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Rhuarc knurrte beleidigt und Berelain lächelte. Zu Rands Überraschung schien sie dem Aielmann einen Moment lang die Zunge herausstrecken zu wollen, beherrschte sich dann aber. Oder war es nur seine Einbildung? Sie war nur wenige Jahre älter als er selbst, doch sie hatte Mayene bereits regiert, als er noch in den Zwei Flüssen Schafe hütete.

Rand schickte Corman und Havien zurück zu ihrer Wachtruppe und ging weiter. Rhuarc und Berelain schritten zu beiden Seiten nebenher, und die anderen folgten ihm auf den Fersen. Eine Prozession. Jetzt brauchte er nur noch Pauken und Trompeten für einen Festtagsumzug.

Das Klappern der Übungsschwerter begann erneut hinter ihm. Eine weitere Veränderung, wenn auch nicht besorgniserregend. Selbst Moiraine, die lange Zeit die Prophezeiungen des Drachen studierte, hatte nicht gewußt, ob die erneute Zerstörung der Welt ein neues Zeitalter einleiten werde, aber zumindest brachte der Drache Veränderungen mit sich, so oder so. Und zwar genauso oft durch puren Zufall wie mit Absicht.

Als sie die Tür zu dem Arbeitszimmer erreichten, das sich Rhuarc und Berelain teilten — die langen Kassetten aus dunklem, hochglänzendem Holz waren mit Sonnenaufgängen eingelegt und ließen darauf schließen, daß es einst irgendwelchen königlichen Zwecken gedient hatte —, blieb Rand stehen und wandte sich Sulin und Urien zu. Wenn er die vielen Wächter hier nicht los würde, dann überhaupt nicht mehr. »Ich habe vor, morgen eine Stunde nach Sonnenaufgang nach Caemlyn zurückzukehren. Bis dahin besucht Eure Zelte und Eure Freunde und bemüht Euch, keine Blutfehden anzufangen. Falls Ihr darauf besteht, können zwei von Euch bei mir bleiben und mich vor Mäusen beschützen. Ich glaube nicht, daß irgend etwas Größeres mich hier überfallen wird.«

Urien grinste leicht und nickte, deutete aber in Kopfhöhe des anderen auf einen der Männer aus Cairhien und murmelte: »Die Mäuse werden hier sehr groß.«

Einen Augenblick lang glaubte Rand, Sulin werde protestieren. Ihr empörter Blick hielt jedoch nur einen Moment über an, und dann nickte auch sie, wenn auch mit aufeinandergepreßten Lippen. Zweifellos würde er ihre Argumente zu hören bekommen, wenn sich nur noch Töchter in Hörweite befanden.

Das Arbeitszimmer, ein großer Raum, beeindruckte ihn auch jetzt, beim zweiten Mal, daß er es zu sehen bekam, durch sehr harte Kontraste. An der hohen Decke ergaben sich aus geraden Linien und rechten Winkeln kunstvolle Gittermuster, die sich überall wiederholten, auch an den Seitenwänden und an einem breiten, mit dunkelblauem Marmor verkleideten Kamin. In der Mitte stand ein massiver Tisch, der mit Papieren und Landkarten bedeckt war und der eine Art von Grenze darstellte. Vor den beiden hohen, schmalen Fenstern auf der einen Seite des Kamins standen Tontöpfe mit kleinen Pflanzen auf Blumensäulen.

Ein paar winzige rotweiße Blüten waren daran zu sehen. Auf dieser Seite des Tisches hing ein langer Gobelin, der Schiffe auf hoher See darstellte und Männer, die prall mit Ölfisch gefüllte Netze einholten. Ölfische waren die Quelle des Reichtums von Mayene. Ein Stickrahmen mit Nadel und einem roten Faden, der aus einer halbfertigen Arbeit heraushing, lag auf einem Sessel mit hoher Lehne, der breit genug war, damit es sich Berelain darauf mit angezogenen Beinen gemütlich machen konnte, wenn sie wollte. Den Boden bedeckte ein Teppich mit einem goldenen und roten und blauen Blumenmuster. Auf einem kleinen Tisch neben dem Sessel standen ein silberner Weinkrug und ein paar Weingläser auf einem silbernen Tablett, und daneben lag ein dünnes, in Rot gebundenes Buch mit einem goldverzierten Lederbuchzeichen an der Stelle, wo Berelain mit Lesen aufgehört hatte.

Der Fußboden auf der anderen Seite des Tisches war mit Schichten bunter Läufer bedeckt, und darauf lagen rote, blaue und grüne mit Troddeln geschmückte Sitzkissen verstreut. Ein Tabaksbeutel, eine Pfeife mit kurzem Stiel und eine Zange lagen neben einer geschlossenen Messingschale auf einer kleinen, messingbeschlagenen Truhe, während auf einer etwas größeren Kommode mit Eisenbeschlägen eine Elfenbeinschnitzerei lag, die irgendein seltsames Arbeitstier darstellte. Rand bezweifelte, daß ein solches Tier wirklich existierte. Zwei Dutzend Bücher in allen möglichen Formaten standen säuberlich aufgereiht auf dem Boden an der Wand. Ein paar waren klein genug, um in eine Rocktasche zu passen, während andere so großformatig waren, daß selbst Rhuarc beide Hände brauchte, um sie zu halten. Die Aiel stellten in der Wüste alles her, was sie benötigten — bis auf Bücher. Fahrende Händler hatten manchmal schon ein Vermögen gemacht, weil sie den Aiel nichts als Bücher verkauft hatten.

»Nun«, sagte Rand, als die Tür geschlossen war und er sich allein mit Rhuarc und Berelain im Zimmer befand, »wie stehen die Dinge wirklich?«

»Wie ich schon sagte«, erwiderte Berelain. »So gut es eben zu erwarten war. Man spricht auf der Straße von Caraline Damodred und Toram Riatin, aber die meisten Menschen sind zu müde, um in der nächsten Zeit einen weiteren Krieg erleben zu wollen.«

»Es wird behauptet, zehntausend andoranische Soldaten hätten sich ihnen angeschlossen.« Rhuarc stopfte seine Pfeife. »Gerüchte übertreiben immer um das Zehnoder Zwanzigfache, aber falls etwas daran sein sollte, wäre das beunruhigend. Die Kundschafter berichten, es seien nicht sehr viele, aber wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet, könnten sie mehr ausrichten als uns nur zu ärgern. Die Gelbfieberfliege ist fast zu klein, um sie zu sehen, aber wenn sie ihr Ei in Eurer Haut ablegt, werdet Ihr einen Arm oder ein Bein verlieren, bevor sie ausgeschlüpft ist — falls Ihr es überlebt.«

Rand brummte nichtssagend. Darlins Rebellion in Tear war nicht die einzige, mit der er sich herumschlagen mußte. Die Häuser Riatin und Damodred, die letzten beiden Adelsfamilien, die auf dem Sonnenthron gesessen hatten, waren vor Rands Erscheinen bittere Rivalen gewesen und würden es auch wieder sein, sollte er verschwinden. Nun hatten sie ihre Feindschaft begraben — zumindest an der Oberfläche; was sich darunter abspielte, konnte in Cairhien etwas ganz anderes bedeuten — und wie Darlin wollten auch Toram und Caraline in Ruhe an einem sicheren Ort Streitkräfte um sich sammeln. In ihrem Fall ging es um das Hügelvorland des Rückgrats der Welt, so weit entfernt von der Stadt wie möglich, ohne deshalb das Land zu verlassen. Sie hatten die gleiche bunte Schar wie Darlin um sich versammelt: Adlige, zumeist von mittleren Rängen, vertriebene Landbewohner, ein paar hartgesottene Söldner und wohl auch einige frühere Straßenräuber. Nialls Hand war möglicherweise wie bei Darlin auch hier zu spüren.

Dieses Hügelgebiet war keineswegs so unzugänglich wie die Haddon-Sümpfe, doch Rand hielt sich zurück. Er hatte zu viele Feinde an zu vielen Orten. Sollte er verweilen, um hier Rhuarcs Gelbfieberfliege niederzuklatschen, würde er danach irgendwo anders vielleicht einen Leoparden in seinem Rücken vorfinden. Er hatte hingegen vor, den Leoparden zuerst zu besiegen. Wenn er nur wüßte, wo all die anderen Leoparden herumschlichen.

»Was gibt es Neues von den Shaido?« fragte er und legte derweil das Drachenszepter auf eine halb aufgerollte Landkarte. Sie zeigte den Norden Cairhiens und die Berge, die man als ›Brudermörders Dolch‹ bezeichnete. Die Shaido stellten vielleicht keinen so großen Leoparden dar wie Sammael, aber sie waren um einiges größer als Hochlord Darlin oder Lady Caraline. Berelain reichte ihm ein Glas Wein, und er bedankte sich höflich. »Haben die Weisen Frauen überhaupt irgend etwas über Sevannas Plane ausgesagt?«