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Er hätte erwartet, daß ein oder zwei von ihnen auf ihn hörten und sich wenigstens ein bißchen umsehen würden, als sie mit ihren Leuten zu Brudermörders Dolch marschierte. Er hätte wetten können, daß sich die Weisen Frauen der Shaido dort mit offenen Augen umsahen, sobald sie über den Gaelin waren. Natürlich sprach er das nicht aus. Die Shaido hatten vielleicht Ji'e'toh aufgegeben, aber Rhuarc betrachtete das Ausspionieren eines Gegners auf die traditionelle Weise der Aiel. Die Ansichten der Weisen Frauen waren etwas anderes, aber er konnte auch nicht genau sagen, wie sie sich von denen der übrigen Aiel unterschieden.

»Man behauptet, die Shaido bauten Festungen.« Rhuarc hielt inne, nahm die Zange zur Hand, hob den Deckel von der Messingschale, die mit Sand gefüllt war, wie sich jetzt zeigte, nahm ein Stück glühender Kohle von der Sandunterlage und hielt sie über seine Pfeife. Paffend zündete er sie an und sprach dann weiter: »Sie glauben nicht, daß die Shaido vorhaben, jemals ins Dreifache Land zurückzukehren. Ich glaube es auch nicht.«

Rand fuhr sich mit der freien Hand durch die Haare. Caraline und Toram wie ein Geschwür im Fleisch, und nun siedelten sich die Shaido auf dieser Seite der Drachenmauer an. Das war eine viel gefährlichere Mischung, als Darlin zur Verfügung stand. Und Alannas unsichtbarer Finger schien ihn berühren zu wollen. »Gibt es noch mehr gute Nachrichten?«

»In Shamara kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen«, sagte Rhuarc, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen.

»Wo?« fragte Rand.

»Shamara. Oder Shara, wenn Euch das etwas sagt. Sie benützen viele Namen für ihr Land. Co'dansin, Tomaka, Kigali, und mehr. Jeder könnte zutreffen, oder auch keiner. Sie lügen dort ohne nachzudenken, diese Leute. Wickelt einen Seidenballen auf, den ihr dort erworben habt, und womöglich findet Ihr heraus, daß nur die äußeren Bahnen aus Seide bestehen. Und solltet Ihr beim nächsten Mal in diesem Handelsfort den Mann vorfinden, der Euch diesen Ballen verkauft hat, wird er leugnen, Euch schon einmal gesehen oder gar Handel getrieben zu haben. Falls Ihr die Sache weiter verfolgt, töten ihn die anderen, um Euch zu besänftigen, behaupten dann aber, wegen der Seide könnten sie nun nichts mehr unternehmen. Anschließend werden sie versuchen, Euch Wasser als Wein zu verkaufen.«

»Warum betrachtet Ihr Kampfhandlungen in Shara als gute Nachrichten?« fragte Rand leise. Er wollte die Antwort eigentlich gar nicht hören. Berelain jedoch lauschte interessiert. Niemand außer den Aiel und dem Meervolk wußte viel mehr über die verbotenen Länder jenseits der Wüste, als daß Elfenbein und Seide von dort kamen. Das, und die Berichte in den Reisen des Jain Fernstreicher, die aber zu phantastisch waren, um ernst genommen zu werden. Nun, da er sich daran erinnerte, fiel Rand auch ein, daß die Lügerei dort erwähnt wurde und die verschiedenen Namen, wenn auch die von Fernstreicher angeführten nicht mit denen übereinstimmten, die Rhuarc genannt hatte, jedenfalls, soweit Rands Gedächtnis ihn nicht trog.

»Es hat noch nie Kämpfe in Shara gegeben, Rand al'Thor. Man sagt, die Trolloc-Kriege hätten auch dieses Land überzogen...« — die Trollocs hatten einst die Aielwüste durchquert, und seither benützten die Trollocs für diese Wüste die Bezeichnung ›Sterbeplatz‹ —, »...aber sollte es seither dort auch nur eine Schlacht gegeben haben, ist kein Wort darüber bis zu den Handelsforts gedrungen. Natürlich dringt kaum ein Wort jemals von den Forts hindurch. Sie behaupten, ihr Land sei immer eine Einheit gewesen und nicht zersplittert wie bei uns, und es habe immer Friede geherrscht. Als Ihr als der Car'a'carn von Rhuidean aufgebrochen seid, hat sich die Nachricht schnell ausgebreitet und auch, welchen Titel Euch die Feuchtländer verliehen haben: der Wiedergeborene Drache. Die Nachricht verbreitete sich vom Großen Riß und den Klippen des Sonnenaufgangs bis zu den Handelsforts.« Rhuarcs Blick war ruhig und stet; dies alles beunruhigte ihn nicht. »Nun kommen die Nachrichten durch das Dreifache Land bis hierher zurück. Es gibt Kampfhandlungen in Shara, und die Sharamänner in den Handelsforts fragen, wann der Wiedergeborene Drache die Welt zerstören wird.«

Mit einem Mal schmeckte der Wein sauer. Noch ein Land wie Tarabon und Arad Doman, das bereits in sich zerrissen wurde, nur weil die Menschen von ihm vernommen hatten. Wie weit hatten sich die Wellen noch ausgebreitet? Gab es seinetwegen Kriege, von denen er niemals hören würde, in Ländern, von denen er ebenfalls nie etwas vernehmen würde?

Der Tod reitet auf meiner Schulter, murmelte Lews Therin. Der Tod schreitet in meinen Fußstapfen einher. Ich bin der Tod.

Schaudernd stellte Rand sein Glas auf den Tisch. Was verlangten die Prophezeiungen noch alles von ihm in ihren quälend unklaren Andeutungen und altertümlichen Versen, die alles und doch nichts sagten? Sollte er Shara, oder wie man es nun wirklich nannte, Cairhien und dem Rest hinzufügen? Die ganze Welt? Aber wie, wenn er nicht einmal Tear oder Cairhien vollständig beherrschte? Dafür brauchte man mehr als die Lebensdauer eines Mannes. Andor. Und wenn er jedes andere Land zerreißen mußte, die ganze Welt zerreißen: Andor würde er für Elayne erhalten. Irgendwie.

»Shara, oder wie es nun heißen mag, ist weit von hier entfernt. Ein Schritt nach dem anderen, und Sammael ist der erste Schritt.«

»Sammael«, stimmte Rhuarc zu. Berelain schauderte und leerte ihr Glas.

Eine Weile unterhielten sie sich über die Aiel, die immer noch auf dem Weg nach Süden waren. Rand hatte vor, den Hammer, den er in Tear schmiedete, so gewaltig zu machen, daß er alles zerschmettern konnte, was ihm Sammael in den Weg stellen mochte. Rhuarc war es wohl zufrieden, aber Berelain beschwerte sich und wollte, daß eine größere Streitmacht in Cairhien verbleiben sollte. Bis Rhuarc sie zum Schweigen brachte. Sie murrte, er sei sturer, als gut für ihn sei, doch dann fuhr sie fort und beschrieb die Bemühungen, die Bauern wieder auf dem Land ansässig zu machen. Sie glaubte, ab dem nächsten Jahr seien keine Getreideeinfuhren aus Tear mehr notwendig. Falls die Dürre jemals nachließ. Falls nicht, würde Tear nicht einmal in der Lage sein, das eigene Land mit Getreide zu versorgen, und erst recht nicht die anderen Länder. Die ersten zarten Fühler des Handels machten sich gerade wieder bemerkbar. Händler waren aus Andor und Tear und Murandy gekommen, und sogar von den Grenzlanden her. An diesem Morgen hatte sogar ein Schiff des Meervolks im Fluß Anker geworfen, und das fand sie merkwürdig, so weit vom Meer entfernt, doch natürlich höchst willkommen.

Berelains Miene wirkte äußerst eindringlich und ihre Stimme knapp und präzise, als sie um den Tisch hierhin und dorthin herumschritt, um dieses oder jenes Bündel Papiere in die Hand zu nehmen und darüber zu sprechen, was Cairhien erwerben müsse und was es sich leisten könne, was es jetzt zum Verkauf anbieten könne und was in sechs Monaten und in einem Jahr. Natürlich hing das vom Wetter ab. Sie tat das ab, als sei es unwichtig, warf aber Rand einen Blick zu, der besagte, er sei der Wiedergeborene Drache, und sollte es eine Möglichkeit geben, die Hitzewelle zu beenden, sei es seine Aufgabe, sie zu finden. Rand hatte sie schon unglaublich verführerisch erlebt, aber auch verängstigt, trotzig und hochmütig, aber noch niemals so wie jetzt. Sie schien eine völlig andere Frau zu sein. Rhuarc, der auf einem Kissen saß und an seiner Pfeife paffte, schien genauso amüsiert, als er sie beobachtete.

»...Eure Schule könnte einiges erreichen«, sagte sie, wobei sie mit gerunzelter Stirn ein langes Blatt Papier betrachtete, das mit sauberer Schrift bedeckt war. »Wenn sie nur aufhörten, ständig neue Dinge machen zu wollen und statt dessen das täten, was sie bereits beherrschen.« Sie tippte mit einem Finger an ihre Lippen und blickte nachdenklich ins Leere. »Ihr sagtet, ich solle ihnen so viel Gold geben, wie sie verlangen, aber wenn ihr mir gestatten würdet erst zu zahlen, wenn sie tatsächlich...«