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So schnell sie auch machten — der Stallmeister mit den großen Ohren war verschwunden, als Rand sich schließlich in den Sattel schwang. Möglicherweise suchte er nach dem Gefolge, das den Wiedergeborenen Drachen gewiß begleiten würde. Oder er wollte jemandem berichten, daß Rand den Palast fast ohne jede Begleitung verließ. So war das in Cairhien nun einmal. Der schlanke Braune tänzelte, doch während Rand ihn noch zu beruhigen versuchte, ließ er ihn bereits an überraschten Gardesoldaten vorbei aus dem Palastgelände schreiten. Er machte sich keine Gedanken darüber, ob ihn nach der Warnung des Mannes mit den großen Ohren vielleicht ein Hinterhalt von Attentätern erwarte. Jeder, der ihn in einen Hinterhalt locken wollte, würde zu der Erkenntnis gelangen, daß er ohne Schere zur Schur gekommen war. Eine Verzögerung hätte bedeutet, innerhalb kürzester Zeit einen Schwarm Adliger um sich zu haben, so daß er nicht ohne diese wegkam. Es war zur Abwechslung einmal ein gutes Gefühl, allein zu sein.

Er musterte Jalani und den jungen Aielmann, die neben dem Braunen hertrabten. Dedric, erinnerte er sich, ein Codara aus der Jaernriß-Septime. Fast allein. Er konnte Alanna noch immer spüren, und in weiter Entfernung beklagte Lews Therin den Tod seiner Ilyena. Er war niemals wirklich allein. Vielleicht nie mehr in seinem Leben. Trotzdem tat ihm nach so langer Zeit das bißchen Abgeschiedenheit gut.

Cairhien war eine große Stadt, deren Hauptstraßen so breit waren, daß die Menschen, die sie bevölkerten, ganz klein wirkten. Jede Straße durchschnitt pfeilgerade die Hügel, die so mit Steinwällen und Terrassen eingefaßt waren, daß sie wie von Menschenhand gemacht wirkten. Sämtliche Straßen trafen sich in rechten Winkeln. Überall in der Stadt erhoben sich mächtige Türme, von Holzgerüsten umgeben, die die kunstvollen Erker und Vorsprünge mit ihren quadratischen Fensteröffnungen verbargen, Türme, die den Himmel zu berühren schienen und noch höher hinauf strebten. Es war zwanzig Jahre her, da hatten die legendären unvollendeten Türme von Cairhien während des Aielkrieges wie Fackeln gebrannt, und auch jetzt waren die Reparaturen noch nicht beendet.

Sich durch die Menge hindurchzuarbeiten war mühsam. Im Trab ging das schon bald nicht mehr. Rand war mittlerweile daran gewöhnt, daß die Menschenmengen sich vor seiner üblichen Eskorte teilten, aber obwohl Hunderte von in den Cadin'sor gekleideten Aiel in Sichtweite in dem sich langsam weiterschiebenden Gewühl mitschritten, war es doch nicht ganz dasselbe, da er nur zwei Begleiter dabeihatte. Er glaubte, einige der Aiel hätten ihn erkannt, aber sie beachteten ihn nicht, denn sie wollten keine peinlichen Szenen hervorrufen, indem sie auf den Car'a'carn aufmerksam machten, wo er doch gerade ein Schwert gegürtet hatte und —nicht ganz so unschicklich, aber doch auch nicht gerade lobenswert — auf einem Pferd ritt. Für die Aiel waren Scham und Verlegenheit viel schlimmer als Schmerzen zu ertragen, wenn auch Ji'e'toh alles noch einmal komplizierte, denn es gab Abstufungen, die Rand nur teilweise begriffen hatte. Aviendha konnte das alles bestimmt erklären; sie wollte ihn zweifellos zu einem Aiel machen.

Auch viele andere verstopften die Straßen, Menschen aus Cairhien in ihrer üblichen eintönigen und formlosen Kleidung, aber auch welche in den schäbigbunten Kleidern der früheren Einwohner des Vortors, das mittlerweile niedergebrannt war, Tairener, einen Kopf größer als die übrige Volksmenge und beinahe so hochgewachsen wie die Aiel. Ochsenkarren und von Pferden gezogene Planwagen rumpelten durch die Menge und machten von Zeit zu Zeit Platz für geschlossene Kutschen und Sänften, die gelegentlich die Flagge eines Adelshauses zeigten. Straßenhändler priesen ihre Waren an, die sie in Bauchläden zur Schau stellten, während andere Schubkarren vollgeladen hatten; Musikanten, Akrobaten und Jongleure vollführten ihre Künste an Straßenecken. Aber all das war anders als früher. Einst war es in Cairhien ruhig zugegangen, gedämpft, und nur im Vortor hatte buntes Treiben geherrscht. Etwas von dieser Nüchternheit war immer noch geblieben. Über den Läden hingen nach wie vor nur ganz kleine Schilder, und zur Straße hin waren keine Waren ausgestellt. Und obwohl die ehemaligen Einwohner des Vortors genauso laut und fröhlich schienen wie früher, schallend lachten oder sich laut anschrien und mitten auf der Straße stritten, wurden sie noch immer von den typischen Städtern mit prüden, angewiderten Blicken bedacht.

Niemand außer den Aiel erkannte den barhäuptigen Reiter im silberverzierten blauen Mantel, wenn auch gelegentlich jemand in seiner Nähe das Satteltuch etwas genauer anblickte. Das Drachenszepter war hier noch weitgehend unbekannt. Niemand machte ihm Platz. Rand fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Ungeduld und der Freude darüber, einmal nicht im Blickpunkt aller zu stehen.

Für die Schule hatte er ein kleines Schloß etwa eine Meile vom Sonnenpalast entfernt ausgewählt. Es war einst im Besitz von Lord Barthanes gewesen, der jetzt tot und unbeweint lag. Sie näherten sich der mächtigen Anhäufung von Steinblöcken mit kantigen Türmen und schmucklosen Baikonen. Das hohe Tor zum zentralen Innenhof stand offen, und als Rand einritt, wurde er herzlich willkommen geheißen.

Idrien Tarsin, die diese Schule leitete, stand auf den breiten Stufen am Eingang des Innenhofs, eine stämmige Frau im einfachen, grauen Kleid, und mit so steifem Kreuz, daß man sie für einen Kopf größer halten konnte, als sie tatsächlich war. Sie war nicht allein. Dutzende von Leuten bevölkerten die Steinstufen, Männer und Frauen, die häufiger Wolle trugen als Seide, und ihre schmucklose Kleidung wirkte in vielen Fällen abgetragen. Zumeist handelte es sich um ältere Leute. Idrien war nicht die einzige, die bereits ergrautes Haar hatte. Einige Männer hatten bereits gar keine Haare mehr. Nur hier und da blickte Rand auch ein jüngeres Gesicht begeistert entgegen. Jünger bedeutete in diesem Fall, daß sie nur etwa zehn oder fünfzehn Jahre älter waren als er.

Auf gewisse Weise waren sie die Lehrer, obwohl diese Einrichtung nicht im eigentlichen Sinne als Schule bezeichnet werden durfte. Natürlich kamen Schüler zum Lernen hierher — junge Männer und Frauen hingen gaffend an jedem Fenster um den Hof herum —, aber Rand hatte an diesem Ort möglichst viel Wissen ansammeln wollen. Immer wieder hatte er gehört, wieviel während des Hundertjährigen Kriegs und der Trolloc-Kriege verlorengegangen war. Um wie vieles mehr mußte bei der Zerstörung der Welt zugrunde gehen? Sollte er wirklich die Welt erneut zerstören, hatte er vor, Zufluchtsstätten zu schaffen, an denen Wissen bewahrt wurde. Eine weitere Schule war vor wenigen Tagen in Tear eröffnet worden, und er hielt jetzt in Caemlyn Ausschau nach einem geeigneten Ort.

Nichts läuft jemals so, wie du erwartest, murmelte Lews Therin. Erwarte nichts, dann wirst du auch nicht überrascht. Erwarte nichts. Hoffe auf nichts. Nichts.

Rand unterdrückte die Stimme und stieg ab.

Idrien kam heran und knickste. Wie immer wirkte es überraschend, wenn sie sich erhob und er wieder merkte, daß sie ihm kaum bis an die Brust reichte. »Willkommen in der Schule Cairhiens, mein Lord Drache.« Ihre Stimme klang verblüffend süß und jugendlich und stand in krassem Gegensatz zu ihrem groben Gesicht. Er hatte bereits gehört, daß diese Stimme auch härter klingen konnte, wenn sie mit Schülern und Lehrern sprach. Idrien hielt die Zügel ihrer Schule fest in der Hand.

»Wie viele Spione habt Ihr im Sonnenpalast?« fragte er mit sanfter Stimme. Sie blickte überrascht drein, vielleicht, weil er eine solche Andeutung machte, wahrscheinlicher aber, weil eine solche Frage in Cairhien als ein Anflug schlechter Manieren galt.

»Wir haben eine kleine Ausstellung vorbereitet.« Na also, er hatte auch nicht wirklich eine Antwort erwartet. Sie musterte die beiden Aiel wie eine Frau, die zwei große, schmutzverspritzte Hunde ansieht, von denen sie nicht weiß, ob sie vielleicht beißen, begnügte sich aber mit einem Schnauben. »Wenn mein Lord Drache mir folgen würde?«