieder den Weißen Löwen. Diese Frauenfiguren, die größer als im wirklichen Leben wirkten, schienen ihn mißbilligend anzusehen und sich zu fragen, was er hier mache. Einbildung natürlich, aber warum? Weil er von Tigraines Herkunft erfahren hatte? Einbildung oder Wahnsinn?
»Es ist jemand gekommen, den Ihr meiner Meinung nach sehen solltet«, sagte Bashere, der plötzlich neben ihm stand. Rand riß sich von den Frauengestalten in der Kuppel los. Hatte er deren Blicke wirklich erwidert und sie zornig angefunkelt? Bashere hatte jemanden aus seiner Reitertruppe dabei. Der Bursche war größer als Bashere, was bei dessen Statur nicht schwer war, hatte einen dunklen Bart und schrägstehende grüne Augen.
»Nur wenn es sich um Elayne handelt«, sagte Rand unfreundlicher, als er vorgehabt hatte, »oder wenn er beweist, daß der Dunkle König tot ist. Ich werde heute vormittag nach Cairhien gehen.« Er hatte das nicht vorgehabt, bis zu dem Augenblick, als er die Worte aussprach. Dort befand sich Egwene. Und die Königinnen oben gab es dort nicht. »Es ist Wochen her, seit ich das letzte Mal dort war. Wenn ich sie nicht im Auge behalte, wird irgendein Lord oder eine Lady hinter meinem Rücken den Sonnenthron für sich beanspruchen.« Bashere sah ihn mit einem eigenartigen Blick an. Er rechtfertigte sich zu oft.