»Ich brauche gar nichts, um mich vor dir zu schützen«, erwiderte sie, so ruhig sie konnte. Immer noch hatte sie Magenschmerzen. Er war Rand, und er war ein Mann, der die Macht benützen konnte. Etwas in ihr hätte sich am liebsten angsterfüllt geduckt und geheult. Sie schämte sich des Gefühls, aber das ließ es auch nicht verfliegen. So ließ sie Saidar fahren und bereute es, als sie dabei ins Zögern geriet. Aber es spielte keine Rolle. Sollte es zu dieser Art von Auseinandersetzung kommen und wäre sie nicht in der Lage, ihn vorher noch schnell abzuschirmen, hätte er genauso leichtes Spiel mit ihr wie beim Armdrücken. »Rand, es tut mir so leid, daß ich dir nicht helfen kann, aber es geht nicht. Und trotzdem bitte ich dich um deine Hilfe. Du weißt, daß du damit auch dir selbst helfen könntest.«
Sein Zorn verging unter einem Grinsen, das sie langsam verrückt machte. Es war beängstigend, wie schnell ein solcher Wandel in ihr vorging. »›Eine Katze für einen Hut, oder einen Hut für eine Katze‹«, zitierte er.
Aber für nichts gibt's nichts, beendete sie das Sprichwort in Gedanken. Sie hatte das von Leuten aus Taren Fähre gehört, als sie noch ein Mädchen war. »Du kannst dir die Katze in den Hut stecken und in deine Hose stopfen, Rand al'Thor«, sagte sie in kaltem Ton zu ihm. Auf dem Weg nach draußen beherrschte sie sich soweit, daß sie die Tür nicht zuknallte, aber nur gerade so eben.
Im Weggehen fragte sie sich, was sie nun machen sollte. Irgendwie mußte sie die Weisen Frauen dazu bringen, sie wieder nach Tel'aran'rhiod zu lassen —sozusagen auf legale Weise. Früher oder später würde er ohnehin auf die Aes Sedai aus Salidar treffen, und es würde sehr hilfreich sein, könnte sie vorher noch mit Elayne oder Nynaeve sprechen. Sie war schon ein bißchen überrascht, daß Salidar nicht bereits Verbindung mit ihm aufgenommen hatte. Was hielt Sheriam und die anderen noch zurück? Nun, sie konnte diesbezüglich nichts unternehmen, und sie wußten es wahrscheinlich sowieso besser als sie.
Etwas hätte sie aber Elayne gern sofort mitgeteilt Rand brauchte sie. Es klang, als meine er das ernster als alles, was er je in seinem Leben gesagt hatte. Das sollte ihr alle Sorgen nehmen, ob er sie noch immer liebte oder nicht. Kein Mann sagte einer Frau auf diese Art, er brauche sie, wenn er sie nicht liebte.
* * * Ein paar Augenblicke lang saß Rand da und blickte die Tür an, die sich hinter Egwene geschlossen hatte. Sie hatte sich so verändert, seit sie als Kinder zusammen aufgewachsen waren. In dieser Aielkleidung hätte man sie für eine Weise Frau halten können —jedenfalls abgesehen von der Größe; eben eine kleine Weise Frau mit dunklen Augen — aber andererseits hatte Egwene immer alles aus ganzem Herzen getan. Sie war so kühl geblieben wie eine echte Aes Sedai und hatte nach Saidar gegriffen, als sie sich von ihm bedroht gefühlt hatte. Daran würde er sich erinnern müssen. Welche Art von Kleidung sie auch trug, sie wollte doch eine Aes Sedai werden, und sie wahrte deren Geheimnisse, sogar dann, als er ihr klargemacht hatte, daß er Elayne benötigte, um zwei Ländern den Frieden zu bringen. Er mußte sie von jetzt ab als Aes Sedai betrachten. Das machte ihn traurig.
Müde stand er wieder auf und zog noch einmal den Rock an. Er mußte noch die Adligen aus Cairhien treffen, Colavaere und Maringil, Dobraine und die anderen. Und die Tairener — Meilan und Aracome und diese Bande — würden ins Schwimmen kommen, wenn er denen aus Cairhien auch nur einen Augenblick mehr Zeit schenkte als ihnen. Und die Weisen Frauen wollten auch noch an die Reihe kommen, und Timolan sowie die anderen Clanhäuptlinge hier, die er heute noch nicht angetroffen hatte. Warum hatte er nur den Wunsch verspürt, Caemlyn zu verlassen? Ja, das Gespräch mit Herid hatte Spaß gemacht. Weniger die Fragen, die er dem Mann gestellt hatte, aber es tat bereits gut, mit jemandem zu reden, der sich nicht daran erinnerte, daß er der Wiedergeborene Drache war. Und er hatte ein bißchen Zeit gefunden, in der er keinen Rattenschwanz von Aiel hinter sich herziehen mußte. Das würde er öfters tun.
Er erblickte sein Abbild in einem Spiegel mit vergoldetem Rahmen. »Wenigstens hast du dir nicht anmerken lassen, wie müde du bist«, sagte er zu seinem Spiegelbild. Das war einer der eindeutigsten Ratschläge Moiraines gewesen. Laßt Euch niemals eine Schwäche anmerken. Er mußte sich eben nur daran gewöhnen, Egwene als eine der anderen zu betrachten.
Sulin kauerte im Garten unterhalb der Gemächer Rand al'Thors und warf ein kleines Messer auf irgendein Ziel am Boden. Damit schien sie sich die Langeweile zu vertreiben. Der Ruf einer Felseule brachte sie aber dazu, blitzschnell und mit einem Fluch auf den Lippen aufzuspringen, wobei sie das Messer in den Gürtel steckte. Rand al'Thor hatte seine Gemächer wieder verlassen. Ihn auf diese Art zu bewachen war wohl sinnlos. Hätte sie Enaila oder Somara mitgebracht, würde sie sie auf ihn ansetzen. Doch normalerweise versuchte sie, ihm diese Art von Unsinn vom Leibe zu halten und ihn wie ihren Erstbruder zu behandeln.
Sie trabte zum nächstgelegenen Eingang hinüber und schloß sich dort drei anderen Töchtern an — keine von denen, die sie mitgebracht hatte —, und dann fingen sie an, dieses Gewirr von Gängen nach ihm zu durchsuchen, aber so, daß es wirkte, als schlenderten sie nur gemächlich durch den Palast. Was der Car'a'carn auch wünschte: Dem einzigen Sohn einer Tochter des Speers, der je zu ihnen zurückgekehrt war, durfte auf keinen Fall etwas zustoßen.
19
Toh regiert
Rand glaubte, er werde diese Nacht gut schlafen können. Er war beinahe schon müde genug, um Alannas Berührung zu vergessen. Aviendha befand sich draußen bei den Weisen Frauen in ihren Zelten, statt sich wieder vor ihm auszuziehen, ohne auf seine Gefühle Rücksicht zu nehmen, und sie würde mit ihrem Atmen heute nacht seinen Schlaf nicht stören. Etwas anderes allerdings brachte ihn dazu, sich unruhig hin- und herzuwälzen: Träume. Er legte immer ein Wachgewebe zum Schutz um seine Träume, um die Verlorenen von ihnen fernzuhalten — und auch die Weisen Frauen —, doch auch das konnte nicht fernhalten, was sich bereits darin befand. Im Traum sah er riesenhafte weiße Dinge wie gigantische Vogelschwingen ohne den Vogel, die über den Himmel segelten; große Städte mit unglaublich hohen Gebäuden, die im Sonnenschein leuchteten, und auf den Straßen huschten Gegenstände wie Käfer und plattgedrückte Wassertropfen einher. Er hatte all das bereits zuvor erblickt, und zwar innerhalb des riesigen Ter'Angreal in Rhuidean, in dem er die Drachen auf seinen Unterarmen erhalten hatte, und er wußte, daß es sich um Bilder aus dem Zeitalter der Legenden handelte, doch diesmal war alles anders. Alles erschien ihm verdreht, die Farben ... stimmten irgendwie nicht, als sei etwas mit seinen Augen nicht in Ordnung. Die Schoflügelflitzer kamen ins Taumeln und stürzten ab, wobei jeder Hunderte von Menschen dem Tod entgegentrug. Gebäude zersplitterten wie Glas, Städte brannten, das Land bäumte sich auf wie ein sturmgepeitschter Ozean. Und immer wieder fand er sich einer schönen Frau mit goldenen Haaren gegenüber und sah zu, wie sich die Liebe auf ihrer Miene in blanke Angst wandelte. Ein Teil von ihm kannte sie. Ein Teil von ihm wollte sie retten, vor dem Dunklen König, vor allem, was sie in Gefahr brachte, vor dem, was er selbst gleich tun würde. So viele Teile in ihm, ein Verstand, der in glitzernde Scherben zerfiel, und alle Scherben schrien.
Er erwachte schwitzend und zitternd im Dunklen. Lews Therins Träume. Das war bisher noch nie geschehen, daß ihn die Träume des Mannes heimgesucht hatten. Er lag die wenigen Stunden über, die noch bis zum Sonnenaufgang blieben, wach im Bett, starrte ins Leere und fürchtete sich davor, die Augen zu schließen. Er hielt an Saidin fest, als könne er es benützen, um gegen einen toten Mann anzukämpfen, aber Lews Therin blieb stumm.