»Bei zweien von denen sehe ich kein Geheimnis, Aviendha.« Aber als er es ihr erklärte, sah sie ihn zweifelnd an. Natürlich. Wenn die Traumgängerinnen unter den Weisen Frauen einen Traum schon nicht auslegen konnten, dann konnte es gewiß auch niemand anders. Er knurrte mürrisch und ließ sich auf einen Sessel ihr gegenüber fallen. »Was haben sie noch geträumt?«
»Es gibt noch einen, von dem ich dir berichten kann, obwohl er dich nicht weiter berührt.« Was bedeutete, daß es noch einige gab, die sie nicht erzählen würde. Das warf allerdings die Frage auf, wieso die Weisen Frauen sie mit ihr besprochen hatten, denn sie war schließlich keine Traumgängerin. »Alle drei hatten diesen Traum, und das macht ihn besonders wichtig. Regen...«, auch dieses Wort kam ihr schwer über die Lippen, »der aus einer Schale kommt Um die Schale herum gibt es Falltüren und andere Fallen. Sollten die richtigen Hände die Schale aufnehmen, werden sie einen Schatz vorfinden, der möglicherweise genauso wichtig ist wie die Schale selbst. In den falschen Händen bedeutet sie das Verhängnis für die ganze Welt. Der Schlüssel für das Auffinden der Schale ist ›derjenige, der nicht länger ist‹.«
»Nicht länger was ist?« Das klang tatsächlich wichtiger als der Rest. »Meinst du damit jemanden, der bereits tot ist?«
Aviendha schüttelte den Kopf. »Sie wissen auch nicht mehr, als ich sagte.« Zu seiner Überraschung erhob sie sich mit einer eleganten Bewegung, wobei sie ihre Kleidung unbewußt in Ordnung brachte, wie das bei Frauen üblich war.
»Mußt du...« Er hustete verlegen. Mußt du denn gehen? hatte er fragen wollen. Licht, er wollte doch, daß sie ging. Jede Minute in ihrer Gegenwart war eine Tortur. Aber andererseits war auch jede Minute ohne sie eine Tortur. Nun, er konnte tun, was gut für ihn war, und dabei auch das Beste für sie vollbringen. »Willst du zu den Weisen Frauen zurückgehen, Aviendha? Deine Studien wiederaufnehmen? Es gibt wirklich keinen Grund, länger hier zu verweilen. Du hast mich soviel gelehrt — ich könnte fast bei den Aiel aufgewachsen sein.«
Ihr Schnauben sprach Bände, aber natürlich beließ sie es nicht dabei. »Du weißt weniger als ein sechsjähriger Junge. Warum hört ein Mann auf seine Zweitmutter noch eher als auf seine eigene Mutter, und eine Frau auf ihren Zweitvater eher als auf den eigenen? Wann kann eine Frau einen Mann heiraten, ohne einen Brautkranz zu flechten? Wann muß eine Dachherrin einem Schmied gehorchen? Wenn du eine Silberschmiedin zur Gai'schain machst, warum mußt du sie dann für jeden Tag, an dem sie für dich arbeitet, auch noch einen Tag für sich selbst arbeiten lassen? Warum trifft auf eine Weberin nicht das gleiche zu?« Er suchte nach Antworten, weil er nicht zugeben wollte, daß er keine Ahnung hatte, doch sie machte mit einem Mal an ihrem Tuch herum, als habe sie ihn vergessen. »Manchmal kommt einem die Auswirkung des Ji'e'toh wie blanker Hohn vor. Ich würde mich halbtot lachen, wenn ich diesmal nicht selbst das Opfer wäre.« Ihre Stimme wurde noch leiser. Sie flüsterte: »Ich werde mich meinem Toh stellen.«
Er glaubte, sie führe Selbstgespräche, antwortete aber dennoch. »Wenn du die Sache mit Lanfear meinst, dann mußt du auch wissen, daß nicht ich dich gerettet habe. Es war Moiraine. Sie ist gestorben, weil sie uns alle rettete.« Durch Lamans Schwert war sie das einzige andere Toh ihm gegenüber losgeworden, obwohl er nie verstanden hatte, worum es eigentlich gegangen war. Die einzige Verpflichtung ihm gegenüber, von der sie wußte. Er hoffte nur, sie werde niemals von der anderen erfahren, denn sie würde es als Verpflichtung ansehen, ganz im Gegensatz zu ihm.
Aviendha blickte ihn mit leicht schräg gestelltem Kopf forschend an, und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie hatte in einem Maße ihre Beherrschung wiedergewonnen, das Sorilea alle Ehre gemacht hätte. »Dankeschön, Rand al'Thor. Bair sagt, es tut gut, wenn man von Zeit zu Zeit daran erinnert wird, daß ein Mann auch nicht alles weiß. Laß mich wissen, wenn du zu Bett gehst. Ich möchte nicht zu spät kommen und dich aufwecken.«
Rand saß da und starrte die Tür an, nachdem sie gegangen war. Ein Adliger aus Cairhien, der das Spiel der Häuser spielte, war für gewöhnlich leichter zu durchschauen als eine Frau, die sich gar keine Mühe machte, in Rätseln zu sprechen. Er vermutete, das, was er für Aviendha empfand, mache die Dinge noch verwickelter.
Was ich liebe, zerstöre ich, lachte Lews Therin. Was ich zerstöre, liebe ich.
Halt's Maul! dachte Rand wütend, und das dünne Lachen verklang. Er wußte selbst nicht, wen er liebte, aber er wußte immerhin, wen er retten würde. Vor jeder Gefahr, die er erkannte, und vor allem vor ihm selbst.
Im Gang ließ sich Aviendha gegen die Tür sacken und mußte erst ein paarmal tief durchatmen. Das hätte sie beruhigen sollen. Ihr Herz bemühte sich immer noch, aus ihrem Brustkasten auszubrechen. Rand al'Thor nahe zu sein, war genauso, als hielte man sie nackt über glühende Kohlen und strecke sie, bis sie glaubte, ihre Knochen würden auseinandergerissen. Er brachte soviel Scham über sie, wie sie niemals geglaubt hätte. Blanker Hohn, hatte sie zu ihm gesagt, und ein Teil ihrer selbst wollte wirklich lachen. Sie hatte Toh ihm gegenüber, aber noch viel mehr gegenüber Elayne. Alles, was er getan hatte, war, ihr Leben zu retten. Ohne ihn hätte Lanfear sie getötet. Lanfear hatte sie töten wollen, und zwar so schmerzhaft wie möglich. Irgendwie hatte Lanfear Bescheid gewußt. Doch verglichen mit dem was sie Elayne schuldete, war ihr Toh. Rand gegenüber wie ein Termitenhaufen gegenüber dem Rückgrat der Welt.
Cassin warf ihr lediglich einen Blick zu. Der Schnitt seiner Jacke sagte ihr, daß er ein Goshien war und natürlich ein Aethan Dor; seine Septime erkannte sie nicht. Er kauerte mit den Speeren über den Knien in der Nähe der Tür. Natürlich wußte er nichts. Aber Liah lächelte ihr zu, entschieden zu ermutigend für eine Frau, die sie gar nicht kannte, entschieden zu wissend für irgend jemanden. Aviendha war erschrocken, als sie sich dabei ertappte, daß sie bei sich dachte, die Chareen — Liahs Jacke nach war sie eine — seien oftmals hinterhältige Katzen. Sie hatte niemals eine Tochter als etwas anderes betrachtet als eben eine Far Dareis Mai. Rand al'Thor hatte ihr den Verstand verwirrt.
Trotzdem zuckten ihre Finger ärgerlich in der Zeichensprache der Töchter. Warum lächelst du, Mädchen? Kannst du deine Zeit nicht besser ausfüllen?
Liah zog leicht die Augenbrauen hoch, und wenn sich etwas änderte, dann war es ihr Lächeln, das jetzt richtig amüsiert wirkte. Ihr Finger bewegten sich zur Antwort. Wen nennst du Mädchen, Mädchen? Du bist noch nicht weise, aber keine Tochter mehr. Ich denke, du wirst deine Seele in einen Kranz winden und ihn einem Mann zu Füßen legen.
Aviendha trat wütend einen Schritt vor — es gab nur wenige schlimmere Beleidigungen unter den Far Dareis Mai —, blieb aber dann doch stehen. Im Cadin'sor würde ihr Liah wahrscheinlich unterliegen, aber in ihrem Rock wäre sie die Verliererin. Noch schlimmer, denn Liah würde sich vermutlich weigern, sie zur