»Ich sehe Euch, Havien Nurelle«, sagte Rand ernst, und der Junge blinzelte überrascht. Der Junge? Wenn er es sich überlegte, war er keineswegs jünger als Rand. Diese Erkenntnis kam wie ein Schock! »Wenn Ihr und Corman mir bitte zeigen würdet...« Mit einem Mal wurde ihm bewußt, daß Aviendha fort war. Er mühte sich nach Kräften, diese Frau zu meiden, und beim ersten Mal, als er sich bereitfand, sie in seiner Nähe zu dulden, schlüpfte sie weg, kaum daß er seinen Blick abgewandt hatte! »Bringt mich zu Berelain und Rhuarc«, befahl er grob. »Sollten sie nicht beisammen sein, bringt Ihr mich zu dem, der sich näher befindet, und dann sucht Ihr den anderen.« Zweifellos war sie gleich zu den Weisen Frauen gerannt, um zu berichten, was er alles getan hatte. Er würde die Frau hier zurücklassen!
Was du willst ist das, was du nicht haben kannst. Was du nicht haben kannst ist das, was du willst. Lews Trierin lachte irr. Es störte Rand nicht in dem Maße wie früher. Nicht ganz so jedenfalls. Was ertragen werden mußte, konnte ertragen werden.
Corman und Havien besprachen, wen sie zuerst aufsuchen sollten, und dann machten sie sich gemeinsam mit Rand auf den Weg, wobei sie ihre Männer zurückließen. Trotzdem gab es noch eine regelrechte Prozession, da alle Töchter und Roten Schilde ihnen in kurzem Abstand folgten und alles sich in dem niedrigen Gang drängte. Der Korridor erweckte einen düsteren, bedrückenden Eindruck, obwohl die Lampen auf den Kandelabern brannten. Es gab überall sehr wenig Farbe, außer bei den Wandbehängen. Die Menschen hier hatten eine Vorliebe für strenge Ordnung. Alles war nach festen Mustern angeordnet: gestickte Blumen und Vögel, Hirsche oder Leoparden auf der Jagd oder Adlige in der Schlacht. Die Diener, die schnell aus dem Weg sprangen, trugen für gewöhnlich farbige Streifen an den Manschetten und das Abzeichen des jeweiligen Adelshauses auf das Wams genäht. Gelegentlich sah man einen Kragen oder Ärmel in den Farben des Hauses, sehr selten allerdings bei einem Rock oder Kleid. Nur höhergestellte Diener zeigten mehr Farbe. Die Einwohner Cairhiens liebten die Ordnung und konnten Extravaganzen nicht leiden. In den wenigen Nischen standen goldene Schalen oder eine Vase des Meervolks, aber selbst diese waren leer und wiesen eine strenge Linienführung auf, die kaum Kurven oder Krümmungen sichtbar werden ließ. Wenn der Gang sich zu einer Arkade mit Pfeilern wandelte und die Aussicht auf einen tiefer gelegenen Garten freigab, sah man, daß die Pfade ein regelmäßiges Gitter ergaben, wobei jedes Blumenbeet genau die gleiche Größe aufwies, mit gleichartigen Sträuchern und Zierbäumen bepflanzt war, die wiederum gleich beschnitten waren und in gleichem Abstand voneinander standen. Hätte die Dürre noch Blumen am Leben gelassen, war Rand sicher, daß auch ihre Blüten kerzengerade Linien gebildet hätten.
Rand wünschte sich, Dyelin könne diese Schalen und Vasen sehen. Die Shaido hatten alles mitgenommen, was sie tragen konnten, oder verbrannt, was sie zurücklassen mußten, aber solches Verhalten widersprach Ji'e'toh. Auch die Aiel, die Rand folgten und die Stadt gerettet hatten, hatten geplündert, doch streng nach ihren Regeln. Wenn sie im Krieg einen Ort einnahmen, war ihnen erlaubt, ein Fünftel dessen mitzunehmen, was der Ort zu bieten hatte, und keinen Löffel darüber hinaus. Bael hatte zögernd zugestimmt, das in Andor zu verbieten, aber Rand war der Meinung, auch hier benötige man eine genaue Liste, um festzustellen, was mitgenommen worden war.
Trotz allem Hin und Her unterwegs schafften Corman und Havien es nicht, Rhuarc oder Berelain aufzuspüren, bis sie schließlich selbst gefunden wurden.
Die beiden kamen von sich aus zu Rand, als er unter einer der Arkaden stand, ganz ohne Hofstaat oder sonstige Begleitung, was ihm nur um so mehr das Gefühl gab, an der Spitze eines Umzugs zu marschieren. Rhuarc in seinem Cadin'sor, graue Strähnen im dunkelroten Haar, hatte die Schufa lose um seinen Hals gelegt. Er trug keine Waffe bis auf ein schweres Aielmesser. Er überragte Berelain, eine blasse, schöne junge Frau in einem blauweißen Kleid, das so tief ausgeschnitten war, daß Rand sich unwillkürlich räuspern mußte, als sie einen tiefen Knicks machte. Sie hatte das Diadem der Ersten, das einen goldenen Habicht im Flug darstellte, in ihr glänzendes schwarzes Haar gesteckt, das ihr in schweren Locken auf die nackten Schultern fiel.
Vielleicht war es ganz gut, daß Aviendha gegangen war. Manchmal zeigte sie sich ziemlich gewalttätig Frauen gegenüber, von denen sie annahm, sie wollten sich an ihn heranmachen.
Plötzlich wurde ihm bewußt, daß Lews Therin in seinem Kopf eine wortlose Melodie summte. Etwas daran erschien ihm beunruhigend, aber was...? Summen. Wie ein Mann, der eine hübsche Frau bewundert, die ihn noch nicht einmal bemerkt.
Hör auf damit! rief Rand im Kopf. Hör auf, durch meine Augen zu blicken! Er wußte nicht, ob ihn Lews Therin gehört hatte — gab es dort überhaupt jemanden, der ihn hören konnte? — aber das Summen hörte auf.
Havien fiel auf ein Knie nieder, doch Berelain bedeutete ihm mit einer geistesabwesenden Geste, sich zu erheben. »Ich hoffe, meinem Lord Drachen geht es gut, und alles steht in Andor zum Besten?« Berelain hatte die Art von Stimme, das Timbre, das einen Mann zum Zuhören zwang. »Und Euren Freunden Mat Cauthon und Perrin Aybara ebenfalls?«
»Es geht allen gut«, erwiderte er. Sie fragte immer nach Mat und Perrin, so oft er ihr auch versicherte, der eine sei auf dem Weg nach Tear und den anderen habe er nicht mehr gesehen, seit er sich in die Wüste begeben hatte. »Und wie steht es mit Euch?«
Berelain sah zu Rhuarc hinüber, als sie sich Rand anschlossen und mit ihm den nächsten Abschnitt des Korridors betraten. »So gut man es erwarten konnte, mein Lord Drache.«
»Es ist gut, Rand al'Thor«, sagte Rhuarc. Sein Gesicht zeigte kaum einen nennenswerten Ausdruck, aber das war nur selten der Fall.
Rand wußte, daß beide verstanden, warum er Berelain hier die Führung anvertraut hatte. Kalte Vernunft. Sie war die erste Herrscherin, die ihm aus freien Stücken ihre Unterstützung angetragen hatte, und er konnte ihr vertrauen, weil sie ihn brauchte; nun, seit ihrem Bündnis, mehr denn je, weil Mayene sich auf diese Art Tear vom Hals hielt. Die Hochlords hatten Mayene stets als eine Provinz ihres Landes behandelt. Außerdem war sie eine Ausländerin aus einem kleinen Reich Hunderte von Wegstunden im Süden und hatte deshalb keinen Grund, in Cairhien irgendeine Partei oder ein Haus zu bevorzugen, keine Möglichkeit, selbst die Macht zu ergreifen, und sie wußte, wie man ein Land regiert. Harte Gründe. Da ihm klar war, wie die Aiel zu Cairhien standen und dessen Einwohner zu den Aiel, konnte er Rhuarc nicht als Statthalter einsetzen, denn das hätte zu einem Blutbad geführt. Davon hatte Cairhien schon zu viele erlebt.
Diese Einrichtung schien sich bewährt zu haben. Genau wie bei Semaradrid und Weiramon in Tear akzeptierten die Einwohner Cairhiens eine Frau aus Mayene als Statthalterin, weil sie kein Aiel war und zudem von Rand eingesetzt worden war. Berelain wußte genau, was sie tat, und sie hörte auch auf Rhuarcs Ratschläge. Er sprach schließlich für die in Cairhien verbliebenen Clanhäuptlinge. Zweifelsohne mußte sie sich auch mit den Weisen Frauen auseinandersetzen, die ihre Einmischung in nahezu alle Angelegenheiten erst aufgeben würden, wenn die Aiel abmarschiert waren, jedoch ganz gewiß niemals vor den Aes Sedai, aber bisher hatte sie dazu nie etwas gesagt.