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»Gestern ging das sehr gut«, sagte er energisch zu Sulin. »Von jetzt an werden, glaube ich, zwei Leibwächter mehr als genug sein.« Ihre Augen quollen beinahe heraus, und sie schien so nach Luft schnappen zu müssen, daß sie nichts erwidern konnte. Nun, da er ihr etwas entzogen hatte, wurde es Zeit, auch etwas zurückzugeben, bevor sie explodierte wie ein Feuerwerkskörper. »Natürlich ist es etwas anderes, wenn ich mich aus dem Palast begebe. Dann ist es in Ordnung, wenn Ihr mir dieselbe Leibgarde mitgebt wie bisher, aber hier oder im Sonnenpalast oder dem Stein von Tear genügen zwei.« Er wandte sich ab, während sie noch vergebens die Lippen bewegte. Aviendha ging neben ihm her, als er um das Podest herumschritt, auf dem die Throne standen, um die kleinen Türen dahinter zu erreichen. Er wollte dorthin, anstatt in seine eigenen Gemächer, weil er gehofft hatte, sie dabei loszuwerden. Sogar ohne die Hilfe Saidins konnte er sie riechen. Vielleicht war es auch nur die Erinnerung. Wie auch immer, im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher als eine kräftige Erkältung, denn ihm gefiel ihr Duft viel zu sehr.

Sie hatte ihr Tuch fest um sich geschlungen und blickte nachdenklich geradeaus, als sei sie besorgt, und dann merkte sie noch nicht einmal, daß er ihr die Tür zu einer der mit Löwenmustern getäfelten Garderoben aufhielt. Das löste bei ihr jedesmal einen kleineren Wutanfall aus, oder zumindest die schnippische Frage, welcher ihrer Arme gebrochen sei. Als er sie fragte, was los sei, zuckte sie zusammen. »Nichts. Sulin hatte recht. Aber...« Auf einmal grinste sie zögernd. »Hast du ihre Miene gesehen? Niemand hat es ihr so gegeben, seit ... seit überhaupt niemals, glaube ich. Noch nicht einmal Rhuarc.«

»Ich bin ein wenig überrascht darüber, daß du auf meiner Seite stehst.«

Sie sah ihn mit großen Augen an. Er hätte den ganzen Tag damit zubringen können, hineinzublicken, um sich zu entscheiden, ob sie nun blau oder grün seien. Nein. Er hatte kein Recht, sich mit ihren Augen zu beschäftigen. Was geschehen war, nachdem sie dieses Tor geöffnet hatte — um vor ihm wegzurennen —, spielte dabei keine Rolle. Und er hatte kein Recht, jetzt daran zu denken.

»Du machst es mir so schwer, Rand al'Thor«, sagte sie keineswegs hitzig. »Licht, manchmal glaube ich, der Schöpfer hat dich nur erschaffen, um mich zu quälen.«

Er hätte ihr gern gesagt, das sei ihre eigene Schuld, denn mehr als einmal hatte er ihr angeboten, sie zu den Weisen Frauen zurückzuschicken, wenn das auch nur dazu geführt hätte, daß sie ihm jemand anders zur Seite stellten, aber bevor er den Mund aufbekam, hatten Jalani und Liah sie eingeholt, gefolgt von zwei Roten Schilden. Der eine davon war ein leicht ergrauter Kerl mit dreimal so vielen Narben im Gesicht wie Liah. Rand schickte Jalani und den vernarbten Mann zurück in den Thronsaal, was beinahe einen Streit ausgelöst hätte. Nicht von dem Roten Schild aus, denn der sah nur seinen Kameraden an, zuckte die Achseln und ging, aber Jalani plusterte sich auf.

Rand deutete unmißverständlich auf die Tür zum Großen Saaclass="underline" »Der Car'a'carn erwartet, daß die Far Dareis Mai gehen, wohin er sie schickt.«

»Ihr seid vielleicht bei den Feuchtländern König, Rand al'Thor, aber nicht bei den Aiel.« Trotz ihrer Würde drang ein klein wenig Schmollen bei Jalani durch, was ihn daran erinnerte, wie jung sie noch war. »Die Töchter werden Euch niemals beim Tanz der Speere den Dienst versagen, aber dies ist nicht der Tanz.« Trotzdem ging sie schließlich, nachdem sie sich mit Liah durch flinke Handzeichen verständigt hatte.

Mit Liah und dem hageren Roten Schild, einem blonden Mann namens Cassin, der eine gute Handbreit größer war als er, schritt Rand schnell durch den Palast zu seinen Gemächern — mit Aviendha im Schlepptau. Doch wenn er geglaubt hatte, mit diesem bauschigen Rock werde sie zurückbleiben, dann irrte er sich. Liah und Cassin verblieben im Vorraum vor seinem Wohnzimmer, einem großen Raum mit einem Marmorfries unter der Decke, das nur Löwen zeigte, und mit Wandbehängen, die Jagdszenen und ferne verschleierte Berge darstellten, während Aviendha ihm folgte.

»Solltest du nicht bei Melaine bleiben?« wollte er wissen. »Angelegenheiten der Weisen Frauen?«

»Nein«, sagte sie knapp. »Es würde Melaine nicht gefallen, wenn ich mich jetzt einmischte.«

Licht, aber eigentlich sollte er ungehalten sein, daß sie jetzt nicht ging. Er warf das Drachenszepter auf einen Tisch mit vergoldeten, in Form von Ranken geschnitzten Beinen, löste den Schwertgürtel und legte ihn dazu. »Haben Amys und die anderen dir gesagt, wo sich Elayne aufhält?«

Eine Weile stand Aviendha mitten auf dem blau gefliesten Boden und sah ihn mit undurchschaubarer Miene an. »Sie wissen es nicht«, sagte sie schließlich. »Ich habe sie gefragt.« Er hatte das erwartet. Sie hatte seit Monaten nichts mehr davon erwähnt, aber bevor sie zum ersten Mal mit ihm nach Caemlyn gekommen war, war jedes zweite Wort, das aus ihrem Mund erklungen war, etwas darüber gewesen, daß er zu Elayne gehöre. Ihrer Ansicht nach war dies der Fall, und sie hatte ihm klargemacht, daß auch das, was jenseits des Tores zwischen ihnen geschehen war, nichts an dieser Tatsache änderte — und daß es nicht noch einmal passieren werde, das hatte sie ihm auch eindeutig klargemacht. Genau, was er wünschte; er war schon ein Schuft, weil er dabei Bedauern verspürte. Sie ignorierte all die schönen vergoldeten Sessel und setzte sich mit übergeschlagenen Beinen auf den Boden, wobei sie mit graziösen Bewegungen ihren Rock zurechtzupfte. »Sie haben sich über dich unterhalten.«

»Und warum überrascht mich das nicht?« fragte er trocken, doch zu seiner Überraschung röteten sich ihre Wangen daraufhin. Aviendha gehörte nicht zu den Frauentypen, die schnell rot wurden, und jetzt geschah das schon zum zweiten Mal an diesem Tag!

»Sie haben ihre Träume ausgetauscht, und einige davon betreffen dich.« Es klang leicht erstickt, bis sie sich schnell räusperte und ihn dann mit einem festen, entschlossenen Blick fixierte. »Melaine und Bair haben geträumt, du säßest in einem Boot«, sagte sie, wobei ihr das Wort ›Boot‹ immer noch schwer über die Lippen kam, trotz all dieser Monate in den Feuchtländern, »zusammen mit drei Frauen, deren Gesichter sie nicht erkennen konnten, und sie sahen eine Waagschale, die sich einmal hierhin und einmal dorthin neigte. Melaine und Amys träumten von einem Mann, der neben dir stand und dir ein Messer an die Kehle hielt, aber du hast ihn nicht gesehen. Bair und Amys haben geträumt, daß du die Feuchtländer mit einem Schwert in zwei Teile gespalten hast.« Einen Moment lang huschte ihr Blick verächtlich zu der in der Scheide steckenden Klinge auf dem Drachenszepter. Verächtlich, und ein wenig schuldbewußt. Sie selbst hatte ihm diese Klinge geschenkt, einst Eigentum von König Laman, und damals hatte sie das Schwert sorgfältig in eine Decke gewickelt, damit ihr niemand nachsagen konnte, sie habe es berührt, »Sie können diese Träume nicht deuten, waren aber der Meinung, du solltest davon wissen.«

Der erste Traum war für ihn genauso undurchschaubar wie für die Weisen Frauen, aber der zweite erschien ihm offensichtlich. Ein Mann mit einem Dolch, den er nicht sehen konnte, mußte ein Grauer Mann sein, einer von jenen, die ihre Seele dem Schatten verschrieben hatten, und nicht nur verschrieben, sondern wirklich hingegeben, denn sie entgingen einem Beobachter sogar dann, wenn er sie geradewegs anblickte, und ihre einzige Aufgabe war, Attentate durchzuführen. Wieso hatten die Weisen Frauen etwas so Eindeutiges nicht durchschaut? Und das letzte, nun, da befürchtete er, die Bedeutung ebenfalls bereits zu kennen. Er zerschnitt bereits ganze Länder. Tarabon und Arad Doman lagen in Schutt und Asche, die Aufstände in Tear und Cairhien konnten sich jederzeit zu etwas Schlimmerem entwickeln als nur hitzigen Wortgefechten, und Illian würde auf jeden Fall sein Schwert zu spüren bekommen. Und all das, ohne noch den Propheten und die Drachenverschworenen in Altara und Murandy einzurechnen.