»Euer Befehl wird ausgeführt werden, mein Lord Drache«, sagte Berelain. »Heute morgen, damit Ihr zuschauen könnt.«
»Mein Befehl?«
»Mangin«, sagte sie. »Man hat es ihm heute morgen mitgeteilt.« Den meisten der Weisen Frauen war keine Regung anzumerken, nur Bair und Sorilea zeigten ganz offene Mißbilligung. Überraschenderweise galt diese aber Berelain!
»Ich habe nicht vor, jedesmal zuzuschauen, wenn ein Mörder gehängt wird«, sagte Rand kalt. In Wirklichkeit hatte er es vergessen, oder aber aus seinem Gedächtnis verdrängt. Einen Mann zu hängen, den man mochte, war nichts, woran man sich gern erinnerte. Rhuarc und die anderen Häuptlinge hatten es nicht einmal erwähnt, als er mit ihnen verhandelt hatte. Dazu kam noch, daß er diese Hinrichtung nicht als etwas Besonderes hinstellen durfte. Die Aiel mußten sich genauso an die Gesetze halten wie jeder andere. Das sollten die Menschen aus Tear und Cairhien bewußt sehen, damit ihnen klar wurde, daß er die Aiel keineswegs bevorzugte. Dann würde er sie nämlich genausowenig bevorzugen. Du benützt alles und jeden, dachte er, und der Gedanke machte ihn krank. Trotzdem hoffte er, es sei sein eigener Gedanke gewesen. Außerdem wollte er bei keiner Hinrichtung zugegen sein, am allerwenigsten bei der Mangins.
Meilan blickte nachdenklich drein, und auf Aracomes Stirn stand Schweiß, obwohl das auch an der Hitze liegen konnte. Colavaere, deren Gesicht blaß geworden war, schien ihn zum ersten Mal richtig zu sehen. Berelains reumütiger Blick huschte von Bair zu Sorilea, die ihr zunickte. Hatten sie ihr vielleicht vorhergesagt, daß er so antworten werde? Es erschien ihm unmöglich. Die Reaktionen der anderen schwankten zwischen Überraschung und Zufriedenheit, doch er behielt besonders Selande im Auge. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und offensichtlich die Töchter vergessen. Wenn sie vorher Rand furchtsam angesehen hatte, dann zeigte ihr Blick nun blanke, nackte Angst. Nun, da ließ sich nichts machen.
»Ich werde sofort nach Caemlyn aufbrechen«, sagte Rand zu ihnen. Ein leises Geräusch machte sich unter den Anwesenden breit, aus Cairhien oder Tear, und es klang ein wenig wie erleichtertes Seufzen.
Es überraschte ihn nicht, daß sie ihn alle zu dem Zimmer begleiteten, das er für sein Reisen bestimmt hatte. Die Töchter und die Roten Schilde hielten alle Feuchtländer bis auf Berelain zurück. Es paßte ihnen sowieso nicht, diese Leute aus Cairhien in seine Nähe zu lassen, und er war auch ganz froh darüber, daß sie heute den Tairenern den weiteren Weg versperrten. Es gab genügend böse Blicke, aber niemand sagte etwas, jedenfalls nicht zu ihm. Nicht einmal Berelain, die gleich hinter ihm mit den Weisen Frauen und Aviendha einherschritt, sich leise mit ihnen unterhielt und gelegentlich gedämpft lachte. Es ließ ihm die Haare im Nacken zu Berge stehen, daß Berelain und Aviendha miteinander sprachen. Und sogar lachten?
An der mit geometrischen Ornamenten verzierten Tür zu seinem Reisezimmer blickte er betont über Berelain hinweg, als sie tief vor ihm knickste. »Ich werde mich bis zu Eurer Rückkehr furchtlos und ohne jemanden zu bevorzugen um Cairhien kümmern, mein Lord Drache.« Vielleicht war sie trotz der Sache mit Mangin heute morgen nur erschienen, um ihm das zu sagen und zwar so, daß die anderen Adligen es hörten. Es brachte ihr aus irgendeinem Grund ein nachsichtiges Lächeln von Sorilea ein. Er mußte unbedingt herausbekommen, was sich da abspielte; er wollte nicht, daß die Weisen Frauen sich bei Berelain einmischten. Die übrigen Weisen Frauen hatte Aviendha auf die Seite gezogen. Sie schienen abwechselnd mit ihr eindringlich zu sprechen, aber er konnte nicht verstehen, was gesagt wurde. »Wenn Ihr Perrin Aybara das nächste Mal seht«, fügte Berelain hinzu, »überbringt ihm bitte meine wärmsten Grüße. Und Mat Cauthon ebenfalls.« »Wir erwarten voller Ungeduld die Rückkehr des Lord Drache«, log Colavaere mit betont nichtssagender Miene.
Meilan funkelte sie böse an, weil sie es fertiggebracht hatte, zuerst zu sprechen, und dann hielt er eine blumige Ansprache, die aber nicht mehr aussagte als ihre Worte zuvor, was Maringil selbstverständlich noch übertrumpfen mußte, zumindest was die Übertreibungen betraf. Fionnda und Anaiyella übertrafen anschließend beide und rügten solch offenherzige Komplimente hinzu, daß er ängstlich zu Aviendha hinüberschielte. Doch diese wurde noch von den Weisen Frauen beschäftigt. Dobraine begnügte sich mit einem »Bis zur Rückkehr meines Lords Drache«, während Maraconn, Gueyam und Aracome mit wachsamen Blicken etwas Unverständliches murmelten.
Es war eine Erleichterung, all diese Leute zu verlassen und in das Reisezimmer zu gehen. Eine Überraschung erlebte er allerdings, als Melaine noch vor Aviendha mit hereinkam. Er zog fragend eine Augenbraue hoch.
»Ich muß mich mit Bael über Angelegenheiten der Weisen Frauen beraten«, sagte sie ganz geschäftsmäßig, und dann warf sie Aviendha einen scharfen Blick zu, die aber eine unschuldige Miene machte. Rand war klar, daß sie etwas verbarg. Aviendha hatte von Natur aus ein ausdrucksvolles Gesicht, aber unschuldig wirkte sie niemals, und ganz gewiß nicht so unschuldig.
»Wie Ihr wünscht«, sagte er. Er vermutete, die Weisen Frauen hätten nur auf eine Gelegenheit gewartet, sie nach Caemlyn zu schicken. Wer wäre besser geeignet, dafür zu sorgen, daß Rand Bael nicht unerwünscht beeinflußte, als Baels Frau? Wie Rhuarc hatte der Mann zwei Frauen, und Mat hatte festgestellt, daß so etwas entweder ein Traum oder ein Alptraum sei, und er könne nicht entscheiden, welches von beiden.
Aviendha sah ihm genau zu, als er ein Tor zurück nach Caemlyn öffnete, geradewegs in den Großen Saal. Das tat sie für gewöhnlich, obwohl sie seine Stränge nicht wahrnehmen konnte. Einmal hatte sie selbst ein solches Tor geöffnet aber in einem äußerst seltenen Moment des Entsetzens, und sie hatte sich nie mehr daran erinnern können, wie sie das angestellt hatte. Heute erinnerte sie der sich drehende Lichtschlitz, aus welchem Grund auch immer an das, was sich damals abgespielt hatte, und dann färbten sich ihre sonnengebräunten Wangen rot und sie blickte plötzlich betont an ihm vorbei. Da die Macht ihn erfüllte, roch er sie ganz deutlich: den Kräuterduft ihrer Seife und die Andeutung eines süßen Parfüms, das er an ihr noch nie wahrgenommen hatte. Ausnahmsweise wollte er Saidin schnell loswerden, und so war er auch der erste, der hindurchschritt in den menschenleeren Thronsaal. Alanna schien mit voller Wucht in seinen Schädel einzubrechen. Ihre Gegenwart war so greifbar, als stehe sie direkt vor ihm. Sie hatte geweint, dachte er. Weil er fort gewesen war? Nun, sollte sie deswegen weinen. Irgendwie mußte er sich von ihr befreien.
Natürlich hatten die Töchter und die Roten Schilde etwas dagegen, daß er zuerst hindurchging. Urien knurrte lediglich und schüttelte mißbilligend den Kopf. Eine bleiche Sulin richtete sich auf die Zehenspitzen auf, um Nase an Nase mit Rand zu sprechen: »Der große und mächtige Car'a'carn erteilte den Far Dareis Mai den Auftrag, seine Ehre zu tragen«, zischte sie, wenn auch in leisem Flüsterton. »Sollte der mächtige Car'a'carn in einem Hinterhalt ums Leben kommen, während ihn die Töchter beschützen, haben die Far Dareis Mai all ihre Ehre verloren. Wenn das dem alles erobernden Car'a'carn gleichgültig ist, hat Enaila vielleicht doch recht. Möglicherweise ist der allmächtige Car'a'carn doch nur ein halsstarriger Junge, den man an die Hand nehmen muß, damit er nicht über den Rand einer Klippe hinausrennt, weil er nicht gucken will.«
Rands Unterkiefer verkrampfte sich. Wenn sie allein waren, knirschte er mit den Zähnen und ließ es sich gefallen, wenn solche Vorträge auch meist weniger deutlich als dieser ausfielen. Er schuldete den Töchtern einiges, aber noch nicht einmal Enaila oder Somara hatten ihn jemals in der Öffentlichkeit derart heruntergeputzt. Melaine war schon beinahe am anderen Ende des Saals. Sie hatte den Rock hochgerafft und lief fast im Laufschritt; offensichtlich konnte sie es nicht erwarten, den Einfluß der Weisen Frauen auf Bael wiederherzustellen. Er konnte nicht sagen, ob Urien zugehört hatte, obwohl ihm der Mann ein wenig zu konzentriert schien, als er seine Aethan Dor zusammen mit den Töchtern auf die Suche nach möglichen Attentätern unter die mächtigen Säulen schickte. Das hätten sie ohnehin getan, auch ohne seine Anweisungen. Aviendha hingegen, die Arme unter den Brüsten verschränkt, verzog das Gesicht in einer solch eigenartigen Mischung von Mißbilligung und Zustimmung, daß er keinerlei Zweifel hegte, ob sie zugehört habe oder nicht.