Gai'schain zu machen. Sie hatte die Wahl, wenn sie von einer Frau angegriffen wurde, die keine Tochter, aber auch noch keine Weise Frau war, und sie konnte das Recht in Anspruch nehmen, Aviendha vor allen Taardad, die man zusammenrufen konnte, öffentlich zu verprügeln. Eine geringere Schande als die Weigerung, aber immer noch sehr schlimm. Und was am schlimmsten war: ob sie nun gewann oder verlor, Melaine würde eine solche Methode auswählen, um sie nachhaltig an ihre abgelegten Speere zu erinnern, daß sie sich bestimmt wünschte, statt dessen zehnmal vor allen Clans von Liah Prügel beziehen zu dürfen. In den Händen einer Weisen Frau war die Scham schärfer als ein Abziehmesser. Liah rührte keinen Muskel; ihr war all das genauso klar wie Aviendha.
»Jetzt starrt Ihr Euch an«, bemerkte Cassin gelangweilt. »Eines Tages muß ich Eure Zeichensprache lernen.«
Liah sah ihn an, und ihr Lachen klang wie Silberglöckchen. »Ihr werdet hübsch aussehen, wenn Ihr einen Rock tragt, Rotes Schild, an dem Tag, an dem Ihr darum bittet, eine Tochter werden zu dürfen.«
Aviendha atmete erleichtert auf, als Liahs Blick sich von ihr abwandte. Unter diesen Umständen hätte sie keine Möglichkeit gehabt, ehrenvoll zuerst den Blick abzuwenden. Wie von selbst bewegten sich ihre Finger zum Zeichen der Zustimmung, die ersten Handzeichen, die man als Tochter erlernte, da eine neue Tochter diesen Satz besonders häufig brauchte: Ich habe Toh.
Liah signalisierte ohne Pause zurück: Sehr klein,
Speerschwester.
Aviendha lächelte dankbar, weil kein gekrümmter kleiner Finger die Worte begleitet hatte, denn das hätte aus diesem Satz Spott gemacht. Das tat man gelegentlich Frauen gegenüber, die den Speer abgelegt hatten, aber immer noch so taten, als gehörten sie dazu.
Ein Feuchtländer-Diener rannte ihr im Gang entgegen. Sie beherrschte sich, damit man nicht an ihrer Miene die Verachtung für jemand ablesen konnte, der sein Leben damit verbrachte, anderen zu dienen, und schritt in entgegengesetzter Richtung davon, um dem Kerl nicht zu begegnen. Rand al'Thor zu töten, würde ein Toh beseitigen, und sich selbst zu töten, das andere, doch jedes Toh verhinderte genau die gleiche Lösung dem anderen gegenüber. Was die Weisen Frauen auch sagen mochten — sie mußte eine Methode finden, um beide zu erfüllen.
20
Aus dem Stedding
Rand hatte gerade damit begonnen, Tabak in seine kurze Pfeife zu stopfen, als Liah ihren Kopf zur Tür hereinsteckte. Bevor sie jedoch zu Wort kam, schob sich ein schwer atmender Mann mit rundem Gesicht in rotweißer Livree an ihr vorbei und fiel auf die Knie. Rand starrte ihn völlig fassungslos an.
»Mein Lord Drache«, platzte der Mann atemlos heraus, ja, er quiekte fast dabei, »Ogier sind in den Palast gekommen! Drei von ihnen! Man hat ihnen Wein gegeben und anderes angeboten, aber sie bestehen darauf, den Lord Drache sehen zu wollen.«
Rand sprach betont freundlich, denn er wollte dem Mann nicht noch mehr Angst einjagen: »Wie lange dient Ihr schon im Palast...?« Der Mantel seiner Livree paßte dem Mann gut, er war auch nicht mehr jung. »Ich fürchte, ich kenne Euren Namen nicht.«
Dem knienden Mann fielen fast die Augen heraus. »Mein Name? Bari, mein Lord Drache. Äh, einundzwanzig Jahre, mein Lord Drache. Einundzwanzig werden es kommende Winternacht. Mein Lord Drache —die Ogier?«
Rand hatte zweimal ein Ogier-Stedding besucht, aber er wußte nicht genau, welche Etikette er beachten mußte. Die Ogier hatten die meisten großen Städte erbaut, jedenfalls deren älteste Teile, und gelegentlich verließen sie noch ihre Stedding, um Reparaturarbeiten durchzuführen, und doch glaubte er, daß Bari allenfalls bei einem König oder bei Aes Sedai ähnlich aufgeregt gewesen wäre. Vielleicht noch nicht einmal dann, Rand steckte Pfeife und Tabak in seine Tasche zurück. »Bringt mich zu ihnen.«
Bari sprang auf und hüpfte vor Aufregung beinahe auf und ab. Rand nahm an, die richtige Wahl getroffen zu haben. Der Mann zeigte keinerlei Überraschung, daß der Lord Drache sich zu den Ogiern begab, statt sie herbringen zu lassen. Er ließ Schwert und Szepter zurück, denn damit konnte er die Ogier gewiß nicht beeindrucken. Liah und Cassin kamen selbstverständlich mit, und Bari merkte er an, daß er am liebsten den ganzen Weg zurückgerannt wäre, hätte er sich nicht seinem Schritt anpassen müssen.
Die Ogier warteten in einem Innenhof mit einem Brunnen, in dessen Becken Wasserlilien schwammen und rote und goldene Fische. Es waren ein weißhaariger Mann mit einem langen, an den Hüften über den umgeschlagenen Stulpenstiefeln ausgestellten Mantel, und zwei Frauen, die eine erheblich jünger als die andere, die Röcke mit Ranken und Blättern bestickt, wobei der Rock der älteren viel reicher und kunstvoller bestickt war als bei der jüngeren. Goldene Weinkelche, die für menschliche Hände geschaffen waren, wirkten wir Spielzeug in ihren Händen. Mehrere Bäume im Hof, deren Blätter noch nicht abgefallen waren, und das Palastgebäude selbst beschatteten die Szenerie. Die Ogier waren nicht allein, denn als Rand hinzutrat, standen Sulin und gut drei Dutzend Töchter des Speers um sie herum, und dazu noch Urien und fünfzig oder mehr Aielmänner. Die Aiel besaßen den Anstand, zu schweigen, als sie Rand bemerkten.
Der Ogiermann ergriff zuerst das Wort: »Euer Name singt in meinen Ohren, Rand al'Thor«, sagte er mit einer Stimme, die wie Donner grollte. Anschließend stellte er sich und die beiden Frauen vor. Er war Haman, Sohn des Dal, Sohn des Morel. Die ältere Frau war Covril, Tochter der Ella, Tochter der Soong, und die jüngere Erith, Tochter der Iva, Tochter der Alar.
Rand erinnerte sich daran, Erith im Stedding Tsofu kennengelernt zu haben, zwei harte Tagesritte von der Stadt Cairhien entfernt. Er konnte sich nicht vorstellen, was sie in Caemlyn wollte.
Den Ogiern gegenüber erschienen die Aiel kleinwüchsig, ja, der ganze Innenhof wirkte klein. Haman überragte Rand noch einmal um die Hälfte, und er war viel breiter gebaut, Covril war nur einen Kopf — einen Ogierkopf — kleiner als er, und sogar Erith übertraf Rands Größe um fast eineinhalb Fuß. Das war jedoch noch der geringste Unterschied zwischen den Ogiern und den Menschen. Hamans Augen waren so groß und rund wie Teetassen, die breite Nase verdeckte beinahe das ganze Gesicht, und die Ohren standen aus seinem Haar heraus und waren mit weißen Haarbüscheln gekrönt. Die Enden seines langen, weißen Schnurrbarts hingen herunter, und unter dem Kinn wuchs ebenfalls ein schmaler Bart. Die Augenbrauen hingen ihm bis auf die Wangen herunter. Rand konnte den Unterschied zwischen den Gesichtern der beiden Frauen nicht genau benennen —natürlich hatten sie keine Barte und ihre Augenbrauen waren nicht ganz so lang und kräftig —, doch irgendwie erschienen ihm ihre Gesichtszüge feiner. Covrils Miene war im Augenblick wohl sehr streng —auch sie kam ihm irgendwie bekannt vor —, während Erith besorgt zu sein schien. Ihre Ohren hingen schlapp herunter.
»Bitte entschuldigt mich einen Augenblick«, sagte Rand zu ihnen.
Sulin ließ ihn kein weiteres Wort mehr sagen. »Wir sind gekommen, um mit den Baumbrüdern zu sprechen, Rand al'Thor«, sagte sie energisch. »Ihr müßt wissen, daß die Aiel schon lange Wasserfreunde der Baumbrüder gewesen sind. Wir besuchen sie oft in ihren Stedding, um mit ihnen Handel zu treiben.«
»Das ist durchaus richtig«, murmelte Haman. Für einen Ogier war es jedenfalls ein Murmeln. Wie eine Lawine, die gerade außer Sichtweite niedergeht.
»Ich bin sicher, daß die anderen gekommen sind, um mit ihnen zu sprechen«, sagte Rand zu Sulin. Er erkannte auf einen Blick die Mitglieder, die sie heute morgen als Leibgarde für ihn eingeteilt hatte — jede einzelne. Jalani beispielsweise lief dunkelrot an. Andererseits waren sich bis auf Urien selbst nicht mehr als drei oder vier der am Morgen angetretenen Roten Schilde anwesend. »Ich möchte gar nicht erst daran denken müssen, Enaila und Somara zu bitten, Euch in ihre Obhut zu nehmen.« Sulins braungebranntes Gesicht lief vor Empörung dunkel an, was die Narbe, die sie in seinen Diensten erhalten hatte, noch stärker hervortreten ließ. »Ich will allein mit ihnen sprechen. Allein«, betonte er noch einmal, wobei er Liah und Cassin anblickte. »Außer, Ihr wärt der Meinung, Ihr müßtet mich vor ihnen beschützen?« Wenn überhaupt, war sie jetzt noch mehr beleidigt; sie rief die Töchter mit blitzschnellen Handzeichen zusammen. Wie sie das machte, hätte man bei jedem anderen als ausgerechnet einem Aiel als ›eingeschnappt‹ bezeichnet. Ein paar der Aielmänner schmunzelten, als sie sich zum Gehen wandten. Rand glaubte, er habe vielleicht einen unfreiwilligen Scherz gemacht.