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Keine Miene zu verziehen fiel Egwene schwer. Daß die Weise Frau mit Berelain sprechen würde, war so ziemlich das letzte, was sie erwartet hatte. Sie behandelten sie wie eine vernünftige Frau, die Respekt verdient hatte, und das wiederum sah Egwene überhaupt nicht ein, und nicht, weil Rand ihr solche Autorität übertragen hatte. Den Weisen Frauen war schließlich die Autorität eines Feuchtländers völlig egal. Es erschien ihr lächerlich. Diese Frau aus Mayene kleidete sich in skandalöser Weise und flirtete hemmungslos — wenn sie nicht sogar mehr tat als nur zu flirten, wie Egwene insgeheim glaubte. Also absolut nicht die Sorte Frau, die Amys wie eine Lieblingstochter anlächeln sollte. Oder Sorilea.

Ungebeten kam ihr Gawyn in den Sinn. Es war doch nur ein Traum gewesen, und dazu noch sein Traum, nicht ihrer! Es hatte doch nichts mit dem gemein, was Berelain tat.

»Wenn die Wangen einer jungen Frau ohne ersichtlichen Grund erröten«, bemerkte Sorilea beißend, »ist gewöhnlich ein Mann die Ursache. Welcher Mann hat Euer Interesse erweckt? Können wir in nächster Zukunft erwarten, daß Ihr ihm einen Brautkranz zu Füßen legt?«

»Aes Sedai heiraten nur selten«, erwiderte Egwene kühl.

Das Schnauben der Frau mit dem ledrigen Gesicht klang, als zerreiße man Stoff. Die Töchter und die Weisen Frauen und alle Aiel mochten sie so behandeln, als sei sie keine Aes Sedai mehr, solange sie bei Amys und den anderen in die Lehre ging, doch Sorilea trieb es noch viel weiter. Sie schien zu glauben, Egwene sei eine Aielfrau geworden. Sorilea war der Meinung, sie habe kein Recht, auch nur einen Finger selbständig auszustrecken. »Das werdet Ihr schon noch tun, Mädchen. Ihr gehört nicht zu jenen, die Far Dareis Mai werden und Männer für jagdbares Wild halten. Diese Hüften sind für Kinder geschaffen worden, und Ihr werdet welche haben.«

»Sagt Ihr mir, wo ich auf Rand warten kann?« fragte Egwene mit schwächerer Stimme, als ihr selbst lieb war. Sorilea war keine Traumgängerin und somit nicht in der Lage, Träume zu deuten, und sie hatte zweifellos keine Begabung, die Zukunft vorherzusagen, aber sie sprach so energisch, daß ihre Aussagen unvermeidlich erschienen. Licht, wie könnte sie denn Gawyns Kind unter dem Herzen tragen? Es stimmte wirklich, daß die Aes Sedai fast nie heirateten. Der Mann war nur selten zu finden, der bereit war, eine Frau zu heiraten, die ihn mit Hilfe der Macht wie ein Kleinkind herumbeuteln konnte.

»Hier entlang«, sagte Sorilea. »Ist es Sanduin, dieser stramme Blutabkömmling, den ich gestern bei Amys Zelt gesehen habe? Diese Narbe läßt sein übriges Gesicht noch männlicher...«

Sorilea erwähnte immer neue Namen, während sie Egwene durch den Palast führte, wobei sie immer listig aus den Augenwinkeln herüberschielte, ob sie irgendeine unbedachte Regung zeige. Sie tat auch ihr Bestes, die Vorzüge jedes Mannes zu schildern, und da ein Teil ihrer Schilderungen daraus bestand, zu beschreiben, wie derjenige ohne Kleider aussehe — die Aielmänner und die Frauen benützten gemeinsam die gleichen Dampfzelte — errötete sie einige Male.

Als sie schließlich die Gemächer erreichten, in denen Rand die Nacht verbringen würde, war Egwene mehr als froh, daß sie sich endlich bedanken und die Tür des Wohnzimmers vor Sorileas Nase schließen konnte. Glücklicherweise schien die Weise Frau eigene Erledigungen machen zu wollen, sonst hätte sie sich möglicherweise hineingedrängt.

Egwene holte tief Luft und fing an, Rock und Tuch zurechtzuzupfen und glattzustreichen. Es war nicht notwendig, aber sie hatte das Gefühl, als sei sie Hals über Kopf bergab gepurzelt. Diese Frau spielte nur zu gern die Kupplerin. Sie war in der Lage, für eine Frau den Brautkranz zu winden, sie zu dem Mann zu schleifen, den Sorilea ausgewählt hatte, ihm den Brautkranz zu Füßen zu legen und ihm sodann solange den Arm umzudrehen, bis er den Kranz schließlich aufhob. Nun, vielleicht würde sie nicht wirklich körperliche Gewalt anwenden, aber es kam auf dasselbe hinaus. Sicher würde Sorilea es bei ihr nicht soweit treiben. Bei dem Gedanken mußte sie kichern. Schließlich glaubte Sorilea auch nicht wirklich daran, sie sei eine Aielfrau geworden, denn sie wußte, daß Egwene eine Aes Sedai war, oder zumindest glaubte sie es. Nein, sie hatte bestimmt keinen Grund, sich über so etwas Gedanken zu machen!

Sie strich über das längsgefaltete graue Tuch, mit dem sie ihr Haar zusammenhielt, als sie das Geräusch von leisen Schritten aus dem Schlafzimmer vernahm und vor Schreck erstarrte. Wenn Rand von Caemlyn nach Cairhien springen konnte, war er dann direkt in sein Schlafzimmer gesprungen? Oder — vielleicht wartete jemand — oder etwas — dort drinnen auf ihn? Sie griff nach Saidar und webte schnell ein paar äußerst hinterhältige Stränge, um sie notfalls anzuwenden. Doch dann trat lediglich eine Gai'schain heraus mit einem dicken Bündel Bettwäsche auf den Armen. Sie erschrak heftig beim Anblick Egwenes. Also ließ Egwene Saidar wieder los und hoffte, sie sei nicht schon wieder rot angelaufen.

Niella sah in ihrer weißen Robe mit der tiefen Kapuze auf den ersten Blick Aviendha verblüffend ähnlich. Bis einem klar wurde, daß man sich dieses etwas rundere und ein bißchen weniger braungebrannte Gesicht um sechs oder sieben Jahre älter vorstellen mußte, Aviendhas Schwester hatte nie zu den Töchtern des Speers gehört. Sie war Weberin und hatte bereits mehr als die Hälfte ihres Jahres als Gai'schain hinter sich.

Egwene grüßte sie nicht, denn das würde Niella nur in Verlegenheit bringen. »Erwartet Ihr Rand bald zurück?« fragte sie.

»Der Car'a'carn wird erscheinen, wenn er da ist«, erwiderte Niella mit demütig zu Boden gerichtetem Blick. Das kam Egwene wirklich komisch vor, denn zu Aviendhas Gesicht auch wenn es noch etwas kindlicher wirkte, paßte Demut absolut nicht. »Es ist an uns, bereit zu sein, wenn er erscheint.«

»Niella, habt Ihr eine Ahnung, warum sich Aviendha mit Amys und Bair und Melaine zurückziehen müßte?« Es hatte sicher nichts mit dem Träumen zu tun, denn da entwickelte selbst Sorilea genausoviel Talent wie Aviendha.

»Sie ist hier? Nein, ich wüßte keinen Grund.« Doch Niellas blaugrüne Augen zogen sich beim Sprechen ein wenig zusammen.

»Ihr wißt etwas«, beharrte Egwene. Sie konnte schließlich die Gehorsamsverpflichtung der Gai'schain ein wenig ausnützen. »Sagt mir, was es ist, Niella.«

»Ich weiß, daß Aviendha mich verprügeln wird, bis ich nicht mehr sitzen kann, wenn mich der Car'a'carn hier mit schmutziger Bettwäsche auf dem Arm vorfindet«, sagte Niella ängstlich. Egwene hatte keine Ahnung, ob es etwas mit Ji'e'toh zu tun habe oder nicht, doch wenn sie zusammen waren, behandelte Aviendha ihre Schwester doppelt so streng wie alle anderen Gai'schain.

Niellas Gewand raschelte über den gemusterten Teppich, als sie hastig auf die Tür zuschritt, aber Egwene bekam ihren Ärmel zu fassen. »Wenn Eure Zeit vorüber ist, werdet Ihr dann das Weiß ablegen?«

Das war eine ungehörige Frage, und die Demut verschwand augenblicklich und machte einem Stolz Platz, der jeder Tochter des Speers Ehre gemacht hätte. »Alles andere würde Ji'e'toh in Frage stellen«, sagte Niella würdevoll Mit einem Mal huschte ein Lächeln über ihre Züge. »Außerdem würde dann mein Mann nach mir suchen, und es würde ihm nicht gefallen.« Ihre Miene wandelte sich wieder zu der einer typischen Gai'schain, und sie schlug die Augen nieder. »Darf ich jetzt gehen? Aviendha ist hier, und ich möchte sie nicht treffen, wenn ich es vermeiden kann. Aber sie wird bestimmt in diese Gemächer kommen.«

Egwene ließ sie gehen. Sie hatte ohnehin kein Recht gehabt, eine solche Frage zu stellen. Wenn man über das Leben eines Gai'schain vor oder nach dem Weiß sprach, brachte das diesen in große Verlegenheit. Sie schämte sich deshalb auch ein wenig, obwohl sie selbst keineswegs den Regeln des Ji'e'toh folgte. Oder nur gerade soviel, um höflich zu sein.