»Er berichtete mir von einem Ogier, der länger draußen blieb«, sagte Rand ruhig. »Zehn Jahre lang, sagte er, wenn ich mich richtig erinnere.«
Haman schüttelte bereits das mächtige Haupt, bevor Rand ausgesprochen hatte. »Das ist hier nicht anwendbar. Ich weiß das natürlich; fünf sind bereits so lange Außerhalb geblieben, haben überlebt und sind in ihre Stedding zurückgekehrt. Wären es mehr gewesen, hätte ich wahrscheinlich davon erfahren. Über solche Verrücktheiten würde man sprechen und schriftlich berichten. Drei von denen sind innerhalb eines Jahres nach ihrer Rückkehr gestorben, der vierte war für den Rest seines Lebens behindert, und der fünften ging es nicht viel besser, denn sie benötigte von da an einen Stock zum Gehen. Immerhin fuhr sie fort, Bücher zu schreiben. Hmmm, Hmmm. Dalar konnte einige interessante Dinge berichten, was die...« Als Covril wieder den Mund öffnete, riß er den Kopf herum und fixierte sie mit einem strengen Blick, wobei er seine langen Augenbrauen hochzog. Sie fing an, hektisch ihren Rock glattzustreichen. Doch sie erwiderte immerhin den Blick. »Fünf Jahre sind eine kurze Zeit, das weiß ich schon«, sagte Haman zu Rand, während er Covril scharf aus dem Augenwinkel beobachtete, »aber wir sind an das Stedding gebunden. Wir hörten nichts in der Stadt, was darauf hingedeutet hätte, daß sich Loial hier aufhält. Ich glaube, bei dem Aufsehen, das wir hervorgerufen haben, hätte man uns bestimmt davon erzählt. Wenn Ihr uns jedoch sagt, wo er sich befindet, hat Ihr ihm einen großen Gefallen.«
»Im Gebiet der Zwei Flüsse«, antwortete Rand. Wenn man einem Freund das Leben rettete, war das gewiß kein Verrat. »Als ich ihn das letzte Mal sah, ist er in guter Gesellschaft dorthin aufgebrochen — mit Freunden. Es ist eine ruhige Gegend, die Zwei Flüsse. Friedlich.« Jetzt war es tatsächlich wieder so, dank Perrin. »Vor wenigen Monaten ging es ihm wirklich gut.« Das hatte Bode berichtet, als ihm die Mädchen erzählten, was sich zu Hause alles ereignet hatte.
»Die Zwei Flüsse«, brummte Haman. »Hmmm. Hmmm. Ja, ich weiß, wo das ist. Noch ein langer Marsch.« Die Ogier ritten nur selten, denn es gab wenige Pferde, die sie tragen konnten, und außerdem zogen sie ihre eigenen Beine ohnehin vor.
»Wir müssen sofort aufbrechen«, sagte Erith in einem festen, wenn auch höheren Grollen. Höher, wenn man es mit Haman verglich. Covril und Haman sahen sie überrascht an, und ihre Ohren Welkten vollkommen dahin. Sie war schließlich eine noch sehr junge Frau, die einen Ältesten und eine andere Frau begleitete, von der Rand vermutete, daß sie ebenfalls eine recht bedeutsame Persönlichkeit sei, so, wie sie sich Haman gegenüber benahm. Erith war höchstwahrscheinlich noch keinen Tag älter als achtzig.
Rand lächelte bei dem Gedanken — ein ganz junges Mädchen, vielleicht nur siebzig! — und sagte: »Bitte, nehmt meine Einladung in den Palast an und genießt unsere Gastfreundlichkeit. Ein paar Tage Rast könnte Eure Weiterreise sogar beschleunigen. Und möglicherweise könntet Ihr mir behilflich sein, Ältester Haman.« Natürlich — Loial hatte immer von seinem Lehrer erzählt, dem Ältesten Haman. Loials Worten nach wußte der Älteste Haman einfach alles. »Ich muß unbedingt die Wegetore auffinden. Alle.«
Alle drei Ogier sprudelten auf einmal los.
»Wegetore?« fragte Haman, wobei Ohren und Augenbrauen gleichzeitig hochschössen. »Die Kurzen Wege sind sehr gefährlich. Viel zu gefährlich.«
»Ein paar Tage?« protestierte Erith. »Mein Loial könnte derweil sterben!«
»Ein paar Tage?« fragte auch Covril im gleichen Moment. »Mein Loial könnte derw...« Sie brach ab und blickte mit zusammengepreßten Lippen und bebenden Ohren die jüngere Frau an.
Haman sah beide finster an und strich sich gereizt über den Spitzbart. »Ich weiß nicht, warum ich mich zu so etwas habe überreden lassen. Ich sollte meinen Unterricht halten und vor dem Stumpf sprechen.
Wenn du nicht eine so angesehene Sprecherin wärst, Covril...«
»Du meinst, wenn du nicht mit meiner Schwester verheiratet wärst«, gab sie tapfer zurück. »Voniel hat dir gesagt, du solltest deine Pflicht tun, Haman.« Hamans Augenbrauen senkten sich, bis die langen Enden auf seinen Wangen hingen, während ihre Ohren lange nicht mehr so steif hochstanden. »Ich wollte sagen, sie hat dich darum gebeten«, fuhr sie fort. Sie sprach nicht gerade überhastet, verlor auch keineswegs die Würde dabei, aber sie zögerte auch nicht einen Moment. »Beim Baum und bei der Ruhe, ich wollte dich nicht kränken, Ältester Haman.«
»Schattenwesen benützen die Kurzen Wege«, sagte Rand schnell, bevor Haman etwas herausbrachte. »Ich habe Wachen bei den wenigen aufgestellt, die ich erreichen konnte.« Einschließlich des Tores in der Nähe des Steddings Tsofu, doch offensichtlich nach ihrer Abreise. Diese drei konnten wohl kaum seit seinem letzten erfolglosen Besuch den ganzen Weg vom Stedding Tsofu zu Fuß zurückgelegt haben. »Nur eine Handvoll. Alle müßten aber bewacht werden, sonst könnten Myrddraal und Trollocs mehr oder weniger aus dem Nichts auftauchen, jedenfalls was die betrifft, die in ihre Hände oder Tatzen fallen. Aber ich weiß noch nicht einmal, wo sie sich alle befinden.«
Dann würden natürlich immer noch die Wege selbst bleiben. Manchmal fragte er sich, warum nicht einer der Verlorenen durch ein Wegetor ein paar tausend Trollocs in den Palast schickte. Zehn- oder Zwanzigtausend. Er hätte ziemliche Schwierigkeiten, diese aufzuhalten, falls es überhaupt möglich war. Im besten Fall wäre es Gemetzel. Nun, er konnte nichts wegen eines Wegetors unternehmen, wenn er nicht dort war. Was die Tore selbst anbelangte, konnte er allerdings etwas unternehmen.
Haman tauschte einen Blick mit Covril. Sie traten zur Seite und flüsterten miteinander. Es war erstaunlicherweise tatsächlich so leise, daß er lediglich ein Geräusch, ein Summen hörte, wie von einem großen Bienenschwarm auf dem Dach. Er hatte zweifellos recht damit gehabt, daß sie eine bedeutende Frau unter den Ogiern sei. Eine Sprecherin, das hatte er deutlich verstanden. Er überlegte, ob er zu Saidin greifen solle, um sie zu belauschen, verwarf aber diesen Einfall angewidert. Er war noch nicht so tief gesunken, daß er andere belauschte. Erith teilte ihre Aufmerksamkeit unter den beiden Ogiern und Rand auf, wobei sie ständig unbewußt ihren Rock glattstrich.
Rand hoffte, sie würden ihn nicht fragen, warum er seine Bitte nicht vor dem Ältestenrat im Stedding Tsofu vorgebracht habe. Alar, die Älteste der Ältesten dort, war unerbittlich geblieben: der Stumpf würde zusammentreten, und nichts derart Seltsames — so abwegig, daß noch niemand daran gedacht hatte — wie sein Ansinnen, die Kontrolle über die Wegetore einem Menschen zu übergeben, würde beschlossen, bevor der Stumpf zusammentrat. Wer er war, schien für sie genausowenig eine Rolle zu spielen wie für die drei hier.
Schließlich kam Haman zurück, und zwar mit gerunzelter Stirn, und die Hände hatte er in die Revers seines Mantels verkrampft. Auch Covril blickte finster drein, »Das alles ist sehr, sehr überhastet«, sagte Haman in bedächtigem Tonfall. Es klang wie am Hang abrutschender Kies. »Ich wünschte, ich könnte es vorher mit... Nun, es geht nicht. Schatten wesen, sagtet Ihr? Hmmm. Hmmm. Also gut, wenn es eilt, muß es eben schnell gehen. Ihr sollt uns niemals nachsagen, daß Ogier nicht schnell handeln könnten, wenn es die Not gebietet, und vielleicht ist das jetzt der Fall. Ihr müßt verstehen, daß der Ältestenrat jedes Steddings Eure Bitte ablehnen könnte, genau wie der Stumpf.«