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»Und Egwene?« fragte Rand. »Geht es ihr besser?«

Berelain preßte die Lippen ein wenig aufeinander. Sie mochte Egwene nicht. Aber Egwene konnte sie ebenfalls nicht leiden. Er kannte keinen Grund dafür, aber es war nun einmal so.

Rhuarc spreizte die Hände. »Soweit Amys mir Bescheid gibt.« Außer einer Weisen Frau war Amys auch seine Ehefrau. Eine seiner Ehefrauen, denn er hatte zwei — eine der eigenartigeren Sitten der Aiel, über die Rand immer wieder staunte. »Sie sagt jedenfalls, Egwene brauche noch Ruhe, Spaziergänge an der frischen Luft und viel zu essen. Ich glaube, sie macht in den kühlen Tagesstunden ihre Spaziergänge.« Berelain warf ihm einen amüsierten Blick zu. Der dünne Schweißfilm auf ihrem Gesicht minderte ihre Schönheit keineswegs, aber Rhuarc schwitzte natürlich nicht.

»Ich würde sie gern treffen — wenn die Weisen Frauen es erlauben«, fügte Rand noch hinzu. Die Weisen Frauen hüteten ihre Privilegien genauso eifersüchtig wie alle Aes Sedai, die er je kennengelernt hatte, und zwar jedem gegenüber, ob es Septimenhäuptlinge waren, Clanhäuptlinge, und vor allem der Car'a'carn. »Aber zuerst...«

Ein Geräusch hatten sie zunächst ganz unbewußt wahrgenommen, als sie sich einem Abschnitt näherten, an dem die Außenwand durch eine säulenbewehrte Steinbalustrade ersetzt worden war: das Klappern von Übungsschwertern. Im Vorbeigehen blickte Rand hinunter. Zumindest hatte er die Absicht, doch was er dort unten sah, ließ ihn verstummen und stehenbleiben. Unter den Augen eines hoch aufgerichteten einheimischen Ausbilders in einem einfach geschnittenen grauen Mantel hieben ein Dutzend schweißgetränkte Frauen paarweise aufeinander ein. Manche von ihnen trugen Reitkleidung mit Hosenröcken, andere wiederum Männerhosen und Jacken. Die meisten stellten sich bei ihren Fechtübungen noch recht ungeschickt an, während andere mit flüssigen Bewegungen von einer Figur zur anderen überwechselten, wobei sie allerdings die Klingen aus gebündelten Latten nur zögernd schwangen. Alle schienen in grimmige Entschlossenheit gehüllt wie in einen Umhang, wenn auch diese Haltung durch gelegentliches verlegenes Lachen aufgelockert wurde, sobald eine von ihnen einsah, daß sie einen Fehler gemacht hatte.

Der Bursche mit dem steifen Kreuz klatschte in die Hände, und die keuchenden Frauen stützten sich auf ihre Übungsschwerter. Einige rieben sich die Arme, die offensichtlich nicht an diese Anstrengung gewöhnt waren. Aus Türen, die Rand nicht sehen konnte, eilten Diener und Dienerinnen hervor, verbeugten sich oder knicksten, während sie Tabletts mit Krügen und Bechern herumreichten. Aber falls sie wirklich Diener waren, dann war ihre Livree eigenartig und in Cairhien sonst nicht üblich. Sie trugen nämlich Weiß. Kleider und Mäntel und Hosen, alle waren rein weiß.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte er. Rhuarc gab einen angewiderten Laut von sich.

»Einige der Frauen aus Cairhien bewundern die Töchter des Speers«, sagte Berelain lächelnd. »Sie wollen auch Töchter werden. Nur des Schwerts allerdings, wie ich vermute, und nicht des Speers.« Sulins Körper versteifte sich empört, und die anwesenden Töchter verständigten sich durch Handzeichen. Sie alle schienen sich aufzuregen. »Dies sind Töchter aus Adelshäusern«, fuhr Berelain fort. »Ich habe sie hierbleiben lassen, weil ihre Eltern ihnen keine Erlaubnis gegeben hatten. Es gibt in der Stadt mittlerweile ein Dutzend Schulen, in denen man Frauen im Schwertkampf unterrichtet, doch viele Frauen müssen sich heimlich hinschleichen, um teilnehmen zu können. Natürlich beschränkt sich der Einfluß nicht nur auf Frauen. Die jüngeren Einwohner Cairhiens sind von den Aiel sehr beeindruckt. Sie übernehmen sogar Ji'e'toh.«

»Sie verdrehen alles«, grollte Rhuarc. »Viele wollen mehr von unseren Sitten wissen, und wer würde nicht die Gelegenheit nutzen, jemandem beizubringen, wie man sich anständig verhält? Selbst einem Baummörder.« Er wirkte, als wolle er ausspucken. »Aber sie übernehmen, was man ihnen sagt, und dann verdrehen sie es.«

»Nein, es wird nicht verdreht«, protestierte Berelain. »Sie passen es nur den Gegebenheiten an, denke ich.« Rhuarc zog die Augenbrauen ein klein wenig hoch und seufzte. Haviens Miene war ein Musterbeispiel für Entrüstung, als er die Meinung seiner Herrscherin so in Frage gestellt sah. Weder Rhuarc noch Berelain bemerkten das allerdings, denn beide achteten nur auf Rand. Er hatte das Gefühl, diese Auseinandersetzung zwischen den beiden habe sich schon oft abgespielt.

»Sie verändern es«, wiederholte Rhuarc nachdrücklich. »Diese Narren in Weiß dort unten behaupten, sie seien Gai'schain. Gai'schain!« Die anderen Aielmänner murmelten erregt miteinander, während die Töchter sich wieder in ihrer Zeichensprache verständigten. Havien blickte ein wenig nervös drein. »In welchem Kampf oder bei welchem Überfall wurden sie gefangengenommen? Welches Toh haben sie auf sich geladen? Ihr habt mein Verbot gutgeheißen, Berelain Paeron, in der Stadt Kämpfe auszutragen, aber sie duellieren sich, sobald sie glauben, sie würden nicht entdeckt, und der Verlierer legt die weiße Robe an. Wenn einer den anderen schlägt und beide bewaffnet sind, bittet der Geschlagene um ein Duell, und wenn ihm das verweigert wird, legt er das Weiß an. Was hat das mit Ehre und Verpflichtung zu tun? Sie verdrehen alles und tun Dinge, bei denen selbst ein Sharamann erröten würde. Man sollte diesem Treiben Einhalt gebieten, Rand al'Thor.«

Berelain streckte trotzig das Kinn vor, und ihre Hände verkrampften sich in ihren Rock. »Junge Männer kämpfen doch immer.« Ihr Tonfall klang so weise und erfahren, daß man beinahe vergaß, wie jung sie noch war. »Aber seit sie damit begonnen haben, ist kein einziger mehr in einem Duell ums Leben gekommen. Kein einziger! Das allein ist es wert, sie auf diese Art weitermachen zu lassen. Außerdem habe ich mich gegen Väter und Mütter gestellt, und einige von ihnen kamen aus mächtigen Familien, die wollten, daß ich ihre Töchter wieder heimschicke. Ich werde diesen jungen Frauen nicht verweigern, was ich ihnen versprochen habe.«

»Behaltet sie, wenn Ihr wollt«, sagte Rhuarc. »Laßt sie lernen, mit dem Schwert umzugehen, falls sie es wünschen. Aber sie sollen aufhören, zu behaupten, sie folgten Ji'e'toh. Macht dem ein Ende, daß sie das Weiß anlegen und behaupten, sie seien Gai'schain. Was sie tun, beleidigt unsere Sitten.« Der eisige Blick seiner blauen Augen war zwar auf Berelain gerichtet, doch diese wiederum blickte ausschließlich Rand mit ihren großen, dunklen Augen an.

Rand zögerte nur einen Augenblick lang. Er glaubte, zu verstehen, was die jüngeren Menschen in Cairhien zu Ji'e'toh hinzog. Zweimal war ihr Land innerhalb von zwanzig Jahren von den Aiel erobert worden; sie mußten sich fragen, ob das Geheimnis vielleicht in diesen Sitten liege. Oder sie glaubten möglicherweise, ihre Niederlagen bewiesen einfach, daß die Aiel die bessere Lebensauffassung hätten. Eindeutig regten sich die Aiel darüber auf, daß man sich ihrer Ansicht nach über ihre Sitten lustig mache, aber in Wirklichkeit waren ein paar der Gründe, weswegen Aiel zu Gai'schain wurden, nicht weniger eigenartig. Beispielsweise betrachtete man es als feindselig, wenn man mit einem Mann über dessen Schwiegervater oder mit einer Frau über deren Schwiegermutter sprach — Zweitvater und Zweitmutter nannten das die Aiel — und das war Grund genug, um zu den Waffen zu greifen, sofern die Betroffenen nicht zuerst jene Verwandten erwähnt hatten. Falls aber der Betroffene den anderen berührte, nachdem er gesprochen hatte, bedeutete das unter den Regeln von Ji'e'toh das gleiche, als berühre man einen bewaffneten Gegner, ohne ihm etwas anzutun. Das brachte eine Menge Ji ein und rief viel Toh hervor, aber der Berührte konnte nun verlangen, zum Gai'schain gemacht zu werden und damit die Ehre des anderen zu beschneiden und selbst weniger Verpflichtungen zu haben, Ji'e'toh forderte, daß eine ehrenhaft vorgebrachte Bitte, zum Gai'schain gemacht zu werden, auch gewürdigt werden müsse. Also endete alles damit, daß ein Mann oder eine Frau zum Gai'schain gemacht wurden, nur weil sie die Schwiegereltern eines anderen erwähnt hatten. Das war nicht weniger töricht als das, was diese Leute in Cairhien trieben. Alles lief im Grunde auf eines hinaus: Er hatte Berelain die Regentschaft übergeben, also mußte er sie auch unterstützen. So einfach war das. »Die Menschen aus Cairhien beleidigen Euch, weil sie Menschen aus Cairhien sind und sich so verhalten. Laßt sie doch. Wer weiß, vielleicht lernen sie eines Tages soviel, daß Ihr sie gar nicht mehr hassen müßt,«