Im Wohnzimmer setzte sie sich auf einen in strengen Linien geschnitzten Sessel, den sie ganz ungewohnt unbequem fand, nachdem sie so lange nur mit übergeschlagenen Beinen auf Sitzkissen am Boden gesessen hatte. So zog sie die Beine unter sich und fragte sich erneut, was Aviendha wohl mit Amys und den anderen beiden besprechen mochte. Mit ziemlicher Sicherheit würde es um Rand gehen. Um ihn drehte es sich immer bei den Weisen Frauen. Ihnen waren die von Feuchtländern stammenden Prophezeiungen des Drachen gleichgültig, aber sie kannten die Prophezeiung von Rhuidean von vorn bis hinten auswendig.
Wenn er die Aiel vernichtete, und diese Weissagung sagte genau dies voraus, würde ›der Rest eines Restes‹ gerettet, und sie hatten vor, diesen Rest so groß wie möglich werden zu lassen.
Deshalb befahlen sie auch Aviendha, sich so nahe wie möglich bei ihm aufzuhalten. Zu nahe, um schicklich zu sein. Sie war sicher, wenn sie ins Schlafzimmer ginge, würde sie dort am Boden eine Bettstatt für Aviendha vorfinden. Aber die Aiel sahen so etwas ganz anders. Die Weisen Frauen wollten, daß Aviendha ihn die Sitten und Gebräuche der Aiel lehrte, um ihn jederzeit zu mahnen, daß er von Aielblut sei, wenn er auch nicht bei den Aiel aufgewachsen war Offensichtlich waren die Weisen Frauen der Ansicht, dafür benötige sie jede Stunde des Tages, in der er wach war, und wenn sie bedachte, was ihnen bevorstand, konnte sie ihnen kaum einen Vorwurf machen. Zumindest keinen sehr großen. Trotzdem war es nicht anständig und geziemte sich nicht, wenn man eine Frau zwang, im gleichen Zimmer mit einem Mann zu schlafen.
Andererseits konnte sie Aviendha nicht bei der Lösung ihres Problems behilflich sein, vor allem deshalb, weil Aviendha darin gar kein Problem zu sehen schien. Egwene stützte sich auf einen Ellbogen und begann, sich Wege auszudenken, wie sie Rand am besten auf ihren Wunsch hin ansprechen solle. Ihre Gedanken drehten sich immer im Kreis, aber sie war noch zu keiner Entscheidung gekommen, als er plötzlich eintrat, wobei er zwei Aiel draußen auf dem Flur etwas zuraunte, bevor er die Tür schloß.
Egwene sprang auf. »Rand, du mußt mir bei den Weisen Frauen helfen. Auf dich werden sie hören!« platzte sie heraus, bevor sie sich beherrschen konnte. Das war keineswegs das, was sie ihm hatte sagen wollen.
»Ja, es ist schön, dich wiederzusehen!« entgegnete er lächelnd. Er trug wieder diesen Seanchanspeer, in dessen Schafft jemand seit ihrem letzten Zusammentreffen Drachen geschnitzt hatte. Sie hätte zu gern gewußt, woher er dieses Ding hatte. Alles, was mit den Seanchan zu tun hatte, jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. »Danke, es geht mir gut, Egwene. Und dir? Du siehst wieder aus wie früher, und voll Temperament wie eh und je.« Er wirkte so müde. Und hart, so hart, daß selbst dieses Lächeln wie aufgesetzt erschien. Jedesmal, wenn sie ihn wiedersah, wirkte er härter.
»Ich halte das keineswegs für amüsant«, schmollte sie. Am besten, sie machte jetzt so weiter, wie sie begonnen hatte. Das war jedenfalls besser, als einen Rückzieher zu machen und alles zu überspielen, damit er noch mehr Anlaß zum Grinsen fand. »Hilfst du mir?«
»Wie?« Er machte es sich bequem — nun, es waren schließlich seine Gemächer —, warf den Speer mitsamt den daran hängenden Troddeln auf einen kleinen Tisch, dessen Beine in Form von Leoparden geschnitzt waren, und legte den Schwertgürtel und den Rock ab. Irgendwie schien er genausowenig zu schwitzen wie die Aiel. »Die Weisen Frauen hören wohl auf mich, aber sie hören eben nur, was sie wollen. Ich erkenne allmählich diesen sturen Blick, wenn sie der Meinung sind, daß ich Unsinn rede; und weil sie mich nicht in Verlegenheit bringen wollen, indem sie mir das ins Gesicht sagen, ignorieren sie es einfach.« Er zog einen der vergoldeten Sessel heran, damit er sie ansehen konnte, ließ sich darauffallen und streckte die gestiefelten Beine aus. Aber sogar das wirkte bei ihm nun auf gewisse Art arrogant. Ganz entschieden zu viele Leute beugten ihr Knie vor ihm.
»Du redest wirklich manchmal Unsinn«, knurrte sie. Aus irgendeinem Grund half ihr die Tatsache, daß sie keine Zeit zum Nachdenken hatte, sich besser zu konzentrieren. So rückte sie ihr Tuch sorgfältig zurecht und setzte sich aufrecht vor ihn hin. »Ich weiß, daß du gern wieder etwas von Elayne hören würdest.« Warum wurde mit einem Mal seine Miene so traurig und gleichzeitig auch so winterkalt? Wahrscheinlich, weil er so lange nichts mehr von Elayne gehört hatte. »Ich bezweifle, daß Sheriam den Weisen Frauen dir viele Botschaften von ihr übergeben hat.« Soweit sie wußte, überhaupt keine, obwohl er sich so selten in Cairhien aufgehalten hatte, daß er kaum eine erhalten hätte. »Ich bin diejenige, der Elayne solche Botschaften anvertrauen würde. Ich kann sie dir überbringen, wenn du Amys davon überzeugst, daß ich jetzt stark genug bin, um ... um meine Studien wiederaufzunehmen.«
Sie verwünschte sich selbst, weil sie ins Zaudern gekommen war, aber er wußte schon zuviel über das Traum wandeln, wenn nicht gar über Tel'aran'rhiod. Beinahe alles, was das Traumwandeln anging, bis auf diese Bezeichnung, war eines der bestgehütetsten Geheimnisse der Weisen Frauen, und gerade diejenigen, die dazu in der Lage waren, sprachen am wenigsten darüber. Sie hatte kein Recht dazu, ihre Geheimnisse zu verraten. »Sagst du mir, wo sich Elayne aufhält?« Es klang, als habe er sie um eine Tasse Tee gebeten.
Sie zögerte, doch die Abmachung, die sie mit Nynaeve und Elayne getroffen hatte — Licht, wie lange war das nun schon her? — diese Abmachung hatte nach wie vor Gültigkeit. Er war außerdem nicht mehr der Junge, mit dem sie aufgewachsen war. Er war ein Mann, voller Selbstvertrauen, und wie auch immer seine Stimme geklungen hatte, dieser stetig auf sie gerichtete Blick verlangte nach einer Antwort. Wenn schon bei einem Zusammentreffen der Aes Sedai und der Weisen Frauen die Funken sprühten, würde es zwischen ihm und den Aes Sedai lichterloh brennen. Es mußte ein Puffer zwischen ihn und sie geschoben werden, und die einzigen denkbaren Puffer waren sie alle drei. Es mußte sein, doch sie hoffte, sie würden an diesem Feuer nicht verbrennen. »Ich kann dir das nicht sagen, Rand. Ich habe kein Recht dazu. Es ist nicht an mir, dir das mitzuteilen.« Und das war die Wahrheit. Außerdem hätte sie ihm nicht einmal sagen können, wo Salidar eigentlich lag, nur daß es sich hinter Altara irgendwo am Eldar befinden mußte.
Er beugte sich eindringlich vor. »Ich weiß, daß sie sich bei Aes Sedai aufhält. Du hast mir selbst gesagt, daß mich diese Aes Sedai möglicherweise unterstützen werden. Fürchten sie sich vor mir? Sollte das der Fall sein, werde ich einen Eid ablegen, sie in Ruhe zu lassen. Egwene, ich will Elayne den Löwenthron und den Sonnenthron übergeben. Sie hat einen Anspruch auf beide; Cairhien wird sie genauso schnell anerkennen wie Andor. Ich brauche sie, Egwene.«
Egwene öffnete den Mund — und dann wurde ihr klar, daß sie Rand alles erzählen wollte, was sie über Salidar wußte. Gerade noch rechtzeitig klappte sie den Mund wieder zu und biß die Zähne so hart aufeinander, daß ihr die Kiefer schmerzten. Dann öffnete sie sich Saidar. Das süße Gefühl, endlich zu leben, so stark, daß es alles andere überwältigte, schien ihr zu helfen.
Langsam verflog der Drang zu sprechen.
Er ließ sich mit einem Seufzen zurücksinken, und sie musterte ihn mit weit geöffneten Augen. Natürlich hatte sie gewußt, daß er der stärkste Ta'veren war seit Artur Falkenflügel, aber selbst in solchem Maße davon beeinflußt zu werden, war etwas anderes. Sie konnte nur mit Mühe vermeiden, die Arme um ihren Oberkörper zu klammern und zu schaudern.
»Du sagst es mir nicht«, stellte er fest. Es war nicht als Frage gemeint. Er rieb sich die Unterarme mit knappen Bewegungen durch die Ärmel hindurch und erinnerte sie damit daran, daß sie Saidar in sich aufgenommen hatte. Auf diese geringe Entfernung würde er das als schwaches Prickeln auf der Haut wahrnehmen. »Hast du geglaubt, ich wolle dich zum Sprechen zwingen?« fauchte er zornig. »Bin ich ein solches Ungeheuer geworden, daß du die Macht gebrauchen willst, um dich vor mir zu schützen?«